Wahl 2009 Anderthalb Stunden Prognosen gezwitschert


Im Internet-Kurzmitteilungsdienst Twitter "zwitscherten" die User scherzhaft über die Wahl. Auch angebliche Prognosen über das Wahlergebnis wurden frühzeitig veröffentlicht.

Es war noch Zeit genug zum Wählen, als am Sonntagabend gegen 16.00 Uhr die ersten Prognosen zur Bundestagswahl im Internet-Kurzmitteilungsdienst Twitter auftauchten. Ungeachtet aller Warnungen des Bundeswahlleiters überschlugen sich in der Folge die Prognosen. Und bis 17.00 Uhr war für die Zwitscherer auf "#btw09" klar, dass sie mit einer Koalition aus Union und FDP rechnen mussten - oder konnten, je nach persönlicher Orientierung. Das Bundeswahlgesetz sieht Strafen bis zu 50.000 Euro für vorzeitige Veröffentlichung von Wahlnachfragen vor. Gegen 16.00 Uhr tauchte eine der ersten dort auf, als Quelle wurde "Infratest-dimap" angegeben. Ob das stimmt, muss hier ausdrücklich offen bleiben. Sie ging noch verhältnismäßig gnädig mit den großen Parteien um: "CDU 36, SPD 25, FDP 14, Grün zehn, Links elf Prozent." Bereits diese Zahlen legten eine schwarz-gelbe Koalition nahe.

Kurz darauf kam eine, die Schwarz-Gelb scheitern ließ und auch sonst deutlich daneben lag. Möglicherweise bezog sie sich nur auf Hamburg, weil statt "Grüne" "GAL" angegeben wurde. Die Quelle lautete "Befragung an Wahllokalen, bis 16 Uhr." Sie sah für die Union 31,7, für die SPD viel zu hohe 28,2, für die FDP viel zu wenig, nämlich 12,3 Prozent vor. Sehr stark wurde auch auf die gut zwei Prozent der Piratenpartei abgestellt, deren Wähler wohl eine überdurchschnittlich hohe Prozentzahl unter den Twitterern ausmachen dürften:

Twitterer scherzen über die Wahl

"Achtungserfolg!" fand sich mehrmals als Tweet. Aber auch der Scherz: "Piratenpartei fährt das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein." Kein Wunder beim ersten Mal. Überhaupt nahmen viele Twitterer die Wahl eher scherzhaft. "Claudia Roth wieder mal total schlecht gekleidet", wurde aus einer angeblichen "Nordkurve09" gezwitschert. So heißt die Wahlkampfzentrale der SPD. Der der Account war offensichtlich gefälscht. Er klang sehr nach linkem Flügel. Schon eine Stunde nach der Wahl überschlugen sich dort die Attacken insbesondere gegen Franz Müntefering: "Wir haben die Wahl gewonnen. Münte flieht aus Büro in Kreuzberger Wohnung seiner Freundin!" Der offizielle Tweet aus dem Parteivorstand "spdde" zitierte dagegen gegen 19.15 Uhr den Spitzenkadidaten mit der Kurznachricht: "Frank-Walter Steinmeier - Dieser Tag ist ein bitterer Tag für die deutsche Sozialdemokratie." Es war die erste Meldung seit etwa 17.45 Uhr. Der Internet-typische Humor, gepaart mit Sarkasmus, kam immer wieder zwischen die Prognosen und die virtuelle Enttäuschung beziehungsweise Begeisterung: "An alle NPD-Wähler: Gebt eurer Stimme ein Gewicht! Macht drei Kreuzchen!", wurde da quasi zur Ungültigmachung aufgefordert. Oder es gab die Prognose, die allerdings unter Liebhabern geistiger Getränke und bei der Drogenschutzbeauftragten lange bekannt ist: "Wodka 38 Prozent, Jägermeister 35 Prozent, Federweißer 11 Prozent, Bier 6 Prozent, Wein 10 Prozent." Kurz vor 18.00 Uhr hörte die Veröffentlichung von Prognosen auf, und Stellungnahmen überwogen. Nach überschlägigen Berechnungen waren die negativen in der Mehrheit. Aber die behielten ihren Humor: "Nachher schaue ich Star Wars. Da kommt auch ein Schwarzer an die Macht."

Kritik seit der Landtagswahl

Die Veröffentlichungen von Prognosen vor Schließung der Wahllokale hatten bereits am 30. August bei den Landtagswahlen im Saarland, Thüringen und Sachsen Kritik hervorgerufen, weil damit Wähler der "letzten Minute" beeinflusst werden könnten. Bundeswahlleiter Roderich Egeler hatte daraufhin diesmal ein eigenes Team beauftragt, am Wahlsonntag das Internet und insbesondere Twitter im Auge zu behalten. Das Bundeswahlgesetz legt in Paragraf 49a fest, dass ordnungswidrig handelt, wer "Ergebnisse von Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe über den Inhalt der Wahlentscheidung vor Ablauf der Wahlzeit veröffentlicht". Maximales Bußgeld: 50.000 Euro.

Aus Bremen tauchten im Internet angebliche Zwischenergebnisse der Bundestagswahl auf. Sofort wurde bei den Twitterern vermutet, hier würden Wahlen manipuliert. Nach Angaben des Landeswahlleiters Jürgen Wayand auf Anfrage der Nachrichtenagentur AP handelte es sich lediglich um Testseiten für einen sehr beschränkten Kreis von Journalisten.

Von Thomas Rietig

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