Wahlkampf 2009 Die Seuche am Fuß


Es ist Halbzeit im Bundestagswahlkampf 2009. Halt, welcher Wahlkampf? Was die Parteien bisher an Überzeugungsarbeit gezeigt haben, ist eine Frechheit. Der SPD sind Argumente, Kraft und Wille ausgegangen, die CDU hat keine Lust. Im Fußball gibt es dafür einen Fachbegriff: Armut gegen Elend.
Eine Satire von Sebastian Christ

Liebe Zuhörer: Willkommen zur Schlusskonferenz im Bundestagswahlkampf 2009. Wir begrüßen auch die angeschlossenen Funkhäuser aus Österreich, der Schweiz, Luxemburg und dem Rest der Welt.

(Kurze Erkennungsmelodie)

Ja, noch etwas mehr als sechs Wochen, dann wählt Deutschland eine neue Regierung. Was gibt es Spannenderes in einer Demokratie als diesen politischen Wettkampf? Ein Spruch macht die Runde im politischen Berlin, speziell im legendären Quadratkilometer Irrsinn rund um den Reichstag: "Wahlkampf, das ist das Saisonfinale der Demokratie.“ Ob das stimmt? Wir schalten direkt rüber in das Konrad-Adenauer-Haus zu unserem Reporter Manni Erhard, der live vor Ort ist.

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"Sie werden hören, dass sie nichts hören. Im Hintergrund ist absolut nichts los, die Türen sind geschlossen. Einzelne Spieler tapern schlaftrunken durch die Kabinenflure. Hier und da kleben Zettel mit Abwesenheitsnotizen an den Türen. Es passt zur Spielweise der Mannschaft in den vergangenen vier Jahren. Teamchefin Angela Merkel ist ja bekannt als die Meisterin des politischen Catenaccios. Hinten muss immer die Null stehen, und wenn vorne nicht mehr als die Null herausspringt - dann hat man wenigstens nicht verloren. Das Unentschieden als kleinste Form des Sieges. Na ja, was man auch immer davon halten mag, in der nun zu Ende gehenden Spielzeit ist die Union damit nicht schlecht gefahren. Also, hier tut sich noch nicht viel. Was ist denn so im Willy-Brandt-Haus zu hören, Herbert Schumacher?"

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"Hier steht schon seit April das Team von Frank-Walter Steinmeier auf dem Platz. Wir erinnern uns, damals, im Tempodrom, als der Spielertrainer sein taktisches Konzept erstmals vorstellte. 'Franky', wie sie ihn hier nur rufen, wollte von Beginn an offensiv spielen lassen. Doch bisher ist es ihm nicht gelungen, den Abwehrriegel der Union auch nur ansatzweise in Gefahr zu bringen. Schlimmer noch: Wenn man in die Gesichter seiner Mitspieler schaut, erkennt man die blanke Angst vor Eigentoren. Die Schmach vom Schwielowsee ist unvergessen, als die gesamte Verteidigerriege des Teams orientierungslos über das Spielfeld irrte. Auch das Auswärtsspiel in Hessen steckt den Mannen hier noch in den Knochen, damals, als Neuzugang Andrea Ypsilanti vor lauter Tatendrang die Tore verwechselte und dem eigenen Keeper wie von Sinnen die Bälle um die Ohren drosch, bis sie von den Teamkollegen festgehalten wurde. Insgesamt fehlt es der Mannschaft an Substanz sowie an Nachwuchstalenten, und deswegen läuft auch in diesem Jahr noch einmal der Altinternationale Franz Müntefering auf, der im Herbst 2008 sein Comeback gab. Tja, was würde wohl Meistertrainer Willy Brandt dazu sagen, der die SPD Anfang der 70er Jahren von Titel zu Titel führte?"

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(Zwischenruf) "Toooor! Tor im Thomas-Dehler-Haus!"

Wir schalten kurz rüber zu unserem Reporter bei der FDP.

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"Steilvorlage von den anderen Parteien. Wer kümmert sich in Zeiten der Wirtschaftskrise noch um die Besserverdiener? Richtig, Guido Westerwelle, natürlich! Jetzt wählt nicht nur der Zahnarzt liberal, sondern auch der verängstigte Mittelstand. Der FDP-Chef braucht nur noch den Fuß hinzuhalten, 1:0 für die Drei-Punkte-Partei, die ihrem Namen heute alle Ehre macht. Das wird vor allem die Gegenspieler von SPD und den Grünen ärgern. Im Fernduell mit den Liberalen wird es jetzt noch schwerer, gegen das bürgerliche Lager zu gewinnen."

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Auch auf den anderen Plätzen tut sich etwas. Die Grünen liegen ebenfalls in Führung. Dagegen ist die Linke nach einem furiosen Start ins Hintertreffen geraten. Und in der Nationalliga Ost schlagen sich gerade DVU und NPD gegenseitig.

Aber zurück zum Kampf um die Kanzlerschaft. Herbert, was gibt es Neues von den Sozialdemokraten?

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"SPD-Generalsekretär Hubertus Heil versucht es jetzt mit der Brechstange. Eine absolute Verzweiflungstat, wie ein Schuss aus 40 Metern in der vagen Hoffnung, den Sozialdemokraten ein wenig Respekt und Anerkennung zu verschaffen: Doch auch der Super Nanny gelingt es nicht, dem Spiel neue Impulse zu geben. Kaum zu fassen! Für eine Menge Anerkennung und eine Prise Machtnähe war sie kurz zuvor leihweise aus dem Unterhaltungsfernsehen in die Politik gewechselt. Und jetzt erteilt sie den Kandidaten ihrer eigenen Partei Verhaltensratschläge und will mit ihnen diskutieren, statt den Zweikampf knapp über der Grasnarbe zu suchen. Sie lässt sich folgerichtig sofort wieder auswechseln. Schnell weiter, was machen die Akteure im Konrad-Adenauer-Haus, Manni?"

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"Das ist reiner Ergebnisfußball, meine Damen und Herren. Nichts, was irgendjemanden hier von den Sitzen reißen würde. Entscheidend ist, was hinten raus kommt - das kennen wir schon seit den 80er Jahren von der CDU. Doch die Union muss aufpassen. Ausgerechnet in dieser Phase steht die linke Seite sperrangelweit offen. Bitte, Frau Merkel, wer will denn angesichts der Rekordschulden auch noch die Steuern senken? Doch die SPD ist derzeit zu apathisch, um diese Schwäche auszunutzen. Die Union begnügt sich damit, die Bälle auf die Tribüne zu dreschen oder einfach über die Auslinie kullern zu lassen. Hier steht es weiter null zu null."

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(Zwischenruf) "Rote Karte im Willy-Brandt-Haus!"

Ja, ich höre hier im Studio, bei der SPD gibt es Neuigkeiten…

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"Rote Karte im Willy-Brandt-Haus. Eine grobe Unsportlichkeit, ein unnötiges Foul! Da lässt sich Ulla Schmidt ihren Dienstwagen fast 2500 Kilometer von Berlin nach Alicante fahren, und dann klauen Diebe den Schlüssel aus dem Hotelzimmer des Chauffeurs und fahren mit dem guten Stück davon. Ist das denn die Möglichkeit! Frank-Walter Steinmeier steht nun ohne Gesundheitsexpertin da. Und das gerade jetzt, als Steinmeier einen Angriff vortragen wollte, mit den neu entdeckten Offensivkräften Manuela Schwesig und Harald Christ. Doch der steil nach vorn geschlagene Pass rollte ins Seitenaus. Steinmeier wird kurz schwarz vor Augen, er kann jedoch offensichtlich weiter spielen."

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Und im Konrad-Adenauer-Haus gibt es ebenfalls eine Dienstwagen-Ereignis, Manni Erhard…

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"Ursula von der Leyen ließ sich regelmäßig von zwei Fahrern chauffieren, die in Bonn wohnten, und nicht in Berlin. Und jetzt verweigert sie dem Bundesdatenschutzbeauftragten die Einsicht in ihre Fahrtbücher. Eine gemeine Tätlichkeit. Doch, schwups, blitzschnell verschwindet sie hinter den Rücken von Angela Merkel und Karl-Theodor zu Guttenberg. Einmal streckt sie noch kurz ihren Kopf hervor und schimpft auf Ulla Schmidt. Seitdem herrscht hier wieder gespenstische Ruhe. Wie sieht es bei der SPD aus?"

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"Es gibt nun tumultartige Szenen am Spielfeldrand. Der vierte Offizielle ist aktiv geworden, und ja, jetzt tut sich etwas: Ulla Schmidt dreht um, sie darf weiter wahlkämpfen! Da pfeifen sogar die eigenen Fans. Nach Prüfung des Bundesrechnungshofs hat Ulla Schmidt keinen finanziellen Schaden verursacht. Spielertrainer Steinmeier wertet das offensichtlich als Entlastung. Denkt hier denn keiner mal an die Symbolwirkung dieses Vorfalls? Und das in einer Mannschaft, die früher mal für sich beanspruchte, auf der richtigen Seite der Macht zu stehen. Menschenskinder, wenn es hier so weiter geht, dann gerät die gute, alte Sozialdemokratie nach 135 Jahren Erstklassigkeit in akute Abstiegsgefahr. Zurück zur Union, wie schlägt sich denn das Team um Angela Merkel?

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(Rauschen in der Leitung)

Wir haben offensichtlich ein Problem mit der Leitung ins Konrad-Adenauer-Haus. Bleiben wir doch noch für ein paar Sekunden im Willy-Brandt-Haus, Herbert.

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"Ja, herrje, wenn es hier wenigstens einmal Arbeitsfußball zu sehen gäbe! Malochertum! Aber selbst dazu fehlt der SPD die Kraft. Steinmeier, der in der Vergangenheit eher als politischer Widergänger von Katsche Schwarzenbeck aufgefallen ist, sollte jetzt eigentlich das Spiel machen. Aber ruft er nach Bällen? Oder hört man ihn schlicht und einfach nicht? Seine Mitspieler schauen traurig auf den Boden, selbst Müntefering blieb bislang unauffällig. Und Steinmeier fällt es sichtlich schwer, seine Leute zu motivieren. Zu groß ist der Rückstand wohl, als dass die SPD jetzt noch einmal alles nach vorn werfen könnte. Es scheint, als ob sich jetzt schon die Ersatzspieler für die kommende Saison warm machen."

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Versuchen wie es noch einmal bei der CDU und bei Manni Erhard. Dort müsste sich ja schon Siegesgewissheit breit machen. Wie sieht es in der Parteizentrale aus?

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(In der Leitung ist ein Absatzpaar zu hören, das hallend durch den Flur klackt. Sonst nichts.)

Hallo Manni, können sie mich hören?

"Entschuldigen sie, aber hier gibt es nichts zu berichten. Sie erlauben mir sicher, dass ich ihnen die Szenen, die sich da unten abspielen, nicht weiter zerrede. Mit Wahlkampf, mit einem Kampf um das Kanzleramt, hat das nichts mehr zu tun. Ergebnisfußball ist das… (murmelt) Ergebnisfußball… Zurück ins Funkhaus."

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Danke, Manni Erhard. Na, dann hoffen wir mal, dass die Bürger auch weiterhin am Ball bleiben werden. Im Sinne der Demokratie. Gute Nacht.


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