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Partei im Umfragetief: Absturz im Wahljahr - Was ist nur mit den Grünen los?

Vor Kurzem fast noch Volkspartei, erleben die Grünen gerade den Absturz. Im Mai geht es in Nordrhein-Westfalen schon um alles. Was ist passiert?

Zu sehen sind die beiden Spitzenkandidaten bei ihrer Verkündung.

Halbierte Umfragewerte, kaum Präsenz in den Medien: Die Grünen drohen im Wahljahr übertönt zu werden.

Eine ganze Stunde hat er nun zugehört, Fragen gestellt, Fragen beantwortet, genickt und gelächelt. "So", sagt Cem Özdemir dann, "wollen wir jetzt mal zu den Kindern?" Vor dem Pfarrhaus in Duisburg-Marxloh wartet das "Schrottorchester", eine bunte Gruppe Kinder, die aus allem, was irgendwie scheppert und pfeift, Instrumente gebastelt haben. Sie drücken dem Grünen-Chef eine grüne Rassel aus Blech und Holz in die Hand, der Orchesterleiter legt noch ein Angebot obendrauf: Wenn Sie keine Lust mehr auf Politik haben, können Sie hier jederzeit als Sozialarbeiter anfangen.

Özdemir lächelt gequält. Absurde Idee! Darum zeigt er doch sein Habicht-Gesicht in der ganzen Republik herum, darum ist er hier an diesem Mittwoch vergangener und spricht mit dem Bürgerverein, darum geht er gleich ins Hotel nebenan zur "Cem Session" und diskutiert mit 300 Leuten über "Erdogan, Integration, Islam". Er ist Spitzenkandidat seiner Partei zur Bundestagswahl. Der einzige Job, den er dagegen eintauschen würde, ist einer im Kabinett. In elf Ländern regieren die Grünen mit, nun ist der Bund dran. Gefälligst.

Martin Schulz rasiert die Grünen


"Zehn Prozent plus x"

Doch es scheint derzeit, als verwelke das Meer der Sonnenblumen. Keine Saat, die sprießt, nirgends. Dass die Grünen im Saarland vor zwei Wochen an der Fünfprozenthürde gescheitert sind, war schlimm genug, im Mai droht in Nordrhein-Westfalen eine echte Katastrophe: Die Grünen könnten nicht nur aus der rot-grünen Landesregierung fliegen, sondern ganz aus dem Landtag. Umfragen taxieren sie bei sechs Prozent– und bei den vergangenen sechs Wahlen schnitten sie immer schlechter ab, als die Prognosen erhoffen ließen.

"Zehn Prozent plus x", so lautet das Ziel für die Bundestagswahl. Das wirkt im Moment wie Größenwahn. Seit dem Herbst ist die Partei in Umfragen um ein Drittel abgestürzt. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Wert sogar auf sieben Prozent halbiert.

Wie, bitte schön, wollen Sie denn da in die Regierung kommen, Herr Özdemir?

"Umfragen sind keine Stimmen. Wir haben das Potenzial, unsere Stimmen zu verdoppeln."

Und wie wollen Sie das schaffen? "Mit Kampf. Das kann ich. Mit den Menschen reden und sie von uns überzeugen. Und Sie sehen ja, dass das Interesse groß ist."

Für die "Cem Session" hat der Grünen-Ortsverband den größten Saal in Marxloh angemietet. Er ist bis auf den letzten Platz besetzt. An der Tür muss die Security sogar Leute abweisen. Aber was heißt das schon? Cem Özdemir ist dennoch stolz. Keine Bühne, kein Pult, er tigert parlierend durch den Saal. Town Hall Meeting nennen sie solche Abende, "dialogisch" soll es zugehen, nah am Bürger. Özdemir hat die Parole ausgegeben: "Wenn die Leute nicht zu uns kommen, müssen wir zu ihnen." Mitten durch die Stuhlreihen. An die Haustüren.

Warum sind die Grünen nicht präsent?

Nach der Saarland-Schlappe hatte die zweite Spitzenkandidatin, Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, freimütig gestanden: Die grünen Themen sind "gerade nicht der heiße Scheiß der Republik". Zwischen Schulz-Hype und Trump-Grusel fänden sie medial nicht mehr statt. Nur was tun? Nett sein? Bös' sein? Provozieren? "Wenn wir eine Urknall-Idee hätten, würden wir sie zünden", hatte Göring-Eckardt gesagt und dabei aufreizend ratlos gewirkt. Manche in der Partei hat das empört. "Wir können uns doch nicht damit zufriedengeben, dass wir nur dann Erfolg haben, wenn zufällig gerade irgendwo ein AKW explodiert!", sagt ein führender Grüner. Die Partei verlangt mehr Einsatz.

Natürlich hätten die Grünen auch selbst Fehler gemacht, sagt Özdemir. "Dazu gehört, dass wir uns in der Vergangenheit oft zu sehr mit uns selbst beschäftigt haben." Ein Satz, der auch im Präsens gilt. Dabei hatten sie diesmal doch alles besser machen wollen. Die Wähler nicht mit Steuererhöhungen oder Veggie-Days verschrecken, keine Expeditionen in die Misanthropie und vor allem keine Koalitionsaussagen. "Grüne Eigenständigkeit", so lautet der Textbaustein, der in keinem Statement der vergangenen Monate fehlte.

Insgeheim aber hatten sie sich längst auf Schwarz-Grün eingestellt, als einzig realistischen Weg an die Macht. Die SPD dümpelte in den Zwanzigern, die Linke im Polit-Nirwana, und so wählte die Basis das passende Spitzenduo für diese Marschroute. Sechs Tage später folgte Gabriels Schulz-Coup. Seitdem ist alles anders.

Schwarz-grün verspekuliert

In der SPD-Spitze beobachten sie den Schleuderkurs der Grünen mit einer gewissen Schadenfreude. "Die haben zwei Schwarz-Grüne an die Spitze gewählt, und jetzt, wo die Umfragen kippen, robben sie sich wieder an uns ran", sagt eine Frau aus der SPD-Führung. Inhaltlich steht man sich noch immer am nächsten, doch die Liebe von einst ist längst erloschen. Den Genossen wäre es sogar ganz recht, wenn es im Mai in NRW leider, leider nicht mehr für Rot-Grün reichen würde und sie stattdessen mit der FDP, dem Lieblingsfeind der Grünen, eine neue Beziehung eingehen könnten, als Signal für den Herbst.

Eine Ampelkoalition ist, um es mit Göring-Eckardt zu sagen, der neueste heiße Scheiß der Republik – und für die Grünen ein Albtraum. Doch wenn sie tatsächlich im Bund wieder mitregieren wollen, werden sie einen Tod sterben müssen – ob nun in einer Koalition mit dem "Gottseibeiuns" (Özdemir über die FDP), mit "Merkels buckliger Verwandtschaft" (Özdemir über die CSU) oder mit Wagenknechts irren Linken. Kürzlich hat Özdemir in kleiner Runde an die notwendige Bedingung erinnert, die für alle Farbenspiele gilt: Am Ende dürfe es nicht daran scheitern, dass die Grünen zu wenig auf die Waage bringen.

In Schleswig-Holstein sind die Grünen stark - mit Robert Habeck

Der Spitzenkandidat hat derzeit keinen leichten Stand in seiner Partei. Schon bei der Urwahl hätte er beinahe gegen Robert Habeck verloren. Nur 75 Stimmen fehlten dem grünen Minister aus Kiel. Nun fragt sich mancher: War das vielleicht schon der entscheidende Fehler? Die Grünen hätten ein neues, unverbrauchtes Gesicht gehabt, eines, das vielleicht neugierig gemacht und womöglich gar einen Habeck-Hype ausgelöst hätte. Im Norden läuft es bei Habeck ja auffallend gut. In Schleswig-Holstein wird ebenfalls im Mai gewählt, und alles deutet auf eine Fortsetzung der rot-grünen Regierung hin. In Umfragen liegen die Grünen sieben Punkte über den Werten der Bundespartei, und dabei gelte sein strukturell konservatives Land nicht gerade als grünes Stammesgebiet, wie Habeck sagt. Er führt das vor allem auf eines zurück: "Wir machen hier keine Politik für das grüne Milieu, sondern für alle" – auch wenn ihm das mit der eigenen Partei oft Ärger eingebracht hat. Nur was bedeutet das für die Berliner Grünen? "Unsere Sorge sollte nicht sein, ob wir acht oder neun Prozent kriegen" , sagt Habeck, "wir müssen uns fragen: Warum wählen uns 90 Prozent nicht?"

Es gab eine Zeit, da wähnte mancher die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei. Doch wie das Allensbach-Institut analysiert hat, unterliegen auch Parteien Modezyklen. 2010, als die Grünen im Schnitt bei 18 Prozent lagen, hielten fast 60 Prozent der Wähler sie für "in". Heute sagen das nur 13 Prozent. Die Grünen sind nicht mehr hip, ihr Bild sei "auf ganzer Linie verblasst".

Die Wählerschaft ist auf ihren harten Kern geschrumpft, "eine unerschütterliche Wertegemeinschaft, die grün wählt bis zum Friedhof", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner. Aus Sicht des Meinungsforschers ist dieses Tief weder neu noch vorübergehend. Der neu entbrannte Zweikampf zwischen Union und SPD treibt mehr Wähler an die Urnen. Gut für die Demokratie, schlecht für die Grünen. "Die Partei profitiert immer dann, wenn die Wahlbeteiligung niedrig ist, denn traditionell erreicht sie hohe Mobilisierungsraten."

Das grüne Lebensgefühl trägt nicht bis zur Urne

Auch der Trend zum grünen Lifestyle zahle nicht mehr auf die Grünen ein. "Der Bewusstseinsüberbau ist deutlich grüner als der Verhaltensunterbau", sagt Güllner. Meint: Man kann sich prima um die Eisbären sorgen, auch ohne grün zu wählen. Trotzdem setzt die Partei im Wahlkampf auf nichts als ihr Kernthema: Ökologie. Es sei "kein Thema aus der Mottenkiste", sondern "brandaktuell", wie Spitzenfrau Göring-Eckardt sagt. Trump kündigt das Klimaschutzabkommen. Die Polkappen schmelzen schneller. Und wenn sich die Wirtschaft nicht rasch ökologisch transformiere, sei das Modell "Made in Germany" in Gefahr – und mit ihm Tausende von Jobs. Das müsse man den Menschen erklären. Aber reicht das am Ende, gar für eine Regierungsbeteiligung? "Ich bin nicht für Angst, sondern für die Abteilung Mut zuständig", sagt Göring-Eckardt.

Mut also. Das ist jetzt das Motto. "Zukunft wird aus Mut gemacht" steht über dem Entwurf zum Wahlprogramm. Klingt wie eine Zeile aus einem alten Nena-Song. Er heißt: "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". 

Mitarbeit: Frank Gerstenberg, Andreas Hoidn-Borchers