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Lufthansa-Flug 592 vor 25 Jahren: Die fast vergessene Geschichte einer Flugzeugentführung

Es passiert am 11. Februar 1993: Ein Asylbewerber bringt einen Airbus der Lufthansa in seine Gewalt. Die Flug-Odyssee endet am JFK-Airport, wo sich der Entführer auf ein ungewöhnliches Tauschgeschäft mit dem Piloten einlässt.

Lufthansa Airbus A310

Ein Airbus vom Typ A310 der Lufthansa, den der Asylbewerber am 11. Februar 1993 in seine Gewalt gebracht und nach New York entführt hatte.

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Denkt man an die lange Geschichte der im Zusammenhang mit Flugzeugentführungen zurück, kommt einem sofort das Drama um die "Landshut" in den Sinn: Im Oktober 1977 war die Boeing 737 von vier palästinensischen Terroristen nach Mogadischu entführt worden. Damals wurde der Flugkapitän erschossen und die Geiseln von einem GSG-9-Kommando befreit.

Durch die Verfilmung des Dramas unter dem Titel "Das Wunder von Mogadischu" und die Rückkehr des Originalflugzeuges, das lange in Brasilien vor sich hinrottete, nach Deutschland, tritt die Entführung eines anderen Lufthansa-Jets in den Hintergrund. Die Geschichte von  LH592 ist in Vergessenheit geraten, obwohl der Flugkapitän eine unglaubliche Leistung vollbracht hat, nicht nur fliegerisch, sondern vor allem psychologisch.

"Wenn Sie nicht nach Westen umdrehen, werde ich Sie erschießen"

Als sich am Morgen des 11. Februars 1993 ein von Frankfurt nach Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, auf den Weg macht, ist ein Zwischenstopp in Kairo eingeplant. Doch dazu kommt es nicht. Bereits 35 Minuten nach dem Start wird die Maschine über den Alpen von einem Äthiopier in seine Gewalt gebracht, der die Piloten zwingt nach New York zu fliegen, wo er politisches Asyl beantragen möchte.

"Der Entführer ist ins Cockpit gestürmt und hat eine Pistole auf meinen Kopf gerichtet. Er hat gedroht zu schießen. Er hat gesagt: Wenn Sie nicht nach Westen umdrehen, werde ich Sie erschießen", sagte der Flugkapitän später der " Times". Heute kaum vorstellbar: Damals sind die Cockpittüren noch nicht verriegelt.

Der Airbus mit 94 Passagieren und zehn Besatzungsmitgliedern dreht zunächst nach Norden ab und landet kurze Zeit später auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen, unter dem Vorwand nicht genügend Kerosin für den Transatlantikflug an Bord zu haben.

Zwar wird das Flugzeug von Sicherheitskräften umringt. Doch sie greifen nicht ein, da der Entführer droht, alle fünf Minuten einen Passagier zu erschießen. Nach 90 Minuten hebt die Maschine vollbetankt ab und nimmt Kurs in Richtung New York.


Verwandtenbesuch in den USA per Entführung

Bei dem Entführer handelte es sich um Nebiu Zewolde Demeke, einen 20-jährigen Äthiopier, der einen Asylantrag in Deutschland beantragt und später zurückgezogen hatte. Sein Vater war ein politischer Gefangener in . Deshalb war die Familie früh nach Marokko gezogen, wo Demeke in Tanger die American School besucht hatte.

Seine Schwester studierte zum Zeitpunkt der Entführung bereits am Gettysburg College in Pennsylvania und sein Bruder an einem College in St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota. Er selbst hatte sich bei einer US-Botschaft für ein Studentenvisum beworben - jedoch ohne Erfolg.

Durch die Rücknahme seines Asylantrages in der Bundesrepublik kam er kostenlos an ein Oneway-Ticket nach Addis Abeba. Doch sein eigentliches Ziel war nicht Äthiopien, sondern die USA.

Während des Fluges über den Atlantik gelang es dem Piloten Gerhard Göbel mit dem Entführer zu reden und ein besonderes Verhältnis aufzubauen. Aus seiner halbautomatischen Pistole wurde kein Schuss abgegeben, auch nicht nach der Landung um 15:51 Uhr Ortszeit auf dem John F. Kennedy Airport.

Unterstützung vom Boden aus

Bereits eine Stunde vor der Landung hatte ein sechsköpfiges Spezialteam am Boden mit dem Cockpit und dem Entführer per Funk Kontakt aufgenommen. "Das Hauptziel war, ihn zu beruhigen und ihn wissen zu lassen, dass er nicht verletzt werden würde", sagte später einer der Agenten den Medien.

Flugkapitän Göbel gelang eine knappe Viertelstunde nach der Landung das Kunststück, für das er später viel Anerkennung erhielt: Der Entführer ließ sich auf seinen Deal ein - sich den Behörden zu stellen, seine Pistole gegen die Sonnenbrille des Piloten einzutauschen und alle Geiseln freizulassen.

Seine Waffe entpuppte sich später als Schreckschusspistole, die er in Frankfurt mit einem Hut durch die Sicherheitskontrolle geschmuggelt hatte.

Dem Entführer wurde vor einem US-Gericht der Prozess gemacht. "Ich war gezwungen, das Flugzeug zu kapern, und ich habe es höflich entführt", verteidigte sich Demeke. Im Sommer 1996 wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Die Passagiere kamen nach der Odyssee über New York mit großer Verspätung an ihre Ziele in Afrika. Einer von ihnen, ein deutscher Kaufmann und Vielflieger, verlangte deshalb beim Bonusprogramm Miles& More eine zusätzliche Meilengutschrift für den Umweg. Dem ungewöhnlichen Antrag wurde entsprochen, "aus Kulanzgründen".

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