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Kreuzfahrten: Essen, feiern, planschen: Der neue Massentourismus auf dem Meer

Noch nie waren so viele Menschen auf Kreuzfahrt wie jetzt. Die Anbieter versprechen Sicherheit in Terrorzeiten und ködern mit allerlei Tricks. Auf Testfahrt mit einem der neuen Urlaubsschiffe.

Von Kristina Läsker

Deck 5, Abtanzbar. Da steht sie nun, groß und blond, mit schwarzer Röhrenhose, und sie hört gar nicht mehr auf zu lächeln. Beseelt, als wäre sie auf Droge. Auf diesen Moment hat Wybcke Meier eineinhalb Jahre hingearbeitet. Jetzt geht es endlich los. Gerade haben die ersten echten Passagiere am Kieler Ostseekai eingecheckt, nun stehen sie auf Deck 5 und Meier in ihrer Mitte.

Seenotrettungsübung: Aus Lautsprechern säuselt eine Stimme über das "unwahrscheinliche" Sinken des Schiffs – ihres Schiffs. Denn Wybcke Meier hat es bauen lassen, für 450 Millionen Euro, als fünften Luxusdampfer ihrer Flotte, die größte Hoffnung ihrer Reederei.

Sie ist Chefin von Tui Cruises. Vor vier Wochen hat sie den Koloss mit dem Namen "Mein Schiff 5" aus der Werft in Finnland abgeholt. Jetzt beginnt kurz vor der Taufe eine große Testfahrt mit Gästen. Von Kiel nach Danzig, vier Tage lang. Sie wird zeigen, ob Meiers Plan aufgeht.

Am Anfang haben viele die 47-Jährige unterschätzt. Eine Reiseverkehrskauffrau ohne Studium. Doch Meier traut sich was, sie ist innovativ, entwickelt neue Kreuzfahrtkonzepte. Unter ihrem Kommando fährt die Reederei traumhafte Renditen ein. Angeführt vom neuen Schiff schickt sie ihre Flotte nun in die entscheidende Schlacht auf See.

Die Deutschen sollen aufs Meer

Meier will ganz gezielt die deutsche Mittelschicht aufs Meer locken. Sie hat Tausende Fragebögen auswerten lassen, gesammelt auf den Reisen der Vorgängerschiffe. Was wollen die Gäste? Mehr Liegen? Dickere Waffeln? Eine Nespresso-Maschine in jeder Kabine? Aus den Antworten ist das deutscheste Kreuzfahrtschiff auf den Weltmeeren entstanden. Es ist die Perfektion im Kleinen und ein Großangriff auf den Marktführer Aida mit seinen Party- und Familienschiffen und seiner ebenfalls ganz neuen "Aida Prima" . Meier greift an: mit Deutschtum und gehobener Bodenständigkeit.

Deck 14, Himmel-und-Meer-Suite. Gabriele Vogel bittet in ihre Kabine. Es ist der erste Tag auf See, die Frau mit der getönten Brille trägt eine getigerte Bluse und Pantoffeln aus Stoff, auf denen "Tui Cruises" steht. Mit ihrem Mann Peter hat Gabriele Vogel eine Suite mit Balkon gebucht, der Kurztrip kostet 3496 Euro. Im Zimmer ist helles Holz verbaut und Chrom. Schick, aber nicht überkandidelt. Durch die tiefen Fenster sind Schaumkronen zu sehen. "Wir wollten unbedingt auf die 'Fünf'" , erzählt die 62-Jährige. Wie viele Gäste sagt sie "die Fünf" und nicht "Mein Schiff 5" . Es ist ein Code: Man ist Insider, man kennt sich aus.

Bei den Vogels stimmt das auch. 2002 hat das Ehepaar die erste Kreuzfahrt gebucht. Seither buchen die Vogels immer wieder, sie sind süchtig nach Seereisen. Mehr als 60 Touren haben sie schon gemacht. Zu den Eisbergen in Grönland, durch die Karibik, klassisch nach New York. Es waren so viele Schiffe und Orte, dass Gabriele Vogel längst keine Fotoalben mehr klebt. 2009 sind sie das erste Mal mit Tui Cruises verreist, auf der "Eins". Dann auf der "Zwei", auf der "Drei", auf der "Vier". "Das ist wie ein Nach-Hause-Kommen", sagt Gabriele Vogel.

Bis zu drei Millionen Touristen - pro Jahr

Das Ehepaar aus Essen gehört zu den 1,8 Millionen Deutschen, die 2015 Urlaub auf See gemacht haben. Jahr für Jahr werden es mehr. Nur die Amerikaner sind noch verrückter nach Kreuzfahrten. In diesem Jahr sind so viele Urlauber auf dem Meer wie nie zuvor. "Bis 2020 werden wir voraussichtlich drei Millionen deutsche Kreuzfahrt-Touristen haben" , sagt Wybcke Meier. 1,2 Millionen mehr als jetzt. Es geht dabei um viel Geld, genauer: um Milliarden.

Kreuzfahrten sind der Gewinnbringer in der Tourismusindustrie. Die leidet extrem unter den Terrorängsten der Urlauber: Die Buchungen für die Türkei, für Ägypten und Tunesien sind weggebrochen. Hotels mussten schließen. Auf Schiffe gab es noch keinen Anschlag. Zwar haben die Anbieter umgeroutet, Aida hat Abfahrten aus Antalya gestrichen, Tui Cruises die Reisen nach Israel und Ägypten. Die Gäste aber merken an Bord nichts von der Bedrohung an Land. Sie werden abgeschirmt in einem Kokon aus Essen, Trinken und Dauerspaß. Weit weg von den Nachrichten. Dafür haben sie bezahlt.

Deck 14, Himmel-und-Meer-Suite. Peter Vogel, 61, weiße Haare und Goldkette, möchte unbedingt den Fernseher vorführen. Per Knopfdruck sinkt der Bildschirm sanft aus der Decke. "Nette Spielerei", sagt er – das ist als Lob zu verstehen. Zu Hause führt Vogel einen Handwerksbetrieb. Auf den Schiffen testet er sorgfältig die Ausstattung – als arbeite er eine Checkliste ab: Wie stark ist der Espresso? Wie winddicht der Balkon? Wie zart das Wagyu-Steak? Einfach anreisen, Koffer auspacken, viel vergleichen, wenig machen, das entspannt ihn am meisten. "Wir brauchen uns um gar nichts mehr zu kümmern."

Kreuzfahrten sind ein Massengeschäft

Die Reisekonzerne kümmern sich umso mehr. Kreuzfahrten sind ein Massengeschäft, seit sie für Pauschaltouristen bezahlbar sind. 1996 brach Aida mit den Traditionen und schickte ein Clubschiff los: mit Büfett statt Bedienung, Flipflops statt Krawatte, so wie auf den Spaßschiffen aus Amerika. Damit hat sich Aida 43 Prozent Marktanteil gesichert. Andere Anbieter setzen auf puren Luxus, wieder andere auf Tradition.

Tui Cruises versucht den Mittelweg für die Mittelschicht. Im Fokus: ältere Paare und Gourmets statt Familien und Partytiere. So will der Konzern künftig mehr als nur jeden fünften Kreuzfahrer ködern. Managerin Meier ist erfinderisch. Sie hat das Konzept der Themenreisen entwickelt, das kannte der Markt nicht: Full-Metal-Cruises für Rockfans, Yoga-Retreats für Fitness-Gurus, Klassikreisen mit den Wiener Philharmonikern. Gabriele Vogel war bei einer Schlagerreise mit Helene Fischer dabei, sie ist dem Star sogar mal auf dem Gang begegnet. "Das war schon toll."

"Das ist fast militärisch hier"

Deck 4, Atlantik-Restaurant. Um einen Marmortisch sitzen Menschen in weißen Hemden. Am Kopf sitzt Thomas Eder. Der Hotelier trägt vier Streifen auf der Schulter und ist der Generalmanager an Bord. Eder kennt Gäste wie die Vogels. Ihr Anspruch ist hoch. Essen, Trinken, Kabine – alles soll perfekt sein. Eder erzählt, wie komplex das ist. Obwohl dieses Schiff mit 2500 Passagieren nur als mittelgroß gilt. Die Amerikaner bauen fast dreimal so große Klötze, das finden die meisten Deutschen entsetzlich. Dennoch ist es ein Hotel auf 15 Etagen. Mit etwa 1000 Crewmitgliedern, die auf Höflichkeit gedrillt werden und jeden Gast immer auf Deutsch begrüßen müssen, sonst gibt es Ärger. Ohne Hierarchie funktioniere das nicht, sagt Eder. "Das ist fast militärisch hier."

Wie jeden Morgen rapportieren nun seine Mitarbeiter die Lage: In Kiel sind zwei Koffer auf dem falschen Schiff gelandet. Das WLAN spinnt. Der Flug einer Fotodrohne muss abgesagt werden – zu viel Wind. Es sind Kleinigkeiten, aber Eder will alles wissen. Im Kleinen entscheidet sich, ob der große Plan aufgeht, ob Tui Cruises die Seeschlacht gewinnt oder nicht. Nur wenn alles, wirklich alles funktioniert, erleben die Gäste ihre Tage an Bord als so schön, dass sie wiederkommen. Der deutsche Gast will am Pool, anders als etwa die Amerikaner, eine Liege – sonst wird er sauer. Deshalb hat dieses Schiff etwa 2000 Liegen. Der deutsche Gast geht gern um sechs Uhr essen, ohne Schlangen, mit genügend freien Plätzen – sonst wird er grantig. Deshalb hat dieses Schiff 13 Restaurants und 14 Cafés.

Pünktlichkeit und Ordnung auf hoher See

Die Deutschen lieben Pünktlichkeit. Sie lieben Ordnung. Sie haben mentale Checklisten. Diese Sehnsucht nach Heimat in fernen Landen hat die Reederei bei der Meyer-Werft in Stahl umsetzen lassen. Sie kann als einer von wenigen Schiffbauern den Gigantismus der Branche bedienen. Brauereien für Aida, Riesenrutschen für Disney, schwebende Aussichtsgondeln für Royal Caribbean. Und lange Swimmingpools für Tui Cruises – was statisch fast unmöglich ist. Der ganze Wahnsinn der Urlaubsindustrie, immer teurer, immer außergewöhnlicher.

56 Schiffe sind weltweit bestellt, dabei gibt es schon 300. Peter und Gabriele Vogel waren einmal auf der "Oasis of the Seas", damals mit 6300 Gästen der größte Luxusliner der Welt. Sie waren fasziniert von der Surfwelle, vom Minigolfplatz, vom Kasino. Aber das Essen war "unter aller Sau" , sagt Peter Vogel, steril verpackt. "Weltraumessen" nennt er das. Er will da nie wieder hin. Deck 12, Sportcenter. Durch den Fitnessraum dröhnt Techno-Pop, Leute joggen auf Laufbändern, den Blick aufs Meer. Gabriele Vogel führt die Power Plate vor. Auf der "Vier" hat sie diese vibrierende Scheibe ausprobiert, jetzt hat sie selbst eine im Keller. "Man bekommt mehr Muskelkater, als einem lieb ist" , sagt sie. Neben dem Essen legen die Kreuzfahrtler vor allem auf die sportlichen Angebote großen Wert. Man will auf der Reise gut essen, aber nicht zu sehr zunehmen. Selbst die Kurse mit Aufpreis sind ausgebucht.

Jeder deutsche Passagier lässt pro Reisetag im Schnitt 182 Euro an Bord, nur für Kabine und Verpflegung, ohne Anreise und die Aufpreise für Sportkurse, Massagen, Landausflüge und Edellokale. Die meisten Gäste bleiben länger als eine Woche. Mit jedem der Schiffe fährt Tui Cruises bis zu 50 Millionen Euro Gewinn pro Jahr ein, erzählt ein Insider. Die Rendite liege bei elf Prozent.

Lukrative Zusatzgeschäfte

Deck 14, X-Lounge. Die Vogels sitzen in lila Ohrensesseln im Bug. Beim Blick hinaus verliert man sich in Wellen und Wolken und einem Absacker. "Die Ruhe ist so schön", sagt Peter Vogel. Dann ordert er eine "Apotheke" . Das ist ein Riesling, den trinkt er oft. Ein Glas aus deutschen Landen beim Kreuzen durch dänische Gewässer. Das Schiff, eine schwarz-rot-goldene Blase. Mit deutschen Speisekarten und deutschen Aushängen. Zum Frühstück gibt es Brötchen und Schwarzbrot, gekochte Eier und Filterkaffee. An der Rezeption arbeiten Deutsche. Der Gast wolle es haben wie zu Hause, sagt Generalmanager Eder. "Selbst wenn er 1000 Kilometer weit weg ist."

Kreuzfahrtschiff erreicht Taufhafen: "Aida Prima" läuft erstmals Hamburg an

Deck 5, Restaurant Schmankerl. Hinter Gabriele Vogel hängt ein Hirschgeweih, vor ihr liegt ein gehäkeltes Deckchen. So ein Bistro gab es noch nicht auf der "Vier". Überhaupt, das ganze Schiffsheck ist innen neu gestaltet, die Urlauber wollten es hel ler und weniger hektisch. Neben dem Schmankerl gibt es jetzt ein Sushi-Lokal von Sternekoch Tim Raue. Gabriele Vogel bestellt Kartoffelsuppe (für 4,80 Euro), ihr Mann bestellt Kalbsleber (für 6,90 Euro). Eigentlich gilt auf dem Schiff die Festpreisregel: Gäste dürfen essen und trinken, so viel sie wollen, umsonst. Das Schmankerl ist eine der Ausnahmen an Bord, die sehr lukrative Zusatzumsätze bescheren. Die Anbieter dürfen es nur nicht übertreiben, sonst empfinden die Gäste das Angebot als elitär. Nach vier Tagen endet die Testfahrt. Viele Gäste sind zwischendurch ausgestiegen, sie haben sich Danzig angeschaut (Landausflug: 49 Euro). Wybcke Meier hatte dazu keine Zeit, jetzt geht es ja erst richtig los. Sie muss neue Themenreisen erfinden. Die Seeschlacht hat begonnen.

Die Vogels werden dabei sein, Ehrensache. Die "Fünf" sei sehr schön geworden, sagen sie. Für die Jungfernfahrt mit der "Sechs" haben sie sich längst eine Kabine gesichert. Lange bevor auf der Werft das erste Stück Stahl für dieses nächste Schiff geschnitten war. Es soll ans Nordkap gehen.

Der Text erschien zuerst im stern 30/2016.

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