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Round-The-World-Ticket: Einmal um die ganze Welt

Aufwachen in Kapstadt, ins Bett gehen in Rio, John Waynes Spuren suchen im Monument Valley, goldene Pracht bestaunen in Myanmar. Ein stern-Team jettete im 100. Todesjahr von Jules Verne um den Globus - in nur 30 Tagen.

Schlaflos in irgendeinem Hotelbett. Rio de Janeiro, San Francisco, Honolulu, Shanghai: Der Jetlag reist immer mit. Da schleicht sich schon mal die Sinnfrage an. Was hat uns bloß zu diesem Marathon getrieben?

Zum Beispiel die Etappe "Wilder Westen". Wir starten abends im brütenden Rio, steigen in São Paulo in eine hochbetagte MD-11 der Varig nach Miami, hängen dort lange auf dem Airport rum, bis endlich der United-Airlines-Airbus nach Denver aufgerufen wird. Von dort ein kurzer Turboprop-Ritt ins schneekühle Durango, Colorado. Mütze Schlaf, und weiter mit dem Chevrolet Trailblazer. Über Berge, durch Prärien und Towns mit bleihaltigen Name wie Mesa Verde oder Sweetwater nach Kayenta, Arizona. Macht 27 Reisestunden, über 15 davon in der Luft. Ist es das wert?

Heiliger Duke: aber ja! Einmal die berühmten roten Tafelberge des Monument Valley in echt sehen, jene Kulisse, die man von klein auf aus Western und Marlboro-Spots kennt. Ehrfürchtig am John Ford Point stehen, wo das Regie-Genie seine Kameras in Stellung brachte. "Stagecoach" hieß sein Klassiker von 1939. Ein Bursche namens John Wayne, den sie später Duke nannten, spielte da die Hauptrolle. Wayne auf dem Bock der Postkutsche, die Winchester glüht, doch die Rothäute holen auf. Dann fährt die Kamera in die Totale, das monumentale Tal beherrscht die Leinwand. Ford allein hat hier neun Western gedreht. Sein Star schlief in einem Verschlag im Goulding's-Motel, das noch heute vom Ruhm des Duke zehrt.

Morgens um sechs, wenn die Sonne hinter den drei Felstürmen am Visitor Center aufsteigt, pfeift ein kühler Wind das Lied von Wagnis, Männermut und Todesverachtung. Kollektive Erinnerung an etwas, das so nie stattfand, versteht sich. Die frühen Western waren ja Geschichtsklitterungen, Siegerlatein. Aber wir sind nicht hier zum Beckmessern. Wir sind auf Hausbesuch bei Mythen. Bitte nicht stören!

Einmal um die Erde fliegen wir, legendäre Plätze abklappern, im hundertsten Todesjahr von Jules Verne. Dessen Romanheld Phileas Fogg hetzt für eine Wette in 80 Tagen per Schiff, Bahn und Elefant um den Globus. Die spannende Plotte erschien anno 1873. Jean Cocteau, ein Verehrer Vernes, wiederholte 1936 die Tour. Uns Kindern von Ludwig Erhard und Lufthansa müssen vier Wochen reichen. Weltumrundungsmittel sind Airpässe der Star Alliance, für bis zu 39 000 Reisemeilen und 15 Zwischenstopps gut. Eine Luftkreuzfahrt nach dem Motto des Karl Valentin: "I woaß zwar net, wo i hinfahr, aber dafür bin i schneller da."

Kapstadt.

Zuerst nach Südafrika, 9713 Kilometer von Hamburg. Die Luft so klar, dass man bis zum Südpol gucken könnte, gäbe es die Erdkrümmung nicht. Um den Tafelberg, Erlösung und Verheißung für Generationen von Seefahrern, jagen Wolken. Der starke Southeaster-Wind fegt die Straßen. Wir klappern die Highlights ab. Die Long Street mit ihren Bars, Buchläden, Traveller-Joints, Zuckerbäckerfassaden. Den Greenmarket Square mit seinem verkifften Multi-Kulti-Flohmarkt. Das ehemalige Groote-Schur-Krankenhaus, wo Christiaan Barnard 1967 das erste Menschenherz verpflanzte. Die Kerkerinsel Robben Island, auf der Nelson Mandela 27 Jahre verbrachte. Die anglikanische Kirche, in der Bischoff Tutu predigte.

Im wunderbaren Aquarium an der Waterfront wirbt ein Plakat um Sympathie für den Hai: "Letztes Jahr wurden 791 Menschen durch defekte Toaster getötet, aber nur vier von Haien." Das weitläufige Areal am Hafen ist die Mutter aller modernen Fress-, Vergnügungs- und Shoppingmeilen. Es gibt Stammestänze, akrobatische Einlagen und die frischesten Austern des Planeten. Von der Waterfront aus sieht man Kapstadt ziemlich rosig. Leider ist das bloß ein geschütztes Disneyland. In der realen Stadt spürt man eine gewisse Spannung. Gehen Sie nicht auf den Tafelberg!, rät unser Vermieter. Passiert zu viel da oben.

Rio. 6055 Kilometer von Kapstadt, fünf Stunden Zeitunterschied, 16 Grad wärmer. Tropenschwüle, Verfallsgerüche, herrlich morbide. Wenn Kapstadt eine Schönheit ist, dann ist Rio die Beauty Queen. Vom Zuckerhut scannt der Blick über Buchten, Strände, Marinas, weiße Häusermeere (die braunen Viertel sind die Favelas, die Slums), bewaldete Hügel. Keine Stadt liegt spektakulärer. Auf dem 710 Meter hohen Corcovado taucht der Beton-Christus, Rios zweites Markenzeichen, gegen Mittag geisterhaft aus Nebelschwaden auf. Zum Niederknien.

Rio hat den Ruf, Spielplatz von Kriminellen zu sein. Was Besuchern zunächst auffällt, ist das weibliche Inventar. Es trägt geschlossen das unsichtbare Schild vor der Brust: "Ich bin eine Frau, verstanden!" Für Feministinnen muss Rio die Hölle sein. Minimalistische Röcke, prallenge Hosen, Tops, die fast platzen, Haut, Haut, Haut. An der Copacabana-Promenade sagen sich ab Mittag Testosteron und Östrogen boa tarde. Rio bietet gute Steaks und kräftige Caipis, und man muss dafür nicht in ein Dollar-Grab wie das blendendweiße Palace-Hotel an der Copa steigen. Die Strandkioske tun's auch.

Am dritten Tag - wir fangen an, die Stadt richtig zu mögen - gibt sich Rio einen Ruck und bestätigt sein Image. Am lichten Nachmittag überfällt mich ein Straßenräuberteam an der Copa. Die verschnarchten Bullen, deren Präsenz den Fremden Sicherheit vorgaukeln soll, kriegen nichts mit. Meine Uhr und 190 Real wechseln die Besitzer. Kaum der Rede wert. Man muss auch loslassen können, oder? Viel Spaß übrigens mit der Uhr, ihr Drecksäcke! Geht zehn Minuten pro Woche nach.

Durango. Apropos loslassen. Nach Durango emanzipiert sich mein Trolley für eine Weile von mir, Folge eines Blizzards mit Flugverkehrs-Chaos. Na und? Phileas Fogg musste sich mit einstürzenden Eisenbahnbrücken oder zugedröhnten Begleitern rumschlagen. Nebenbei, welche Zeit haben sie hier? Acht Stunden vor Deutschland? Oder neun? Langsam kommt man nicht mehr nach.

San Francisco.

10 669 Kilometer von Rio, funktioniert sofort. Auch wer noch nie hier war, fühlt sich gleich heimisch. Alles schon gesehen. Die Straßen, über deren Kuppen die Autos in den Krimis springen. Die Golden Gate Bridge, mit fast 70 noch eine elegante Erscheinung, Star so vieler Filme. Die Nobelhotels an der California Street, die viktorianischen Villen am Alamo Square. Im Viertel Height Ashbury, wo die Greatful Dead wohnten, qualmen noch ein paar Räucherstäbchen wie im Summer of love. "...the following programme is dedicated to the people of San Francisco..." - Hippies, die vielleicht dämlichste Jugendbewegung aller Zeiten. Aber schön war es doch.

San Francisco ist liberal, schwul, teuer, hochklassig, geschmackvoll, unamerikanisch. Das Erdbeben von 89 hat der Stadt, na ja, irgendwie gut getan. Der Embarcadero Freeway, ein Betonmonster, das die Stadt von den Piers abschnitt, krachte zusammen und wurde geschleift. Jetzt hat der Hafen Luft. Mit der Fähre von Pier 1 nach Sausalito, vorbei an Alcatraz. Und du denkst, du bist im Kino.

Honolulu. Aloha! Love! 3859 Kilometer von San Francisco, ist das ein Doppelmythos. Unweit von Waikiki Beach liegt Pearl Harbour. Der Strand steht für Hula-Hula, der Hafen für einen Krieg, mit dem das Atomzeitalter begann. Beide Motive hat das Filmepos "Verdammt in alle Ewigkeit" bildmächtig verzahnt.

In Waikiki beginnt Japan. Japanische Touristen füllen die Hoteltürme, ABC-Stores, Sushi-Läden, Falsche-Muschel-Buden. Waikiki ist Arenal, Benidorm und Playa d'Ingles zusammen. Totalstmöglicher Tourismus, noch totaler und radikaler, als man ihn sich in Ol' Europe überhaupt vorstellen kann. Und alle haben Fun. Unsere Frühstückskellnerin trägt ein Baströckchen aus Plastik. Wir kaufen uns Hawaii-Hemden, um auch Fun zu haben. 18 Dollar das Teil, made in China. Gibt's noch irgendetwas, das nicht aus China kommt?

Am USS Arizona Memorial von Pearl Harbour fährt man mit dem Boot zu einer Art Sarkophag über einem versenkten Schlachtschiff. Die Japaner, deren Vorfahren es auf den Grund schickten, besichtigen es massenhaft. Manche machen am Empfangsgebäude fürs Foto das Victory-Zeichen. Am Beach surfen ein paar Boys. Die meisten aber telefonieren, simsen oder knipsen sich. Ob Asiaten, Amis, Europäer, Latinos, Ozeanier - jedermann verfügt über zwei globale Gesten: a) aufs Handy-Display stieren; b) mit der Digitalkamera herumfuchteln. Have fun!

Tokio. Hin mit All Nippon Airways. Globetrotter wie wir ordern das asiatische Bordmenü. Schmeckt etwas kraftlos. Ich schütte den Inhalt eines Gewürzbriefchens über die Nudeln. Macht sie nicht schärfer. Kein Wunder, denn das vermeintliche Gewürz sind hygroskopische Kügelchen, welche die Pflaumen trocken halten. Habe den "Do not eat!"-Aufdruck übersehen. Man soll es mit der Weltläufigkeit auch nicht übertreiben.

Östlich von Honolulu überfliegen wir den 180. Längengrad, die internationale Datumslinie. Zack, und es ist rechnerisch einen Tag später. Auf dem Kalendersprung basiert der Schlussgag in Jules Vernes Roman. Anders als wir, reist Mr. Fogg auf seiner Wettfahrt gen Osten um den Globus, gewinnt also einen Tag. Als er am Ende nach seiner Berechnung einen Tag zu spät nach London zurückkehrt, glaubt er die Wette verloren. Doch der eingesparte Tag rettet ihn.

Das Spannendste an Tokio, 6215 Kilometer von Waikiki, sind seine Klobrillen, finden wir. Es gibt Dutzende Modelle. An der Seite ist eine Schaltleiste angebracht wie am Flugzeugsitz. Knöpfe zeigen Piktogramme für Mann und Frau. Drückt man drauf, sprudeln lauwarme Wasserfontänen gegen unterschiedliche Körperöffnungen. Bei der Inspektion des Wunderwerks in unserem Hotel setzen wir prompt das Bad unter Wasser. Ansonsten wirkt Tokio ebenso zivilisiert wie fade. In der U-Bahn könnte man vom Boden essen. Tut aber keiner.

Halbzeit. Zwei Wochen ohne Schröder, Merkel & Co. Ohne Christiansen, Wickert, Bohlen, Kerner. 14 Tage ohne die Stimme von Engelen-Käfer! Das allein lohnt jede Strapaze.

Shanghai.

Weiter nach Flugplan, 1770 Kilometer von Tokio: die größte anzunehmende Versammlung von Hochhäusern und Menschen. Bauwütig, hochtourig, grell, fiebernd vor Produktivität. Vom 350 Meter hohen Space Module des Fernsehturms wirkt die Giga-City wie eine Kampfansage an den Rest der Welt. Wir düsen mit Tempo 431 im Transrapid zum Airport. Ja, mit eben jener Magnetschwebebahn, die in Deutschland erfunden, aber nur als passagierfreie Versuchsstrecke gebaut wurde. Einer Nation angehörig, die es zur Weltmarktführung in der Baumkuchen- und Fliegenfänger-Herstellung gebracht hat, macht uns Shanghai etwas bange.

Bangkok.

2881 Kilometer von Shanghai. Klima wie ein Schlag vor die Birne. Nachts noch 32 Grad, Luftfeuchtigkeit 95 Prozent. Freundliche Menschen, fantastisches Essen, und die paar Sextouristen stören kaum.

Yangon. Ausflug in einen Schurkenstaat. Myanmar hieß mal Birma und wird seit Menschengedenken von uniformierten Gangstern geplündert. Yangon, früher Rangun, liegt 594 Kilometer und 30 Entwicklungsjahre von Bangkok entfernt. Das Zentrum am Fluss, einst eine Perle des britischen Empire, gammelt aufs Malerischste vor sich hin. Bröckelnde Fassaden, Müllberge, offene Kanalisation, Ratten sowie quirliges Kleinkrämerleben. Überall Militär und Polizei. Myanmar, das ist Nordkorea light. Aber schön warm, gnädig überwuchert von tropischer Flora.

Überirdisch die Shwedagon-Pagode, Mekka vieler Buddhisten. Echtgoldene Pracht der über 100 Meter hohen Stupa, jede Menge Tempel, Schreine, Buddhas. Zart bimmeln die Plättchen im Wind. Mönche dösen in der Mittagshitze, Gläubige meditieren, ratzen, schwätzen. Die Shwedagon macht Agnostiker schwach.

Dubai.

4319 Kilometer weiter westlich. Landung in der Zukunft. Dubai boomt wie Las Vegas, das es auf arabische Art werden will, ohne Casinos und Sex. Weiß der Prophet, wie das gehen soll. Es knüppelt Superlative. Aberwitzige Shopping-Malls, ein Flughafen, der baff macht.

Ikone ist das kühn gestylte Burj-al-Arab-Hotel, mit dem sich das Emirat vor fünf Jahren auf die touristische Landkarte gebeamt hat. Aus dem 27. Stock des Burj schauen wir auf die fast fertige künstliche Insel Palm-Jumeirah, so groß, dass sie vom Satelliten aus zu sehen ist. Noch ein Milliarden-Ding, mit denen sich das Emirat aus der Abhängigkeit von den Öleinnahmen befreien will. Am Horizont erkennt man die Umrisse einer Hochhausstadt, die Zehntausende von Urlaubern beherbergen soll. Sie halten alles für machbar, die Leute im Übermorgenland.

Kairo. In knapp vier Stunden trägt uns eine Boeing 777 der Singapore Airlines 2434 Kilometer zurück in ein Vorvorgesternland. Mein Gott, Kairo! Deine verdreckten Straßen, der hysterische Verkehr, der Smog, die Slums, die ewigen Beschissversuche. Niemals scheint sich was zu ändern, nicht zum Besseren.

Entschuldige, Kairo. Wahrscheinlich fehlt uns im Moment der Nerv für einen Moloch wie dich. Weißt du, wir haben eine Überdosis Welt abgekriegt. Ständig durch Flughafenlabyrinthe irren, Geld wechseln, einchecken, auschecken, an Gepäckbändern stehen, Pässe zeigen, Pläne wälzen, mit Taxifahrern streiten - das schlaucht.

Keine Frage, Kairo, auch du hast Großes im Angebot. Deine Pyramiden! Gewaltig. Deine Moscheen! Erhaben. Die dicken Touris, die sich vor der Cheops auf dem Dromedar ablichten lassen! Zum Schlapplachen. Der Blick von der Zitadelle über deinen Häuserozean! Unschätzbar. Lässt die Erkenntnis dämmern: Alles Gebrabbel vom Global Village, zu dem diese Welt dank Internet & so geschrumpft sei, all dies ist blanker Mumpitz.

Mittags besuchen wir die Mumien im Ägyptischen Museum. Drei Stunden später bläst sich davor ein Selbstmordattentäter in die Luft. Um 16 Uhr wird unser Lufthansa-Flug LH 583 nach Frankfurt aufgerufen. Darüber sind wir gar so nicht untröstlich.

Bilanz:

103 Stunden und 48 Minuten in der Luft verbracht, elfmal Station gemacht in neun Ländern, wo man uns eine Million gefälschte Uhren andrehen wollte (wahlweise Montblanc-Füller). Wer fällt einem dazu ein? James Bond, of course. "Sind Sie auch Tourist?", fragte man 007 in Indien. Antwort: "Nein, ich bin zum Vergnügen hier."

Wolfgang Röhl / print

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