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Öko-Ausgleichskasse: Dicke Luft da oben

Wer fliegt, schadet dem Klima. Hilft man der Umwelt, wenn man für jede Flugreise in eine Öko-Ausgleichskasse einzahlt? Oder ist das nur ein Ablass fürs schlechte Gewissen?

Von Andreas Spaeth

Nach Japan will Beatrice Gey, eine 19-tägige Rundreise durch den Süden hat sie geplant. Die reiselustige 65-Jährige hatte bei der Buchung allerdings ein schlechtes Gewissen - schließlich liegt ihr Zielflughafen Osaka fast 10.000 Flugkilometer vom Start der Reise in Frankfurt entfernt. Die umweltbewusste Baslerin, die ihr Auto schon vor ein paar Jahren abgeschafft hatte, zahlte mehr als 3000 Euro für das Programm "Japan - von Sushi bis Sony" - und legte noch einmal 136 Euro obendrauf, für den Klimaschutz.

"Der Veranstalter fragte bei der Buchung, ob man für die auf dem Flug entstehenden Emissionen einen Ausgleich zahlen will, und ich finde, das muss bei einer Fernreise doch drin sein", begründet sie ihre Entscheidung. 136 Euro für den Klimaschutz, diese Summe ermittelte der Emissionsrechner von Atmosfair. Atmosfair ist eine Kohlendioxid-Ausgleichs-Agentur. Die gemeinnützige GmbH aus Bonn entstand im Mai 2005 aus einem Forschungsprojekt des Bundesumweltministeriums. Genau 6740kg klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) entstehen laut der Computerberechnung beim Hin- und Rückflug zwischen Frankfurt und Osaka, mehr als dreimal so viel, wie ein ganzes Jahr Autofahren verursacht oder mehr als doppelt so viel, wie jene drei Tonnen CO2, die von der Wissenschaft als das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen angesehen werden.

Viele Deutsche zu Umweltabgaben bereit

Mit ihrer Umweltabgabe ist Beatrice Gey in bester Gesellschaft: Laut aktuellen Umfragen sind rund drei Viertel der Deutschen bereit, für ihren Ferienflug als Ausgleich eine freiwillige Abgabe an Umweltprojekte zu leisten, die durch ihren Flug entstandene Emissionen an anderen Orten wieder einzusparen helfen. "Bei vielen Leuten ist das derzeit aber noch ein Lippenbekenntnis", sagt Atmosfair-Chef Dietrich Brockhagen, "die Kunden müssen erst Vertrauen in die Sache gewinnen, das ist für viele noch sehr abstrakt."

Das Prinzip der Freiwilligkeit wird vermutlich ohnehin nur so lange bestehen, wie es noch keine der in der EU ab 2011 geplanten Zwangsabgaben für Emissionen gibt. Zu diesem Zeitpunkt soll der Luftverkehr in den Emissionshandel einbezogen und Airlines und ihre Kunden verpflichtend zur Klima-kasse gebeten werden. 2,9 Milliarden Euro an Mehrkosten für Passagiere und Fluggesellschaften befürchtet dadurch die IATA, Weltverband der Linienflieger, allein für 2011. Doch bereits jetzt sollte der Gedanke freiwilliger Wiedergutmachung für fliegerische Umweltsünden bei Reiseveranstaltern "zum guten Ton gehören", fordert Dietrich Brockhagen.

"Wir wollen Verantwortung zeigen und Standards setzen"

Prominente Vorbilder gibt es genug: Egal, ob Rockstars wie die Rolling Stones oder U2, die für ihre Tournee-Emissionen zahlen, oder die Veranstalter der Fußball-WM 2006, die für die gesammelten Umweltbelastungen durch Transporte von Fans und Mannschaften im Nachhinein 1,2 Millionen Euro spendeten - das Bewusstsein für die klimaschädliche Wirkung des Flugzeugs wächst rapide. Großveranstalter wie die Tui zieren sich noch (ein "hochsensibles Thema", wiegelt Tui-Sprecher Kuzey Esener ab), doch seit einer Woche machen die acht führenden Onlinereiseportale in Deutschland mit. Anbieter wie Avigo, Hinundweg.com, Opodo oder Lastminute.com verkaufen pro Jahr gemeinsam mehr als eine Million Flugreisen und bieten ihren Kunden jetzt die Möglichkeit, einfach per Klick im Rahmen des Buchungsprozesses einen Ausgleich für die Klimabelastung an Atmosfair zu entrichten. "Wir wollen nicht sagen, dass Fliegen ganz schlecht ist", so Claudia Brözel vom Verband Internet Reisevertrieb, "aber wir wollen Verantwortung zeigen und Standards setzen." Bis zu 40 Prozent aller Kunden der angeschlossenen Portale, so hofft sie, würden künftig freiwillig zahlen. Das wäre ein Quantensprung - bisher liegt die Quote selbst beim ökologisch bewussten Anbieterverbund Forum Anders Reisen nur bei 5 bis 30 Prozent, je nach Veranstalter. In Großbritannien, europaweit führend in diesem Bereich, ist man da schon weiter - etwa 80 Prozent aller Pauschalreise-Kunden können bereits während der Buchung via Internet oder Reisebüro unkompliziert ihren freiwilligen Klimabeitrag leisten.

In Deutschland gehen solche Zahlungen derzeit vor allem an Atmosfair, einen von über einem Dutzend weltweiten Anbietern von Ausgleichsmaßnahmen. In einer Untersuchung der Tufts-Universität aus Massachusetts werden Organisationen wie Climate Friendly, Myclimate und Native Energy positiv bewertet. Spitzennoten aber erreicht vor allem Atmosfair im Vergleich zu anderen, nicht immer seriösen Anbietern. Grund dafür ist etwa die Genauigkeit der Berechnungen und die Nachprüfbarkeit der Aktivitäten der Deutschen. Die haben allerdings ihren Preis - mit rund 13,20 Euro pro Tonne CO2 gehört Atmosfair zu den teuersten Anbietern, während andere schon mit 4,20 Euro Ausgleichszahlung pro Tonne CO2 beginnen. Das Geschäft der gemeinnützigen Bonner boomt dennoch. "Noch Ende 2006 hatten wir etwa 30 bis 50 Buchungen am Tag, zurzeit sind es bis zu 200 täglich", freut sich Dietrich Brockhagen, "auch das Interesse der Medien ist riesig." Atmosfair investiert das eingenommene Geld, im ersten Geschäftsjahr 165.000 Euro, nachweislich zu 80 Prozent in Projekte in Schwellenländer, die ganz konkret den CO2-Ausstoß senken. Bis 2012 sollen so etwa durch Solarküchen in Indien oder Biogas aus Abwasser in Thailand rund 4000 Tonnen CO2 vermieden werden. Doch bisher haben die Aktivitäten aller Klima-Neutralisierer gemeinsam allenfalls Symbolwert: 2005 wurden weltweit 25 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt, aber gerade mal läppische zehn Millionen Tonnen durch Gegenmaßnahmen neutralisiert.

Einen Ablasshandel nennen das Kritiker, mit denen der mobile Weltbürger durch eine Art "ökologischer Absolution" zum "klimaneutralen" Reisenden gemacht werde. Aber Christoph Bals vom gemeinnützigen Umwelt- und Entwicklungsverband Germanwatch kontert: "Es ist deutlich mehr als ein Ablasshandel, denn wir erreichen einen wirklich messbaren Nutzen." Tatsache ist aber auch, dass dieses System des Ausgleichs nur die zweitbeste Lösung ist. "Besser ist weniger fliegen, denn der durch Flüge angerichtete Klimaschaden kann schon aus physikalischen Gründen nicht ganz wieder gutgemacht werden", heißt es bei Atmosfair. "Aber es ist günstiger, Schäden zu vermeiden als zu reparieren - wenn ein Sturm erst mal eine Siedlung zerstört hat, dann sind die Reparaturkosten höher als die Kosten für eine Klimagasvermeidung, die den Sturm gar nicht erst aufkommen lässt."

Kurze Fernreisen gelten als Sündenfall

Genauso wichtig ist es aber, das Bewusstsein der Reisenden zu verändern: Für Entfernungen unter 700 Kilometer sollte generell die Bahn benutzt werden, das in der Ökobilanz mit Abstand umweltfreundlichste Verkehrsmittel. "Die Reisedauer sollte an die Distanz des Fluges angepasst werden, wegen des Klimaschutzes und dem Wohlergehen für den eigenen Organismus", fordert Rolf Pfeifer vom Forum Anders Reisen. Einwöchige Kurzreisen etwa in die Dominikanische Republik zu Schnäppchenpreisen gelten in den Augen der Klimaschützer als echter Sündenfall.

Genauso viel Argwohn erregen die Billigflieger, ein europaweit boomendes Geschäft überwiegend auf Kurzstrecken. "Billigflüge gehören verboten", ereifert sich gar Greenpeace-Geschäftsführerin Brigitte Behrens. "Wir dürfen Billigflieger nicht verteufeln", hält der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Dietrich Austermann (CDU) entgegen. Unter den insgesamt 174 Millionen Fluggästen, die 2006 auf deutschen Flughäfen starteten und landeten, verzeichnete das Billigsegment mit 29 Prozent die größte Wachstumsrate. "Da wird Mobilitätsbedürfnis künstlich geweckt", kritisiert Dietrich Brockhagen, mit Billigfliegern will er nicht kooperieren, "wir wollen nicht die Hemmschwelle, das Flugzeug zu nutzen, weiter senken." Eine Kooperation mit der Lufthansa wäre eher denkbar.

Die Kranich-Linie will noch in diesem Jahr gemeinsam mit einem Partner - möglicherweise Atmosfair - die Option anbieten, bei Flugbuchung freiwillig für die Klimabelastung zu zahlen, was British Airways bereits seit 2005 macht. "Eine Mogelpackung", hält Greenpeace dem Lufthansa-Plan vor, "der Klimaschutz wird so nur über das Portemonnaie des Kunden finanziert." In der Tat mutet die Idee eher wie ein Marketingtrick an, denn gleichzeitig droht Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber mit einer Verlagerung von Verkehr in das Nicht-EU-Land Schweiz für den Fall einer Klima-Zwangsabgabe durch die EU. Die Gesellschaft grenzt sich auch gegenüber Billigfliegern ab. "Die stillen das zweckfreie Verlangen nach Mobilität", erklärt Mayrhubers Vorgänger, Lufthansa-Aufsichtsratschef Jürgen Weber. Stimmt nicht, sagt Andrew Harrison, Chef von Easyjet, einem der Marktführer: "Unser Geschäftsmodell mit neuen Flugzeugen und hoher Auslastung sorgt für Umwelteffizienz." Seine Maschinen, hält er sich zugute, "stoßen 27 Prozent weniger Treibhausgas pro Passagierkilometer aus als eine traditionelle Airline auf der gleichen Route".

Das sieht Dietrich Brockhagen von Atmosfair zwar auch so, doch der Kerosinverbrauch allein sei kein Argument für Umweltverträglichkeit: "Die fliegen trotzdem auf derselben Flughöhe, wo Schadstoffe eben sehr viel schädlicher sind als am Boden oder auf geringerer Höhe." Außerdem bleibt in der Diskussion um die Umweltauswirkungen des Luftverkehrs oft ein entscheidender Faktor unberücksichtigt: die Bildung von Wasserdampf, Kondensstreifen und Cirrus-Wolken aus dem Triebwerksausstoß, der die Erwärmung der Atmosphäre und den Treibhauseffekt fördert. "Der mit 75 Prozent Anteil wichtigste Grund für Klimaveränderungen ist die Menge an Wasserdampf in der Atmosphäre", stellt auch Umweltexperte Andreas Hardeman vom Linienflieger-Verband IATA fest, "CO2 rangiert mit nur 15 Prozent Anteil auf Platz zwei", so seine Erkenntnis. "Besonders effiziente, moderne Triebwerke verursachen leider mehr Kondensstreifen als ältere", weiß Atmosfair-Fachmann Brockhagen - und das Problem sei vor allem das schnelle Wachstum des Luftverkehrs von rund fünf Prozent pro Jahr.

Heute, so bestätigt Andrew Sentance von der Warwick-Universität in England, seien die Auswirkungen des Luftverkehrs auf das Weltklima noch bescheiden: Etwa zwei Prozent aller CO2-Emissionen stammten aus Triebwerken, etwa drei Prozent der Erderwärmung insgesamt müssten dem Flugzeug angelastet werden. "Bis 2050 werden sich die Emissionen aber verdreifachen, wenn nichts geschieht, fünf Prozent aller Treibhausgase entfielen dann auf den Luftverkehr", so der früher für British Airways tätige Experte. Da helfen selbst massive technische Verbesserungen an den Flugzeugen nicht weiter, "die Schere zwischen Effizienzgewinn und Volumenzuwachs geht immer weiter auseinander", beobachtet Dietrich Brockhagen. Der Atmosfair-Chef gibt sich keinen Illusionen hin: "Unser System des Ausgleichs kann allenfalls für 10 bis 20 Jahre eine Verschnaufpause bringen, die absolute Menge der Emissionen durch die Fliegerei muss spätestens zwischen 2030 und 2050 abnehmen, und das geht nur mit einer Änderung des Reise-, Flug- und Konsumverhaltens der Menschen."

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Wissenscommunity

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(