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In Russland inhaftiert Brittney Griner – ein Basketball-Superstar wird zum Spielball der Großmächte

Sitzt seit vier Monaten in Russland in Untersuchungshaft: Basketball-Superstar Brittney Griner
Sitzt seit vier Monaten in Russland in Untersuchungshaft: Basketball-Superstar Brittney Griner
© Maxim Grigoryev / Picture Alliance
Es ist ein Nervenkrimi für die Angehörigen: Brittney Griner sitzt seit vier Monaten in Russland in Untersuchungshaft. Dem Basketball-Superstar wird Drogenbesitz vorgeworfen, die US-Regierung sieht Griner als zu Unrecht inhaftiert. Griner, selbst versiert am Ball, ist zum Spielball der politischen Großmächte geworden.

Brittney Griner ist die Größte. Körperlich ohnehin, mit einer Körpergröße von 2,06 Meter überragt die Basketballspielerin die anderen Sportlerinnen auf dem Spielfeld. Die 31-Jährige gilt in den USA aber auch als eine der besten und vielseitigsten Spielerin, die es jemals gegeben hat. Ein Meistertitel in der Frauen-Profiliga WNBA, zweifache Olympiasiegerin und Weltmeisterin, dazu massig Auszeichnungen als beste Verteidigerin und beste Punktesammlerin sowie Berufungen in das All-Star-Team. Doch den Beginn der neuen Saison in der WNBA Anfang Mai verpasste Griner – sie sitzt seit nunmehr vier Monaten in Russland im Gefängnis. Der Vorwurf: Drogenbesitz. Die möglichen Folgen: Fünf bis zehn Jahre Haft.

In den USA schwieg man zunähst über die Verhaftung von Griner. Erst zwei Wochen nach ihrer Inhaftierung am 17. Februar wurde diese publik gemacht, Spielerinnen und Verantwortliche der sonst sehr politischen WNBA hielten sich mit Stellungnahmen zurück – um in dem Fall auf Anraten der Behörden nicht zu intervenieren. Denn aus der Verhaftung ist binnen kürzester Zeit ein Politikum geworden, in das sich auch die US-Politik eingeschaltet hat und den Druck auf die Behörden in Moskau erhöht.

Was genau am 17. Februar am Flughafen Scheremetjewo im Norden Moskaus vor sich ging, ist unklar. Klar ist, dass Griner während der Spielpause der WNBA – eine Saison in der US-Liga dauert nur rund vier Monate – für UMGK Jekaterinburg auflaufen wollte. So wie sie es bereits seit 2014 tut – 2022 sollte laut ihrer Ehefrau Cherelle die letzte Saison in Russland sein. Dass Griner in Russland Basketball spielt, hat nicht nur sportliche Gründe, sondern vor allem auch einen finanziellen. Während sie in der WNBA das in der Liga festgeschriebene Höchstgehalt von 228.000 Dollar (rund 217.000 Euro) brutto pro Saison verdient, sind es in Russland rund eine Millionen Dollar (950.000 Euro) netto. Doch bei der Zoll-Kontrolle in Moskau kam es zu einem Zwischenfall. Nach Angaben des russischen Zolls soll sich im Gepäck von Griner zum Konsum gedachtes Cannabisöl befunden haben. In Phoenix ist dieses erlaubt, in Russland jedoch drohen harte Strafen für Cannabisbesitz.

Brittney Griner verlässt nach einer Anhörung den Gerichtssaal in Khimki
Brittney Griner verlässt nach einer Anhörung den Gerichtssaal in Khimki
© Alexander Zemlianichenko/ / Picture Alliance

Brittney Griner: USA verurteilen Verhaftung in Russland

Griner ist auch wegen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine längst zum politischen Spielball zwischen Russland und den USA geworden – zumal der Kriegsbeginn und die Sanktionen des Westens alles andere als förderlich für Griners Situation sind. Erst über zwei Monate nach ihrer Festnahme erklärte das US-Außenministerium, dass Griner zu Unrecht festgehalten werde. Seitdem ist Roger Carstens, der Sonderbeauftragte von Präsident Joe Biden für Geiselangelegenheiten verantwortlich für den Fall – jedoch werde sie vom Ministerium nicht als Geisel gesehen, hieß es in einer Mitteilung. Allerdings ist die Beauftragung Carstens ein Zeichen, dass die USA die Bemühungen um eine Freilassung intensivieren.

Die Stellungnahme war eine Art Startschuss für die WNBA und andere Sportprofis, öffentlich aktiv und laut zu werden. Auf jedem Spielfeld der Liga steht der Slogan "BG42", ein Verweis auf Greiners Initialen und ihre Rückennummern. In den sozialen Medien gibt es unzählige Beiträge, die mit den Hashtags #BG42 oder #FreeBrittneyGriner versehen sind. Männliche Basketball-Superstars wie LeBron James, Steph Curry oder Chris Paul setzen sich für eine Freilassung ein und nutzen ihre Reichweite, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Griners Ehefrau Cherelle erhöhte in einem Fernsehinterview mit ESPN, ihrem ersten öffentlichen Statement drei Monate nach der Inhaftierung Griners, den Druck auf die Politik: "Unser Präsident wird eines Tages aufwachen und sehen, dass das eine große Sache ist und er handeln muss." Sie habe bereits ein Treffen mit Biden angefragt. "Ich merke jede Sekunde, dass BG nicht hier ist und möchte sie einfach zurück an meiner Seite haben.

Von Griner selbst hörte man in den vergangenen vier Monaten fast gar nichts. Die Sportseite ESPN berichtete Anfang Juni, dass die 31-Jährige mit Briefen auf Emails und Schreiben an sie reagieren darf. Die Nachrichten an die Basketballspielerin erreichten sie jedoch nur sporadisch und nachdem russische Offizielle sie vorher geprüft haben. "Wir wollen nicht, dass sie denkt, dass sie vergessen wurde", erklärte Stefanie Dolson, Center bei New York Liberty. So wie Dolson haben mittlerweile hunderte andere Spielerinnen und Verantwortliche den Kontakt zu Griner gesucht – teils mit unterstützenden Worten, andere mit persönlichen Inhalten und andere wiederum schickten Sudokus zum Zeitvertreib. Ihre Frau Cherelle hat auch seit vier Monaten nicht mehr mit Brittney Griner sprechen können. "Ich bin momentan in einer sehr verletzlichen Position. Ich muss Menschen vertrauen, die ich vor dem 17. Februar nicht gekannt habe", sagte sie in einem Interview mit ESPN. Sie wisse nicht, wie es ihr gehe oder was sie in Gefangenschaft mache und müsse auf die Aussagen des Rechtsanwalts vertrauen, erklärte Cherelle Griner.

Der Fall birgt aber auch Sprengstoff für die gesellschaftliche Lage in den USA. Denn Griner ist nicht die einzige prominente Inhaftierte Person aus den USA in Russland. Mit Paul Whelan sitzt seit zwei Jahren ein US-Polizist in einem russischen Gefängnis. Wegen des Vorwurfs der Spionage wurde er zu einer Haftstrafe von 16 Jahren verurteilt. Auch hier setzen sich die USA für eine Freilassung Whelans ein, kommt nur einer von beiden – eine homosexuelle Schwarze oder ein weißer Mann – zurück in die USA, dürfte das die ohnehin schon weit voneinander entfernte Gesellschaft weiter spalten.

Gefangenentausch mit russischem Waffenhändler

In russischen Staatsmedien wird derzeit ein Gefangenentausch diskutiert. Im Zentrum des russischen Interesses steht laut der russischen Staatsagentur Tass der Waffenhändler Wiktor But. But, vom britischen Minister Peter Hain einst als "Händler des Todes" bezeichnet, wurde 2008 in Thailand verhaftet und in die USA ausgeliefert – auch die UN hatte eine Auslieferung von But vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag beantragt – und dort 2012 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Ganz zum Ärger des Kreml, der seinerseits auf eine unrechtmäßige Inhaftierung pocht. Sergej Lawrow, damals wie heute russischer Außenminister, bezeichnete das Urteil als politisch motiviert und kündigte an, alles dafür zu tun, But wieder nach Russland zu holen. Dass das russische Interesse an But nicht versiegt ist, bestätigte Paul Whelans Bruder David in einem Gespräch mit dem Radiosender NPR Ende April. Laut David Whelan sei seinem Bruder bereits kurz nach der Festnahme gesagt worden, dass er für einen Gefangenentausch mit But genutzt werden soll.

Auf Milde der russischen Justiz darf Griner derweil nicht hoffen. Ein mahnendes Beispiel dürfte dabei das Urteil gegen den ehemaligen US-Diplomaten Marc Fogel vom Freitag sein. Dieser wurde von einem Gericht in Chimki wegen "Drogenschmuggels in großem Stil" zu einer Haftstrafe von 14 Jahren verurteilt. Er wurde im August 2021 ebenso wie Griner wegen Drogenbesitzes am Flughafen Scheremetjewo festgenommen – in seinem Gepäck sollen sich elf Gramm Marihuana und acht Gramm Cannabisöl befunden haben. Fogel berief sich zwar darauf, dass ihm das Marihuana nach einer Rücken-Operation in den USA verschrieben wurde, wusste aber nicht, dass Russland die medizinische Verwendung der Droge nicht zulässt. Noch bis Mai 2021 genoss Fogel laut russischen Behörden als Angestellter der US-Botschaft in Moskau diplomatische Immunität.

Aber nicht nur das Urteil gegen Fogel zeigt, wie gnadenlos russische Gericht vorgehen. Fast 90 Prozent der Fälle werden laut der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) vor Gericht gebracht. Nicht mal ein Prozent der Fälle vor Gericht enden mit einem Freispruch. In der Kritik stehen dabei die in Russland angewandten besonderen Verfahren. In 71 Prozent der Fälle vor Gericht legen die Angeklagten in der Hoffnung auf ein mildes Urteil demnach ein Geständnis ab. Ein Urteil wird laut BPB häufig nur anhand des Geständnisses gefällt, das Urteil kann jedoch nicht angefochten werden. Als Druckmittel auf die Angeklagten dient dabei eine lange und harte Untersuchungshaft, mit der die Inhaftierten zu einem Geständnis bewegt werden sollen. Auch Brittney Griner sitzt seit vier Monaten in Untersuchungshaft, am vergangenen Mittwoch wurde diese erneut verlängert – bis zum 2. Juli. Noch besorgniserregender dürfte aber sein, dass das US-Außenministerium nichts von der Verlängerung wusste: dort erfuhr man erst durch die Medienberichte von der Verlängerung.

Quellen: ESPN, NPR, Washington Post, Sportschau, Spiegel, Tass, Bundeszentrale für politische Bildung, Die ZeitReuters


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