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Analyse

Formel 1: Was wirklich hinter den Betrugsvorwürfen gegen Mercedes steckt

Nach der fulminanten Siegesserie von Mercedes-Pilot Nico Rosberg blühen die Verschwörungstheorien, weil Teamrivale Lewis Hamilton technische Probleme plagen. Hamiltons Problem liegt allerdings ganz woanders.

Der russische Präsident Wladimir Putin überreicht Sieger Nico Rosberg die Trophäe für den Grand-Prix-Sieg in Sotschi

In Russland übernimmt der Staatspräsident höchstselbst die Siegerehrung: Waldimir Putin übergibt Sotschi-Sieger Nico Rosberg den Pokal. Links rückt Lewis Hamilton seine Cap zurecht

Auf Formel-1-Pilot Nico Rosberg wartete nach dem Rennen in Sotschi die hohe Politik: Der russische Präsident Wladimir Putin hatte sich im Aufenthaltsraum eingefunden, dort, wo die drei Siegfahrer gewogen werden und ein wenig verschnaufen, bevor es zur Siegerehrung geht. Putin stand da etwas steif mit einem Dolmetscher im Schlepptau und wartete, bis die Fahrer getrunken und sich den Schweiß aus dem Gesicht gewischt hatten. Zuerst plauschte das Staatsoberhaupt  mit dem Drittplatzierten, Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen. Dann gratulierte er dem Zweiten, Lewis Hamilton, bevor er einen längeren Small Talk mit dem Sieger des Großen Preises von Russland, Nico Rosberg, anfing. Putin betonte, wie wichtig die Formel 1 für Russland sei. Er wolle russische Talente Fahrer fördern. Über ein anderes Thema sprachen sie nicht, obwohl sich der russische Präsident damit gut auskennt: Verschwörungstheorien und die Kunst verdeckter Operationen.

Rosberg holte in Sotschi im vierten Saisonrennen den vierten Sieg, saisonübergreifend war es der siebte Erfolg in Serie. Das schaffte vor ihm nur Sebastian Vettel. Die WM-Wertung führt der Deutsche mit großem Vorsprung vor Titelverteidiger Lewis Hamilton an. Der Brite hatte in den zwei Rennen hintereinander mit Motorproblemen zu kämpfen. Prompt sprossen Verschwörungstheorien. In den sozialen Medien und unter Hamilton-Fans gab es den Tenor: Mercedes, das Team mit dem stärksten Auto, bestimmt, wer Weltmeister wird. Rosberg soll der Titel zugeschanzt werden, obwohl er der langsamere Pilot ist. Der Deutsche soll dafür belohnt werden, weil er zwei Jahre brav mitspielte und sich im Zweikampf mit Hamilton stets korrekt verhielt. Oder so ähnlich.

Lewis Hamiltons Pech ist auffällig

In der Tat ist es auffällig, wie viel Pech Hamilton im Moment hat. Zweimal hatte der Brite mit massiven Motorproblemen im Qualifying zu kämpfen, die ihn im Rennen benachteiligten. In Sotschi kamen Probleme mit dem Wasserdruck hinzu - genau in dem Augenblick, als Hamilton den Abstand auf Rosberg verkürzte. Befeuert werden die Gerüchte durch eine Maßnahme des Mercedes-Teams vor Saisonbeginn: Teamboss Toto Wolff tauschte die Techniker der Fahrer-Crews aus. Der jeweilige Technikchef und zwei weitere Mitarbeiter wechselten die Seite. Begründung: Die Konkurrenz zwischen den Piloten drohte das ganze Team zu spalten. Dass sich mit der Maßnahme das Glück Rosberg zuwandte, während der Deutsche in der vergangenen Saison noch der Pechvogel war, gab den Verschwörungstheoretikern zusätzlich Nahrung.

Hamilton selbst gießt mit zweideutigen Aussagen Öl ins Feuer: "Meine Seite der Garage hat definitiv eine harte Zeit im Moment", sagte er im britischen TV bei "Sky Sports". "Aber ich habe vollstes Vertrauen in sie. Es ist eine ungewöhnliche Situation, denn viele waren letztes Jahr noch an Nicos Auto. Nicos Jungs waren meine. Dann wurden sie aus irgendeinem Grund getauscht." Zudem laden die technisch hochkomplexen Antriebseinheiten (von einem einfachen Motor kann man in der Formel 1 nicht mehr sprechen) dazu ein, an technische Manipulationen zu glauben. Die Geschwätzigkeit im prestigeträchtigen Millionen-Zirkus trägt ihr Übriges bei.

Die Antwort der Mercedes-Verantwortlichen fiel klar aus: "Das ist Bullshit! Ich hasse solches Gerede. 1100 Leute machen gute Arbeit bei uns, sonst wären wir nie soweit gekommen. Aber menschliche Fehler passieren, wir müssen nun sicherstellen, dass sie aufhören“, polterte der Aufsichtsratsvorsitzende Niki Lauda . Toto Wolff sagte über die Unterstützung für Hamilton: "Wir reißen uns den Arsch auf, um ihm den bestmöglichen Wagen hinzustellen."

Es gibt Anlass, an der Neutralität zu zweifeln

Anlass, an der Neutralität im Team zu zweifeln, bietet Mercedes allerdings. Im Herbst 2015 war es zum Beispiel offensichtlich, dass Rosberg der Sieg in Mexiko zugeschanzt wurde. Hamilton stand als Weltmeister fest und wurde zu einem Zeitpunkt zum Reifenwechsel gezwungen, der ihn den möglichen Sieg kostete. Die Mercedes-Verantwortlichen bestritten ein Zugeständnis an Rosberg, obwohl es wenig glaubwürdig war.

Dennoch ist es Unsinn zu glauben, dass über diesen einen "unbedeutenden" Rennsieg in Mexiko hinaus ein Silberpfeil-Pilot gegenüber dem anderen bevorzugt wird. Teamchef Wolff weiß nur zu genau, dass er zwei Fahrer hat, die sich eine Ungleichbehandlung nicht gefallen lassen. Die Vergangenheit zeigt, dass ausufernde Kämpfe einem Team mehr schaden als nützen. Bei Mercedes gilt, dass der Führende im Rennen die Strategie vorgibt. In der Regel hält sich Mercedes daran. Auch der WM-Stand spielt eine große Rolle. Ein Pilot, der am Ende der Saison den größere Chance auf den Titel hat, erfährt mehr Unterstützung, und sei es nur das Ersatzteil, dass in sein Auto und nicht in das des zurückliegenden Teamkollegen eingebaut wird. Das sind vollkommen normale Vorgänge in der Formel 1.

Nico Rosberg: schlicht topmotiviert

Es sind vor allem Hamilton-Anhänger, die eine systematische Benachteiligung ihres Idols sehen. Hamilton gilt Ihnen wie vielen anderen definitiv als besserer Fahrer. Sie vergessen leicht, dass der 31-Jährige vor allem bei seinem Titelgewinn 2015 von technischen Problem bei Rosberg profitierte (da waren es die Rosberg-Fans, die eine Benachteiligung witterten). Zudem verpatzte Hamilton in den ersten beiden Saisonrennen auf der Pole Position stehend den Start und brachte sich selbst in Schwierigkeiten. Rosberg hingegen machte fahrerisch und taktisch alles richtig. In der vergangenen Saison war es oft umgekehrt. Rosberg startet häufig schwach, kam in den Verkehr und wurde abgeschossen. Wer vorneweg fährt in der Formel 1, hat einen großen Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Und: Rosberg hatte beim Rennen am vergangenen Wochenende in Sotschi ebenfalls Probleme mit dem Motor. Nur lag er zu diesem Zeitpunkt mit 14 Sekunden in Führung, so dass Hamilton nicht angreifen konnte.

Glück und Pech liegen in der technisch hochgerüsteten Formel 1 ganz dicht beieinander. Rosberg weiß, dass das Pendel schnell umschlagen kann. Er wird wieder Rennen gegen Hamilton verlieren. Vielleicht gibt es einen anderen Grund für Rosbergs aktuelle Dominanz: den Ehrgeiz. Hamilton ist bereits dreimal Weltmeister, Rosberg noch nicht. In der vergangenen Saison brach Hamiltons Leistungskurve ein, nachdem er als Weltmeister feststand. Es spricht einiges dafür, dass der Brite auch zu überheblich in die neue Saison gestartet ist, zumal er sich Rosberg überlegen fühlt. Niki Lauda beschrieb die Situation so:  Was das über Hamiltons aktuelle Form aussagt, ist offensichtlich.

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