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1. Bundesliga: Fünf Fragen an das Topspiel der Bundesliga

So aufregend der Abstiegskampf oder das Rennen um die Europa League auch sein mögen, in dieser Woche überstrahlt eine Partie alles. Vor dem Topspiel in Dortmund geht es um das fehlende Charisma von Christian Nerlinger, einen Vergleich zwischen Jürgen Klopp und Otto Rehhagel sowie die Breite der Kader.

Besondere Spiele erfordern besondere Maßnahmen. Wir stimmen Sie vor dem Topspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München mit einer Sonderausgabe der Fünf Fragen auf den 30. Spieltag ein, wer will denn schon was über Mainz gegen Köln lesen?

1) Wird es ein echtes Spitzenspiel oder eher ein Langweiler?

Es ist ein Spiel der Superlative: Laut BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hätten die Dortmunder 450.000 statt der erlaubten 80.000 Karten verkaufen können. Die Borussia ist seit 23 Spielen ungeschlagen, die Bayern haben wettbewerbsübergreifend die letzten neun Partien gewonnen. Bundestrainer Joachim Löw kann gleich 16 Kandidaten für seinen EM-Kader beobachten und zusammen haben beide Teams bereits 135 Tore in der Bundesliga erzielt.

Doch ist es im Fußball nicht wie im wahren Leben? Je größer die Vorfreude, desto tiefer fällt die Kinnlade beim Auspacken des Pakets. Der Ausgangslage zufolge könnten gerade die Dortmunder abwartend spielen, ein Remis würde trotz des schweren Restprogramms für die Titelverteidigung des BVB sprechen. Doch Trainer Jürgen Klopp versucht uns diese Angst zu nehmen: "Ich habe noch nie auf Unentschieden gespielt. Ich weiß gar nicht, wie das geht", sagte Klopp am Tag nach dem 3:1-Sieg in Wolfsburg.

Tatsächlich ziehen die Dortmunder in der Regel von der ersten Minute an ihr laufintensives Pressing auf, völlig egal wie der Gegner heißt. Einzig in der Champions League gegen Olympiakos Piräus rückte Klopp von dieser Taktik ab, das brachte den einzigen Saisonsieg in der Königsklasse.

Die Bayern kultivieren das frühe Vollgas noch erfolgreicher, Mario Gomez' 1:0 gegen Augsburg war bereits der 14. Treffer in der Anfangsviertelstunde. Andererseits haben sich die Münchner auch einige Male schwer getan, wenn das frühe Tor eben nicht fallen wollte.

Doch selbst wenn das große Spektakel ausbleiben sollte, für Freunde der Taktik-Analysen wird das Spiel viele Facetten bereithalten. Schafft es der BVB wieder, die Außen der Münchner aus der Partie zu nehmen? Welche Doppelsechs ist dominanter? Kurbeln Mats Hummels oder Holger Badstuber das Spiel besser an? Langeweile wird also nicht aufkommen. Apropos Spektakel: Die Zeiten der Verbal-Attacken scheinen vorbei zu sein.

2) Warum ist es vergleichsweise ruhig?

Was waren das für Zeiten, als Christoph Daum, Willi Lemke oder Michael Meier auf Sticheleien aus München reagierten oder eigene Giftpfeile aus dem Köcher holten. Für die Medien ist es im Vorhinein ein eher langweiliges Spitzenspiel, das Verhältnis ist von gegenseitigem Respekt geprägt.

Die O-Töne waren entweder langweilig (Watzke via Sky: "Wir haben extremen Respekt vor den Bayern"), an den Haaren herbeigezogen (Nerlinger vis Bild: "Es könnte sich zwischen Bayern und Dortmund ein Duell entwickeln wie in Spanien zwischen Real und Barca"), besonders langweilig (Rummenigge via Merkur: "Es wird ein Spiel auf Augenhöhe.") oder unfassbar einleuchtend (Hummels: "Wenn wir gewinnen, glaube ich nicht, dass wir uns das noch nehmen lassen.")

Während auf Dortmunder Seite Bescheidenheit und Understatement mittlerweile als eigener Paragraf in die Mitgliedsanträge aufgenommen werden könnten, leidet die Münchner Mia-san-mia-Mentalität am uncharismatischen Auftritt von Manager Christian Nerlinger. Die Kampfansagen des Hoeneß-Nachfolgers wirken stets hölzern, die verbalen Fußstapfen sind aber auch besonders groß.

3) Stellt King Klopp einen Rekord von König Otto ein?

Ausfüllen könnte die Fußstapfen, zumindest von der medialen Aufmerksamkeit her, wohl nur Jürgen Klopp. Der Dortmunder Trainer ist lebhaft, theatralisch, sprintet für einen Torjubel schon mal über den halben Platz und haut Woche für Woche Sprüche heraus. Außerhalb der Dortmunder Fangemeinde wächst bereits der Frust über Klopp, zu präsent wirkt der Meistertrainer.

Aus sportlicher Sicht kann Klopp mit seiner Mannschaft nach drei Siegen in Serie gegen die Münchner eine historische Marke einstellen. Erst einmal in der Geschichte der Bundesliga hat es ein Verein geschafft, vier aufeinander folgende Spiele gegen den FC Bayern zu gewinnen. In den Jahren 1991 bis 1993 schaffte Otto Rehhagel mit Werder Bremen dieses Kunststück – in dieser Zeit waren die Bayern drei Mal in Folge nicht Deutscher Meister.

4) Wer hat die bessere Bank?

So langsam wird es aber Zeit, wieder auf sportliche Aspekte einzugehen. Bayern-Coach Jupp Heynckes hat in den vergangenen Wochen zwar einige Male rotieren lassen, doch wie Klopp hat er eine Stammelf gefunden, die nur in Nuancen verändert wird. Ansonsten heißt es gerne, der Kader der Bayern wäre in der Breite etwas besser aufgestellt, doch ist das wirklich so?

In der Viererkette darf auf beiden Seiten nichts passieren. Mit Felipe Santana auf Dortmunder und Daniel van Buyten auf Bayern-Seite gibt es jeweils nur eine ernsthafte Alternative in der Innenverteidigung, beide fehlten zuletzt aber verletzt. Beim BVB spielen auf Außen fast immer Lukasz Piszczek und Marcel Schmelzer, die Vertreter Patrick Owomoyela und Chris Löwe können das Niveau auch nicht halten. Bei den Bayern hat sich mit der Rückversetzung von David Alaba eine neue Wunschformation gefunden, hier gibt es mit Rafinha zumindest einen namhaften Ersatz.

Im defensiven Mittelfeld stehen in beiden Teams vier großartige Spieler zur Verfügung, auf Dortmunder Seite ist aber überhaupt kein Leistungsabfall zu erkennen, egal ob Sebastian Kehl, Sven Bender, Ilkay Gündogan oder sogar Moritz Leitner auflaufen – Vorteil BVB.

In der offensiven Dreierreihe ist der Stamm der Bayern mit Franck Ribéry, Arjen Robben, Thomas Müller oder Toni Kroos stärker einzuschätzen als die Borussia. Dahinter drängt sich aber kein weiterer Spieler auf, außer Alaba wird wieder nach vorne gezogen. Reicht es bei Mario Götze doch noch für die Bank, hat der BVB – neben Kuba, Kevin Großkreutz, Ivan Perisic und Shinji Kagawa – auch hier etwas mehr Gestaltungsspielraum, zumal auch Robert Lewandowski eine Position nach hinten rücken kann.

Damit wären wir bei den Stürmern angelangt. Ivica Olic und Lucas Barrios haben ihre Bundesliga-Tauglichkeit schon häufig unter Beweis gestellt, in dieser Saison will aber bei beiden nur wenig funktionieren. Insgesamt wirkt der Kader der Dortmunder somit etwas homogener.

5) Kann der BVB die Bayern dauerhaft als Nummer eins ablösen?

Zum Abschluss wagen wir noch einen Ausblick in die Zukunft. Der BVB steht im zweiten Jahr in Folge an der nationalen Spitze, hat mit fast allen Leistungsträgern langfristige Verträge abgeschlossen und die Altersstruktur der Mannschaft lässt einen Einbruch in den kommenden Jahren unwahrscheinlich erscheinen.

Verletzungen, Formkrisen oder atmosphärische Störungen sind trotzdem möglich, eine definitive Aussage ist in dieser Frage nicht zu treffen. Für die Bayern ist es im Grunde auch egal, wirkliche Alleingänge haben sie bei all ihrer Dominanz nur selten hinbekommen. Das Schlusswort gehört BVB-Geschäftsführer Watzke: "Bayern ist uns wirtschaftlich um Lichtjahre voraus."

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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