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100 Tage van Gaal: Das Einhorn von Amsterdam

Seit mehr als drei Monaten trainiert Louis van Gaal den FC Bayern. Konstante Leistungen zeigt die Mannschaft nicht unter dem Coach, der in München als Ausnahmekönner präsentiert wurde. Tatsächlich sind die Ergebnisse der Bayern nicht besser als unter Jürgen Klinsmann.

Von Stefan Osterhaus

Zweifel kennt er nicht. "Sie können mich rauswerfen, und dann? Es gibt keinen Trainer mit einem besseren Lebenslauf", ist van Gaal sich sicher. Ganz gleich, was ihn am Samstag in Freiburg erwartet, der selbstbewusste Niederländer wird nicht müde, den Leuten mitzuteilen, dass er der Coach schlechthin sei. Und wenn es momentan noch nicht so liefe bei den Münchenern, nun ja, dann brauche es eben doch noch ein wenig Zeit, bis die beabsichtigten Veränderungen griffen. So etwas ginge ja nicht von heute auf morgen. Zwischenbilanzen aber sind schon gezogen worden; 100 Tage Louis van Gaal wurden in München so aufmerksam analysiert, wie sonst nur eine Wahlniederlage der CSU auf kommunaler Ebene.

Seit mehr als drei Monaten sitzt Louis van Gaal nun auf der Bayern-Trainerbank. Und er ist ungefähr genauso gut wie sein Vorgänger Jürgen Klinsmann, der zum selben Zeitpunkt ebenfalls im Mittelfeld der Tabelle herumlungerte und die Kämpfe um Spitzenränge nur mit dem viel zitierten Fernrohr beobachten konnte. Acht Punkte Rückstand trennen die Bayern von Leverkusen und dem HSV. Das direkte Duell mit den Hamburgern verlor van Gaals Mannschaft mit 1:0.

Der Trainer polarisiert wie seine Mannschaft

Selten ist ein Trainer mit so viel Tamtam empfangen worden, wie der Mann, der mit Ajax 1995 die Champions League gewann. Jupp Heynckes, der den Bayern auf den letzten Drücker nach dem Klinsmann-Rauswurf aus der Patsche half, gab den Tipp: An der Isar könne man, nach dem glanzlosen Kapitel mit dem vermeintlichen Radikal-Reformer Klinsmann, einen Mann gut vertragen, der Fußball zu lehren versteht. Und so wurde van Gaal empfangen wie die Reinkarnation Ernst Happels. Bisher zeitigen die Lektionen des Meisters aus Holland allerdings nur bescheidenen Erfolg. Glanzleistungen wie gegen Wolfsburg und Dortmund paarten die Bayern mit berechenbaren Spielen wie gegen Köln oder den HSV. Ebenso bitter: Vorjahres-Retter Heynckes gibt in Leverkusen einen großen Fußball-Lehrer im Alex-Ferguson-Stil und grüßt mit der Werkself von der Tabellenspitze.

Van Gaal dagegen polarisiert. Pünktlich zum Ablauf der Schonfrist sind ihm lange Portraits gewidmet worden, Texte, wie sie sich andere Erfolgstrainer erst nach Jahren verdienen. Und die Berichte hatten einen ganz eigenen Tonfall. Wer Antworten auf die sportlichen Fragen sucht, liest die Portraits vergeblich. Vielmehr findet der Leser Psychogramme vor. Stur und unbeugsam sei er, dazu ernst und wenig einfühlsam. Respekt vor Namen kennt van Gaal jedenfalls nicht. In Luca Toni, Mario Gomez und Miroslav Klose schmoren Stürmer auf der Reservebank, die jedem Spitzenklub weiterhelfen könnten.

Van Gaals Biografie heißt "Biografie und Visionen"

Referenzen leistet van Gaal vor allem gern an die eigene Adresse. Die Länderspielpause hat er ganz für sich selbst genutzt. Er fuhr in die Heimat und präsentierte ein Buch: Seine Biografie, die den prägnanten Titel "Biografie und Visionen" trägt. Darin erläutert van Gaal nicht nur, wie aus ihm wurde, was er ist. Ausführlich legt er zudem dar, wie nach seiner Ansicht der einzig wahre Fußball gespielt werden soll. Für seinen Auftritt wählte der 58-Jährige nicht irgendeine Großbuchhandlung, nein, van Gaal empfing ein großes Aufgebot der holländischen Fußballprominenz in der Amsterdam-Arena.

Zudem präsentierte er ein Wappen, das seine Initialen trägt, ein Ritterschild wie ehedem im Mittelalter, auf dem eine sonderbare Silhouette prangt, und nicht wenige glaubten in ihrer Ratlosigkeit, der Maestro habe sich da ein seit vielen Jahrhunderten ausgestorbenes Wappentier ausgesucht. Doch wer ganz genau hinschaute, der erkannte weder das Einhorn von Amsterdam noch den Wolpertinger von Fröttmaning, sondern Nase und Haartolle des profilierten Louis, der sich mit seinem Auftritt selbst in den Ritterstand erhob.

Man darf sich fragen, welche Nummer Uli Hoeneß gewählt hätte, wenn Jürgen Klinsmann im vergangenen Jahr nach Kalifornien gejettet wäre, um dort seine Biographie mit dem Titel "Klinsmann. My Life. My Vision" vor eigenem Wappenschild im Stadion der Los Angeles Galaxy zu präsentieren. Undenkbar.

Doch der Bayern-Macher Hoeneß hält angesichts der Eskapaden des Niederländers die Füße bemerkenswert still. Dessen Kredit in München scheint unermesslich zu sein. Anscheinend ist Uli Hoeneß auch nach der Ära Klinsmann von Visionen nicht geheilt. Die Frage, die sich nach 100 Tagen van Gaal in München stellt, ist nur: Welches Konzept von Fußball hat van Gaal? Auf dem Platz wurden in München jedenfalls noch nicht allzu viele Lösungen gesehen.

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