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Bundesliga-Check: Bayer Leverkusen Vorne Klasse, hinten Risiko


Bayer 04 hat den Spottbegriff "Vizekusen" als Marke schützen lassen. Der neue Trainer Robin Dutt aber kommt mit dem Anspruch, die Leverkusener endlich zu Titeln zu führen. Doch in der kommenden Saison wird das wohl (noch) nicht klappen.
Von Dieter Hoß

Schon vor Beginn der Saison hat der ewige Zweite einen Sieg über den FC Bayern errungen - wenigstens einen kleinen. Nach Trainer Jupp Heynckes wechselte nicht auch noch Mittelfeldstar Arturo Vidal von Bayer Leverkusen nach München. Halten konnten die Rheinländer den Chilenen zwar nicht, doch wenigstens ging Plan B auf: Wenn wir ihn nicht haben können, dann soll ihn auch kein anderer in der Bundesliga haben - schon gar nicht die Bayern. Vidal spielt künftig bei Juventus Turin.

Was ist neu?

Mit ihm hat Bayer den stärksten defensiven Mittelfeldspieler der Liga verloren – Vidal war in der vergangenen Saison ein Garant für Stabilität, besonders stark im Spielaufbau und mit zehn Treffern auch noch torgefährlich. Keine Frage, der umworbene 24-Jährige war eine zentrale Figur im Bayer-Gefüge. Dennoch sollte die Mannschaft in der Lage sein, den Verlust aufzufangen. Doch dazu später.

Stark aufgerüstet hat Bayer im Sturm mit Jung-Nationalspieler André Schürrle. Acht Millionen Euro hat die "Werkself", wie es nach dem Aus des Ex-Sponsors Teldafax nun auf den Trikots steht, für das Supertalent an Mainz 05 überwiesen. Die Abwehr verstärken sollen Innenverteidiger Ömer Toprak (vom SC Freiburg kommend) und Bastian Oczipka, der als Leihspieler beim Absteiger St. Pauli auf der linken Außenbahn eine gute Figur machte.

Der neue Übungsleiter Robin Dutt kommt aus Freiburg, wo er bewiesen hat, dass er in große Fußstapfen treten kann. Im Breisgau übernahm er den Posten von der dortigen Instiution Volker Finke und etablierte den kleinen Vorzeigeclub nicht nur in der 1. Liga, sondern führte ihn in der vergangenen Saison sogar fast in die Europa League. Auch jetzt scheut sich Dutt nicht, einem Großen der Zunft zu folgen. Erstmals übernimmt der 46-Jährige eine Top-Mannschaft und löst dabei mit Jupp Heynckes wieder einen Top-Trainer ab.

Was ist gut?

Wie mit Freiburg will Robin Dutt auch mit Leverkusen vorankommen. Das kann bei Bayer 04 nur heißen, endlich einmal die Nummer 1 zu werden. Der in Köln geborene, aber im Schwabenland aufgewachsene Coach hat schon deutlich gemacht, dass er sich vom "Vizekusen"-Virus nicht anstecken lassen will. Dutt hat gezeigt, dass er feinen und erfolgreichen Fußball spielen lassen kann. Deshalb hat Leverkusen ihn geholt. Zum ersten Mal hat Dutt gute Voraussetzungen, ganz oben mitzumischen - aber zum ersten Mal auch einen erhöhten Druck.

Seit Jahren hat Leverkusen mit den besten und vor allem den breitesten Kader in der Liga. Selbstbewusstsein und Anspruch stimmen bei den Rheinländern. Mit Schürrle verfügt die Mannschaft nun über einen Spieler, der mit unwiderstehlichem Antritt und präzisem Schuss von der Strafraumgrenze ein Spiel alleine aus dem Feuer reißen kann. Gemeinsam mit Nationalspieler Stefan Kießling und dem Schweizer Eren Derdiyok bildet Schürrle einen starken Sturm.

Noch besser: das Mittelfeld. Renato Augusto, Sidney Sam oder Tranquillo Barnetta sorgen zusätzlich für Torgefahr und wissen zudem die Stürmer einzusetzen. Und defensiv hat Bayer mit Nationalspieler Simon Rolfes, Lars Bender und Michael Ballack drei starke Sechser im Kader, die den Verlust von Vidal kompensieren. Möglicherweise nimmt der Weggang des Chilenen sogar etwas Druck vom Team, ist nun doch eventuell Platz für Ballack, dessen Schattendasein im vergangenen Jahr ständiger Quell der Unruhe war. Allerdings wie gesagt nur eventuell: Ballack muss sich als Sechser erst noch gegen Youngster Bender durchsetzen, Rolfes ist gesetzt.

Schnelles Umschalten und geistesgegenwärtige Spieleröffnung sind im Bayer-Spiel ohnehin gang und gäbe.

Was ist schlecht?

Eine Risiko-Zone hat Bayer allerdings: die Abwehr. Mit Toprak (22), Daniel Schwaab (23), Stefan Reinartz (22) und Michal Kadlec (27) hat die Dutt-Elf eine relativ junge und für die hohen Ansprüche - vor allem in der Champions League - recht unerfahrene Defensive beisammen. Oczipka (22) oder Gonzalo Castro (24) heben den Altersschnitt nicht. Manuel Friedrich (32) ist der einzige erfahrene Abwehr-Haudegen, war aber schon vergangenes Jahr zweite Wahl. Beim blamablen 3:4-Pokal-Aus in Dresden machte Toprak zudem den Eindruck, dass er in die Rolle des Abwehrchefs noch hineinwachsen muss.

In Dresden offenbarte sich auch, dass Bayer – zumindest vorerst – ein ernstes Torwartproblem hat. David Yelldell, als zweiter Mann vom MSV Duisburg geholt, wirkt unsicher, steht aber derzeit im Kasten. Nationalkeeper René Adler kann nach einer Knieoperation noch längere Zeit nicht spielen. Außerdem: Seit ihn eine Verletzung an der WM-Teilnahme in Südafrika hinderte, hat er nie wieder zu der Klasse gefunden, die ihn seinerzeit zur Nummer 1 der deutschen Torhüter machte. Die herausragenden Paraden sind selten, Unsicherheiten häufiger geworden. Ob Adler nach der neuerlichen Verletzung wieder zu alter Stärke zurückfinden wird, ist unsicher. Angeblich sucht Bayer bereits nach einem weiteren Torhüter. Timo Hildebrand ist unter den Namen, die gehandelt werden. Dass der Verein das "Vizekusen" rechtlich hat schützen lassen, belegt einen gehörigen Schuss Selbstironie. Es zeigt aber auch, dass rund um die BayArena das Gefühl existiert, dass dieser Begriff zum Verein passt. Ob das der richtige Ansatz ist, den Fluch des ewigen Zweiten zu überwinden?

Was ist möglich?

Auch wenn sich einige Probleme andeuten: Leverkusen hat insgesamt einen qualitativ so hochwertigen Kader, dass die meisten Bundesliga-Konkurrenten nur neidisch sein können. Obwohl es in der Defensive für allerhöchste Ansprüche etwas an Erfahrung mangelt, wäre alles andere als ein Platz unter den ersten vier - und damit eine Qualifikation für die Champions League - eine herbe Enttäuschung.


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