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Champions-League-Qualifikation: Werder braucht Charakter

Für Werder Bremen steigt am Abend in der Champions-League-Qualifikation bei Sampdoria Genua bereits das wichtigste Spiel des Jahres. Die Vorzeichen stehen nicht gut, auch wenn das Hinspiel mit 3:1 gewonnen werden konnte.

Von Klaus Bellstedt

Die neue Fußball-Saison ist erst wenige Tage alt, aber für Werder Bremen steht das wichtigste Spiel des Jahres bereits am Dienstagabend auf dem Programm. Im Qualifikationsrückspiel zur Champions League müssen die Grün-Weißen am Abend (ab 20.45 Uhr live bei Sat1 und Sky) bei Sampdoria Genua antreten. Dabei gilt es, einen 3:1-Vorsprung aus dem Hinspiel zu verteidigen. Das Polster hätte dicker sein können. Vor sechs Tagen im Weserstadion führte die Mannschaft bis kurz vor Schluss mit 3:0 und bot dabei phasenweise hochklassigen Fußball. Eine Unaufmerksamkeit von Abwehrchef Per Mertesacker, der in der 90. Minute Genuas Stürmer Pazzini nicht am Kopfball hindern konnte, ermöglichte den Italienern dann aber doch noch dieses eine, aus Bremer-Sicht so gefährliche Gegentor.

Die Schlafmützigkeit von Werders Abwehrchef könnte den Club richtig viel Geld kosten. Circa 15 Millionen Euro netto würden Klaus Allofs durch die Lappen gehen, sollte die Qualifikation für die Gruppenphase der Königsklasse des europäischen Vereinsfußballs doch noch verpasst werden. Vier Tore mehr als Werder hätte "Samp" erzielen müssen, jetzt reicht der Mannschaft von Trainer Domenico di Carlo bereits ein 2:0-Erfolg, um sich in der Endabrechnung durchzusetzen. Und die Chancen dafür könnten für die Italiener kaum besser stehen - auch weil Werder die Reise über die Alpen personell geschwächt antreten musste.

Neben dem langzeitverletzten Abwehrspieler Naldo werden im "Stadio Comunale Luigi Ferraris" auch Mittelfeldakteur Aaron Hunt und Angreifer Hugo Almeida fehlen. Zwei Ausfälle, die schmerzen, weil beide in der neuen Saison von Trainer Thomas Schaaf als Stammspieler vorgesehen waren. "Das trifft uns hart, weil wir keinen Kader haben, wo wir sagen können: Jetzt zaubern wir mal den Nächsten aus dem Hut", sagt Manager Klaus Allofs und ergänzt: "Aaron war in einer super Verfassung - und auch Hugo hat im Hinspiel überzeugt."

Dass die peinliche 1:4-Bundesliga-Niederlage bei 1899 Hoffenheim am vergangenen Wochenende negative Nachwirkungen haben könnte, fürchten die Bremer offenbar nicht. "Die Bundesliga ist eine Sache, die Champions League eine andere", sagte Claudio Pizarro bei der Pressekonferenz am Montagabend im Stadion. "Ich glaube nicht, dass wir so viele Tore kriegen." Schaaf pflichtete dem Stürmer bei: "Ich mach' mir weniger Sorgen wegen der Partie in Hoffenheim."

Systemwechsel bei Werder

Keine Sorgen wegen Hoffenheim, aber sehr wohl Respekt vor der Kulisse in der seit Wochen ausverkauften Arena in Genua, die als eine der stimmungsvollsten in ganz Italien gilt. "Dass da die Post abgeht, weiß jeder. Sie treten zu Hause ganz anders auf und haben dort in der letzten Saison auch die meisten ihrer Punkte eingefahren", weiß Werder-Stürmer Marko Arnautovic, der von Inter Mailand gekommen war. "Das ist ein Hexenkessel", urteilt auch Allofs. "Genua wird gleich Druck aufbauen und versuchen, mit den Fans im Rücken eine Atmosphäre aufzubauen, auf der sie schweben und von der sie getragen werden", glaubt Trainer Thomas Schaaf. Und Sebastian Boenisch ahnt: "Wenn man gesehen hat, wie die 3.000 Genua-Fans in Bremen abgegangen sind, kann man sich vorstellen, was uns da erwartet. Das wird ein heißer Tanz, da müssen wir Ruhe bewahren."

Genau deshalb liebäugelt Schaaf offenbar mit einer defensiveren Taktik als dem zuletzt praktizierten 4:4:2. "Darüber mache ich mir noch Gedanken", meinte der Coach. Anbieten würde sich die Rückkehr zum erfolgreichen 4:2:3:1-System aus der Vorsaison. Claudio Pizarro als einzige Spitze, dahinter eine mehr oder weniger offensive Dreierreihe mit Marko Arnautovic (rechts), Tim Borowski (Mitte) und Marko Marin (links), dazu eine "Doppelsechs" mit Kapitän Torsten Frings und Philipp Bargfrede zur besseren Absicherung. Möglich zudem, dass Boenisch den zuletzt schwachen Petri Pasanen hinten links ersetzt.

Aber egal welches System der Trainer der Grün-Weißen auch spielen lässt, in Genua wird es in erster Linie auf die Einstellung der Bremer Spieler ankommen. "Wichtig ist dann die Interpretation als Mannschaft, und was man aus den einzelnen Positionen macht", sagt denn auch Schaaf. Mit Alibi-Zweikämpfen im Mittelfeld und Nachlässigkeiten im Defensivverbund, die das Team immer mal wieder im Repertoire hat, wird man in Genua die nächste Bauchlandung erleben. Dort zu bestehen und den auch für die Liga so wichtigen Einzug in die Champions-League-Gruppenphase perfekt zu machen, ist für Werder vor allem eines: eine Charakterfrage.

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