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EM 2012: Deutschland für die EM qualifiziert

Seine Madrider Teamkollegen nennen ihn "Nemo". Bei seiner Rückkehr nach Gelsenkirchen bewegte sich Mesut Özil wie ein Fisch im Wasser und erzielte zweieinhalb Tore gegen Österreich. Nach einer Weltklasseleistung ist Deutschland für die EM 2012 qualifiziert.

Dank eines begeisternden 6:2-Sieges über Österreich hat Deutschland sich vorzeitig für die EM in Polen und der Ukraine qualifiziert. Mesut Özil erzielte zwei Tore, Miroslav Klose, Lukas Podolski, André Schürrle und Mario Götze trafen ebenfalls. Die Bundesligaprofis Marko Arnautovic und Martin Harnik verkürzten zwischenzeitlich für die Gäste.

Die beiden Gegentore können nur von Berufsnörglern beklagt werden, für die auch das volle Glas noch halb leer ist. Jetzt hat Joachim Löw Zeit, die offenen Fragen hinsichtlich der Besetzung im Mittelfeld und der Stabilität in der Viererkette anzugehen.

Die verbleibenden Begegnungen in der Türkei und gegen Belgien sind nun ebenso Testspiele für den DFB wie das Freundschaftsspiel in Polen in der kommenden Woche. Wesentlich grotesker ist nach diesem Abend aber der Fakt, dass Österreich sich theoretisch noch qualifizieren kann.

Klose für Gomez

Joachim Löw musste auf Mario Gomez verzichten, der in der Sturmspitze durch Miroslav Klose vertreten wurde. Ansonsten spielte fast genau die Mannschaft, die beim letzten Qualifikationsspiel in Aserbaidschan die Startelf gebildet hatte - mit dem Unterschied, dass Philipp Lahm wieder hinten links spielte, Bastian Schweinsteiger kam zurück ins Team für Dennis Aogo.

Didi Constantini änderte seine Elf gegenüber dem Hinspiel in Wien auf drei Positionen. Der Salzburger Innenverteidiger Franz Schiemer spielte an Stelle von Paul Scharner neben Emanuel Pogatetz, der Neu-Hannoveraner Daniel Royer ersetzte Stefan Kulovits und Marko Arnautovic gab anstelle von Erwin Hoffer die einzige echte Spitze.

Vom Anpfiff weg war der Klassenunterschied, der im Hinspiel noch gar nicht so klar geworden war, überdeutlich. Mit spielerischen Mitteln kam die deutsche Mannschaft, die bei Ballbesitz wie gegen Brasilien ein 4-1-4-1 aufbot, immer wieder zum Abschluss. Christian Fuchs hatte in seinem Schalker Heimstadion immer wieder das Nachsehen gegen Thomas Müller, und Florian Klein sah auf der anderen Seite der Viererkette nicht viel besser aus.

Liebesgrüße aus Österreich

Kombiniert mit einem unsicheren Keeper Christian Gratzei und Schiemer, der per Kopf schon nach acht Minuten eine Schweinsteiger-Flanke vor Özils Füße köpfte, ergab das leichtes Spiel für die DFB-Elf, für die Özil es sich nicht nehmen ließ, Schiemers Geschenk mit einem Schuss in die rechte Ecke zu beantworten - von Klose noch leicht abgefälscht. Gratzei war möglicherweise die Sicht verdeckt, was der Grazer Keeper bei den weiteren Gegentoren aber nicht geltend machen konnte.

Nach einem beeindruckenden Antritt durchs Mittelfeld spielte Özil einen Doppelpass mit Klose, der den Ball an der Strafraumgrenze nur abtropfen ließ, Schiemer verlor die Balance, und Özil konnte den vielleicht etwas zu früh am Boden liegenden Gratzei umkurven, bevor er ins leere Tor einschob. Da war die Hälfte der ersten Halbzeit gespielt, aber auch erst die Hälfte der Tore vor der Pause gefallen.

Fünf Minuten nach dem zweiten Tor gelang es Holger Badstuber, mit einem doppelten Doppelpass Lukas Podolski in Schussposition zu bringen. Nun hält Podolski manche Situationen für Schusspositionen, die andere nicht zum Abschluss einladen, aber in diesem Fall hatte der Kölner nur noch Gratzei vor sich, und das war heute nicht viel. Direkt am Standbein des Torhüters vorbei vollstreckte Poldi aus spitzem Winkel.

Eddie the Eagle auf dem Rasen

Österreichs Defensive war so erbarmungswürdig überfordert wie einst Eddie the Eagle am Berg Isel, aber auch die deutsche Defensive stand nicht immer sicher. Kapitän Philipp Lahm etwa war schon in der Anfangsphase einmal von Ekrem Dag überlaufen worden, was Mats Hummels mit einer starken Rettungstat vor dem einschussbereiten Martin Harnik ausbügeln musste. 

Lahm war es auch, der kurz vor der Pause eine Flanke von Klein zuließ, die Arnautovic in der Mitte mit einem Kopfballtor verwertete, weil er sich im Luftduell mit Badstuber zu behaupten wusste. Eigentlich nicht mehr als eine Fußnote, hätte nicht Arnautovic auch das zweite österreichische Tor vorbereitet, als er sechs Minuten nach Wiederanstoß über Kopf Harnik bediente. Der stand nicht im Abseits, weil zwar Hummels, Badstuber und der in der Pause eingewechselte Jerome Boateng vorgerückt waren, nicht aber Lahm. So konnte der Stuttgarter aus zehn Metern einnetzen.

Da hatte Özil inzwischen allerdings inzwischen schon sein nächstes Tor markiert. Nach einer österreichischen Standardsituation am deutschen Strafraum konterte die DFB-Elf schnell, Klose gewann ein Kopfballduell, Müller verlängerte mit dem Hinterkopf schön in den Lauf des schnell gestarteten Özil, und der setzte sich gegen Fuchs durch, bevor er am schon wieder nicht ganz chancenlos wirkenden Gratzei vorbei einschob.

Auch die Joker treffen noch

Damit war der Torreigen zwischenzeitlich beendet, was aber nicht an mangelnden Versuchen der Gastgeber lag. Boateng scheiterte an Gratzei, Podolski scheiterte an Gratzei, und Özil wollte zu sehr sein viertes Tor machen, anstatt den besser postierten Klose zu bedienen. Erst der eingewechselte André Schürrle konnte nach Doppelpass zwischen Müller und Klose noch einmal am Ergebnis schrauben, als er sieben Minuten vor dem Ende traf.

Und Götze, der für die letzten fünf Minuten spielte, stellte den 6:2-Endstand sicher, als er in eine wunderschöne Müller-Flanke hineinsprang und den Ball aus der Luft artistisch abnahm und ihn im rechten Winkel unterbrachte.

Welche Erkenntnisse bot der Abend auf Schalke?

1) Deutschland ist bei der EM und fährt als Mitfavorit nach Polen und in die Ukraine. Alles andere wäre bei acht Siegen aus acht Qualifikationsspielen absurd.

2) Österreich hat noch einen langen Weg vor sich, bis der ÖFB wieder auf die Qualifikation für ein großes Turnier hoffen kann. Schon im kommenden Jahr geht es bei der WM-Qualifikation wieder gegen Deutschland, das wird nicht leicht.

3) Deutschland kann auch ohne Mario Götze glänzen. Der vom Dortmunder auf seinem Stammplatz bedrohte Podolski machte ein gutes Spiel, aber auch André Schürrle. Götze kam erst für die Schlussminuten, und selbst das reichte ihm noch für ein Tor.

4) Die avisierte Variante des 4-1-4-1 mit Özil und Götze im Zentrum aber könnte gegen stärkere Teams als Österreich echte Probleme bringen. Denn Toni Kroos war in seiner Defensivarbeit neben Bastian Schweinsteiger nicht immer sicher, und hier hieß der Gegner nur Österreich. Das soll die famose Leistung von Schalke nicht schmälern. Aber gegen Spanien wird es nicht so aussehen. Da ist ein zweiter Sechser unerlässlich.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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