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Hooligan-Experte: Warum Deutschland gegen Polen ein Risikospiel ist

Hooligans haben für die Tiefpunkte der EM 2016 in Frankreich gesorgt. Auch deutsche Polizisten sind vor Ort im Einsatz. Ihr Chef erklärt im Interview den Einsatz und wie weitere Ausschreitungen verhindert werden sollen.

Ein Hooligan wird von zwei französischen Polizisten in Kampfmontur abgeführt

Nicht nur französische Polizisten müssen gegen Hooligans vorgehen - auf der Rückreise randalierten russische Hooligans in Köln

Mit Blick auf die Hooliganszene ist das EM-Spiel Deutschland gegen Polen für deutsche Polizisten ein Risikospiel. Zwölf Beamte unter anderem aus Baden-Württemberg, Thüringen und Hessen unterstützen unter Leitung von Polizeioberrat Uwe Ganz den französischen Gastgebern beim Schutz der Europameisterschaft vor Ausschreitungen. Ganz erläuterte in Paris die aktuellen Probleme.

Liegt der Grund der Ausschreitungen im Alkohol?

Es ist ein Strauß von Gründen, die zu Aggressionen führen.
Alkohol ist natürlich etwas, was enthemmt und was die Aggressionen immer steigert.

Gibt es bei der Begegnung Deutschland gegen Polen besondere Gefahren?

Das ist ein Risikospiel gegen Polen. Wir haben leider in der Vergangenheit immer wieder Auseinandersetzungen gehabt in den sogenannten Hooligan-Szenen bei diesen Begegnungen, zuletzt bei den Qualifikationsspielen in Warschau und in Frankfurt. Aber auch in den Jahren davor haben Hooligangruppen immer wieder die Auseinandersetzung gesucht anlässlich dieser Partie.

Gibt es Verabredungen zu Auseinandersetzungen?

Es gibt die sogenannten Drittortauseinandersetzungen, wo man ganz bewusst die Öffentlichkeit scheut, wo man sich lieber in einem Park oder auf einer Wiese oder sonst wo trifft. Aber wir haben hier natürlich das andere Verhalten, dass man vor den Medien, vor laufender Kamera die Auseinandersetzungen sucht. Abgesprochen, aber eben auch spontan.

Uwe Ganz, ein Mann mit grau-weißen Haaren und Halbglatze, gibt in dunkelblauer Polizeiuniform ein Interview

Unter Leitung von Polizeioberrat Uwe Ganz (M.) unterstützen zwölf deutsche Beamte die französischen Polizisten beim Schutz der Europameisterschaft vor Ausschreitungen

Sind russische Hooligans besonders brutal?

Da will ich keine Abstufungen vornehmen über die einzelnen Nationen. Fakt ist, dass es in allen teilnehmenden Nationen mehr oder weniger große Hooligan-Szenen gibt und dass von denen auch eine entsprechende Gefahr ausgeht.

Gibt es Probleme mit unterschiedlichen Einsatzstrategien?

Die Einsatzstrategie wird miteinander abgeglichen. Es gibt ein Netzwerk aus National Football Information Points (NFIP), die arbeiten seit Jahren miteinander, es gibt jährlich zwei bis drei Treffen, und natürlich sind wir mit Blick auf diese Europameisterschaft seit über einem Jahr im Gespräch und im konkreten Austausch, wie hier die Einsätze laufen sollen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Polizei der deutschen Gruppengegner?

Konkret haben wir jetzt das Spiel gegen die Ukraine hinter uns, das war eine sehr gute Zusammenarbeit. Die Zusammenarbeit mit den polnische Kollegen läuft auch gut und die Erfahrungen mit NFIP von der britischen Insel sind in der Regel auch sehr gut.

Wie läuft das beim Spiel gegen Polen?

Das ist ein typischen Einsatzverhalten, dass die Delegationen schon am Vortag aktiv sind, sich dort schon in den Szenetreffs aufhalten und Aufklärung betreiben, damit man möglichst vorbereitet dann den eigentlichen Spieltag angehen kann.

Ändert sich die Arbeit nach den Erfahrungen in Marseille?

Ich habe ein sehr erfahrenes und sehr kompetentes Team an der Seite. Natürlich muss immer gewährleistet sein, dass - wenn es zu Aggressionen kommt - die Beamten auch geschützt sind und in enger Zusammenarbeit mit den französischen Kollegen agieren können.

Gibt es gezielte Angriffe auf ihre Leute?

Man kann das nicht ausschließen, die Aufgabe meiner Beamten ist ja auch, nahe dabei zu sein, Gespräche zu führen, einzuwirken.

Oftmals sind auch sehr klare Worte gefragt. Dann muss entschieden werden, bis wann Kommunikation noch möglich ist, ab wann ein Eingriff noch möglich ist und ab wann man sich zurückziehen muss.

Greifen deutsche Beamte auch ein?

Wir ziehen uns nicht zurück, wir informieren und unterstützen. Aber auch in Frankreich hat nur der Gastgeber Eingriffsbefugnis. Auswärtige Beamte können nur beraten, informieren, begleiten.

Arbeiten eingeschleuste Beamte in den Gruppen, gibt es Polizei-Hooligans?

Nein, auf keinen Fall. Es gibt zivile Kräfte, die wir im Einsatz haben, aber keine V-Leute. Insgesamt sind wir zwölf, zwei davon sind im internationalen Lagezentrum, zehn sind vor Ort: Zwei in Uniform, die anderen Beamten sind in Zivil tätig.

Kennt man sich?

So wie meine Beamten die Szene kennen, kennt die Szene meine Beamten. Ob wir da nun in Uniform auftauchen oder in Zivil, man grüßt sich, man nickt sich zu und sagt: Da seid ihr wieder.

Kann der Ausschluss eine Mannschaft Hooligans abschrecken?

Da bin ich nicht davon überzeugt. Ich glaube nicht, das Hooligans auf die DFB-Gerichtsbarkeit oder Urteile des Uefa-Sportgerichts reagieren. Es ist eine Aufgabe der Verbände, auf das Fan-Verhalten einzuwirken.

Werden Einsätze gefeiert?

Bilder, wie wir sie im Internet gefunden haben, sind zum Teil eine Aufforderung, zu kommen. Weil man da sieht: Da ist etwas los, da gibt es einen Gegner, mit dem man sich messen kann. Deshalb unternehmen wir auch alles etwa mit verschärften Grenzkontrollen, mit Meldeauflagen, mit Gefährderansprachen, dass Störpotenzial gar nicht erst nach Frankreich kommt.

Was heißt das konkret?

In Deutschland haben wir über 700 Gefährderansprachen durchgeführt. Also da schellen Beamte und sagen: Bleib besser zu Hause. Das wird auch schriftlich ausgehändigt, dass er mit Sanktionen zu rechnen hat, wenn er dem nicht nachkommt.

tkr/Gerd Roth / DPA

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