HOME

Europapokal-Blamage: Der deutsche Jammer

Die Bayern spielen Remis gegen den Vorletzten aus England, Stuttgart fliegt aus der Champions League und Bremen verliert gegen den 15. der italienischen Serie A. Das schlechte Abschneiden im Europapokal ist ein Armutszeugnis für die Bundesliga - und mitnichten nur eine Frage des (Fernseh-)Geldes.

Von Frank Hellmann

Wer die Bilder sah, dem schwant für die Zukunft beinahe Fürchterliches. Victor Anichebe, ein 19-jähriger Nigerianer des FC Everton, lässt die gesamte Abwehr des 1. FC Nürnberg stehen und freut sich. Kevin Davies, ein 30-Jähriger der Bolton Wanderers, feuert Bayern-Torwart Oliver Kahn den Ball durch die Beine und jubiliert in der Münchner Arena.

Tommasso Rocchi, ein 30-Jähriger Italiener schießt gegen Werder Bremen zwei Tore und triumphiert allein für Lazio Rom. Hatem Ben Arfa, 20-jähriges Supertalent von Olympique Lyon, dribbelt die Statisten des deutschen Meisters VfB Stuttgart schwindlig. Bloße Momentaufnahmen in Uefa-Cup und Champions League oder deutliche Vorboten einer düsteren Europapokal-Zukunft des deutschen Fußballs? Eher wohl letzteres.

Wer die Kommentare hörte, dem dröhnen die Worte der gewichtigen Herren nachhaltig in den Ohren. "Wir laufen Gefahr, noch stärker unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren", mahnt Franz Beckenbauer. "Das ist im internationalen Vergleich sehr enttäuschend. Man muss sich ernsthaft Gedanken machen", warnt Joachim Löw. Günter Netzer oder Lothar Matthäus skizzieren unvermeidliche Untergangsszenarien. Die Ursachen für den seit Jahren an der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa abzulesenden Absturz der Fußball-Bundesliga sollen pekuniärer Natur sein. Denn: Alle reiten auf dem Umstand herum, den Stuttgarts Manager Horst Heldt ("Wenn ein Aufsteiger in die Premiere League 40 Millionen Euro erhält und der VfB als deutscher Meister 26 Millionen, dann hinkt die Sache") oder Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge ("In dieser Zeit haben deutsche Vereine überhaupt keine Chance: Es ist exklusiv das Geld entscheidend") beklagen.

Die Deutsche Fußball-Liga bindet sich gerade für sechs Jahre an den Vermarkter Leo Kirch und garantiert statt 440 Millionen jährlich bald 539 Millionen (von 2009 bis 2012) und 614 Millionen (von 2012 bis 2015). Aber schließt das die Lücke zu England, Italien oder Spanien? Gewiss nicht, wie die DFL selbst in schönen Schaubildern zeigt - der Vorsprung der Topligen in Sachen Fernseheinnahmen ist quasi uneinholbar, da die Premiere League und die Serie A von gewaltigen Pay-TV-Einnahmen, die besten Klubs der Primera Division von der Einzelvermarktung profitieren.

"Fußball ist keine Mathematik"

Aber ist wirklich alles nur eine Frage des (Fernseh-)Geldes? Mitnichten! Zum einen wird in der zunehmend einseitigen Diskussion außer Acht gelassen, dass die TV-Erlöse immer noch im durchschnittlichen 77-Millionen-Etat eines Bundesligisten nicht einmal ein Drittel ausmachen. Denn die Hälfte steuern Zuschauer- und Werbeeinnahmen bei. Und da ist der deutsche Markt - auch dank des üppigen Free-TV-Angebots - stark wie kein anderer in Europa. Optimale Werbebotschaften, attraktive Stadien, gute Bindung von Frauen und Kindern ans Produkt Fußball - das sind Pfunde, mit denen der Bundesliga-Fußball wuchern könnte. Auch international.

Und wer vertiefend darüber diskutiert, warum Mannschaften aus Russland und Rumänien, aus Portugal oder den Niederlanden die Deutschen schlagen; warum nun der Tabellenvorletzte der Premiere League dem FC Bayern ein Bein stellt oder der Rang-15. der Serie A Werder Bremen zu demütigen weiß, der kommt um andere Erkenntnisse nicht umhin.

Beim FC Bayern war der Fakt, am Donnerstagabend wichtige Punkte für die Fünf-Jahres-Wertung verschenkt zu haben, eine Frage der Auf- und Einstellung. "Ich bin stocksauer, weil es einfach gewesen wäre, zu gewinnen. Es waren 66000 Zuschauer im Stadion und die haben das Recht die beste Mannschaft zu sehen", lästerte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge über die Personal-Rochade seines Trainers Ottmar Hitzfeld, der wichtige Stammkräfte auf der Tribüne oder Bank schonte. Rummenigge in Richtung des Mathe-Lehrers Hitzfeld: "Fußball ist keine Mathematik." Und kein Larifari-Spiel. Wer nämlich am Tag vom dem Bremer Champions-League-Auftritt im Römer Olympiastadion das allzu lockere Abschlusstraining der Werder-Profis sah, dem schwante für Dienstagabend wenig Gutes. War es Zufall, dass Werder "nie ins Spiel gefunden habe", wie Per Mertesacker später kleinlaut zugab?

Die goldene Verpackung der Bundesliga nützt nichts

Sportchef Klaus Allofs rügte hernach ein Spiel "voller Naivität und ohne Pep". Und Allofs Einlassung ist interessant, "dass uns manch Sieg in der Bundesliga wohl zu leicht gefallen ist." Im Schongang erledigte nationale Pflichtsiege gegen Bielefeld, Duisburg oder Rostock vernebeln die Sinne für die internationale Bühne. Oder in den Worten von Torwart-Ikone Kahn ausgedrückt: "Die Bundesliga ist von außen gesehen ein Topprodukt und schön verpackt. Aber dieses goldene Verpackung nützt nichts." Wenn die Norddeutschen nämlich in einer Gruppe mit Olympiakos Piräus und Lazio Rom scheitern, hat das zuvorderst etwas damit zu tun, vorhandenes Potential nicht abzurufen. Denn, mit Verlaub, ein Widerpart wie Lazio Rom beschäftigt längst keine Stars von Weltruf mehr, sondern italienische Normalo-Profis, die im Schnitt nicht mehr als eine halbe Million Euro (netto) verdienen dürfen.

Das finanzielle Argument zieht hier ebenso wenig, als wenn Bayer Leverkusen auf dem Kunstrasen bei Spartak Moskau törichte Elfmeter verursacht und international zum 18. Male in Folge auswärts verliert. Oder wenn der deutsche Pokalsieger 1. FC Nürnberg gegen den FC Everton am Ende schwere taktische Fehler begeht. "Die Niederlage war selbst gemacht", mäkelte Trainer Hans Meyer. Enttäuscht wie ernüchtert. Die auch von Jürgen Klinsmann gestellte Frage ist deshalb erlaubt: Tun Bundesliga-Fußballer im Training genug, um individuelle Schwächen in punkto Technik und Taktik zu beheben? Bis heute sind die modernen Methoden, die Klubs wie Rosenborg Trondheim zur Wettbewerbsfähigkeit verhelfen, bei deutschen Vertretern nicht allerorten angekommen.

Ungleicher Wettstreit zwischen Trabi und Ferrari

Die Folgen sind verheerend, denn diese Zahlen lügen nicht: In der aktuellen Wertung dieser Europapokal-Saison sind nicht nur die Giganten aus Spanien, England und Italien enteilt, sondern auch die Vertreter aus Russland, der Türkei und - man höre oder staune - Schottland besser, weil im Schnitt erfolgreichere Punktesammler. Immerhin: Weil nur noch eine rumänische Mannschaft im Wettbewerb mitspielt, ist in der Fünf-Jahres-Wertung wenigstens ein Abrutschen auf den siebten Platz (der nur zwei Champions-League-Starter bedeuten würde) nicht mehr möglich. Wie hatte Kahn verlangt: "Es darf nicht sein, dass wir hinter Rumänien liegen." Dem wenigstens ist ja nicht mehr so, dafür ist vielmehr Fakt, dass von den europäischen Topligen nicht mal mehr die Rücklichter zu sehen sind und mancher Wettstreit zur ungleichen Wettfahrt zwischen einem Trabi und einem Ferrari verkommen ist.

Wissenscommunity