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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Das Risiko Flick und warum er Kovac jetzt kopieren muss

Niko Kovac ist zu Recht nicht mehr Trainer des FC Bayern, doch die Probleme bleiben. Interimscoach Hansi Flick muss die Mannschaft innerhalb kürzester Zeit wieder zu einer Einheit formen. Doch was passiert, wenn er es gegen Piräus und Dortmund nicht packt?

Von Stefan Johannesberg

Hansi Flick und Niko Kovac

Assistenztrainer Hansi Flick übernimmt beim ruhmreichen FC Bayern den Trainerjob interimsmäßig von Niko Kovac

DPA

Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich. Es ist nicht bewiesen, ob der weise Spruch wirklich vom amerikanischen Schriftsteller Mark Twain stammt, auf den FC Bayern München im Jahre 2019 passt er jedoch wie Aumanns Faust auf Auges Auge. Im Mittelpunkt: Ex-Trainer Niko Kovac.

Fans der kroatischen Nationalmannschaft erinnern sich noch mit Grauen an die EM-Qualifikation 2015. Nach einem desaströsen Unentschieden gegen Aserbaidschan verlor das Star-Team um Luca Modric und Ivan Rakitic 0:2 in Norwegen. Trainer Kovac analysierte nach dem Spiel, dass die Jungs nicht ihr Maximum gegeben hätten und äußerte sich auf die Frage eines Journalisten, weshalb sein Team ohne Kampfgeist und Leidenschaft spielen würde, wie folgt dazu: "Das ist eine gute Frage, das müssen sie aber die Spieler fragen, jene elf die auf dem Feld standen. Die Jungs haben gewusst, dass Norwegen physisch stark ist und dass es vor allem nach Standards gefährlich werden wird." Wem das bekannt vorkommt, bitte sehr: "Wir haben nach 40 Sekunden eine riesige Chance für den VfL. Das hat etwas mit der Einstellung zu tun", sagte Niko Kovac vor wenigen Tagen nach dem knappen Pokalsieg gegen den VfL Bochum. Nach dem 1:5 gegen Frankfurt blieben ihm dann komplett die Spucke und der Jobtitel weg.

Niko Kovac stand für taktische Eindimensionalität

Ja, in den letzten Kolumnen hatten wir versucht, den Bayern-Coach zu verstehen, seine Herangehensweise sachlich zu analysieren und nicht nur den Finger in die offenen Räume zu legen, die von der Mannschaft weder geschaffen noch genutzt wurden. Doch Kovac' Plan ging gerade gegen schlechtere Teams nicht auf, die aus einer geordneten Defensive auf Konter setzen. Constantin Eckner hat bei "t-online.de" die taktische Eindimensionalität sehr treffend analysiert.

Zum Abschied müssen wir fairerweise auch auf das Positive in Kovac' Taktik-Konzept hinweisen. Gegen vermeintlich mitspielende Teams entfaltete der Kovac-Fußball - aus einer nadelstichartig gegenpressenden Defensive heraus schnell nach vorne zu spielen - seine ganze Gnadenlosigkeit. Wie zum Beispiel in der vergangenen Saison gegen Dortmund (5:0), gegen Ajax (3:3) und gegen Leipzig (3:0). Oder in dieser Saison gegen Tottenham (7:2) - sie alle können einen "Stern des Südens" davon trällern.

Auf Dauer war das jedoch zu wenig, lauern doch 90 Prozent der Teams aus einer laufintensiven, dichten Verteidigung heraus auf Konter. Es fehlte ein offensives, variables Pass- und Positionsspiel (auch hier wiederholt sich die Geschichte siehe oben). Wenn also das einzige Pfand des Trainers Wille und Unterstützung der Spieler sind und davon aller Erfolg abhängt, dann sollte man alles tun, diese Unterstützung nicht zu verlieren. Das hat Kovac jedoch im Gegensatz zu seiner Zeit bei der Eintracht selbst verschuldet getan - und zu Recht am Sonntagabend mit dem Vorstand die Reißleine gezogen. So kommen alle noch einigermaßen unbeschadet aus der Situation. Okay, fast alle.

Rangnick, Mourinho und Co.: Wer folgt auf Kovac? Das sind die Trainer-Kandidaten beim FC Bayern
Erik ten Hag  Der Trainer von Ajax Amsterdam kennt die Bayern gut - und er gilt schon seit langem als Lieblingskandidat von Bayern-Boss Karl-Heinz-Rummenigge. Unter Pep Guardiola coachte ten Hag von 2013 bis 2015 Bayern II und arbeitete mit Pap Guardiola zusammen. In der vergangenen Saison spielte er mit Ajax in der Gruppenphase zweimal gegen die Münchner und holte jeweils ein Unentschieden. Ten Hag steht für den niederländischen Power- und Offensivstil. Taktisch betrachtet ist ten Hag der Gegenentwurf zu Kovac, wäre aber wohl erst ab Sommer 2020 zu haben. Ajax-Manager Marc Overmars machte deutlich, dass er ten Hag keine Steine in den Weg legen würde.   Wahrscheinlichkeit: hoch

Erik ten Hag

Der Trainer von Ajax Amsterdam kennt die Bayern gut - und er gilt schon seit langem als Lieblingskandidat von Bayern-Boss Karl-Heinz-Rummenigge. Unter Pep Guardiola coachte ten Hag von 2013 bis 2015 Bayern II und arbeitete mit Pap Guardiola zusammen. In der vergangenen Saison spielte er mit Ajax in der Gruppenphase zweimal gegen die Münchner und holte jeweils ein Unentschieden. Ten Hag steht für den niederländischen Power- und Offensivstil. Taktisch betrachtet ist ten Hag der Gegenentwurf zu Kovac, wäre aber wohl erst ab Sommer 2020 zu haben. Ajax-Manager Marc Overmars machte deutlich, dass er ten Hag keine Steine in den Weg legen würde. 

Wahrscheinlichkeit: hoch

Getty Images

Hansi Flick sollte dennoch jetzt Kovac kopieren

Als ich im Sommer in dieser Kolumne schrieb, dass gerade Ex-Löw-Co und Ex-Sportdirektor Hansi Flick der Königstransfer der Bayern werden könnte, war das gar nicht auf die aktuelle Situation bezogen. Doch nun ist Hansi Flick die vorletzte Hoffnung des FCB, die Saison noch zu retten, bis dann im Sommer 2020 Ex-Bayer und Ajax-Coach Erik Ten Hag ein junges, fast umbruchfreies Monsterteam mit Sané und Havertz übernehmen und wieder für spielerische Furore sorgen könnte. 

Zwei Spiele hat der Spielerversteher Flick Zeit - und in denen muss er nun ausgerechnet Vorgänger Kovac kopieren. Kovac aus dem Jahre 2018. Damals Ende November stand der Kroate schon einmal kurz vor dem Abschuss, weil sein 4:3:3 mit Überzahl schaffen auf Außen nicht funktionierte und es desaströse Spiele gegen – Obacht – kleine Gegner wie Düsseldorf oder Augsburg hagelte und der BVB bereits mit neun Punkten davon marschiert war. Erst die Umstellung auf das altbewährte und bekannte 4:2:3:1 hievte die Bayern wieder in die Spur und führte schließlich zum Double. Hansi Flick hat eigentlich keine andere Wahl, als auf jene Struktur zurückzugreifen. Spannend wird sein, ob er den defensiv angreifbaren und offensiv oft blassen Coutinho auf die Bank setzt, denn neben Thomas Müller verfügt der Kader momentan wenig fitte Führungsspieler.

Gewinnt er diese Spiele oder spielt das Team zumindest einen wesentlich besseren Fußball als zuletzt, dürfte er unterstützt vom erfahrenen Hermann Gerland auch nach der Winterpause das Team führen. Dass vielleicht kurzfristig gar ein Bastian Schweinsteiger an seiner Seite agieren könnte, bleibt Wunschdenken einiger Fans. Zeigen die kommenden Spiele jedoch keinen klaren Aufwärtstrend, sitzen die Bosse an der Säbener Straße in einem echten Dilemma.

Hoeneß spielt in der aktuellen Entwicklung keine gute Rolle

Wunschtrainer wie vor allem besagter ten Hag kommen erst nach der laufenden Saison, Ex-Trainer wie Jupp oder Ottmar genießen lieber ihren wohlverdienten Ruhestand. Passende Alternativen wie Allegri oder Wenger wechseln nicht als Zwischenlösung für nur sechs Monate zum Rekordmeister.

Collage: Niko Kovac und Kommentare von Twitter

Wenn es schlecht läuft, befindet sich der FC Bayern München beim offiziellen Hoeneß-Abtritt auf der Jahreshauptversammlung am 15. November in seiner schlechtesten Verfassung seit zehn Jahren - auch dank Uli selbst, der genau wie Kovac seit seiner Rückkehr wie ein Fremdkörper durch den Verein geisterte und intern wie extern – zum Beispiel mit der Tuchel-Ablehnung oder dem ganzen aus der Zeit gefallenen Medien-Bashings – sein Lebenswerk stark beschädigte.  

Zum Glück stimmt wenigstens die mittelfristige Strategie der Bayern. Mit Kahn wurde der bestmögliche Vorstandskandidat gefunden, der modern denkend wie Kalle Rummenigge den Verein wieder an die Weltspitze führen wird. Nübel, Sané, Havertz und Co werden mit dem bereits sehr gut verjüngten Star-Kader und einem passenden Trainer wieder spielerisch dominieren. Finanziell gesund ist der Klub sowieso.  

Und Kovac?

Und Kovac? Der hat im immens schwierigen Umbruchjahr das Double geholt und genau das geliefert, was seine Vita versprochen hat. Die kleineren bis mittleren Vereine werden schon bald Schlange stehen. Man erinnere sich nur an jene Tage als Coach von Kroatien. Nach der anfangs erwähnten Niederlage gegen Norwegen und dem öffentlichen Verlust der Mannschaftsunterstützung wurde er am nächsten Tag entlassen. Kroatien setzte daraufhin mit ähnlicher Truppe zu einem Sturmlauf bis ins Finale der WM 2018 an und Kovac gewann 2017 mit Frankfurt den DFB-Pokal und holte den Klub sportlich aus der Mittelmäßigkeit. Geschichte darf sich also gerne weiter reimen.

tis

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