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SC Freiburg: Rosenkrieg im Paradies

Seitdem feststeht, dass Volker Finke nach 16 Jahren gehen muss, siegt der SC Freiburg in Serie. Nun steht er vor der Rückkehr in die 1. Liga. Fans kämpfen um den Trainer. Klub und Stadt sind gespalten.

Von Rüdiger Barth

Die Tochter des Präsidenten hat gesagt, es sei wie im Bürgerkrieg. Das hat sie allen Ernstes gesagt. Freiburg im Breisgau. Bürgerkrieg. Es fühlt sich halt so an, in dieser Stadt der freien Geister. Vordergründig geht es um den Fußballlehrer Volker Finke, 59 Jahre alt, der am Ende dieser Saison nach 16 Dienstjahren vom Zweitligisten SC Freiburg entlassen werden wird. Tatsächlich um Eitelkeiten, Machtspiele, alte Rechnungen - und eine mögliche jähe Wende. Dies, um es vorneweg zu sagen, ist nicht unbedingt eine Provinzposse. Posse, das ja. Aber Provinz, das meint das Fehlen von Kultur, Klasse, Weite der Gedanken. Freiburg ist keine Provinz. Dabei ist die Stadt klein, 216.000 Einwohner. Man kennt sich.

Das Leben des Südbadeners verläuft gewöhnlich im sanften Schwung der Hügel und Täler des Schwarzwalds, von Gipfeln und Schluchten hält man sich gern fern. Und doch spielt sich dieser Tage ein Drama ab in diesem Klub, der nach altvorderer Art geführt wird. Der beste Werbeträger der Stadt, ein Familienbetrieb. SC-Präsident Achim Stocker, 71, seit 35 Jahren an der Vereinsspitze, hat drei Abstiege ertragen, doch nun heißt es, er habe keine Kraft mehr, seinen Vorstandskollegen die Stirn zu bieten. Finkes Widersachern. Auf der einen Seite also Finke. Der aus Niedersachsen stammt und jeden Tag von neun an im grauen Bau am Stadioneck sitzt, unter der Gaststätte "Dreisamblick". Und Videos guckt und grübelt und mit Co-Trainern, Spielern, Beratern redet. Im Zweifel das. Im Reden ist er so stark wie keiner. Womöglich hört er nicht so gut zu, wie er redet. Womöglich hat er zuletzt nicht bemerkt, was sich da um ihn zusammenbraute, dass er vielen zu lange zu rechthaberisch, eigen, störrisch war. Zu sehr Finke.

Die Stadt sammelt sich hinter den Linien

"Ich weiß ja, ich habe meine Macken", sagt Volker Finke. Auch nach so langer Zeit im Breisgau spricht er keinen Fatz Badisch. Dort der Vorstand. Vier Herren. Präsident Stocker, herzkrank, konfliktscheu. Ein Mann namens Weimer, in diesem Kampf blass. Und zwei, die von Finke-Fans als Königsmörder gesehen werden, von seinen Gegnern als Befreier des Klubs: Heinrich Breit, aus dem Moselland, Steuerberater. Fritz Keller, Kaiserstuhl, Winzer, einer der besten in Deutschland. Das sind die Fronten, die Stadt sammelt sich hinter den Linien. Viele im Verborgenen, immer mehr ganz offen. In Internetforen und Leserbriefspalten wird erbittert gestritten. Auf Finkes Seite: Professoren, Ärzte, Kulturschaffende, ergraute Anhänger. Gegen ihn: Vorstand, Politiker und Unternehmer, dazu die jungen Krakeeler der Nordtribüne, die als SC-Trainer nur den ewigen Finke kennen. Die Fußball-Republik schaut verstört auf diesen Zwist, der den Klub seinen Ruf kosten kann.

Man muss kurz die "Biografie dieser Geschichte" erzählen, wie es Finke nennt: Im vorigen Dezember stand der SC in der 2. Bundesliga knapp vor einem Abstiegsrang, der Vorstand, gepeinigt von Existenzangst, sprach dem Trainer das "uneingeschränkte Vertrauen" aus - und kündigte gleichzeitig an, ihn im Sommer zu entlassen. Seitdem gewinnt Finkes Team. Elfmal in den letzten 13 Spielen, zuletzt 3:0 in Köln, viel spricht inzwischen für die Rückkehr in die 1. Bundesliga. Das Freiburger Paradoxon: Jeder Sieg macht Finkes Entlassung absurder.

"Ich möchte dabeibleiben"

Vorigen Donnerstag, in Finkes Büro. Die Jalousien sind dicht, kein Tageslicht. Es ist ein Arbeitsbunker. In diesen Tagen vor allem: Bunker. Videokassetten stapeln sich neben dem Riesenfernseher. Auf dem Tisch thront, zwischen Äpfeln und Orangen, ein lila Osterhase. Finke sieht müde aus, übernächtigt. "Ich möchte dabeibleiben", sagt er, "dass ich mich auf das Sportliche beschränke, weil ich einfach glaube, mit unserer Mannschaft in dieser Saison noch einiges erreichen zu können." Er fährt sich durch die Haare, streckt sich, sieht einen selten an, aber wenn er es tut, ist es der alte eindringliche Blick. Der Menschen fangende Blick. Zu Beginn des Gesprächs nimmt er seinen Schlüsselbund in die Hand, als müsse er gleich los. Die nächsten zwei Stunden wird er mit diesem Bund pausenlos herumklimpern. Einige in der Stadt behaupten, er genieße die Situation. Finke lacht sarkastisch. Er schüttelt den Kopf. "Genuss ist wirklich etwas anderes. Wir spüren doch im Trainerteam, dass wir wieder einen Kader haben, der sich am Beginn eines Zyklus befindet, dass zwei, drei erfolgreiche Jahre vor uns liegen könnten."

Der SC Freiburg, das bedeutete jahrelang großen Fußball für wenig Geld. Einmal Dritter, vor dem FC Bayern, 1996, zweimal Europacup. Kein schlafender Riese, ein aufgeweckter Zwerg. Dazu die Solaranlage auf dem Stadiondach, das Internat, niemals Schulden. Der SC, das waren die Guten. Zuletzt, nach dem schrecklich chancenlosen Abstieg 2005, nach dem knapp verpassten Aufstieg 2006, begann man ein wenig zu vergessen, dass da Finke weiter bastelte. Doch jetzt diese beispiellose Siegesserie. Nach jeder Partie tanzen Spieler, Trainer, Physiotherapeuten, Manager, Pressesprecher im Kreis. Wenn man so will, tanzen sie dem Vorstand auf der Nase herum.

So wird man Finke nicht los

Denn Finkes Nachfolger wurde bereits Mitte März per Fax verkündet, Robin Dutt, 42, ein Mann aus der Regionalliga, Stuttgarter Kickers. Zunächst hatte es geheißen, Finke werde in die Suche mit eingebunden. Davon war keine Rede mehr, als klar wurde: So wird man Finke nicht los. Ganz los. Co-Trainer Achim Sarstedt musste gar schon vor dem Arbeitsgericht seine Abfindung einklagen. "Der traurigste Tag meines Trainerdaseins", sagt Finke. Als er 1991 kam, war der SC ein Witz von einem Profiverein, gestützt nur durch Stockers Leidenschaft. Wenn Finke nun geht und mit ihm manch Vertrauter, wird der Klub auf einen Schlag sein weitverzweigtes Netzwerk verlieren. "Es fühlt sich an wie eine Übernahme", sagt Finke. "Es ist wie auf dem Markt der regenerativen Energien: Jetzt, wo Geld damit zu verdienen ist, werden die Pioniere rausgedrängt."

Im Büro des Steuerberaters Breit, Erbprinzenstraße, wurde ihm der Rauswurf eröffnet. Breit, 58, war jahrelang Fraktionschef der Grünen im Stadtrat. Einer aus dem Kreise der Stadtoberen, die Spötter gern "Freiburg AG" nennen, weil sie neoliberale Politik propagierten. Der Schatzmeister trägt Lederweste und hat die Aura eines CSU-Manns. Er sagt, in jenen Wintertagen hätten wohl 80 bis 90 Prozent der Fans der Entlassung zugestimmt, wenn man sie gefragt hätte. Und er verweist auf den Zuschauerrückgang, ein Einbruch von fast 7000 Dauerkarten. "Wir mussten reagieren. Ein Vorstand muss auch unpopuläre Entscheidungen treffen." Nur Finke könne jetzt die aufgeheizte Lage beruhigen, hat er dem Cheftrainer ausrichten lassen. "Ich finde es schön, dass wir nicht im Staatssozialismus leben, wo man Ruhe verordnet", antwortete Finke. Breit sagt: "Wenn ich austeile, muss ich auch einstecken können."

Keller kennt sich aus mit Machtübergaben

Tags darauf treibt am Kaiserstuhl, 30 Minuten von Freiburg entfernt, ein Schaum aus weißen Wolken. So sieht es von Weitem aus, es sind die Blüten der Obstbäume. Franz Keller hat 1954 die heimischen Kirschen nach Spiez gekarrt, zu Sepp Herbergers Wundermännern. Und nachdem die Weltmeister geworden waren, trafen sie sich hier, in Oberbergen, 1000 Einwohner, im Herzen des Vulkans, und feierten zwei Tage lang. Man kann also sagen, die Familie steht dem Fußball seit jeher nahe. Fritz Keller, 50, führt den "Schwarzen Adler", den ein Michelin-Stern schmückt, dazu ein hochdekoriertes Weingut. Fritz Walter war sein Taufpate. Und seit 14 Jahren ist Keller Marketing-Vorstand des SC. "Der Keller", so heißt das in Baden, gilt als Finkes größter Gegner. Die Probleme um Finkes Ablösung hat jüngst in der "taz" ein Freiburger Psychologe als typisch beschrieben für eine gescheiterte Nachfolgeregelung in Familienunternehmen. Keller kennt sich aus mit Machtübergaben, 1990 hat er den Betrieb vom Vater übernommen.

"Nach 16 Jahren ist es Zeit für den Generationswechsel", sagt er, "man muss dem Nachfolger die Chance geben, solange noch eine gute Basis da ist." Eines Tages, vielleicht, könnte man Finke wieder an den Klub binden. Wieder dieses Lächeln, das zutraulich wirkt, ein badisches Lächeln. Es ist Samstag, in der lokalen Zeitung ist an diesem Morgen eine ganzseitige Anzeige erschienen, Hunderte Unterschriften pro Finke. Ganz oben: Albert Wasmeier, Hauptsponsor der Freiburger Fußballschule. Die Talentschmiede, der ganze Stolz des SC. "Es muss ein Neuanfang möglich sein", sagt Keller. "Und ich denke, dass, wenn wir im Dezember die Entscheidung so nicht getroffen hätten, eine so tolle Serie nicht möglich gewesen wäre." Finke hält sich in seinen Äußerungen sehr zurück, ist es nicht so? Keller hebt nur die Brauen. Es ist einer dieser Augenblicke. Wo im Gesicht kurz etwas aufleuchtet, das man als Verletztheit deuten könnte. Finke hat sich, das wird geraunt, viele Feinde geschaffen. Seine direkte Art stößt viele Einheimische vor den Kopf. Dass er sich mit so wenigen duzt, brüskiert sie genauso. Hier hockt man beim Viertele zusammen, auch wenn man sich nicht leiden kann. Der Badener hat ein dickes Fell - aber wenn das wundgescheuert ist, wird er grantig.

Man hat Finke ertragen, man war ja nie schlechter als 2. Liga, Platz 4. Nun war vor vier Monaten die erste wirkliche Krise nach mehr als 15 Jahren da, die Regionalliga bedrohlich nahe. Es war der perfekte Zeitpunkt. Wenn nur die Siege nicht gekommen wären. Die Siege stören. Aber das kann keiner zugeben. Und außerdem: Siege sind ja zunächst mal vor allem was Wunderbares. Das ist ja das Bittere an der Situation. "Wir wollen keinen Scheidungskrach", sagt Keller nun. "Wir wollen nur eine Befriedung." Es klingt nicht, als habe Finke noch eine Chance - selbst wenn der Aufstieg gelingt. Wenn da nicht der Präsident wäre. Stocker hat Anfang April, angesichts der erstaunlichen Siegesserie, gesagt: "Könnten wir die Zeit zurückdrehen, würde Finke wohl Trainer bleiben." Für Journalisten ist Stocker derzeit nicht zu sprechen. Man kann ihn täglich an der Dreisam nahe dem Stadion spazieren gehen sehen, wie er seinen West-Highland-Terrier ausführt, Zigarillo im Mund, leicht gebeugt, kein mühsamer, eher ein sturmerprobter Gang. Spiele des SC schaut er sich nicht an, die Aufregung. Der SC ist sein Lebenswerk. Keiner da, der ihm keinen Respekt zollte.

Vertrieben von Feierabendfunktionären

Der Präsident hatte ein feines Näschen, als er damals Finke engagierte, den Coach des Zweitliga-Dorfklubs TSV Havelse. Vielen gilt er als Fachmann, zugleich ist er ein unverbesserlicher Pessimist. Stocker hängt an jeden zweiten Satz das Wort "nicht", als traue er nie dem, was er sagt. Er war erst mal so ziemlich gegen alles, was den Verein jetzt am Leben hält, vorneweg den Stadionausbau. Die Suche des neuen Trainers war wie einst Chefsache. Hat er aber noch das alte Gespür? Es ist beim SC ein offenes Geheimnis, dass er Robin Dutts Kickers kein einziges Mal im Stadion selbst hat spielen sehen. Der Präsident ist ehrenamtlich tätig wie der gesamte Vorstand. Man kann sich vorstellen, wie das Finke erregen muss, den manischen Tüftler: von Feierabendfunktionären verjagt zu werden. Ein Zurück werde es nicht mehr geben, hieß es Anfang März aus dem Vorstand. Oder gibt es doch noch ein Zurück?

Freitag im "Swamp" an der Schwarzwaldstraße. An der Decke eine goldene Discokugel, an der Wand ein Foto von Che Guevara. Das Swamp. War mal legendär. Finke tagte früher oft in der Kneipe. An diesem Abend trifft sich hier "Wir sind Finke". Die Initiative, die den Vorstand umstimmen will. Es wäre eine Revolution. Zum ersten Mal würden Fans festlegen, wer in ihrem Klub Trainer wird. Es sind 25, 30 Menschen. Die meisten Mitte 30 oder älter. Darunter einige, die erst jetzt, da Finke verabschiedet werden soll, merken, dass seine Art ihr Leben bereichert hat. Nun fürchten sie die "Entfinkisierung" des Freiburger Fußballs, wie sie es bezeichnen. Der Trainer ist für die meisten ein Gefährte im Geiste. Für manche ein Held. Aber sie mussten auch nie mit ihm zusammenarbeiten. Es sind Investmentbanker darunter und Sozialarbeiter, Oberlehrer und Bonvivants, Dummschwätzer, wie in jeder Runde, und Klardenker, mehr als gewöhnlich. Man lässt sich ausreden, in der ersten Stunde. "Wenn wir die Versammlung kriegen, was dann?", fragt einer. "Wollen wir den Vorstand stürzen?"

"Wir werden das schaffen"

"Wir wollen den Vorstand umstimmen", sagt Achim Trenkle, der Sprecher der Gruppe. "Aber was, wenn sie sich nicht umstimmen lassen?" Dafür gibt es noch keinen Plan. Aber es wird ihn bald geben. "In dieser Stadt hat es viele Persönlichkeiten, tausend Kellers und Breits, die einen Vorstandsposten ausfüllen können", sagt einer. Ein Viertel der stimmberechtigten Mitglieder müssen sie hinter sich bringen, um laut Statuten eine Mitgliederversammlung zu erzwingen. Am Anfang haben sie Gleichgesinnte aufgerufen, dem SC beizutreten. Der Vorstand verhängte einen Aufnahmestopp. Mehr als 300 Unterschriften haben sie dennoch beisammen, um die 600 werden sie brauchen. "Da kommen noch mehr", sagt einer, "wir werden das schaffen."

Wenn es tatsächlich zum Showdown kommen sollte, befürchtet Keller "ein Schisma", eine Spaltung des Vereins. Für die Finkianer jedoch ist die Aussprache die letzte Hoffnung. Und für Volker Finke erst recht. Beim Abschlusstraining vor der Partie in Köln stand er in kurzen Hosen auf dem Platz. Der wippende Pony. Seine raue Stimme. Eine Übungseinheit von Tausenden, die er hier geleitet hat. Die zwei Dutzend Profis des SC Freiburg liefen sich warm und klatschten alle paar Schritte gleichzeitig in die Hände. Es war ein einziger, peitschenartiger Laut, und die umliegenden Hügel des Schwarzwalds warfen ihn gespenstisch klar zurück. Es hörte sich an wie das Echo ferner Schüsse.

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