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Nach Länderspiel-Absage Keine Angst vor dem Stadion - wie sich die Bundesliga auf die Terrorgefahr einstellt

Blick ins Rund der Commerzbank-Arena in Frank
Die Commerzbank-Arena in Frankfurt: Hier findet am Samstag das Spiel der Eintracht gegen Bayer Leverkusen - wie alle Partien unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen
Große Spiele, ausverkaufte Arenen: Theoretisch bietet das kommende Bundesliga-Wochenende das übliche Fußball-Spektakel. Praktisch ist nichts mehr so, wie es vor den Anschlägen in Paris und der Länderspiel-Absage von Hannover war.

Freitagabend in Hamburg, der HSV gegen den BVB im Flutlicht-Duell der Traditionsvereine. Samstag auf Schalke: Der FC Bayern zu Gast im Pott. Dazu in Köln das Karnevals-Duell zwischen dem FC und Mainz 05. Was für ein spektakulärer Spieltag, welch Grund zur Vorfreude für jeden Fußball-Fan.

Normalerweise. Aber nicht an diesem Wochenende. Stattdessen herrscht ein mulmiges Gefühl vor. Der Terror von Paris und die Länderspiel-Absage von Hannover machen erhöhte Sicherheitsvorkehrungen rund um die Stadien notwendig. Die ganze Liga ist alarmiert.

Welche zusätzlichen Vorkehrungen werden getroffen?

Zahlreiche. Die Spiele finden wie geplant statt. Ansonsten ist vieles anders: Es werden "gewissenhafte" Einlasskontrollen und verstärkte Leibesvisitationen angekündigt. Beim HSV gab es schon vor den Medienterminen zum Spiel gegen Dortmund erstmals Taschenkontrollen in der Geschäftsstelle. Am Spieltag werde die Anzahl der Ordnungskräfte deutlich erhöht, so HSV-Mediendirektor Jörn Wolf, der gleichzeitig um Verständnis bittet, die Maßnahmen "nicht offen legen zu können und wollen". 

Auch der 1. FC Köln kündigt eine erhöhte Präsenz an Ordnungskräften für das Heimspiel gegen Mainz an. Man habe volles Vertrauen in die Zuständigen, gemeinsam auch an diesem Wochenende die Unversehrtheit der Stadionbesucher zu garantieren: "Der FC unterstützt daher auch die Hinweise der Sicherheitsbehörden, wie wichtig es ist, dass jeder Bürger und jede Bürgerin selbst Verantwortung für sich und seine Mitmenschen übernimmt, aufmerksam und wachsam ist und Auffälligkeiten der Polizei meldet", heißt es auf der Homepage des Vereins.

Worauf müssen sich die Fans einstellen?

"Stadionbesucher, ob zu Fuß, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Auto unterwegs, sollten ein wenig mehr Zeit einplanen und rechtzeitig anreisen", sagt Thomas E. Herrich, Mitglied der Geschäftsleitung von Hertha BSC, vor dem Heimspiel gegen Hoffenheim. "Es kann beim Einlass durchaus zu Verzögerungen kommen." 

Aus diesem Grund öffnen auch der 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach vor dem Heimspiel gegen Hannover 96 am Samstag die Stadiontore eine halbe Stunde früher als sonst, nämlich schon um 13 Uhr. Beim HSV erwartet man dagegen nicht, dass die verstärkten Leibesvisitationen zu Verzögerungen beim Einlass ins Stadion führen. Allerdings appelliert der Hamburger Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer an die Fans, keinerlei Knaller oder Böller ins Stadion zu bringen. "Das wäre das falsche Zeichen und könnte Panik bereiten."

Was sagt die Polizei?

Die Hamburger Polizei bezeichnet die Sicherheitslage in der Hansestadt als unverändert - trotz des HSV-Spiels und des zeitgleich in der gegenüberliegenden Arena stattfindenden Unheilig-Konzerts. Wie seit einigen Monaten schon gebe es eine abstrakte Gefährdungslage, sagt Polizeisprecher Timo Zill. "Wir haben aber keine konkreten Hinweise auf eine besondere Gefährdung in Hamburg." Die Polizei sei dennoch besonders wachsam.  

Allerdings sorgte der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, im Interview mit dem ZDF für Aufsehen mit der Bemerkung: "Auf eine direkte Konfrontation mit so schwer bewaffneten und auch kriegserfahrenen Attentätern sind wir denkbar schlecht vorbereitet." Direkt auf den Fußball wolle er sich damit aber nicht beziehen: "Bundesligaspiele und auch komplette Spieltage sind für die Polizei zu meistern", so Wendt. "Wenn die Menschen, Bürger und Fußballfans in Deutschland merken, dass die Polizei die Lage im Griff hat, wird es auch wieder eine neue Gelassenheit geben."

Wird es auch langfristige Konsequenzen geben?

Ja. Bislang gibt es noch keinen Maßnahmenkatalog für den Fall eines Terroranschlags in einem deutschen Stadion. Dies wird sich in absehbarer Zeit ändern, auch wenn der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert erklärt: "Man sollte nicht in Panik verfallen. Dank der intensiven Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden können die Klubs auf gut funktionierende Netzwerke zurückgreifen."

Die Debatte ist allerdings längst im Gange: Sogar die in Fankreisen höchst umstrittenen personalisierten Tickets stehen nach einer Forderung von Rudi Völler wieder zur Diskussion, Mainz-Manager Christian Heidel hat darüber bereits seine Zweifel geäußert.

Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies fordert in der "Bild"-Zeitung Körperscanner in den Stadien: "Die Einlasskontrollen an den Stadien müssen weiter intensiviert, mit Durchgangs-Scannern technisch optimiert werden. Auch alle Fans sind nun gefordert, müssen vor und in den Stadien aufmerksamer sein."

Keine Angst vor dem Stadion

Die wichtigste Maßnahme wird allerdings jeder Fan von vornherein im Kopf treffen müssen: Keine Angst vor dem Stadion! Das gelte auch für die Spieler, Trainer und Verantwortlichen, so HSV-Coach Bruno Labbadia: "Es ist nicht so, dass wir es verdrängen, aber jeder hat eine andere Art, es zu verarbeiten. Man muss die Angst und Bedenken auch mal ausblenden." Der Terror und seine Auswirkungen seien in den Medien präsent, er wolle es nicht noch größer machen, indem er es mit den Spieler lange diskutiere. Fußball solle generell Freude bringen, meint Labbadia: "Das versuchen wir den Fans am Freitag wieder nahezubringen."

Tim Sohr mit Agenturen

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