Werders Meisterstück Happy End in Grün


Ihre Spiele endeten 4:4, 6:0, 5:3 oder 3:1. Sie spielten leidenschaftlich, elegant und gnadenlos modern. Die Profis des SV Werder Bremen haben ein ganzes Land ins Schwärmen gebracht. Eine Hommage an den neuen Meister.

Es gibt nicht viele Werder-Fans in New York, einer amerikanischen Großstadt 6082 Kilometer westlich des Weserstadions. Um genau zu sein, gibt es nur einen einzigen. Die Menschen hier schwärmen für die Knicks oder die Yankees, und wenn sie schon mal von deutschen Fußballgrößen gehört haben, dann nennen sie Franz Beckenbauer - oder Erich Mielke.

Aber in einem alten viktorianischen Holzhaus im Süden der Stadt sitzt jeden Samstagmorgen ein Mann ganz in Grünweiß vor dem Fernseher. Er trägt ein viel zu enges Trikot mit der Nummer 10 auf dem Rücken und dem Namen Micoud, und wenn seine drei Kinder vorbeischauen, hofft er, dass sie ihn auch so ansprechen: Micoud. Fußballgott Micoud. Doch sie nennen ihn Papa.

Der Mann verhält sich etwas eigenartig in diesen frühen Stunden, 9.30 Uhr Ortszeit, wenn der Sender "Fox Sports World" die Spiele des SV Werder Bremen live überträgt. Er sitzt etwa einen Meter vor dem Fernseher, weil er glaubt, auf diese Weise am besten ins Spielgeschehen eingreifen zu können. Er macht akrobatische Verrenkungen und brüllt jugendgefährdende Worte und macht überhaupt all die Dinge, die ihn sonst bei seinen Mitmenschen stören. Wenn Ailton mal wieder ein Tor schießt, setzt der Mann zu einem Hechtsprung auf dem rauen Parkettboden an, und manchmal jagt er sich dabei Splitter in die Brust. Und es gab so einige Splitter in dieser Saison.

In dieser denkwürdigen Saison 2003/2004 saß der Mann oft auch nur ungläubig da. Die Bremer spielten erfolgreich und effizient, aber nicht nur das, sie spielten dabei auch elegant. Sie spielten elegant und temporeich, aber nicht nur das, sie spielten mit Leidenschaft. Sie spielten leidenschaftlich und modern und gnadenlos offensiv. Ihre Spiele endeten 4 : 4 und 5 : 3 und 6 : 0 und 5 : 1. Sie ließen den Ball laufen wie in einer einstudierten Choreografie. Sie spielten jenen Fußball, den Beckenbauer in München seit Jahren endlich sehen will. Sie spielten jenen Fußball, den man bei den Deutschen qua Definition bisher ausschloss. Der Mann in New York versuchte, seinen Nachbarn aus Pakistan und Puerto Rico diese hohe Kunst des Fußballs ans Herz zu legen, aber sie verstanden ihn nicht. Sie verstanden auch nicht, warum er diese Art Fußball eine Philosophie nannte, ein Geschenk für die Menschheit.

Am vergangenen Samstagmorgen marschierte der Mann in eine Fußballkneipe in Downtown Manhattan. Die Menschen auf den Straßen gingen shoppen und tranken Lattes und kauften peruanischen Spargel bei Dean&Deluca. Der Mann fragte sich, wie man am drittletzten Spieltag zur Anstoßzeit peruanischen Spargel kaufen konnte. Er persönlich stand in der abgedunkelten Bar mit einem Bier in der Hand und starrte auf eine Leinwand. Er war allein. Er trug sein Trikot. Und dort, auf dieser Leinwand, im entscheidenden Match der Saison, führten seine Bremer die Bayern vor. Der Metzgersohn Uli Hoeneß würde sagen, die Bayern wurden abgeschlachtet. Die großspurigen Bayern (Etat 60 Millionen) wurden von den bescheidenen Bremern (32 Millionen) weggefegt. Selbst der US-Kommentator sprach vom Wunder von der Weser. Der Begriff klang gut. Er klang besser als "Operation Iraqi Freedom".

Der Mann hatte vor Wochen einen Traum. Er wollte dem Wunder nachspüren. Er wollte mit Johan Micoud über die Magie des Kurzpassspiels sprechen. Er wollte mit Thomas Schaaf zum Lachen in den Keller gehen und mit Ailton über verletzungsfreie Hechtsprünge reden. Er stieg ins Flugzeug und landete in einer Stadt, die ihn an den St. Patrick's Day in Dublin erinnerte. Die Menschen hatten ihre Läden grün-weiß geschmückt. Zebrastreifen und Hausdächer waren grün-weiß bemalt, und die Friseure rasierten die Werderraute gratis in die Nackenhaare ihrer Kunden. Die Bremer Bürger waren der Ekstase nah. Wenn diese Bremer ein Beleg für unterkühlte Norddeutsche sein sollten, musste der Rest der Republik ein Tollhaus sein.

Der Mann bekam weiche Knie. Er hatte Jimmy Carter getroffen und John Kerry und Mick Jagger, aber was waren Carter, Kerry und Jagger gegen Ailton Conçalves da Silva. Ailton ist eine Art Fußballgott im heidnischen Norden. Ailton schießt so viele Tore wie kaum einer in Deutschland seit Gerd Müller.

Ailton kam natürlich im Porsche vorgefahren

, er trug Lederjacke und Sonnenbrille und bestellte einen halben Liter Cola. Der Mann aus New York war in Sorge, dass jetzt die üblichen Plattitüden kommen würden. Aber sie kamen nicht. Vor ihm saß ein kleiner, kräftiger Junge mit großem Herz, der nie richtig zur Schule gegangen war. Der vor einem Spiel nicht schlafen kann, weil er an seine Tore denkt, und nach dem Spiel nicht schlafen kann, weil er wieder an seine Tore denkt. Der so viel Emotion in sich trägt, dass er ab und zu mal weint, und so viel Humor, dass die Mannschaft sich ab und zu mal kugelt. Wenn Ailtons These stimmt, dass Gott ihn zu diesem Menschen machte, dann ist er eine Art himmlischer Gegenentwurf zur grimmigen Torwartmaschine Kahn. Ailton lachte viel in dem Gespräch. Nur am Ende nicht. "Ailton traurig", sagte er. Er wird Bremen verlassen. Er wird zu Schalke wechseln. In Zeiten modernen Söldnertums hatte er eine Heimat gefunden. "Schalke Fehler", sagte er. Und für einen Moment sah er aus wie ein kleiner Junge, der sein Elternhaus verlassen muss.

Der Mann verbrachte einige Tage in seinem Verein. Die Menschen begrüßten sich mit "Moin", aber es klang nicht wie Moin. Es klang wie "Hey, how are you doing, nice to see you, welcome". Deutschland kam dem Mann düster vor in diesen Tagen, die Menschen klagten über die Politik und das Wetter und die ewige Miesmacherei, es kam ihm vor wie ein einziges Jammertal unter einer dichten dunklen Wolkendecke, durch die ein einziger Sonnenstrahl auf das Weserstadion fiel.

Auf den Fluren der Geschäftsstelle des Vereins traf der Mann ehemalige Spieler, die früher bei ihm in Originalgröße an der Wand hingen. Die Spieler waren immer noch da. Sie arbeiteten jetzt als Psychologen oder Jugendtrainer im Verein. Sie sprachen liebevoll von der Werder-Familie. Wer einmal hier gewesen sei, so sagten sie, gehe nicht mehr fort. Der Mann fragte sich, ob das auch für Leute gelte, die nur für drei Tage da sind. Er würde auch den Zeugwart machen.

Der Mann traf Trainer Thomas Schaaf im mit grünem Teppich geschmackvoll ausgelegten Vereinszimmer. Schaaf ist seit 30 Jahren bei Werder. Er war Jugendspieler und Profispieler und Jugendtrainer und Amateurtrainer und Profitrainer. Es klingt wie eine Laufbahn aus einem anderen Jahrhundert. Die Medien beschreiben ihn als spröden Norddeutschen, aber als der Mann ihn traf, lachte Schaaf sehr viel. Mehr als das: Er trug dauerhaft ein Lächeln im Gesicht. Mehr als das: Er konnte über sich selbst lachen. Die Medien beschreiben ihn außerdem als wortkargen Grantler, aber als der Mann ihn traf, redete Schaaf ohne Pause, so wie er pausenlos mit seinen Spielern redet. "Du kannst mir alles erzählen", sagt er seinen Spielern, "und ich sag dir klipp und klar, was ich denke." Schaaf ist geradeaus, fordert Kritik ein, er mag unbequeme Leute und geht nicht in die Knie vor der Macht der "Bild"-Zeitung, die andernorts Trainer stürzt. Der Mann fand, dass dies wie das Anforderungsprofil für den Posten des Bundeskanzlers klang. Für eine Sekunde wollte er Schaaf dies vorschlagen. Aber dann dachte er an seinen Verein.

Der Mann begann das Modell Werder besser zu verstehen - und das Modell ist einfach. In Bremen geben sie dem Trainer Zeit. Sie wirtschaften behutsam. Sie kennen und mögen sich. Sie haben nicht das große Geld, aber den Blick für große Spieler. Sie klopfen keine dicken Sprüche, dafür lieber mal eine Partie Skat. Sie haben nicht das Finanzchaos der Dortmunder, die Arroganz der Münchner und die große Schnauze der Schalker. Und so jubelte, als sie den Titel gewannen, nicht nur die Stadt Bremen, sondern das ganze Land. Und es bejubelte nicht nur den Fußball, sondern das Modell.

Der Mann suchte nach dem Haar in der Suppe. Es konnte nicht alles perfekt sein. Volles Stadion. Explodierende Mitgliederzahlen. Millionenschwere Gewinne. Die Geschichte klang zu sehr nach Märchen und zu wenig nach Realität. Der Mann traf die Ersatzspieler, die frustriert sein mussten, die Dauns und Wehlages und Borowskis, aber sie saßen beim Mittagessen zusammen, mit coolen Sonnenbrillen und langen blondierten Haaren, drei Beckhams am Osterdeich - und verloren kein schlechtes Wort. Der Mann beobachtete das Training, wo sie aufeinander losgehen müssten im Kampf um Stammplätze, aber sie scherzten und umarmten sich auch dort, und selbst der Solist, das Genie, der Kopf des Teams Johan Micoud sprach nie von sich, sondern nur vom Kollektiv. Und wenn der Mann sie nach den Gründen dafür fragte, dann nannten sie 1. den Verein, 2. den Trainer und 3. den Sportdirektor.

Der Mann traf Sportdirektor Klaus Allofs

vor einer Vitrine mit einer alten Meisterschale. Allofs genoss diese Tage. Er genoss den Triumph. Er blieb ruhig und selbstsicher, selbst als Uli Hoeneß das Spiel der Bremer madig machte und die Schuld beim Schiedsrichter suchte und beim Gegner und beim Glück. Hoeneß machte sich lächerlich, aber Allofs schwieg. Er hätte dem Chefagitator aus München eins verpassen können, aber er schwieg. Nur einmal wurde Allofs emotional. Als er vom Titel sprach. "Es ist die Steigerung vom Wunder", sagte er. "Es ist das wahre Wunder von der Weser."

Der Mann kehrte zurück nach New York aus der Wunderwelt an der Weser und hatte einen neuen Traum. Er würde sich als stellvertretender Stadionsprecher bewerben. Er würde aus New York an den Osterdeich ziehen. Er würde seinen gut bezahlten Job gegen ein Praktikumshonorar eintauschen. Er würde nichts anderes machen, als die ganze Woche seine Stimme zu trainieren, um am Samstag ins Mikrofon zu brüllen: "Das war das 5 : 0 für den SV Werder. Torschütze mit der Nummer 10 - Johan Micouuuuuuuud." Der Mann würde sehr glücklich sein.

Jan Christoph Wiechmann print

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