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Pfister-Interview: "Das ist moderner Sklavenhandel"

Der Deutsche Otto Pfister trainiert das togoische WM-Team. Im stern.de-Interview spricht der Trainer-Legionär über die Chancen des WM-Neulings und die Probleme, mit denen der afrikanische Fußball zu kämpfen hat.

Von Joachim Rienhardt

Neben Jürgen Klinsmann sind sie der einzige deutsche Trainer bei der WM. Fachleute halten Togo für den Außenseiter schlechthin. Sind sie das wirklich?
Wenn sie die FIFA-Rangliste anschauen, sind unter den teilnehmenden Ländern nur noch drei schlechter platziert als wir, Costa Rica und Angola zum Beispiel.

Was reizt sie denn, eine solche Mannschaft zu betreuen?
Reizvoll ist, dass die Spieler eine hohe Kreativität haben und jeder einzelne toll Fußball spielen kann. Ich weiß, dass sie an einem guten Tag auch ein gutes Spiel abliefern können. Ich bin von der Mannschaft überzeugt. Sie hat eine gute Chance, die erste Runde zu überstehen. Es hilft, dass Togo unterschätzt wird von der ganzen Welt.

Trotzdem wird es wohl nicht reichen zum WM-Titel, der einer Mannschaft aus Afrika von Fachleuten wie Pele schon seit 20 Jahren prophezeit wird. Wo blieb der afrikanische Traum?
Das ist eine Frage der Infrastruktur. Wenn sie unsere Möglichkeiten der Sportmedizin und der Ausbildung nach Afrika verlegen würden, wäre der Traum schon längst wahr geworden. Aber das ist ja nicht der Fall. Die Leute haben ja andere Probleme. Da muss man Brunnen bauen, damit die Menschen überhaupt Wasser haben, da gibt es Hungersnöte, politische Konflikte. Da ist Fußball zwar eine Religion und Volkssport Nummer eins, aber nicht das Wichtigste. Keine Regierung in Afrika gibt 60.000 Euro aus, um in Köln einen Trainer ausbilden zu lassen. Aber Ausbildung ist nur ein Punkt. Denken sie nur an die Unterstützung durch die Sportwissenschaft in Europa. Das haben sie da alles nicht. Was sie haben, sind Talente.

Ihr Kollege Claude le Roy, der den Kongo trainiert, sagt, Kamerun wäre längst Weltmeister geworden, wenn sie nur zehn Prozent der Mittel der Japaner hätte. Sehen sie das auch so?
Ich kann das nur unterstreichen. Man braucht noch nicht mal die zehn Prozent von Japan. Ich spreche von uns, von Deutschland, wo man so einen fast aberwitzigen Aufwand treibt und anfangen muss zu weinen, wenn man sich ansieht, was dabei rauskommt.

Warum sind die Afrikaner so gut?
Da gibt es kein deutsche Wort für. Das ist die angeborene Technik, die Flexibilität, Geschmeidigkeit auf engstem Raum. Also das, was nicht trainierbar ist. Dazu kommt ihre große mentale Stärke. Nach einer Niederlage sind die Buben eine halbe Stunde traurig, dann geht das Leben weiter. Wenn du in einer solchen Misere wie die meisten afrikanischen Spieler groß geworden bist, macht dir ein verlorenes Fußballspiel nichts aus. Ab einem bestimmten Niveau sind sie ohnehin total von sich überzeugt. Und so einer trifft dann auch das Tor. Spielfreude ist eine Frage des Selbstvertrauens. Angst und Komplexe kennen die nicht.

Warum lässt sich das Potential dann nicht in den Nationalteams ausschöpfen?
Von meinen Buben spielt kein einziger in Togo, höchstens der dritte Ersatztorwart. Wenn einer den Ball besser gerade aus kicken kann als der andere, dann geht er nach Europa. Topmannschaften in Belgien oder Frankreich haben bis zu 60 Prozent exotische Spieler. Das kommt daher, dass die einfach besser Fußball spielen können. Man kann die Guten einfach nicht in Afrika halten. Es ist ja nicht wie bei uns, wo große Sponsoren Millionen ausgeben. In Brasilien ist das schon anders, das ist ein Schwellenland, da gibt es auch ein Minimum an Infrastruktur. Aber selbst das gibt es in Afrika nicht. Ich habe Clubs gesehen, die haben nur zwei Bälle. Ich habe im Senegal schon mit dem deutschen Botschafter Aktionen gemacht, die hieß: "1000 Bälle für Senegal". Da sind wir übers Land gefahren. Da kannst du mit 20 Bällen ein ganzes Dorf glücklich machen. Noch mal: In Afrika haben sie nur Talente.

Und die geringen finanziellen Mittel versickern in korrupten Verbänden...
Darüber spreche ich nicht. Ich bin ja kein Politiker. Ich bin Fußballlehrer. Ich bin keiner, der ein Budget aufteilt. Wenn sie sich mit solchen Sachen befassen, reiben sie sich auf. Ich konzentriere mich darauf, was ich beeinflussen kann. Vielleicht habe ich mich auch darum so lange gehalten in diesem Kontinent, wo Langzeitplanung einfach fehlt. Wenn die Regierung wechselt, fängt man immer wieder bei null an. Jeder Minister hat wieder eine neue Philosophie und es gibt ja nicht einen Haushaltsplan wie bei uns. Das wird häufig über den Haufen geworfen.

Erwartet man gerade von ihnen als Deutschen, dass sie Struktur und Disziplin in den Laden bringen? Sind deswegen deutsche Trainer in Afrika so gefragt?
Deutsche Trainer waren in Afrika sehr gefragt und in der ganzen Welt. Heute ist auf internationalem Niveau gerade noch meine Wenigkeit übrig geblieben. Die Nachfrage richtet sich immer nach dem Abschneiden der Nationalmannschaft. Wenn Brasilien Weltmeister wird, wollen alle brasilianische Trainer haben, dito wenn Frankreich gewinnt. Es ist derzeit schwierig für einen deutschen Trainer einen Job zu bekommen.

Sie haben für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) als Fußballentwicklungshelfer begonnen. Lohnen sich die Millionen, die die Bundesregierung in Fußball-Trainer in Afrika investiert?
Ich habe für den Deutschen Fußballbund und das Auswärtige Amt Trainer ausgebildet. Das läuft nur aus organisatorischen Gründen über die GTZ. Das war schon erfolgreich, vor allem im Jugendbereich. Da ist die Entwicklung einer Infrastruktur schon vollzogen. Wenn sie die FIFA-Reporte der letzten zehn Jahre ansehen, da waren immer die gleichen vorne. Olympiasieger 1996 Nigeria, Olympiasieger 2000 Kamerun, Ghana ist auch immer weit vorne. Da ist nie eine deutsche Mannschaft im Halbfinale. Der Jugendfußball wird dominiert von exotischen Mannschaften, hauptsächlich Südamerikaner und Afrikaner.

Warum bricht der Erfolg der Nationalteams mit dem Ende des Jugendalters ab?
Weil dann die Spieler nach Europa gehen und da müssen sie als Trainer die Spieler praktisch einsammeln für ein einzelnes Duell. Meine Buben sind verteilt in der ganzen Welt. In Belgien, in der Schweiz, in Frankreich, in China, in Zypern, in Spanien, in Italien, in Qatar, in den Emiraten, in den USA, in Polen, überall. Innerhalb von fünf Wochen müssen sie diese Buben zusammenkriegen, ein paar Freundschaftsspiele machen und dann eine Mannschaft bilden. Dass Senegal so ins Viertelfinale kam bei der letzten WM, ist für mich eine unheimliche Leistung. Das wird bei uns ja gar nicht gesehen. Stellen sie sich vor, wenn die bei uns so arbeiten müssten.

Wie hoch schätzen sie das viel gepriesene Potential des Fußballs im Kampf gegen HIV, Armut und als Katalysator zur Völkerversöhnung?
Fußball dient dem einzelnen vor allem dazu, seine soziale Situation zu verbessern. Die haben nur einen Traum: einen Vertrag in Europa. Und dafür tut er alles. Deswegen haben sie da als Trainer auch keine Probleme mit der Disziplin. Wenn einer weiß, er hat eine Chance auf einen Vertrag in Südamerika oder in Europa, tut der alles, da können sie ein Training ansetzen nachts um drei und der wird sogar eine halbe Stunde eher da sein. Von der Motivation her ist das mit Deutschland nicht zu vergleichen. Das Völkerverbindende gibt es natürlich auch. Wenn die Mannschaft der Elfenbeinküste spielt, wo der Bürgerkrieg tobt, steht ein Volk hinter dieser Mannschaft. Das ist ja schon mal was. Deswegen spielt das Engagement der FIFA eine sehr positive Rolle, das wird oft unterschätzt. Das ist eine Organisation die wirklich etwas in der dritten Welt bewirkt, ich würde das höher einschätzen als die Arbeit der Unesco. In der Ausbildungszentren werden auch Ärzte ausgebildet und Schiedsrichter. Klar ist Fußball Profisport und die FIFA macht viel Geld. Aber die geben unheimlich viel dem Fußball zurück.

Und dann kommen große Clubs und plündern das größte Reservoir des Weltfußballs...
Das ist Angebot und Nachfrage. Für mich ist das ist moderner Sklavenhandel, aber das darf ich nicht sagen, sonst habe ich gleich wieder 20 Anwälte auf dem Hals. Sagen wir, das ist ein professionelles Geschäft. Europas Topspieler geht es darum, dass sie ihre Millionen noch vermehren. Bei dem Afrikaner geht es um ganz was anderes. Als mein Stürmerstar Emmanuel Adebayor von Monaco nach London wechselte, wurden 15 Millionen Ablöse gezahlt. Damit ist das soziale Problem seiner ganzen Familie ein für alle Mal gelöst, mit einem Schlag. Meine Buben halten ihr Geld zusammen und helfen dem Clan. Aber viele Talente verkümmern. Wenn ein Afrikaner nach Deutschland kommt, gibt man dem eine Ein-Zimmerwohnung. Wenn er gut ist, spielt er. Wenn er nicht gut spielt, hat er Pech gehabt. Um die Integration schert sich kein Mensch. Der Ghanaer Sammy Kuffour hatte Glück. Die hatten ein Haus für junge Spieler und so eine Mama, die hat gekocht für die Buben. Da hat der sich wohl gefühlt. Aber das ist die Ausnahme. Bei Dortmund sind schon 18-Millionen-Einkäufe verkümmert. Die Franzosen, die Portugiesen oder die Belgier - die machen das viel besser als die Deutschen. Die kümmern sich um die Leute.

Welche Rolle spielen die Agenten und Spielervermittler?
Es gibt gute und schlechte. Wenn einer an einen schlechten kommt, hat er Pech gehabt. Und Glück, wenn er einen guten erwischt. Ich verurteile nicht, dass man Spieler holt. Aber ich verurteile, wenn man sich nicht um die Spieler kümmert, wenn er dann hier Probleme hat. Das ist das Entscheidende. Die haben doch alle keine Zeit, diese Trainer. Man verurteilt ja immer diese illegalen Vermittler, von denen es sicher viele gibt. Aber die Auftrageber sind die Clubs, da geht man nie dran. Wenn es keine Fußballclubs gäbe, die Geld zahlen für Spieler, dann gäbe es auch keine Spielervermittler. Die Clubs waschen sich immer die Hände in Unschuld. Aber die sind gefragt, dem Spieler eine Perspektive zu geben, auch wenn es nicht so läuft.

Nach dem erfolglosen Afrikacup der Togolesen wurde ihr Vorgänger Stephen Keshi entlassen und sie erst am 28. Februar ins Amt berufen. Kann man da überhaupt noch etwas ausrichten?
Als man mich anrief, ich soll die Mannschaft trainieren, überlegte ich mir das schon. Allerdings nicht sehr lange, sonst macht ein anderer den Job. Ich habe das Gefühl, da ist was machbar. Es war für mich eine leichte Entscheidung. Die Mannschaft hat durchaus Perspektive.

Vielleicht sogar mit übersinnlicher Hilfe. Gerade Togo gilt als Zentrum des Voodoo, wo mit Hühnerblut, magischen Pülverchen und Geisterbeschwörung nach geholfen wird. Welche Rolle spielen die Hexenmeister?
Über dieses Thema spreche ich nicht. Das ist eine Eigenart der Kultur und wird von den Europäern viel zu hoch gespielt. Das ist gar nicht so extrem, wie das oft in den Zeitungen steht. Wenn bei uns einer auf den Platz läuft und das Kreuz macht oder er küsst den Rasen - das ist genau das Gleiche. Das sollte man nicht überbewerten. Ein brasilianisches Team wird auch nie in ein schweres Spiel gehen, ohne vorher gemeinsam die Messe besucht zu haben. Jede Religion hat ihre Eigenarten.

Können wir bei der WM 2010 in Südafrika mit einem afrikanischen Weltmeister rechnen?
Ich glaube noch nicht. Es sei denn, die Südafrikaner können sich plötzlich revolutionär organisieren. Auf dem Papier haben die eine gut funktionierende Profiliga und Stadien in relativ gutem Zustand. Wenn die professionell arbeiten, haben die schon Möglichkeiten. Bevor ich bei Togo unterschrieben habe, hatte ich auch Kontakt zu denen. Nur leider ist es da auch so, dass die einfach keine Geduld haben. Wenn du da heute als Trainer einen Vertrag unterschreibst, musst du gestern gewinnen.

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