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Basketball-Star Okulaja: "Ich renne vor dem Krebs nicht davon"

Kurz vor Olympia 2008, kurz vor der Geburt seines zweiten Sohnes bekam Ademola Okulaja die Diagnose: Krebs. Der Kapitän der deutschen Basketballnationalmannschaft über den Kampf seines Lebens.

Herr Okulaja, Ihre beiden kleinen Söhne spielen munter drüben im Wohnzimmer, Ihr Haus ist ein sehr fröhliches Haus. Gelingt es Ihnen, das auch so zu empfinden?

Aber natürlich! Ich versuche bewusst, keine negativen Gedanken zu haben. Das ist aber auch nicht schwer. Ich erlebe zu viele schöne Sachen. Wenn ich dem Großen, der 18 Monate alt ist, tausendmal vorsage: Papa! Papa!, und er sagt: Opa! Opa! (lacht), ich sage, okay, vergiss es, und er sagt: Papa! - dann ist das genug Spaß für den Tag.

Der Sommer 2008 sollte der Sommer Ihres Lebens werden. Ihr zweiter Sohn Adenoah wurde am 7. August geboren, am 8. August hätten Sie als Kapitän der deutschen Basketballnationalmannschaft ins Olympiastadion von Peking einlaufen sollen. Doch Anfang Juli bekamen Sie die Diagnose: Krebs. Was spürten Sie: Entsetzen, Wut, Zorn?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin durch und durch Realist. Ich wusste: Ich werde nicht zu Olympia fahren. Fertig. Was soll ich da rumheulen? Das ist vergeudete Energie. Ich habe mir gesagt: Ademola, konzentriere dich auf die Operation und auf den Krebs. Meine Aufgabe war jetzt: für die Familie da sein und gesund werden.

Haben Sie es ertragen, sich die Partien bei den Olympischen Spielen anzuschauen? Da ging es um den großen Traum Ihres Teams.

Ich habe nur ein Spiel der Jungs gesehen. Gegen Griechenland. Aber nur die erste Halbzeit, und auch nur drei Minuten, wir hatten vier, fünf Ballverluste hintereinander, ich saß vor dem Fernseher und rief: Hallo, wir repräsentieren Deutschland! Mensch, ihr könnt es doch besser. Nee, da war ich so wütend, dass ich beschlossen habe, das gucke ich mir nicht zu Ende an.

Ein Typ wie Sie hat der Mannschaft gefehlt. Einer, der sich wehrt.

Natürlich habe ich im Spaß gesagt: Na ja, wenn ich, als einer der Leitwölfe, dabei wäre, würde es besser laufen. Klar, Olympia wäre ein Highlight der Karriere gewesen, aber da ist kein Bedauern in mir.

Dies ist das erste Interview seit der Diagnose.

Ich wollte einfach meine Ruhe. Wollte nichts erklären müssen.

Warum haben Sie Ihre Krankheit frühzeitig öffentlich gemacht?

Ich bin ein Großstadtjunge, komme aus Berlin, da hätte ich es mir überlegt, aber ich lebe in Bamberg. Hier ging es nicht anders.

Bamberg war zuletzt 2007 deutscher Meister, die Basketballer sind Helden der Stadt, mit Ihren 2,06 Metern erkennt Sie im Supermarkt jedes Kind ...

Als ich vor den Olympischen Spielen nach Hause zurückkehrte, kochten die Gerüchte hoch, es war unglaublich. Der hat keine Lust mehr, hieß es. Der will mehr Geld haben. Der ist zu alt. Der hatte Streit mit dem Bundestrainer. Einer hat in einem Internetforum geschrieben: Simulant! Da habe ich mich entschieden, von der Krankheit zu erzählen, aber nur dosiert. Ich will nicht, dass jeder googelt und bei sich zu Hause Arzt spielt.

Sie hatten zunächst nur Rückenschmerzen.

Wir waren im Juni auf Mallorca, Trainingslager der Nationalmannschaft. Nach der ersten Nacht im Hotelbett tat mir der Rücken weh. Das Tückische war: Im Jahr zuvor hatte ich schon einmal in diesem Hotel das Problem mit den viel zu weichen Betten. Damals war der Nerv eingeklemmt. Deshalb dachte ich: Du Idiot hättest gleich auf dem Boden schlafen sollen. Ich wurde behandelt und behandelt von unseren Physiotherapeuten, aber der Rücken wurde nicht besser. Ich habe trotzdem trainiert, mit starken Schmerzen. Nach knapp zwei Wochen bin ich nach Köln geflogen, um die Wirbelsäule untersuchen zu lassen. Die Privatklinik kannte ich, die Ärzte hatten auch zwei Jahre zuvor mein Knie operiert. Den ganzen Tag steckte ich in irgendwelchen Maschinen.

Wie brachte man es Ihnen bei?

Das war ganz merkwürdig. Als ich ins Zimmer kam, saß da nicht nur mein Arzt, sondern alle Ärzte. Sie baten mich, mich hinzusetzen. Ich dachte: Mmh, okay. Sie sagten, sie hätten einen dunklen Fleck auf dem Wirbel entdeckt, genauer gesagt sei der Wirbel gebrochen, zerbröselt durch einen Tumor. Ich hatte bis dahin immer gedacht: Einen Wirbel kann man nicht brechen. Selbst wenn man mit einem Hammer auf einen Wirbel schlägt, geht er nicht gleich kaputt. Was für eine Kraft in diesem Tumor stecken muss. Da dachte ich schon: Wow!

Welcher Wirbel war gebrochen?

Der siebte Brustwirbel.

Wie haben Sie auf die Diagnose reagiert?

Ich musste schlucken. An so etwas denkt man ja nicht, wenn man mit Rückenschmerzen zum Orthopäden geht. Ich habe mich immer sehr gut ernährt, ich bin kein Party-Typ, der nächtelang unterwegs ist. Ich rauche nicht, ich trinke nicht. Ich bin ein Familienvater, der abends um 22, 23 Uhr schlafen geht. Es war diese Warum-ich-Frage, die mir in den ersten Sekunden durch den Kopf ging. Dann habe ich mich aber gefangen. Das ist mein Charakter.

Das heißt?

Ich dachte: Das ist die Nachricht, das sind die Facts, das Problem musst du jetzt bewältigen. Ende. Ganz einfach, ganz naiv gedacht. Viele Menschen fallen nach so einer Diagnose vermutlich erst mal in ein tiefes Loch. Bei mir war das nicht so. Ein paar Fragen stellte ich gleich. Müssen weitere Tests gemacht werden? Was bedeutet das für mein Leben? In was für eine Richtung gehen wir? Einige konnten die Ärzte sofort beantworten, andere nicht. Schnell war mir klar: Ich hatte super viel Glück im Unglück. Die zwei Wochen Training mit dem zerschmetterten Wirbel waren hoch gefährlich: Schon bei der kleinsten Bewegung hätte ein Knochensplitter ins Rückenmark dringen können, und ich wäre gelähmt gewesen. Querschnittsgelähmt.

Wussten Sie gleich, was es für ein Tumor ist?

Nein. Aber kurz danach. Es ist Krebs im Knochenmark. Noch genauer möchte ich ihn nicht benennen, da bitte ich um Verständnis. Ich will nicht ins Detail gehen, weil dann viele Leute mit Therapievorschlägen kommen würden. Oder die womöglich sagen: "Ademola, du tust mir leid. Mit diesem Krebs hast du noch so und so viele Jahre, es war schön, dich gekannt zu haben." Auf solche Sätze kann ich verzichten.

Wann wussten Sie, wie es insgesamt um Sie steht?

Schon nach wenigen Stunden. Nach den Tomografien, der Ganzkörper-Magnetresonanztomografie. Ziel war, herauszufinden, ob neben dem Primärtumor das Knochenmark auch schon an anderen Stellen befallen ist. Man fand weitere Herde in der Wirbelsäule, unter anderem in der Halswirbelsäule. Aber es sind nur wenige, und sie sind winzig im Vergleich zum Haupttumor - nur zwischen einem halben und zwei Millimeter groß. Die sollen jetzt mit der Chemotherapie zerstört werden.

Ihre Frau war hochschwanger in jener Zeit?

Ja.

Wann haben Sie es ihr gesagt?

Am 8. Juli bekam ich die Diagnose, am 9. abends kam ich nach Hause und habe es ihr gesagt, aber erst nach ein paar Stunden. Vorher habe ich's nicht geschafft. Es gab Tränen. Umarmungen. Dann war aber meine Frau sehr schnell gefasst. Wir wussten ja, wir haben einen ein Jahr alten Sohn, wir müssen Adeisaiya jeden Tag versorgen, da muss man früh aufstehen, da sein, Essen machen, und das zweite Kind ist auch bald auf der Welt. Da geht es nicht zu sagen, wir werfen alles hin. Egal was ist, man muss weitermachen für die Kinder. Genau das haben wir damals gemacht, und das machen wir immer noch.

Am 10. Juli hatten Sie Ihren 33. Geburtstag.

Ja - Happy Birthday. Und am 11. Juli wurde der Tumor entfernt. Die Ärzte haben einen Wirbelersatz aus Titan eingefügt. Ich habe jetzt einen Ausweis, weil das Titan bei dieser Größe am Flughafen bei den Kontrollen piepsen könnte.

Konnte der ganze Tumor entfernt werden?

Die Ärzte sagten, dass man nie alles wegbekommen kann, aber 98, 99 Prozent.

Welche Risiken wurden Ihnen zuvor genannt?

Alle. Ich wollte auch alle wissen.

Auch das Risiko einer Querschnittslähmung?

Alle, einschließlich Tod.

Haben Sie Panik gespürt, als Sie das lasen?

Puh, um mich? Nee, das war zu viel auf einmal. Und es musste ja gemacht werden. Der Chefarzt hat mir natürlich gesagt, dass der Tumor sehr nah an meinem Rückenmark sitzt. Ich habe schon gefragt: Wie oft haben Sie so eine OP gemacht? Er sagte, es sei bei anderen Patienten noch näher gewesen. Die Nachuntersuchungen haben ergeben, dass das Zwischenstück perfekt platziert ist, alles super verheilt, eine Eins-a-Arbeit. Aber Angst, die hatte ich kurze Zeit um meine Familie. Meine Frau - sie ist Raumausstatterin von Beruf und war sehr erfolgreich - hat ja für mich in Düsseldorf alles stehen und liegen lassen und ist mit mir nach Russland gegangen. Sie und meine Kinder sollen abgesichert sein.

Konnten Sie bei der Geburt Ihres Jüngsten am 7. August dabei sein?

Wir haben die Behandlung extra so gelegt. Ich konnte die ersten vier Wochen nach der Geburt entspannt mit meiner Familie verbringen.

Seit September sind Sie in Chemotherapie. Wie haben Sie die bisher überstanden?

Die ersten beiden Phasen sehr gut. Es gab nur minimale Einschränkungen. Ich hatte keine Haarverluste, oftmals haben das die Leute schon da. Insgesamt sind drei Phasen vorgesehen, mit jeweils mehreren Zyklen. Die Behandlung vor Weihnachten war der erste Teil der dritten Phase, die Hochdosis-Chemotherapie. Die zwei Wochen in Würzburg waren verdammt schwer für mich, der schwerste Kampf, den ich bisher erlebt habe. Der zweite Teil beginnt im Februar, da muss ich wieder in die Klinik. Jetzt in der dritten Phase sind mir auch die Haare ausgegangen. Die kommen langsam wieder, darüber freue ich mich. Aber meinen Bart, den hätte ich gern behalten. Den Babylook mag ich nicht, meinen Bart brauche ich auf jeden Fall.

Dieser Kampf, den Sie führten: Wie war der?

Vor der Frage hatte ich Angst. Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich konnte nichts machen. Nichts. Ich hatte das Telefon auf lautlos gestellt neben dem Krankenbett stehen, manchmal habe ich es blinken sehen, wenn meine Frau anrief. Nur war ich zu kraftlos, ans Telefon zu gehen und zu sagen: Hallo, Schatz. Obwohl es mir gutgetan hätte, mit Michaela zu sprechen. Und dann war ich wieder weg und habe geschlafen. So ging das tagelang. Ich schaffte es gerade mal alleine auf die Toilette. Ich hatte auch Fieber und Schüttelfrost. Ich war schwach, hilflos. Das Immunsystem war ganz unten, auf null. Mein Hämoglobin-Wert war schon bei der OP nur noch bei zehn oder elf. Normal sind mindestens 14, und jetzt war er bei acht.

Sie hören sich an, als wollten Sie stets genau wissen, was mit Ihnen passiert.

Ja, ich habe die Krankenschwestern genervt, damit sie mir immer erklären, was sie mir da geben. Ich wollte wissen, welche Dosis gegeben wird, und schaute auch, ob auf der Infusion wirklich mein Name steht. Man hört ja genug Horrorstorys.

Wann war die letzte Kontrolluntersuchung?

Am 7. Januar.

Was war das Ergebnis?

Nichts. Also: gut. Die kleineren Herde haben sich nicht vergrößert. Und an der Stelle, an der der Primärtumor war, ist auch nichts mehr gewachsen. Ich war vor der Untersuchung schon sehr nervös.

Gehen die Ärzte davon aus, dass man die entarteten Zellen durch die Chemotherapie zum Verschwinden bringen kann?

Es ist möglich, sagen die Ärzte. Und ich glaube fest daran. Nach der OP bin ich zu mehreren Spezialisten gegangen. Ein Arzt in Berlin sagte: Das kriegen wir in den Griff. Er betreut viele Leute, die diese bösartige Erkrankung schon viele, viele Jahre haben. Ein anderer Berliner Arzt meinte dagegen gleich zu Beginn des Gesprächs: Sie wissen, dass Sie diesen Krebs nicht überleben werden? Sie haben nur noch ein paar Jahre. Bumm, da war ich geschockt. Ich fand das ein bisschen metzgerhaft.

Setzen Sie ausschließlich auf Schulmedizin?

Nein, ich ergänze die Chemotherapie mit alternativen Heilmethoden. Aber ich würde nie allein auf diese Pflanzen aus dem Himalaya setzen. Sie sind nur ein Zusatz. Zusätzlich wird mein Körper entgiftet durch Darmreinigungen. Damit ich die Chemie wieder loswerde.

Im Vergleich zu Haut- oder Lungenkrebs ist Ihre Variante des Krebses eher selten.

In Europa erkranken von 100.000 Menschen pro Jahr vier an diesem Krebs. Und fast alle sind zwischen 60 und 70 bei der Diagnosestellung, nur zwei Prozent sind jünger als 40.

Wie Sie.

Wie ich. Es gibt ja Krebsarten, da weiß man, das könnte damit zusammenhängen, wie derjenige vor der Krankheit gelebt hat, beim Lungenkrebs zum Beispiel, ob er geraucht hat. Die Frage stellt sich bei mir nicht mehr: Ich weiß zu viel über die Krankheit, sie kann jeden treffen. Im Internet habe ich gelesen, dass die mittlere Lebenserwartung bei etwa fünf Jahren liegt. Man überlegt kurz, ob man nicht alles einlagern und auf Weltreise gehen soll, das Leben noch mal so richtig genießen. Aber schnell kamen die Tage, an denen ich dachte: Das ist nur Statistik. Und ich passe gar nicht in diese Statistik, sie ist gemacht worden mit Patienten, die deutlich über 60 sind, deren Immunsystem vielleicht nicht mehr ganz so gut ist. Meine Ausgangssituation ist eine andere.

Im Basketball gehören Sie zu den Typen, die die "Crunchtime" lieben, die aufdrehen, wenn es eng wird. Lässt sich das Glück - im Spiel wie im Leben - durch Willenskraft zwingen?

Die Chance auf Erfolg lässt sich erhöhen durch mentale Kraft. Ob das ein Prozent ausmacht, den Bruchteil eines Prozents oder gar 30 Prozent, das kann ich nicht sagen.

Wie Sie mit dem Krebs umgehen, dieses Fokussieren, profitieren Sie da von Ihrem Beruf?

Auf jeden Fall. Es ist dieselbe Energie und Konzentration wie im Spiel, mit der ich die Krankheit angehe. Das Vertrauen auf mentale Stärke, die Ruhe, der Weitblick. Alles fällt zusammen um dich herum. Alle kommen auf dich zu, jeder um dich hat Panik und rennt. Und du stehst trotzdem aufrecht da und sagst: Ich renne nicht davon. Da sind noch Wege. Da müssen wir hin.

Ihr Spitzname unter Basketballfans ist "Warrior" - Krieger.

Ja. Nicht davonzurennen, das ist mein Job. Aber eben auch: in Bedrängnis wach zu sein. Auf die Krankheit übertragen: Natürlich ist es auf Deutsch gesagt scheiße, und ja, es ist eine tödliche Krankheit, man muss es auch aussprechen können: Du kannst sterben. Das gedanklich zu realisieren ist auch ein Schritt für sich selber.

Wie haben Sie das geschafft?

Ich habe am Anfang alles an Infos aufgesogen, wie ein Schwamm. Lance Armstrong hat mir in seiner Autobiografie zu viel von seinen Werbeverträgen erzählt, zu wenig konkret von seinem Krebs. Hilfreich fand ich den "Stadt-Schamanen" des russischen Autors Serge King, weil ich auch versuche, Kleinigkeiten zu genießen. Nur vom Blick der Sonne kann man sich innerlich wärmen lassen. Ich übertreibe jetzt ein bisschen, manche meiner Kumpel werden sagen, der Ademola spinnt. Aber solche Sachen stärken mich.

Ihre großen Themen von einst, schaffe ich den Sprung in die NBA, versenke ich den wichtigen Wurf - diese Dinge sind plötzlich banal?

Die Vergangenheit ist eine andere Sache. Aber in der Gegenwart ja, da schon. Früher fluchte ich oft auf der Autobahn, fahr schneller! Jetzt bin ich der Langsame. 120, 130, ich komme genauso an. Als ich einmal nach Würzburg in die Klinik fuhr, merkte ich, dass ich Landschaften anders wahrnehme. Das Gras, die Felder an der Landstraße, die Vögel. Früher hätte ich nur gedacht: Wann sind wir da? Aber Gesundheit, Familie und Freunde waren mir schon immer am wichtigsten. Wenn du nicht gesund bist, kannst du nichts genießen.

Was ist für Sie Genuss?

Gutes Essen. Vom Ferrari vor der Tür habe ich noch nie geträumt. Meine Frau sagt, ich solle das nicht sagen, aber für mich kocht sie supergut.

Sie wirken trotz der Chemo nicht ausgezehrt.

Gewichtsschwankungen hatte ich eigentlich nur im Krankenhaus, weil mir sehr viel Wasser zugeführt wurde, um die Nierenfunktion zu sichern. Da war mein Höchstgewicht 117 Kilo. Vom Wasser hatte ich ein richtig aufgedunsenes Gesicht, nur noch kleine Augen, das wurde mir irgendwann zu viel. Die gaben mir dann eine Pille, und ich musste alle zwei Minuten auf die Toilette. Am nächsten Tag wog ich nur noch 112 Kilo. Dazu kommt das Kortison, da schwemmt man auch auf. Ich habe immer zwischen 107 und 110 Kilo gewogen, das wiege ich auch jetzt noch. Aber meine Haut ist anders, rauer, trockener. Meine Muskeln verändern sich, natürlich auch, weil ich wenig Sport mache. Das habe ich auch bei Armstrong gelesen: Der Körper ist nach dem Krebs anders, als er vorher war. Nicht mehr der Körper eines Leistungssportlers.

Ist das eine demütigende Erfahrung?

Das nicht. Aber ich bin jemand, der sich immer viel bewegt. Das Schwierigste, physisch, war, mich nicht zu bewegen. Nach der OP musste ich mehrere Tage auf dem Rücken liegen. Ich konnte nicht nach rechts, nicht nach links, Ende. Also habe ich mit den Beinen gezuckt. Der Arzt dachte schon, ich hätte noch eine Krankheit. Dabei habe ich meine Beine nur bewegt, weil ich nichts anderes bewegen konnte. Um meine Muskeln bei Laune zu halten.

Dürfen Sie derzeit Sport treiben?

Man kennt seine Limits. Ich kann nicht wieder ein Leben führen mit viel Stress, es ist ein höheres Risiko. Aber der normale Tagesablauf geht. Ich jogge viel im Wasser, trainiere Kondition. Und ich mache meine Übungen, mit Drei-Kilo-Hanteln.

Hausfrauen-Hanteln.

Tja. Das ist alles, was ich darf. Ich fragte kürzlich, ob ich wenigstens leichtes Krafttraining für den Oberkörper machen darf, mit 50, 60 Kilo. Die Physiotherapeuten schauten mich nur entsetzt an. Früher waren 60 Kilo zum Aufwärmen. Zack, zack, zack, ich habe kaum was gespürt.

Was haben Sie früher beim Bankdrücken aufgelegt, bei dem es gilt, Gewichte im Liegen mit den Armen zu stemmen?

Ich bin da schlecht im Vergleich zu Kollegen. 130 Kilo oder so. Mir ging es immer darum, möglichst explosiv zu sein.

Sie dürfen sich nicht mehr zu viel Stress aussetzen - ist eine Rückkehr in den Leistungssport also unmöglich?

Doch. Denn das ist kein Stress für mich. Adrenalin ist ja was Schönes. In der Crunchtime den Ball in der Hand zu haben und den Wurf zu nehmen - das ist kein Stress! Dafür lebt man, dafür trainiere ich! Da leuchten meine Augen.

Ihr verschmitztes Lächeln ist auch noch da.

Ja? (lacht)

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Ohne Optimismus läuft meiner Meinung nach gar nichts. Ich glaube daran, dass positive Gedanken Berge versetzen können. Wenn ich denke, du kannst den Krebs besiegen oder du kannst, wenn du ihn nicht besiegen kannst, mit dem Krebs leben - dann ist das auch möglich. Dann sage ich: Du, die Krebszelle, bist in mir drinnen. Okay. Und wir leben in Freundschaft. Du machst dein Ding, aber du wächst nicht. Ich muss dich nicht besiegen. Ich provoziere dich nicht. Aber du darfst nicht ausbrechen. Lass uns Hand in Hand gehen.

Denken Sie oft über den Tod nach?

Natürlich, vom ersten Moment an. Wie lange habe ich noch?, dachte ich. Tage? Stunden? Jahre? Früher ging es mir so wie den meisten: Man weicht dem Gedanken aus. Ich bin kein Freund von Friedhöfen. Wenn ich einen sehe, wechsele ich die Straßenseite. Warum, weiß ich nicht - meine Mutter mag Friedhöfe. Aber heute weiß ich: Ja, es kann passieren, dass ich sterbe. Nur weiß ich auch: Wenn ich meinen Teil tue, verlängert sich meine Zeit.

Ihr Vertrag als Profi der Brose Baskets Bamberg läuft bis 2010.

Ja, der Klub verhält sich auch klasse. Mein Arzt in Köln, der mich operiert hat, sagte, du kannst ohne Probleme wieder spielen. Er hat einen Top-Jockey operiert, am gleichen Wirbel, und der ist auch wieder geritten. Bei Jockeys ist die Belastung der Wirbelsäule ja noch höher. Was den Krebs angeht, muss ich sehen, wie ich regeneriere. Ich bin guter Dinge, aber ich erzwinge nichts. Diese Ruhe liegt mir im Blut. Ich komme erst wieder, wenn ich wirklich gesund bin, wirklich Leistung bringen kann.

Und wenn Sie nie mehr spielen können?

Oh, da habe ich viele Ideen. Ich habe schon seit Jahren eine Firma mit einem Freund, bisher bin ich aus Zeitgründen nur stiller Teilhaber: Streetlife Entertainment, sie sitzt in Berlin. Das ist ein Musiklabel, wir buchen hauptsächlich HipHop- und Urban-Konzerte, "50 Cent" werden Sie kennen. Einige Künstler haben wir für Europa sogar exklusiv. Gleichzeitig möchte ich natürlich auch weiterhin dem Basketball verbunden bleiben, ich mache gerade einen Onlinekurs Basketball-Management. Ich glaube, dass ich ein sehr guter Manager sein kann, allein durch meine internationale Erfahrung auf höchstem Niveau. Vom College North Carolina habe ich auch einen Abschluss in "International Studies", ich könnte, wenn ich noch fünf Kurse mache, Diplomat werden.

Der Eishockey-Nationaltorwart Robert Müller hat einen unheilbaren Hirntumor, ihn drängt es zurück aufs Eis. Sie haben nicht das Gefühl, dass Ihnen die Zeit davonläuft?

Natürlich. Man wird ja älter, zurückzukommen wird schwieriger. Andererseits habe ich meinen Körper immer gut behandelt.

Haben Sie schon mal gedacht: Hoffentlich sehe ich meine Söhne groß werden?

Schon. Aber die Geburt meines zweiten Kindes war eher noch einmal ein Mehr an Motivation. Mit ihm hatte ich neben meiner Frau und unserem ersten Sohn eine neue, dritte Aufgabe. Ich will das alles miterleben: Einschulung, College, erste Freundin. Das motiviert mich, vor allem, wenn es mir mal nicht so gut geht.

Wie verkraftet Ihre Frau die Situation?

Sie ist sehr stark. Aber wir helfen uns auch selbst, indem wir nicht jeden Tag über die Krankheit reden. Je mehr du drüber redest, desto mehr Fragen kommen auf. Hier, in diesen Wänden, ist es so: Die Kinder sind das Thema. Man kann endlos über sie erzählen.

Empfinden Sie es nicht als schreiende Ungerechtigkeit, dass es Sie getroffen hat?

Wenn es ungerecht wäre, dürfte ja gar kein Mensch krank sein. Einer ist nicht besser als der andere. Ich habe es akzeptiert, gezwungenermaßen akzeptiert.

Ist das Leben vorgezeichnet?

Ja und nein. Ein Leben ist für mich wie eine Baumkrone, die aus tausend Zweigen besteht. Man kommt immer zu einer Gabelung, man hat die Option, gehe ich links oder rechts? Und links würde das passieren, rechts etwas ganz anderes. Aber es gibt niemanden, der mir sagt: Geh links, geh rechts. Ich kann oft selbst entscheiden.

Gläubig sind Sie nicht?

Ich glaube an Gott, nur werde ich ihn nicht Allah oder Jesus nennen. Als ich jung war, habe ich gesagt, es gibt keinen Gott. Heute weiß ich: Es gibt einen Gott, eine höhere Kraft. Seit meiner Nachricht rede ich viel öfter mit ihm als früher.

Beten Sie für Ihre Genesung?

Ja. Es geht aber auch um ganz kleine Dinge. Ich bitte Gott um einen schönen Tag. Oder abends, wenn ich die Kinder zu Bett bringe, bedanke ich mich zum Beispiel für den Spaß, den wir beim Schlittenfahren hatten. Oder wenn ich einen seltenen Vogel sehe, bedanke ich mich. Ich sehe einfach viel mehr Dinge als früher. Wie schön die Welt ist.

Sie kennen die USA, Spanien, Russland, Italien. Ihr Vater war Nigerianer, Ihre Mutter ist Deutsche. Wo ist die Welt am schönsten?

Ich war fast überall, aber ich kenne vor allem Hallen, Hotels, Flughäfen. Eigentlich muss ich mit meiner Familie alles noch mal abreisen. Allein das Reisen mit Kindern ist ja ein Abenteuer für sich. Zumal es bei den zwei Jungs nicht bleiben soll.

Sie planen tapfer weiter die Zukunft.

Natürlich. Meine Frau hat immer hart gearbeitet, sie hatte nie Zeit zu verreisen. Ich will ihr unbedingt Barcelona zeigen, die Tapas schmecken nur dort so gut! Oder den Fisch in Malaga! Die Sonne, das Meeresrauschen. Oder Italien, ich war ein paar Monate in Treviso, habe zweimal am Tag Pasta gegessen, Vor- und Hauptspeise. Für die Soßen gibt's richtige Regeln und Gesetze. Ich möchte mit meiner Familie kulinarische Reisen machen, wenn die Therapie endlich vorbei ist. Bald, im Sommer.

Interview: Rüdiger Barth und Anette Lache / print

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