HOME

Arbeitslosigkeit: Ausgebremst

Wo bis vor Kurzem praktisch Vollbeschäftigung herrschte, werden jetzt Leute entlassen. Die Autoindustrie setzt Leiharbeiter und befristet Beschäftigte auf die Straße - das trifft vor allem Regionen, denen es besonders gut ging. Zum Beispiel den Landkreis Rastatt. Experten fürchten, dass es 2009 bis zu einer halben Million mehr Arbeitslose gibt.

Den 2. November wird Roman Zitzelsberger so schnell nicht vergessen: Als er sich für seinen Handballklub, die Sportgemeinschaft Muggensturm/Kuppenheim, durch die gegnerische Abwehr wühlte, riss sein Kreuzband. Dann ging die Partie knapp verloren. Und nach dem Abpfiff hörte er noch von der Sache mit "Fury", dem Torwart. Der sei entlassen worden. Und das ist viel schlimmer als ein Kreuzbandriss. Roman Zitzelsberger ist Chef der IG Metall im badischen Gaggenau, und in der letzten Zeit hörte er dauernd Geschichten wie die von Fury. Von Menschen, die ihre Jobs verlieren. "Das geht mir nicht nur beruflich nah, sondern auch menschlich, man kennt die Leute. Die Freundin von Fury ist im siebten Monat schwanger", sagt Zitzelsberger.

Er humpelt durch sein Büro, von dem aus man einen herrlichen Blick auf den Fluss Murg hat, der im Schwarzwald entspringt und in der Nähe von Gaggenau in den Rhein mündet. Das Murgtal mit seinen Hügeln, Wäldern und malerischen Fachwerkhäusern ist wunderschön - und extrem abhängig von der Autoindustrie: Mehr als 18.000 Menschen arbeiten in dem Landkreis direkt für die Branche - in den beiden großen Daimler-Werken Rastatt, wo A- und B-Klasse montiert werden, und in Gaggenau; bei Bosch in Bühl, beim Kupplungshersteller LUK und bei Dutzenden Zulieferbetrieben, die sich im Tal angesiedelt haben. Selbst die alt-eingesessenen Papiermühlen produzieren Material für die Seitenauskleidung von Autotüren.

Es droht eine tiefe Rezession

Doch nun steckt die Autoindustrie in der schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Nachfrage bricht weltweit in einem ungeheuren Tempo weg. So verkauften Daimler und BMW allein im November 25 Prozent weniger Autos als im Vorjahresmonat. Jens-Ole Olsen ist Leiter der Arbeitsagentur Rastatt, er trägt einen grauen Anzug, macht ein besorgtes Gesicht und sagt: "Indirekt hängt jede zweite Stelle im Landkreis Rastatt von der Autoindustrie ab." Jahrelang hat die Region von dieser Monokultur profitiert. Beim Daimler zu "schaffen", wie die Leute hier sagen, war das Größte überhaupt. Ein gut bezahlter, sicherer Job in einer Branche, deren Wachstum grenzenlos zu sein schien. "Der Bedarf an Mitarbeitern war in den vergangenen Jahren so groß, dass selbst die Mühseligen und Beladenen einen Job fanden", sagt Olsen. Die Langzeitarbeitslosen und gering Qualifizierten. Noch im November lag die Arbeitslosenquote im Landkreis Rastatt bei 3,7 Prozent. "In den Gängen der Arbeitsagentur konnte man Golf spielen", sagt Roman Zitzelsberger.

Im neuen Jahr dürfte sich das schlagartig ändern. Nicht nur im Landkreis Rastatt. Die Vollbremsung der Autoindustrie zwingt immer mehr Branchen dazu, ebenfalls das Tempo zu drosseln. Deutschland droht 2009 in eine tiefe Rezession abzugleiten. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung, RWI, rechnet mit einem Einbruch von zwei Prozent. RWI-Forscher Roland Döhrn spricht von einer Abwärtsspirale bisher unbekannten Ausmaßes: "Die Stahlwerke zum Beispiel arbeiten gerade noch so, dass die Hochöfen nicht kalt werden", sagt er. Der weltgrößte Stahlkonzern Arcelor-Mittal streicht in Eisenhüttenstadt und Bremen Hunderte von Stellen, Chemiekonzerne wie BASF oder Dupont produzieren weniger Autolacke oder Kunststoffe, die für Autoarmaturen gebraucht werden; Reeder ziehen ihre Containerriesen aus dem Verkehr. Und Speditionen schicken Lastwagenfahrer in den Zwangsurlaub. Michael Kubenz, Präsident des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes (DSLV), sagt: "Unsere Branche ist wie ein Seismograf, wenn Werke stillstehen, dann haben wir weniger zu transportieren."

"Die Krise trifft uns mit voller Wucht"

Natürlich wird die Rezession den Arbeitsmarkt treffen. Die Frage ist nur, wie hart? Werden es 200.000 mehr Arbeitslose oder, wie das RWI prognostiziert, bis zu einer halben Million? Überall fahren Beschäftigte ihre Arbeitszeitkonten herunter und bauen ihren Resturlaub ab. Doch wie lange schützen solche Puffer die Stammbelegschaften vor Entlassungen? Jörg Hofmann, Leiter der IG Metall in Baden-Württemberg, gibt sich optimistisch. "In der Autoindustrie können wir ein Jahr lang die Produktion um 20 Prozent und mehr senken, ohne Leute entlassen zu müssen", sagt er. So können die prall gefüllten Arbeitszeitkonten auf minus 300 Stunden heruntergefahren werden; die Wochenarbeitszeit ließe sich von 35 auf 30 Stunden senken; und die Betriebe können Kurzarbeit anmelden. "Wir haben aus der letzten Krise von 1993 gelernt und reagieren heute viel flexibler", sagt Hofmann. Aber was taugen diese Instrumente (siehe Kasten) wirklich? Offenbar wurden die Arbeitszeitkonten viel schneller geplündert als ursprünglich geplant: Schon ab Januar müssen 20.000 Mitarbeiter im größten Daimler-Werk in Sindelfingen kurzarbeiten, in Rastatt sind es knapp 6000.

Armin Schild, IG-Metall-Leiter in Frankfurt und Aufsichtsrat bei Opel, sieht die Sache düsterer als sein Kollege Hofmann. "Natürlich können wir mit Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit ein bisschen was wegpuffern, aber das bringt keine Lösung. Die Krise trifft uns mit voller Wucht." Aber sie trifft nicht alle gleich, sondern zunächst vor allem die Leiharbeiter und befristet Beschäftigten. Allein im Landkreis Rastatt sind in kürzester Zeit 1000 von ihnen auf die Straße gesetzt worden. "Man muss sich einmal die Dimension klarmachen", sagt der IG-Metall-Mann Roman Zitzelsberger. "Wenn ein Betrieb mit 1000 Leuten dichtmachen würde, dann gäbe es runde Tische, und die Politiker stünden Schlange, um etwas zu tun." Aber weil es ja "nur" um Leiharbeiter geht, bleibt alles still.

Auch im Leben von Michael Gaier, 28, ist es jetzt sehr still geworden. Sein befristeter Vertrag bei Daimler in Gaggenau wurde nicht verlängert, und das erfährt er ausgerechnet kurz vor Weihnachten. Gaier hat jetzt mehr Zeit, als ihm lieb ist, er sitzt auf seiner lindgrünen Couch, die Katze Suscha streicht um seine Beine, im Fernsehen läuft Werbung. Erst vor zwei Monaten hat der gelernte Werkzeugmacher sich in Bad Herrenalb eine neue Wohnung gemietet, weil er ganz sicher war, fest übernommen zu werden. Und weil er sich endlich mal was gönnen wollte. 500 Euro Miete kostet die Bude, das kann er sich jetzt eigentlich nicht mehr leisten. "Und Whiskas gibt’s bald auch nicht mehr", sagt er zu Suscha. Seit fast zehn Jahren hangelt Gaier sich von einem befristeten Job zum nächsten. Mit Daimler hatte er gehofft, das große Los gezogen zu haben. Gemeinsam mit den Kollegen produzierte er im Dreischichtbetrieb Hinterachsen für Lkws. Das Geschäft boomte, und Michael Gaier arbeitete wie verrückt. "Mit einem befristeten Vertrag hängt man sich ja besonders rein", sagt er. Logisch, dass er Wochenendschichten übernahm. Seine Freundin fand das nicht so toll, die Beziehung ging in die Brüche. Und nun ist auch noch der Job futsch, weil beim Daimler-Werk in Wörth, wo bis zu 120.000 Lastwagen im Jahr gebaut wurden, die Nachfrage quasi über Nacht eingebrochen ist.

Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Arbeitsmarkt

Ulli Edelmann, der Betriebsratsvorsitzende in Wörth, kann das alles immer noch nicht fassen. "Was ich hier erlebe, das erleben andere Betriebsräte nicht in 100 Jahren", sagt Edelmann. Noch zu Beginn des Jahres haben sie in Wörth 1000 Leute eingestellt. Mit unbefristeten Verträgen. "In Spitzenzeiten bekamen wir 1200 neue Bestellungen am Tag", sagt Edelmann. Heute sind es manchmal null. Und entsprechend weniger Achsen werden aus Gaggenau gebraucht. Michael Gaier versucht sich selbst Mut zuzusprechen: "Das Gute ist, dass ich die Unsicherheit schon so lange kenne. Ich weiß, dass es irgendwie weitergeht." Seinen Nachbarn Rico, den treffe es viel härter. "Der hatte nach Jahren der Arbeitslosigkeit endlich einen Job und steht jetzt wieder auf der Straße. Für den bricht eine Welt zusammen."

In der Krise zeigt sich die Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Arbeitsmarkt in ihrer ganzen Härte. Die Stammbelegschaften sind noch geschützt, die prekär Beschäftigten müssen sofort gehen. Und es gibt viele Prekäre in Deutschland. Insgesamt arbeiten zwei Millionen Menschen mit befristeten Verträgen; 2006 waren sogar 43 Prozent aller neu abgeschlossenen Arbeitsverhältnisse zeitlich begrenzt. Etwa 700.000 Menschen sind bei Zeitarbeitsfirmen angestellt. Vor allem die Autoindustrie hat von den flexiblen Mitarbeitern profitiert: Der Anteil der Leiharbeiter liegt bei zehn Prozent und ist damit höher als in allen anderen Branchen.

"Davon kann ich keine Familie ernähren"

Benjamin Bambach, 32, hat als Leiharbeiter in Gaggenau die 300 Kilo schweren Achsen verpackt, die Michael Gaier und seine Kollegen produzierten. Angestellt war Bambach allerdings bei der Zeitarbeitsfirma Autovision. Als Daimler den jungen Leiharbeiter nicht mehr brauchte, bot Autovision ihm eine Stelle im 370 Kilometer entfernten Wuppertal an. Für 7,38 Euro die Stunde. Bei Daimler hatte er fast das Doppelte verdient, weil die IG Metall das Prinzip "gleiches Geld für gleiche Arbeit" durchsetzen konnte. "Ich habe mir das mal ausgerechnet und bin auf 900 Euro netto gekommen, davon kann ich keine Familie ernähren", sagt Bambach. Sein Sohn Marvin ist fünf und kommt im nächsten Sommer in die Schule, seine Frau wollte dann eigentlich ihre Arbeit reduzieren, weil die Schule nur bis mittags geht. Bambach schreibt jetzt viele Bewerbungen, erledigt den Haushalt, kümmert sich um Marvin. "Aber wenn das länger geht, dann wird das die Hölle."

Der massive Ausbau von Leiharbeit und befristeter Beschäftigung ist politisch gewollt. Er hat die deutsche Wirtschaft gestärkt - und gleichzeitig dramatisch geschwächt: Zwar sind die Unternehmen viel flexibler geworden und profitieren von niedrigen Löhnen. Andererseits fehlt es immer mehr Menschen an Kaufkraft und Sicherheit. "Ich würde gern etwas aufbauen und eine Familie gründen", sagt Michael Gaier. Aber die Bank gewährte ihm ja nicht einmal einen Kredit für ein neues Auto, weil er "nur" befristet war. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass in Deutschland die Autoindustrie ihre Fahrzeuge nicht mehr loswird. Und selbst fest angestellte Mitarbeiter sind momentan so verunsichert, dass sie sich bestimmt kein Auto kaufen. Armin Schild formuliert es drastisch: "Die Arbeitszeitkonten sind in sechs, sieben Wochen leer. Ich rechne ab Februar mit Abbau Zehntausender Stellen."

Professionelle Beratung

Roman Zitzelsberger, der IG-Metall-Mann mit dem gerissenen Kreuzband, wird also im nächsten Jahr eine Menge um die Ohren haben. Schon jetzt muss er ständig auf Betriebsversammlungen, wo neue Hiobsbotschaften verkündet werden. "Aber Rumjammern hilft nichts, wir müssen etwas für die Leiharbeiter tun", sagt er. Also hat Zitzelsberger eine Transfergesellschaft beauftragt, die die Entlassenen bei der Jobsuche professionell berät. Nebenbei organisiert er eine Konferenz mit Unternehmern und Politikern, um zu beraten, wie sich das Murgtal gegen den drohenden Abschwung stemmen könnte. Und eigentlich müsste er sich endlich mal das Knie operieren lassen. Als er in seinen Kalender schaute, schlug er seinem Arzt den 24. Dezember vor. "Da ist doch Weihnachten", erwiderte der Mediziner. Gut, dass ihn einer daran erinnert hat.

print