Finanzkrise Wie Paulson die USA retten will


Mit einem Rettungspaket über 700 Milliarden Dollar will Finanzminister Henry Paulson die US-Wirtschaft vor dem Untergang bewahren. An mehreren Fronten kämpft der Ex-Investmentbanker für seinen Plan - und häuft dabei gigantische Macht an.
Von Matthias Ruch, New York

Deutlicher hätte Henry Paulson seine Macht nicht zur Schau stellen können. Seite an Seite mit George W. Bush tritt der Finanzminister Freitag früh in Washington vor die Kameras. In kurzen Sätzen kündigt er den Plan an, mit dem er die größte Volkswirtschaft der Welt aus ihrer schwersten Krise seit 1930 retten will. Er hält das Schicksal Amerikas in seinen Händen. Der Präsident neben ihm - nur noch ein Statist.

In Geheimverhandlungen mit den führenden Bankern und Politikern des Landes treibt Paulson seinen Coup voran. "Es geht um Hunderte von Milliarden Dollar", kündigt er an. Am Samstag nennt die Regierung erstmals eine Zahl: 700 Milliarden Dollar! Mit diesem Geld will sie Hypotheken aufkaufen, die von ihren Besitzern nicht mehr bezahlt werden können. Dazu muss sie die zulässige Obergrenze der Staatsverschuldung von derzeit 10.600 Milliarden Dollar auf 11.300 Milliarden Dollar anheben. Beides geht nur per Gesetz.

Paulson drückt aufs Tempo. Noch in dieser Woche soll der Kongress das Gesetz verabschieden. Jeder Tag zählt. Gemeinsam mit Ben Bernanke, dem Chef der Notenbank Fed, legt der frühere Chef der Investmentbank Goldman Sachs die Marschroute fest. Präsident Bush nennt Paulson "My wartime general" und überlässt ihm das Kommando: "Die amerikanische Wirtschaft steht vor beispiellosen Herausforderungen", mahnt Bush staatstragend. "Wir antworten mit beispiellosen Maßnahmen."

Amerikas Kapitalismus steht auf der Kippe

Selbst Barack Obama und John McCain, die sechs Wochen vor der Wahl unermüdlich um den Einzug ins Weiße Haus kämpfen, stehen plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt. Was Paulson gerade schafft, schien bislang unmöglich. Mit seinem Pragmatismus setzt er sich über Parteigräben hinweg und bringt Politiker beider Lager zusammen, um der Krise zu trotzen. "An diesem Wochenende handeln wir nicht als Republikaner oder Demokraten", sagt Chris Dodd, Chef des Bankenausschusses im Senat. "An diesem Wochenende sind wir alle Amerikaner." Auch Nancy Pelosi, die Präsidentin des Repräsentantenhauses, fordert in einem Brief an Bush eine parteiübergreifende Initiative. Amerikas Kapitalismus steht auf der Kippe, der Wahlkampf muss warten.

Der 700-Milliarden-Plan, den Paulson und Bernanke scheinbar aus dem Ärmel gezaubert haben, ist der Höhepunkt einer neuen finanzpolitischen Kehrtwende, die Paulson im März eingeleitet hat. Bear Stearns, die fünfgrößte Investmentbank der USA, war in den Strudel der Finanzkrise geraten. Paulson, der aus seiner Zeit bei Goldman Sachs über beste Kontakte an die Wall Street verfügt, schaltete sich hinter den Kulissen ein. Kurz darauf folgte der Zwangsverkauf an JP Morgan.

Paulson macht unbeirrt weiter

Spätestens mit diesem Deal werden Paulson und Bernanke zum Team. Nur gemeinsam können sie sich über politische Widerstände hinwegsetzen und erreichen, was beide nun für nötig halten. Bernanke, der Denker, und Paulson, der Macher. Ihre nächste, ungleich größere Intervention folgt Anfang September. Den Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac droht der Untergang - und Paulson ist zur Stelle. Bis zu 200 Milliarden Dollar kostet die Verstaatlichung der beiden Häuser. Das freie Spiel der Märkte, für das Paulson als Banker stets gestritten hatte, ist Vergangenheit. "Die USA unter Paulson sind kommunistischer als China", flucht der berühmte Hedge-Fonds-Manager Jim Rogers.

Doch Paulson macht unbeirrt weiter. Als der größte Versicherungskonzern Amerikas, AIG, in der vergangenen Woche kurz vor der Pleite steht, springt die Regierung mit einem Kredit von 85 Milliarden Dollar ein. "AIG stand wenige Stunden vor dem Bankrott", erzählt Paulson später. Wenige Tage zuvor hatte sich die drittgrößte Investmentbank der USA, Merrill Lynch, unter das Dach der Bank of America gerettet. Der gesamte Markt wird neu geordnet, Paulson zieht die Fäden. Spötter sprechen seitdem vom größten "volkseigenen Betrieb" der Welt.

Die Alternative ist der wirtschaftliche Super-GAU

Dass ausgerechnet ein Investmentbanker wie Paulson diese staatlichen Interventionen führt, ist für die Wall Street nicht ohne Ironie. "Die Freiheit zum Erfolg bedeutet auch die Freiheit zu scheitern", pflegte der Jurist früher zu sagen. Doch genau dieses Scheitern wird jetzt um jeden Preis verhindert. "Bisher haben wir immer Einzelfallentscheidungen getroffen", sagt er. "Jetzt brauchen wir mehr. Wir müssen nun eine grundlegende Lösung finden." Eine Lösung für 700 Milliarden Dollar? "Dieser Plan wird die Verschuldung weiter nach oben treiben", räumt Paulson gestern mit versteinerter Miene ein. "Aber es ist bei Weitem der günstigste Weg." Die Alternative ist der wirtschaftliche Super-GAU: der Zusammenbruch weiterer Banken, ein Kreditmarkt ohne Kredite, Depression. In Amerika, und weit darüber hinaus.

Wenn der Kongress den Rettungsplan tatsächlich genehmigt, wird Paulson damit wohl zum mächtigsten Finanzminister aller Zeiten. Sein Haus bekommt umfassende Vollmachten - und wird zugleich vor juristischen Angriffen geschützt. "Paulson sagt: 'Glaubt mir, ich werde alles richtig machen, wenn ich die absolute Kontrolle bekomme'", klagt Nouriel Roubini, Volkswirtin an der New York University. "Aber wir leben doch nicht in einer Monarchie!" Der Minister würde damit "für einige Monate zum Diktator des US-Finanzsystems", spottet auch die Wall Street.

Niemand will politisch Verantwortung übernehmen

Damit ist die Sache erledigt. Paulson wird sein Konzept umsetzen, mit ein paar kleinen Änderungen im Detail. Die Staatsverschuldung wird weiter dramatisch steigen - und dImmerhin kommt die Intervention reichlich spät. "Sowohl Paulson als auch Bernanke, die sich jetzt als Retter aufspielen, haben das Ausmaß der Krise nicht vorhergesehen", schimpft ein Analyst. Tatsächlich hatte Paulson die Probleme noch Ende Juli öffentlich heruntergespielt: "Das amerikanische Volk hat allen Grund dazu, sich darauf zu verlassen, dass das Bankensystem in den USA gesund ist", sagte er in New York. Damals brauchte der Markt vor allem Optimismus. Jetzt braucht er Geld. Viel Geld.

Die Finanzkrise ist damit freilich noch lange nicht ausgestanden. Paulsons Eingriffe dürften kurzfristig für Ruhe sorgen, langfristig seien die Probleme aber keinesfalls gelöst, warnen Marktbeobachter. Auch im Kongress bleibt Paulsons Coup umstritten. Doch hier wagt sich kaum ein Kritiker aus der Deckung. Niemand will politisch Verantwortung übernehmen - und niemand hat eine Alternative parat. Die Sorge Paulsons, als Minister nicht viel bewegen zu können, hat sich nicht bestätigt. Vor seiner Amtsübernahme im Juni 2006 hatte er die gleiche Gestaltungsmacht gefordert wie Außenministerin Condoleezza Rice und der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld - und Bush willigte ein. Nach dem eher farblosen John Snow brauchte der Präsident einen Finanzminister, der in der Welt der Banken einen Namen hat. Einen größeren Namen als Paulson hätte er kaum finden können.

Ein Privatvermögen von 600 Millionen Dollar

"Er hat die Fähigkeit, sich in Wirtschaftsfragen klar auszudrücken", lobte Bush seinen Kandidaten. Paulson müsse vor allem das Budgetdefizit zurückführen, hieß es damals in Washington. Gemessen daran, soviel kann man heute bereits sagen, ist der dritte und letzte Finanzminister der Regierung Bush grandios gescheitert. Heute hat er die Chance, mit seinem Rettungspaket in die Geschichte einzugehen. "Gab es jemals einen Minister, dessen Reputation nach dem Job besser war als vorher?", fragte Paulson einmal provokant. Mit seinem bescheidenen Auftreten hat sich der bodenständige Zwei-Meter-Mann aus dem Mittleren Westen, dessen Privatvermögen auf 600 Millionen Dollar geschätzt wird, in der Öffentlichkeit ebenso Sympathien erworben wie mit seinem engagierten Eintreten für den Naturschutz. Bei Goldman Sachs wurde er als "Öko" belächelt, der in seiner Freizeit Radtouren macht und Vögel beobachtet.

Dass ihm selbst sein deutscher Amtskollege Peer Steinbrück ausdrücklich Respekt zollt, wird Paulson in diesen Tagen bestenfalls am Rande registriert haben. "Sein Krisenmanagement hat maßgeblich zur Stabilisierung der Finanzmärkte in diesen Wochen und Monaten beigetragen", sagte Steinbrück im Bundestag. Paulson gilt als Mann der Tat. Ehrgeizig und konsequent, dienstlich wie privat. Mit seinem christlichen Glauben begründet er den Verzicht auf Tabak und Alkohol. Seine Tochter Amanda schreibt für die Tageszeitung "Christian Science Monitor". Sohn Merritt managt lieber Baseball- und Hockeymannschaften in Portland. Paulson selbst kam 1968 als Footballspieler am elitären Dartmouth College in New Hampshire zu sportlichen Ehren - und zu seinem Spitznamen "The Hammer". Zwei Jahre später machte er seinen Abschluss in Harvard.

"Paulsons Logik ist brillant", schwärmt ein Weggefährte. Seine Rhetorik dagegen lässt ihn öffentlich eher unbeholfen erscheinen. "Ich hasse es, dies zu tun. Aber es muss sein", begründet er die Interventionen der Regierung im US-Fernsehen. Nervös blinzelt er durch seine Brillengläser, schiebt die Augenbrauen hoch und massiert mit der Zunge seine Unterlippe. Die kurzen Nächte der letzten Wochen haben Spuren hinterlassen, immer wieder kommt er ins Stocken. "Dies ist eine demütigende Zeit für die Bürger der USA", sagt er mit blecherner Stimme. "Es tut mir leid, dass wir in dieser Lage sind - aber wir arbeiten daran. Und wir können vertrauen in unser großartiges Land."

FTD

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker