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Reaktionen auf den Euro-Gipfel: Die Nacht von Brüssel beruhigt die Welt

Die Eurorettung ist geschafft - fürs Erste jedenfalls. Die Beschlüsse von Brüssel stoßen auf überwiegend positive Resonanz in der Politik, bei Märkten und Anlegern sowie in den Medien. Die Reaktionen auf den Gipfel.

Politik

Die Beschlüsse, die jetzt getroffen wurden, sind eine gute Nachricht für Deutschland und eine gute Nachricht für Europa. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen, nicht nur, was die kurzfristigen Maßnahmen anbelangt, sondern es wurde auch die Tür geöffnet für Vertragsänderungen."
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP)

"Das sind Schritte in die richtige Richtung. Es wurden Fortschritte erzielt."
Stephen Harper, kanadischer Ministerpräsident

"Die Beschlüsse sind ein großer Schritt vorwärts"
Jun Azumi, japanischer Finanzminister

"Die Ergebnisse des EU-Gipfels zur Euro-Rettung sind ein guter Schritt nach vorn. Wir haben den Prozess ja demokratisiert in Deutschland. Das ist eine gute Botschaft gewesen." Die Haftungssumme Deutschlands sei trotz des beschlossenen Hebels weiter limitiert, aber mehr könne man vom Steuerzahler auch nicht mehr abverlangen.
FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle

"Ein gutes Ergebnis, auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel eine 180-Grad-Wende vollzogen hat". Sie habe zu spät auf die Krise reagiert und damit die Risiken für den Steuerzahler erhöht. "Allen voran muss nun eine Steuer auf Börsengeschäfte eingeführt werden." Mit den Einnahmen daraus könne dann auch ein dringend benötigter Wiederaufbauplan für Griechenland und andere verschuldete Länder in Südeuropa finanziert werden.
Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender

"Wir machen eine unglaubliche systemische Krise durch. Die Übereinkunft dieser Nacht ist eine ehrgeizige, globale und glaubwürdige Antwort. Die Beschlüsse werden uns aus den Turbulenzen führen, das wird der Wirtschaft einen Schub geben, das wird die Eurozone stabilisieren und das weltweite Wachstum".
Der französische Finanzminister François Baroin

"Die Eurozone ist gestärkt worden."
Jean-François Copé, Chef der französischen Regierungspartei UMP

China hat die Beschlüsse vom EU-Gipfel begrüßt und seine Bereitschaft zur Mithilfe zur Stabilisierung des internationalen Finanzsystems bekräftigt. Das Außenministerium in Peking äußerte die Hoffnung, dass die Folgen des Schulden-Gipfels in Brüssel das Vertrauen der Finanzmärkte stärkten. Staatspräsident Hu Jintao werde mit seinem französischen Kollegen Nicolas Sarkozy in einem Telefonat Wirtschaftsfragen erörtern, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums.

Börsen und Märkte

Der deutsche Leitindex Dax ist nach dem EU-Gipfel mit kräftigen Gewinnen in den Tag gestartet - plus 3,68 Prozent. Gegen Mittag lag er bei rund 6245 Punkten - es ist der höchste Stand seit Anfang August. Auch die Rohstoffmärkte reagierten auf die Ergebnisse erfreut. Gefragt waren vor allem Kupfer und Öl - den sicheren Hafen Gold umschifften die Investoren dagegen. "Der Optimismus ist wieder größer, das könnte bei zyklischen Anlageklassen zumindest kurzfristig für eine Rallye sorgen", sagte Ong Yi Ling, Analyst bei Phillip Futures.
Auch die Anleger von Bankaktien sind erleichtert: Aktien der Deutschen Bank kletterten um gut acht Prozent, Commerzbank um sieben Prozent. In Paris gewannen BNP Paribas, Societe Generale und Credit Agricole jeweils um die zehn Prozent, in London stiegen Barclays-Papiere um sieben Prozent. Der europäische Branchenindex verbuchte ein Plus von 4,6 Prozent. Ein Händler sagte: "Der Markt ist erleichtert, dass das Thema erst einmal vom Tisch ist und sich das Ganze nicht wie ein Kaugummi zieht."
Ebenfalls im Plus: die US-Börsen. Der Dow Jones Industrial stand zum Handelsschluss um 1,39 Prozentpunkte höher bei 11.869,04 Punkten. Für den breiter gefassten S&P 500 ging es um 1,05 Prozent auf 1242,00 Punkte hoch.

Anleger und Händler

Der Gipfel habe "keine messbaren Ergebnisse oder wenigstens Fortschritte bei verschiedenen Themen von großer Wichtigkeit" gezeigt: "Zum Beispiel sind die Nachrichten zum Hebel des EFSF bestenfalls lückenhaft und es bleibt abzuwarten, wie die endgültige Einigung aussehen wird."
Bankhaus Barclays Capital

"Die Schlagzeilen sehen ganz gut aus, aber der Teufel steckt im Detail. Es ist eine super gute Nachricht, dass sie sich auf eine Hebelung des EFSF auf eine Billion Euro und auf einen Schuldenschnitt mit privaten Gläubigern bei den griechischen Schulden geeinigt haben. Das Problem ist, dass wir nicht genau wissen, wie sie den Rettungsfonds von derzeit 440 Milliarden Euro auf eine Billion hebeln wollen. Außerdem ist nicht wirklich sicher, dass das reichen wird."
Credit Suisse, Sydney

"Wenn der EFSF verstärkt wird, ist das eine gute Sache, denn das wird einige Risiken in den europäischen Markt reduzieren. Allerdings ist es wohl zu hoch gegriffen, auf eine schnelle Lösung der Euro-Krise zu hoffen, denn es braucht Zeit, bis die finanziellen Probleme in Griechenland oder Italien unter Kontrolle sind. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Europäer ihre Probleme nun ernsthaft angehen."
Bankhaus Societe Generale

Presse und Medien

"Der Deutsche Bundestag hat das in seiner Macht Stehende getan, damit die Eurorettung gelingt. Alles Weitere liegt zunächst in den Händen der Brüsseler Gipfelteilnehmer. Dort wurde sehr präzise registriert, dass sich Deutschland trotz einigen Widerwillens nicht um seine Rolle als Zugpferd der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik drückt. Lange genug hatte Angela Merkel versucht, den deutschen Steuerzahler aus dem griechischen Schuldenchaos herauszuhalten. Vergebens. Die rhetorischen Schaukämpfe von SPD-Fraktionschef Steinmeier zeigten ja auch überdeutlich, dass eine Haltung gegen die Eurorettung zwar populistisch effektiv wäre, dennoch bleibt die Rettung 'alternativlos'."
"Rhein-Neckar-Zeitung", Heidelberg

"Merkels mahnende Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. 503 von 596 Abgeordneten folgten der Kanzlerin, auch weil die Opposition von SPD und Grünen ihre Vorbehalte hintanstellte, Staatsräson walten ließen und in dieser für Deutschland existenziellen Frage überwiegend mit der Regierung stimmten. Noch wichtiger waren für die Kanzlerin allerdings die 311 Ja-Stimmen aus dem schwarz-gelben Lager. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage war somit die Kanzlermehrheit gesichert. Merkels Problem ist seit gestern nicht mehr das innenpolitische Feld. Die Abgeordneten der Koalition sind auf Kurs. Auf einem ganz anderen Papier steht jedoch, wie die Komplexität des Finanzwesens und die Interessen der EU-Länder unter einen Hut gebracht werden können."
"Braunschweiger Zeitung"

"Die Weltwirtschaftskrise 2008 wurde gut überstanden, der Haushalt darf fast solide genannt werden, die Arbeitslosigkeit geht zurück, und die Regierung wird geführt von einer Frau, die den Ehrgeiz und wohl auch die Konstitution hat, gegen die Mehrheit der Schulden auftürmenden Länder ein Mindestmaß an wirtschaftlicher Vernunft bei der Euro-Rettung walten zu lassen. In Deutschland wird derlei Bemühen kaum geschätzt. Es hat sich ein raunziger Ton eingeschlichen in die Kritik an Angela Merkel und ihrer Regierung, der etwas Anmaßendes hat. Altmodisch formuliert, könnte man sagen, es fehlt der Respekt für eine Kanzlerin, die Tag und Nacht ohne Schonung der eigenen Physis versucht, mit der Währung die Fundamente unseres Wohlstands zu retten."
"Die Welt", Berlin

"Nicht die Gemeinschaftswährung ist krank - sie ist sogar eine starke Währung -, sondern ihre zu zahlreichen Väter. Entweder, es geht ihnen schlecht, wie Griechenland, Spanien oder Italien, oder sie verstehen sich nicht untereinander. Angela Merkel ist gestern gestärkt nach Brüssel gereist, mit einem Mandat des Bundestags in der Tasche. Werden sich die südlichen Länder in der EU den Anforderungen Berlins beugen? Nicht sicher. Nur eines steht fest: Wenn die Rettung des Euro gelingt, dann nur unter der Kontrolle Deutschlands."
"L'Alsace", Mülhausen

"Es ist normal, dass jene, die einen Sparkurs gewagt haben, um einen wirtschaftlichen Niedergang zu verhindern, nun schwer ins Gewicht fallen. Die deutschen Bundestagsabgeordneten haben sich ohne Wenn und Aber hinter Angela Merkel gestellt, und damit daran erinnert, dass sie nicht auf Europa verzichten. Sie haben aber auch deutlich gemacht, dass die Unbekümmerten für die Leichtfertigkeit ihrer Politiker und die Nachsicht ihrer Mitbürger nun zahlen müssen. Es gibt Wahrheiten, die unangenehm sind, die aber gesagt werden müssen, denn es kommt immer der Tag, an dem die Rechnung bezahlt werden muss."
"L'Union", Reims

"Die Wirtschaftskrise wird sich nicht mit einem, zwei und nicht Mal mit drei Gipfeln beilegen lassen. Doch wir müssen einen Moment Halt machen und die politische Landschaft in Europa betrachten. Und dann sehen wir, wie die Schlauheit der Vernunft am Werk ist. Denn das, wogegen sich der nationale politische Wille noch vor kurzem vehement wehrte, hat nun der spekulative Wahnsinn durchgesetzt: De facto ist die EU nun eine Föderation. Jetzt ist es an den Mitgliedstaaten, das so beruhigende Stadium der Zwischenstaatlichkeit zu überwinden und endlich dem Europaparlament mehr Macht abzutreten. Dies ist die einzige Art, die Völker an dem Weg zu beteiligen, auf den sich Europa nun begibt. Sollte dies nicht geschehen, wird zu der Wirtschaftskrise eine ernste politische und soziale Krise kommen."
"Libération", Paris

"Während die arabische Welt in diesem Jahr ihren demokratischen Frühling erlebt, scheint die Europäische Union derzeit unter dem Eindruck von Euro- und Schuldenkrise einen "demokratischen Herbst" durchzumachen. Wie anders sollte man den einzigartigen Vorgang deuten, dass die deutsche Bundeskanzlerin vor einem der wichtigsten Gipfeltreffen in der Geschichte der EU das eigene Parlament, den Bundestag, konsultieren musste. Das hat es noch nie gegeben.
"Tages-Anzeiger", Zürich

"Besteht das seit mehr als 50 Jahren im Aufbau befindliche Gebäude, das wir heute als Europäische Union kennen, aus nichts anderem als der gemeinsamen Währung? Und signalisieren nicht jene, die heute schon die EU begraben, dass sie nichts mit ihr anfangen können? Diese Fragen kann man nicht mit Euro-Milliarden beantworten. Die EU spielt wieder Feuerwehr und kommt nicht dazu, sich um Probleme zu kümmern, die gewöhnliche Sterbliche beschäftigen."
"Nepszabadsag", Budapest

"Der EU-Rat gestern in Brüssel war nur ein Beginn (...) Angela Merkels Rede im Bundestag, ihr Beharren auf der Tatsache, dass der deutsche Wohlstand vom Überleben der Euro-Zone abhängt sowie die sehr große Unterstützung, die sie von ihrem Parlament erhalten hat, haben all jenen Zweiflern der vergangenen Monate bewiesen, wie stark sich Deutschland zugunsten Europas einsetzt. Deutschland ist nicht mehr das, was es mal war. Seine moralische Schuld am Ende des Zweiten Weltkriegs zählt heute nicht mehr. Ab sofort wird Europa stärker den deutschen Prioritäten Rechnung tragen müssen - vor allem auch der Budgetdisziplin, die von Berlin aus gesehen seit der griechischen Krise in Europa aus dem Ruder gelaufen ist."
"Le Figaro", Paris

nik/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters