Prominente lieben es. Politiker auch. Mit Twitter lassen sich ganz schnell ganz kurze Botschaften an ganz viele Menschen verschicken. Das ist zuweilen arg befremdlich, findet stern-Redakteurin Andrea Ritter.

Twittert selbst nur wenig und unter Pseudonym, hört aber gern zu: Andrea Ritter© Volker Hinz
Was machst du gerade? Nun ja, ich tippe. Dazu trinke ich einen Kaffee. Ab und zu schaue ich aus dem Fenster und frage mich, aus welchem Jahrzehnt diese komische Fliegenpilzlampe im Büro gegenüber stammt. Diese Überlegung teilen jetzt mehr als 60 Menschen, die meisten von ihnen kenne ich nicht.
"Was machst du gerade?" ist Ausgangsfrage und Basis von "Twitter", jenem erst drei Jahre alten Kommunikationsdienst, der inzwischen geschätzte 19 Millionen Nutzer weltweit hat. Von der Notwasserung eines Flugzeugs bis zur Einkaufsliste fürs Wochenende kann jeder mitteilen, was er gerade erlebt. Einzige Bedingung: Die Nachrichten dürfen nicht länger als 140 Zeichen sein. Das entspricht etwa der Textmenge einer SMS, denn "twittern" kann man auch übers Handy. Die neuen Mobiltelefone haben das Internet vom Computer abgekoppelt. Man trägt es nun mit sich herum - die virtuelle und die echte Welt sind noch ein Stückchen näher zusammengerückt. Faszinierend. Aber auch ein bisschen unheimlich.
Sich Zugang zu verschaffen ist einfach. Man muss nur Englisch können (seit 2008 geht auch Japanisch), einen Benutzernamen mit Passwort wählen und auf eine gültige E-Mail-Adresse verweisen. Anschließend kann man Menschen suchen, von denen man zukünftig gern wissen möchte, was sie gerade tun - und besonders Prominente sind dabei überraschend auskunftsfreudig. Mit der Zeit hat man raus, wann Lance Armstrong morgens den Sportteil aufschlägt und wann er seine Kinder zur Schule bringt. Karl Lagerfeld träumt von einer Dinnerparty, bei der die Gäste schreiben und nicht reden. Paulo Coelho schafft 16.000 Steps auf seinem Pedometer. Lily Allen ist gerade auf Safari und braucht noch ein Fernglas, Jamie Oliver preist sein Rezept für Lammkoteletts an, und Ashton Kutcher, der kaum eine Stunde ohne "Tweet" vergehen lässt, findet, dass seine Frau Demi immer besser aussieht, und zeigt zum Beweis gern Fotos, denn auch das ist möglich. Wenn die Welt ein globales Dorf ist, ist Twitter der Marktplatz, auf den jeder hinausschreit. Über den Gehalt der Twitter-Äußerungen von SPD-Politiker Thorsten Schäfer-Gümbel ("Moin, bin schon auf dem Weg nach Wiesbaden") kann man streiten, aber immerhin verfolgen das rund 2800 Leute. Und dass Ashton Kutcher den Nachrichtensender CNN im Rennen um die meisten "Follower" - so heißen bei Twitter die Abonnenten - geschlagen hat, weiß jeder. Aber wie hieß noch mal sein neuester Film?
Aufmerksamkeit ist die Währung des Internets, und wer nicht berühmt ist, wird nur beachtet, wenn er besonders originelle oder interessante Inhalte veröffentlicht. Prinzipiell gilt das auch für Twitter - nur hat die Unmittelbarkeit der Veröffentlichung die Definition von "interessant" um das private Alltagsgeschehen erweitert. Man bekommt mit, wer Zahnschmerzen hat oder sich im Büro ärgert. "Statusmeldungen" heißen die, und die haben mittlerweile auch Internet-Plattformen wie "Facebook" übernommen. Von Menschen, die ich kaum kenne, erfahre ich so, wie sie ihren Tag verbringen. Unter Umständen wissen sie auch etwas über mich. Aber nicht unbedingt von mir.
Als ich neulich im Zug einen Kollegen traf, der mich mit seinem Handy fotografierte, die Begegnung twitterte und das Bild auf seine Facebook-Seite lud, war das für ihn normal. Für jemanden, der sich noch daran erinnert, wie die Mutter 1987 gegen die Volkszählung protestierte, ist das mehr als befremdlich. Deswegen sind Dinge wie Twitter nicht nur ein technologischer Fortschritt. Sondern eine gesellschaftliche Veränderung. "Wir müssen einige Dinge überdenken", sagt der amerikanische Anthropologieprofessor Michael Wesch in seinem Online-Video über das Web 2.0. Dazu zählt er Urheberrecht, Identität, Ethik und Privatsphäre. "Wir müssen uns selbst überdenken", heißt es am Schluss. Jeder kann jederzeit alles publizieren - das ist so. Und das ist sicherlich eher gut als schlecht. Es ist aber auch eine Verantwortung: Ungefragt Handy-Fotos hochladen gehört sich nicht.
Auch stern.de twittert. Eine Übersicht über unsere Twitter-Angebote finden Sie hier.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2009