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1. Juni 2011, 13:15 Uhr

Zahl der Infizierten steigt rapide

Die Zahl der Ehec-Fälle steigt wieder deutlich an, in Niedersachsen sind bereits über 340 Menschen mit dem Darmbakterium infiziert. Erste Krankenkassen rufen zu Blutspenden auf.

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Spanische Gurken sind wohl doch nicht an der Welle von Ehec-Infektionen schuld© Daniel Kalker/DPA

Die Zahl der Ehec-Infektionen in Niedersachsen steigt wieder rapide an. Bisher haben sich vermutlich 344 Menschen mit dem gefährlichen Darmbakterium infiziert, 80 mehr als am Vortag. Bei 250 Fällen gibt es schon eine definitive Bestätigung durch Laboruntersuchungen, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Thomas Spieker, am Mittwoch in Hannover. Am Vortag hatte die Zahl der bestätigten Erkrankungen und der Verdachtsfälle noch bei 264 gelegen. Auch die Zahl der Menschen, die an HUS, dem lebensbedrohlichen Krankheitsverlauf des Durchfallerregers erkrankt sind, ist von 47 auf 68 Patienten gestiegen. Besonders betroffen ist der Landkreis Cuxhaven: Hier sind 48 Menschen nachweislich mit Ehec infiziert, 18 von ihnen leiden an der schweren Komplikation HUS.

Angesichts des hohen Bedarfs an Blutkonserven und Blutplasma wegen der zahlreichen Ehec-Erkrankungen haben erste Krankenkassen zum Blutspenden aufgerufen. "Wir haben zwar eine gut organisierte, länderübergreifende Versorgung mit Blutkonserven, aber wir sollten nicht vergessen, dass die Urlaubssaison unmittelbar bevorsteht, in der erfahrungsgemäß durch ein erhöhtes Unfallgeschehen auch wieder mehr Blutkonserven benötigt werden", erklärte der Sprecher des Landesverbandes der Ersatzkassen in Mecklenburg-Vorpommern, Bernd Grübler. Landesweit sind mehr als 90 Menschen am Darmkeim Ehec erkrankt. Verläuft die Erkrankung schwer, muss Blutwäsche eingesetzt werden.

Die Quelle ist nicht identifiziert

Die Quelle der lebensgefährlichen Ehec-Infektionen in Deutschland liegt derweil wieder völlig im Dunkeln. Spanische Gurken, die zunächst mit den Erkrankungen in Zusammenhang gebracht worden waren, sind nach neuen Laboruntersuchungen nicht der Auslöser. Tests bei in Hamburg sichergestellten Gurken zeigten keine Übereinstimmung mit dem grassierenden Erreger des Typs O104, der aus Stuhlproben von Patienten isoliert wurde. "Nach wie vor ist die Quelle nicht identifiziert", sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Dienstag. In Spanien macht sich derweil Ärger über das deutsche Ehec-Krisenmanagement breit: Dort ist die Landwirtschaft in die schlimmste Krise der jüngeren Geschichte gestürzt.

Nach Angaben der Hamburger Senatorin wurden jedoch andere Ehec-Keime auf den Gurken aus Spanien nachgewiesen. Zudem lägen die Ergebnisse von zwei weiteren Proben noch nicht vor. Nach Ansicht von Prüfer-Storcks war es dennoch richtig, die Untersuchungsergebnisse vor einigen Tagen zu veröffentlichen. "Denn die Verunreinigungen können sehr wohl EHEC auslösen." Der Schutz von Leben müsse wichtiger sein als wirtschaftliche Interessen.

Solange die Ursache des Ehec-Ausbruchs unklar ist, gelte weiterhin die Warnung des Robert Koch-Instituts (RKI). Die Behörde hatte davon abgeraten, Tomaten, Salatgurken und Blattsalate - insbesondere in Norddeutschland - roh zu essen.

Spanien forderte indes die sofortige Wiederaufnahme des kompletten Handels mit spanischem Gemüse. Nach der Warnung aus Hamburg hatte ein Land in Europa nach dem anderen seine Grenzen für spanisches Gemüse geschlossen. Spanische Branchenkreise bezifferten die Verluste der Bauern auf 200 Millionen Euro pro Woche.

Spanien schließt rechtliche Schritte nicht aus

Die spanische Agrarministerin Rosa Aguilar sagte am Dienstag in Debrecen (Ungarn), ihr Land wolle auf EU-Ebene Entschädigungen für alle europäischen Landwirte verlangen, die wegen Ehec Verluste haben. "Wir sind enttäuscht von der Art, wie Deutschland mit dieser Krise umgegangen ist." Niemand habe sich in ihrem Land direkt mit Ehec infiziert. Dies zeige, dass die Ursache auch woanders liegen könne. Spanien schließe auch rechtliche Schritte gegen die Behörden in Hamburgnicht aus, sagte der spanische Vizeregierungschef Alfredo Pérez Rubalcaba am Mittwoch. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass Spanien nicht der Ausgangspunkt der Ehec-Darminfektionen gewesen sein könne. "Ein Erreger dieser Art war in Spanien noch nie aufgetreten", sagte Rubalcaba dem Radiosender Cadena SER. "Das heißt, es gibt die Bakterie hier in Spanien nicht. Und wenn es sie hier nicht gibt, ist die Krankheit auch nicht von Spanien ausgegangen."

Verbraucherministerin Ilse Aigner nahm die Hamburger Gesundheitsbehörden gegen die Kritik am Krisenmanagement während der Ehec-Epidemie in Schutz. "Es wurden ja Ehec-Erreger auch auf spanischen Gurken gefunden. Und deshalb musste nach den europäischen Regularien dazu auch eine Schnellwarnung abgesetzt werden", sagte die CSU-Politikerin am Mittwoch im ZDF-"Morgenmagazin". Die Hamburger Kollegen hätten sich "wirklich gut verhalten".

Suche beginnt von vorn

Nun muss die Suche nach der Infektionsquelle wieder bei Null beginnen. Laut Prüfer-Storcks würden im Hamburger Hygiene-Institut auch etliche andere Lebensmittel untersucht. Möglicherweise hilft dabei ein neuer Schnelltest aus Münster, der den lebensgefährlichen Darmkeim innerhalb von vier Stunden bis zu einem Tag nachweisen kann - sowohl bei Menschen als auch auf Gemüse. "Es ist ein Werkzeug für die Suche nach der Quelle", sagte ein Sprecher der Uniklinik Münster. Es sei speziell auf den aktuell grassierenden Ehec-Stamm zugeschnitten.

Gleichzeitig gab das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) am späten Abend in Berlin bekannt, ebenfalls ein spezifisches Erkennungssystem für den aktuellen Ehec-Keim in Lebensmitteln entwickelt zu haben. "Wir hoffen, dass dieser Test dazu beiträgt, die Quelle für die Infektionen mit dem Ehec-Stamm O104:H4 aufzudecken und die risikobehafteten Lebensmittel schnell aus dem Markt zu nehmen sowie Klarheit über die Infektionskette zu verschaffen", sagte BfR-Präsident Andreas Hensel.

Erster Verdachtsfall in Tschechien

Der Test sei am Nationalen Referenzlabor (NRL) in Berlin zusammen mit Experten der französischen Lebensmittelagentur Anses entstanden. Die Methode sei bereits den Untersuchungslabors der Bundesländer zur Verfügung gestellt worden, hieß es in einer Mitteilung.

Die Zahl der Todesopfer in Deutschland stieg derweil auf 15 - davon sind 13 Frauen. Inzwischen gibt es bundesweit mehr als 1500 Ehec-Infektionen und Verdachtsfälle, vor allem im Norden. Allein in Hamburg wurden bisher fast 600 Ehec- und Verdachtsfälle gemeldet. Viele Patienten leiden unter einem besonders schweren Verlauf, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Es kann unter anderem zu Nierenversagen und Hirnschäden führen.

Zudem meldete Schweden als erster weiterer EU-Staat den ersten Ehec-Todesfall. In dem Land gibt es nach Angaben der Behörden etwa 40 bestätigte Ehec-Fälle. In vielen anderen Ländern mehren sich die bestätigten und die Verdachtsfälle. In Tschechien ist eine amerikanische Touristin definitiv an Durchfall erkrankt, der durch Ehec-Bakterien verursacht wurde. Es handele sich um den Bakterientyp O104, der im Verdacht stehe, die Erkrankungswelle in Deutschland ausgelöst zu haben, teilte das nationale Referenzlabor in Prag am Mittwoch mit.

Die Amerikanerin war aus Norddeutschland eingereist, wo sie nach eigenen Angaben Salate konsumiert hatte. Sie wird in einem Prager Krankenhaus behandelt. Ein Mann aus Mähren erkrankte hingegen nicht an Ehec. Der Anfangsverdacht hat sich nach Angaben des Referenzlabors nicht bestätigt.

Der Ehec-Keim "Ehec" ist eine Abkürzung für Enterohämorrhagische Escherichia coli, eine gefährliche Variante der eigentlich harmlosen Kolibakterien. Bei Ehec handelt es sich um ein Darmbakterium mit der Eigenschaft, bestimmte Zellgifte, sogenannte Shigatoxine, zu produzieren, die bei Menschen schwere Erkrankungen auslösen können. Möglich sind etwa blutige Durchfälle oder als Komplikation das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), das ein Nierenversagen verursachen kann. Es gibt Hunderte verschiedener Ehec-Stämme. Den aktuellen Erreger haben die Forscher des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster identifiziert: „Es handelt sich um einen Vertreter des Typs ‚HUSEC 41’ des Sequenztyps ST678", sagt Institutsdirektor Helge Karch. Der extrem seltene Erreger wird auch Serotyp O104:H4 genannt. Als Serotypen werden verschiedene Varianten eines Bakteriums bezeichnet. Das O beschreibt hierbei die Oberflächenstruktur des Erregers, und das H steht für verschiedene Geißel-Antigene, mit denen das Bakterium sich fortbewegt. „Bei Ehec gibt es 186 O-Antigene und 53 H-Antigene, die in jeglicher Kombination auftreten können", sagt Mikrobiologe Lothar Beutin, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Escherichia coli am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Somit gebe es zahlreiche Serotypen.

kbe/ins//DPA
 
 
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