"Wir können alles", rühmen sich die Baden-Württemberger. Tatsächlich verstehen sie sich auch auf "Filz, Korruption & Kumpanei". stern.de veröffentlicht einen Auszug aus dem gleichnamigen Buch - über die denkwürdige Freundschaft von Ministerpräsident Günther Oettinger zu Pizzeriawirt Mario L.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger und sein tiefer Sinn für Freundschaft: Stoff für einen Bestseller© Michael Latz/DDP
Im Sommer 2007 war's, als man in Deutschland gerade traumverloren gedacht hatte, die Mafia finde inzwischen nur noch in Hollywood-Filmen statt. Was verschiedene Landeskriminalämter so ähnlich auch im Brustton vollster Überzeugung propagiert hatten. Italo-Mafia bei uns? Gibt's nicht. Bis die Vendetta, eine ganz böse Erfindung der italienischen Mafia, plötzlich auf einem deutschen Parkplatz nahe einem deutschen Bahnhof in einer ganz normalen deutschen Stadt blutige Realität wurde. Zwei gedungene Killer erschossen in Duisburg sechs Italiener, die zuvor in einer Pizzeria gefeiert hatten. Ihre Körper wurden in einem Kugelhagel regelrecht zerfetzt. Eine Hinrichtung. Ein brutalster Racheakt in einem Krieg zwischen zwei verfeindeten Clans der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta.
Die "ehrenwerte Gesellschaft" schlägt mitten in Germania zu. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, goss ein italienischer Mafia-Experte auch noch Öl in ein Feuer, das aus baden-württembergischer Sicht längst ausgetreten war. Zumindest aus offizieller baden-württembergischer Sicht. Roberto Saviano, Autor des Megasellers "Gomorrha", schwadronierte im "Spiegel" eine Seite lang über organisierte Kriminalität. Wie intensiv italienische Gruppierungen bereits seit langem in Deutschland unterwegs seien, wie Geldwäsche, Waffenhandel oder Schutzgelderpressung an der Tagesordnung seien - und wie gezielt die Mafia die Nähe zur politischen Prominenz suche. Und just in diesem höchst unangenehmen Zusammenhang ging dieser Saviano tatsächlich her und erzählte diese Pizza-Geschichte, diese uralte Story von Günther und Mario: "Die Mafia hat keine Farbe. Sie ist nie in der Opposition. Nur ab und zu lassen sich Verbindungen zwischen der Politik und den kriminellen Organisationen erkennen, zum Beispiel als ein CDU-Politiker von einem Pizzabäcker in Stuttgart, einem Mann der Ndrangheta, unterstützt worden war."
Ja, wo sind wir denn? Ist denn einem Italiener nichts mehr heilig? Nicht einmal mehr ein baden-württembergischer Ministerpräsident? Doch das war ja nur der Anfang der perfiden Diffamierungskampagne. Es kam noch schlimmer, viel schlimmer. Nach dem sechsfachen Mord in Duisburg intensivierte sich im Herbst 2007 die Zusammenarbeit zwischen deutschen und italienischen Ermittlungsbehörden. Denn sogar der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) hatte in einer aktuellen Analyse mächtig Alarm geschlagen: Internationale Mafia-Organisationen hätten sich bereits untereinander regelrecht vernetzt, man kooperiere in fast allen Bereichen schwerster organisierter Kriminalität. Und gerade die 'Ndrangheta habe es geschafft, eine ganz brisante Spitzenstellung zu erreichen. Sie gelte heute als Weltmarktführer des Kokainhandels. Der geschätzte Jahresdrogenumsatz liege bei 22 Milliarden Euro. Und eines ihrer Einsatzgebiete sei - eben Deutschland.
Daher begannen sich also im Herbst 2007 Mafia-Fahnder aus Italien und deutsche Ermittler wieder etwas ausgiebiger auszutauschen. Man sprach über Operations- und Rückzugsgebiete, über Clan-Chefs, deren Verbindungen und Vergehen, überdeutsche Schwerpunkte der 'Ndrangheta und einzelne mutmaßliche Mitglieder der kalabrischen Organisation. Dabei kam auch der alte Fall Mario L. zur Sprache. Der Stuttgarter Pizza-Wirt war zwar bei einem Mafia-Prozess im Jahr 1999 freigesprochen worden. Doch das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) verzeichnete ihn im Jahr 2000 nach wie vor als Mitglied des 'Ndrangheta-Clans "Greco", wie aus Unterlagen der Behörde hervorgeht. Beim besagten Austausch italienischer und deutscher Fahnder blieb es nicht beim Thema Mario. Plötzlich, wie aus heiterem Stuttgarter Himmel, kam die Rede auch auf Günther Oettinger. Und da passierte es: Was seine Rolle in der damaligen Sache angehe, da sei in Deutschland einiges vermauschelt worden, wurde doch tatsächlich behauptet. Bei ihnen in Italien, so fabulierten italienische Ermittler wäre Oettinger nicht Ministerpräsident geworden, sondern hätte eher juristische Probleme bekommen, wegen eines Verdachts, der bei ihnen zu Ermittlungen führen würde - nämlich "favoreggiamento", Begünstigung. Die italienischen Ermittler verwiesen darauf, dass dieser Verdacht in ihrem Heimatland auch schriftlich fixiert wurde - noch im Jahr 2005.
Wie bitte? Einem wackeren Baden-Württemberger muss der Atem stocken, wenn er so was hört. Oder gleich der Kamm schwellen. Incredibile! Impertinente! Ein solcher Frontalangriff auf die Würde dieses Landes verlangt es, die Pizza-Sache noch einmal zu rekapitulieren. Um sie richtig zu stellen, wie sich's gehört. Und allein schon der Aufklärung und kritischen Vernunft wegen, die ja, Sie wissen, wie die baden-württembergische Fahne über der Villa Reitzenstein weht.
Zum Buch Das Buch "Filz, Korruption & Kumpanei" ist bei Klöpfer und Meyer erschienen. Die Hardcover-Ausgabe gibt es für 19,90 Euro.