9. Oktober 2003, 13:59 Uhr

Der Auferstandene

Lange war der streitbare Pole die Symbolfigur einer rückständigen, weltfremden Kirche, doch mit seinem Protest gegen den Irak-Krieg hat Papst Johannes Paul II. Millionen Menschen aus der Seele gesprochen.

Eine seiner ersten Reisen führte Johannes Paul II. 1979 nach Chicago, wo er vor Hunderttausenden sprach. Seinen Erfolg misst er an der Zahl der Menschen, die er erreicht©

"Nie wieder Krieg!" - Hoch über den Arkaden Berninis reckte Johannes Paul II. am Sonntag vor dem Angriff auf den Irak energisch die Faust in den römischen Himmel und rief zornig sein päpstliches Veto hinunter zu den Tausenden auf dem Petersplatz.

Weihnachten noch ein erbarmungswürdiger Greis mit tief gesenktem Kopf, gedunsenem Gesicht und so zittrigen Händen, dass er kaum die Hostie halten konnte bei der traditionellen Mitternachtsmesse in der Basilika von Sankt Peter, zeigte sich da nur drei Monate später ein unerwartet erstarkter alter Mann am Fenster seiner Residenz. Nie sei es für den Frieden zu spät, fuhr Karol Wojtyla der "Koalition der Willigen" in die Parade. "Ich gehöre der Generation an, die den Zweiten Weltkrieg erlebt und überlebt hat, und habe daher die Pflicht, allen jungen Menschen, all jenen, die jünger sind als ich und diese Erfahrung nicht gemacht haben, zu sagen: Nie wieder Krieg!" Niemals dürfe die Menschheit der Logik des Krieges folgen, verkündete er in lange nicht gesehener Rage und schmetterte auf Italienisch das "niemals" gleich dreimal hinterher: "Mai, mai, mai!" Doch da waren die Truppen der Amerikaner längst in Marsch gesetzt.

Bußfasten und Botschaften für den Frieden

Wochen und Monate waren vorausgegangen, in denen der Pontifex den Frieden am Persischen Golf zu retten versucht hatte. Mit Gebeten und Bußfasten, Botschaften und Gesprächen, Empfängen und Reisediplomatie durch Sondergesandte im Kardinalsrang, die er mit persönlichen Briefen nach Bagdad und Washington schickte. Kein Mittel, geistlich oder diplomatisch, blieb ungenutzt, das dem Papst als religiösem Führer von über einer Milliarde Katholiken und als Oberhaupt seines winzigen, doch souveränen Kirchenstaates zu Gebote steht.

Obwohl sein Appell Panzer und Cruise-Missiles nicht mehr stoppen konnte, rückte der Papst in diesen Krisentagen ins Zentrum vieler Hoffnungen. Nicht nur seine treu Ergebenen brachten sie ihm entgegen. Dass Johannes Paul nicht mit religiösen Floskeln zum Frieden mahnte, sondern mit der Überzeugung eines Menschen, der Gewalt und Gräuel selbst erlebt hatte, machte ihn so glaubwürdig. Zehntausende von Briefen und E-Mails mit Dank und Ermutigung für seine Friedensmission gingen täglich beim Vatikan ein. Der alte Mann am Petersplatz, der doch selbst in seiner eigenen Kirche vielen nur noch als bemitleidenswertes Relikt einer realitätsfernen Religion schien, sprach plötzlich Millionen aus der Seele.

25 Jahre im Amt

Und auch gesundheitlich schien er wieder so unerwartet kraftvoll, dass mancher gern an Wunder glauben wollte. Eher waren es wohl neue Medikamente und dazu ein kräftiger Adrenalinschub dank des Kriegsduos Bush und Blair, die den Greis im nun schon 25. Jahr seiner Amtszeit noch einmal mit Leben erfüllten. Der Zuspruch auch von Kirchenfernen - selbst Joschka Fischer redete feierlich vom "Heiligen Vater" -, hat Johannes Paul darin bestärkt, die katholische Kirche trotz Krankheit weiter zu führen. Und sei es künftig eben in der pontifikalen Prunkversion eines Rollstuhls, zu dessen Einsatz er sich nach hartnäckigem Widerstand durchringen konnte. "Das Alter!", soll er einmal frustriert gebrüllt und den Krückstock durch die päpstlichen Gemächer geschleudert haben.

Lähmung hatte sich seit Jahren nicht nur in seinem Gesicht breit gemacht. Die Kirche schien mit ihrem von der Parkinsonschen Krankheit geplagten Oberhirten zu erstarren, das Ende der Ära Wojtyla nicht mehr fern. So begann spätestens nach der Hüftoperation 1994, die ein schwerer Sturz im Bad erforderlich gemacht hatte und von der er sich nie wieder ganz erholen konnte, das traditionelle Pokern der "Papabili". Doch ungeachtet der vorsichtig aus der Deckung kommenden Riege von Nachfolgekandidaten schleppte sich Johannes Paul II. weiter durch Pontifikalämter und Pilgerempfänge, ernannte Bischöfe und verkündete neue Heilige in Rekordzahl - immer tiefer gebeugt, im Glauben an seine göttliche Mission aber ungebrochen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 17/2003

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