Bei der Jagd nach dem "Phantom" gibt es eine neue Spur: Die DNA der unbekannten Frau wurde im Zusammenhang mit einem Todesfall gefunden. Im stern.de-Interview spricht Soko-Chef Frank Huber über den neuesten Fund bei Heilbronn, über die schwierige Fahndung und wie er sich das Phantom vorstellt.

Er sucht das Phantom von Heilbronn: Soko-Chef Frank Huber© Marijan Murat/DPA
Sie wird das Phantom genannt. Sie war an mindestens drei Dutzend Straftaten beteiligt, auch an mehreren Morden. Immer wieder wird ihre DNA-Spur gefunden, aber bislang weiß die Polizei über die Person nur, dass sie weiblich ist. Seit im April 2007 in Heilbronn die Polizistin Michelle Kiesewetter in ihrem Streifenwagen ermordet wurde, leitet Frank Huber die Soko "Parkplatz" und ist ebenfalls auf der Suche nach dem Phantom. Denn auch an dem Auto von Kiesewetter wurde die DNA der Frau, der sogenannten "unbekannten weiblichen Person (UWP)", entdeckt.
Nun wurden weitere Orte bekannt, an denen die UWP ihre DNA hinterlassen hat. Im Auto einer 45 Jahre alten Frau Diana Pawlenko, die bei Heilbronn unter noch ungeklärten Umständen zu Tode gekommen ist, wurde die Spur entdeckt. Darüber hinaus ist die DNA des Phantoms nach Ermittlerangaben im Zusammenhang mit einer Einbruchserie in Rheinland-Pfalz und im Saarland aufgetaucht. Insgesamt wurden die Spuren der "Phantommörderin“ bislang mindestens 38 Mal in Deutschland, Frankreich und Österreich identifiziert.
Jede neue Spur ist eine neue Chance. Wir waren fassungslos, als wir diese Nachricht bekommen haben. Wir beschäftigen uns jetzt damit, wann und in welchem Zusammenhang die DNA-Spur der unbekannten weiblichen Person, der "UWP", ins Fahrzeug von Diana Pawlenko gelangte.
Wir sagen, dass die Spur in dem Fiat Panda von Pawlenko gefunden wurde. Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass Diana Pawlenko einem Kapitalverbrechen zum Opfer fiel. Allerdings kann nach dem derzeitigen Ermittlungsstand eine Beteiligung Dritter am Tod von der Frau nicht ausgeschlossen werden.
Dazu gibt es keinerlei Erkenntnisse.
Natürlich ist das belastend. Dieser Fall ist einzigartig in der Kriminalgeschichte. Bei normalen Sokos ist ein Fall in der Regel in zwei bis drei Monaten gelöst. Aber dieser Fall ist quasi schon 15 Jahre alt. Schließlich wurde die Spur der unbekannten weiblichen Person bei einem Mord 1993 in Idar-Oberstein erstmals gefunden und seitdem im Zusammenhang mit vielen weiteren Straftaten in Deutschland, Österreich und Frankreich.
Diese Person ist unberechenbar, sie ist eine tickende Zeitbombe. Man muss bei ihr mit allem rechnen. Deshalb tun wir unser bestes, um diese Person schnellstmöglich zu finden. Wir dürfen dabei aber nichts überstürzen und wollen keine Fehler machen.
Wir haben große Rückendeckung vor allem von Seiten der Polizei und des baden-württembergischen Innenministeriums. Man ist sich bewusst, dass es ein sehr komplexer Fall ist, der einen hohen Aufwand erfordert. Es existieren keine Zeitvorgaben. Wir versuchen, kostenbewusst zu ermitteln. Aber Geld darf keine Rolle spielen.
Der außergewöhnliche Fall ist schon Motivation genug. Und außerdem habe ich ein hervorragendes Team, das seit der ersten Minute mit Herzblut dabei ist. Natürlich sind wir dann auch enttäuscht, wenn mal eine viel versprechende Spur im Sand verläuft. Aber wir sind erfahren genug, um damit professionell umgehen zu können.
Das ist sehr schwierig. Ich lebe mit dem Fall; wir alle, die mit den Ermittlungen betraut sind. Er beschäftigt mich ständig, auch in meiner Freizeit. Natürlich habe ich Strategien, um auch mal abschalten zu können. Meine Familie und der Sport sind dabei ein gutes Ventil. Aber trotzdem ertappe ich mich auch da immer wieder, wie ich über den Fall nachdenke.
Wenn ich mich auf der Straße bewege und den einen oder anderen Passanten sehe, überlege ich schon öfter, wie denn die UWP aussehen könnte. Aber meist geht es um aktuelle Spuren und um die Frage, was man noch machen kann, um die UWP zu identifizieren. Aber das geht nicht nur mir so. Es kam schon öfters vor, dass Kollegen Morgens mit neuen Ansätzen auf mich zugekommen sind, die sie sich am Abend oder in der Nacht überlegt haben. Das zeigt, dass sich alle mit dem Fall identifizieren und einbringen.
Wir haben einfach zu wenige Informationen, um ein scharfes Bild zu bekommen. Wir wissen, dass die DNA der Person weiblich ist. Sie ist äußerst mobil, schließt sich immer neuen Personen mit unterschiedlicher Nationalität an und nächtigt öfter in Gartenanlagen, Wohnwagen und leerstehenden Gebäuden Sie ist extrem gefährlich, unberechenbar und skrupellos. Offenbar scheint sie stärkere Bezugspunkte in die Region Heilbronn und Ludwigsburg zu haben, da ihre Spur dort öfter aufgetaucht ist. Auch im Saarland müsste sie Anlaufstellen haben; zuletzt war dort ihre DNA-Spur im Mai dieses Jahres festgestellt worden.
Natürlich versucht man sich immer wieder vorzustellen, wie sie aussehen könnte. Ich sehe dabei aber nur Konturen und habe keine genauen Vorstellungen. Wir können unsere Ermittlungen keinesfalls auf eine Person mit einem bestimmten Aussehen fokussieren. Wir wissen nicht, wie sie wirklich aussieht oder wie alt sie ist. Die erste erkannte Tat liegt schon 15 Jahre zurück. Es ist nicht auszuschließen, dass sie damals vielleicht noch ein Kind war. Auch bei ihrer Statur ist eine Festlegung nicht möglich. Schmächtige Menschen können auch kräftig sein und grobe Gewalt anwenden.
Möglicherweise. Aber erstens haben wir rechtliche Vorgaben, zweitens ist die Wissenschaft noch nicht so weit, um seriöse Aussagen treffen zu können und drittens ist es fraglich, was es uns bringen könnte, wenn wir wüssten, dass die Person beispielsweise rote Haare oder blaue Augen hätte. Diese Merkmale können leicht durch eine Perücke oder Kontaktlinsen verändert werden.
Normalerweise wird bei einem einfachen Einbruch oder einem Diebstahl keine umfassende Spurensicherung durchgeführt. Das ist seit dem Polizistenmord etwas anders. Insbesondere bei Einbrüchen in Gartenhäusern wird vermehrt vor allem nach Finger- und DNA-Spuren gesucht. Denn wir wissen, dass die UWP häufig bei solchen Einbrüchen dabei war und gehen davon aus, dass sie auch künftig solche Taten begeht. Sämtliche DNA-Spuren dieser Tatserie, sowohl die der UWP als auch ihrer unterschiedlichen Komplizen, sind zudem bei den Polizeibehörden in etwa 40 europäischen Staaten bekannt.
Nein, durch die enorme Deliktsbreite ist kein System erkennbar oder gar ein Rückschluss auf eine Weiterentwicklung möglich. Einerseits bricht sie in Wohn- und Gartenhäuser ein oder nächtigt in einer Gymnastikhalle in einem stillgelegten Hallenbad, scheinbar spontan, ohne Plan. Auf der anderen Seite ist sie an mutmaßlich organisierten Straftaten beteiligt, baut Airbags aus Fahrzeugen aus oder steht im Zusammenhang mit dem Diebstahl mehrerer hundert Liter Treibstoff sowie von Motorrädern. Da ist ein gewisser organisatorischer und logistischer Aufwand erforderlich. Und zwischendurch dann die Tötungsdelikte.
Bereicherungsabsicht. Sie braucht Geld, Nahrungsmittel, muss vielleicht auch Aufträge für beziehungsweise mit Tätergruppen ausführen.
... ist beim Polizistenmord in Heilbronn noch völlig unklar. Die Frage, warum Kollegin Michelle Kiesewetter sterben musste, beschäftigt uns bis heute. Mit dem normalen kriminalistischen Sachverstand ist das nicht erklärbar. Auszuschließen ist nach bisherigen Erkenntnissen lediglich, dass die Täter aus dem persönlichen Umfeld der beiden Opfer stammen.
Wir gehen davon aus, dass einer von diesen Leuten unsere Person kennt und haben sie schon zigmal befragt. Wir haben alles versucht. Trotzdem haben diese Komplizen uns bisher keine weiterführenden Hinweise gegeben. Wir wissen nicht, warum.
Wir verlassen uns nicht nur auf einen Fehler der UWP. Zum einen sind noch zahlreiche gute Ansätze vorhanden. Zum anderen haben wir im Laufe der intensiven Ermittlungen sehr viele Erkenntnisse gesammelt. Diese stellen derzeit zwar noch ein Puzzle mit vielen fehlenden Einzelteilen dar, bei dem wir aber hoffen, es alsbald zu einem Bild zusammenfügen zu können. Die Schlinge zieht sich immer weiter zu.
Wir haben eine DNA-Spur und somit eine individuelle Zuordnungsmöglichkeit. Es ist sehr viel Bewegung in dem Fall. Es ist nur eine Frage der Zeit. Die Glücksträhne der Person wird irgendwann einmal vorbei sein, da bin ich mir sicher.
Interview: Malte Arnsperger und Gerald Drissner