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Zwischen Genie und Wahnsinn: Wer ist Peter Madsen?

Am 10. August gehen in Kopenhagen zwei Menschen an Bord des U-Boots "UC3 Nautilus". Er ist Erfinder Peter Madsen, sie Journalistin Kim Wall. Wenige Stunden später ist sie tot, er in Haft. Madsen gilt als Genie und Menschenfänger. Ist er auch ein Mörder?

Hoppla. Peter Thompson aus Kiel sitzt an Deck der Aidabella, seine Frau ist bei ihm, die beiden sind frisch vermählt, Hochzeitreise, das Kreuzfahrtschiff treibt vor Kopenhagen. Dinner draußen, das Wetter sei so schön gewesen, sagt Thompson später der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", da taucht ein U-Boot im Wasser vor dem Paar auf, darauf zwei Menschen. Hoppla, denkt Peter Thompson - U-Boote seien in Dänemark doch nicht mehr im Dienst, das hatte man ihm bei einer Bootsrundfahrt erzählt - und knipst ein Foto. Peter Thompsons Foto ist wahrscheinlich das letzte Bild, das Kim Wall lebend zeigt.

Die Nautilus, an Bord Peter Madsen und Kim Wall: Dieses Foto machte Peter Thompson

Die Nautilus, an Bord Peter Madsen und Kim Wall: Dieses Foto machte Peter Thompson


, die 30-jährige Journalistin aus Schweden, die Überfliegerin mit Studium an der Columbia in New York und Aufträgen für die renommierten Blätter der Welt, "The New York Times", "The Guardian", "Time Magazine". Auf dem Foto schaut Wall aus dem Turm der 40 Tonnen schweren "Nautilus". Das Licht ist schon dämmrig, Walls Körper ist kaum von dem des U-Boots zu trennen, das wie ein Wal unter der zierlichen Schwedin liegt. Ihr roter Pullover leuchtet schwach. Es war 20.27 Uhr, als er knipste, wird Thompson später der dänischen Polizei sagen. Als er sich bei den Behörden meldet, gilt Kim Wall als verschwunden. Tage später ist sie offiziell tot. Der Mann, der sich auf Thompsons Bild neben Wall aus dem U-Boot-Turm lehnt und den Blick in die Ferne schweifen lässt, ist ihr mutmaßlicher Mörder.

Peter Madsen: Erfinder, Menschenfänger, Raketen-Mann

Für die Medien ist Peter Madsen, 46, ein Konstruktionsgenie, Tüftler, Erfinder, der Raketen-Mann. Auffallend oft fällt in seinem Zusammenhang das Wort "schillernd". Madsen gilt als undurchschaubar, ein Menschenfänger, "aber mit Menschen hatte er es eben nicht so", schreibt "Der Spiegel". Man könnte annehmen, Madsen ist ein Mann, der gemeinhin wenig Lust auf die Presse hat, sehr wohl aber weiß, dass er sie braucht, wenn er Spender für seine eigenwilligen privaten Projekte gewinnen will. Auch Kim Wall wollte eine Reportage über ihn schreiben, den Menschen hinter der Fassade finden. Kim Wall fand den Tod.

Seitdem spricht die Welt über Peter Madsen, die U-Boote, die er baut und die Raketen, die er ins All schießen will. Nur Thomas Djursing will nicht mehr sprechen, dabei kennt er Peter Madsen besser als viele andere. Über Monate hinweg hatte der dänische Journalist den Erfinder laut Bericht des "Handelsblattes" begleitet, am Ende stand das Buch "Raket-Madsen", eine Biographie, die 2014 erschien. Als drei Jahre später Madsens U-Boot "Nautilus" vor Kopenhagen sank, gab Autor Djursing Interviews. Dem Boulevardblatt "BT" sagte er, Madsen sei "nicht gewalttätig, er trinkt nicht, nimmt keine Drogen", berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Er sei ein Mann mit gesunden Werten, allerdings streite er sich "mit Gott und jedermann". Zu Beginn der Woche schrieb Djursing dann auf Facebook, er brauche Zeit. "Ich habe im Moment nichts mehr zu ergänzen", erklärt er auf Anfrage des stern. "Ich kann nur sagen, dass die Entwicklung in dem Fall sehr schockierend ist und - das spricht für sich selbst - komplett unerwartet." Madsen sei "eine komplexe Person". Djursing nennt Madsen "Peter". 

Peter Madsen steht 2008 in seinem U-Boot "Nautilus"

Peter Madsen 2008 in seinem U-Boot: Die im Privatbesitz befindliche "Nautilus" geht neun Jahre später vor der Küste von Kopenhagen unter


Peter Madsen: Hoch hinaus, tief hinab

Peter Madsen wurde 1971 geboren, er stammt laut "Handelsblatt" aus einfachen Verhältnissen. Laut seinem Biographen hatte er drei Halbbrüder, ab 4 Jahren lebte Madsen nur noch mit seinem Vater und zog ständig um. Wie der "Tagesspiegel" berichtet, seine beide Eltern Alkoholiker gewesen. Als Madsen 17 Jahre alt war, starb der Vater. "Er definierte sich im Kontrast zu seinem Vater und suchte die Freiheit in jeder Hinsicht", sagt Djursing. Eine Art der Freiheit fand Madsen offenbar unter Wasser, die andere in der Luft.

Im Alter von 7 experimentierte Madsen seinem Biographen zufolge zum ersten Mal mit Raketen, der "Tagesspiegel" berichtet von einem Rasen auf dem Schulgelände, wo Madsen im März 1986 die erste Rakete gestartet haben soll. In Djursings Buch wird der Erfinder mit den Worten zitiert: "Ich liebte den Gedanken, dass hinter dem Schulgebäude eine vollbetankte Rakete stand." Viele Jahre später glückten Madsen mit dem Verein "Copenhagen Suborbitals" zahlreiche Raketenstarts. Die letzte Rakete flog 2013 mehr als acht Kilometer hoch. Doch die Zusammenarbeit lief nicht gut. Seit 2014 arbeitet Madsen allein unter dem Namen "Raketmadsens Rumlaboratorium" an seinem Lebenstraum: einen Hin- und Rückflug ins All. Mit einer selbst gebauten Rakete.

Dazu kam seine Leidenschaft für U-Boote, die "für ihn wie Kinder waren", sagte Regisseur Robert Fox, der Madsen für einen Dokumentarfilm begleitet hatte, dem "Tagesspiegel". Innerhalb von acht Jahren konstruierte Madsen zusammen mit anderen drei Unterwasserfahrzeuge mit den Namen "Freya", "Kraka" und "UC3 Nautilus". "Vor allem die 'Nautilus' wurde Teil seiner Identität", sagte Fox. Das U-Boot, das mit einer Länge von fast 18 Metern als größtes selbstgebautes U-Boot gilt, ist für die Polizei nun ein möglicher Tatort. Blut von Kim Wall wurde darin gefunden. 

Die "Nautilus" wurde geborgen und liegt in einem von der Polizei abgesperrten Bereich

Die "Nautilus" wurde geborgen und liegt in einem von der Polizei abgesperrten Bereich


Peter Madsen und die große Freiheit

Beruflich gilt Peter Madsen als Genie, charakterlich würden ihn viele als charismatisch, enthusiastisch und inspirierend bezeichnen, schreibt sein Biograph dem stern. "Er hat auch eine poetische und künstlerische Seite", betont er. In vielerlei Hinsicht sei Madsen mehr ein Künstler, der Geschichten erschaffe, als ein Maschinenbauer. In einem "normalen Haus" habe Madsen nie gewohnt, lieber an der Arbeit oder im U-Boot. Zudem besitze er "sehr wenige wertvolle Dinge. Er hat auch nie viel mehr besessen als einen Sack voller Klamotten und einem Regal voll mit Büchern über Raketentreibstoff, den Zweiten Weltkrieg und das Apollo-Projekt". Beruflich wie privat suche Madsen nach Freiheit, wenngleich er verheiratet sei. Freunde soll er nicht viele haben, schreibt das "Handelsblatt". "Und mit den wenigen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, hat er sich überworfen." Regisseur Fox sagte dem "Tagesspiegel", er könne auch eine extreme, kompromisslose Seite an Madsen sehen. "Aber diese Seite muss man haben, wenn man so viel erreichen will wie er."

Peter Madsen in Untersuchungshaft: Verdacht auf Mord

Als Peter Thompson von seiner Hochzeitsreise nach Hause zurückkommt, geht ihm das U-Boot, das da plötzlich vor ihm und seiner Ehefrau im Meer vor Kopenhagen aufgetaucht war, nicht mehr aus dem Sinn. Er setzt sich an den Computer, googelt: "UC3", der Schriftzug, der auf dem U-Boot-Turm zu sehen gewesen war. Bald darauf prasseln Berichte auf ihn ein - über die "Nautilus", die Stunden später gesunken war, über ihren Erfinder Peter Madsen, der sich retten konnte, über die Journalistin Kim Wall, von der seitdem jede Spur fehle. Erst Tage später wird die Schwedin gefunden, ohne Gliedmaßen, ohne Kopf. Peter Madsen sitzt in Untersuchungshaft, Verdacht auf Mord. "Bist du verrückt oder genial?" Diese Frage hat sich Madsen in der Vergangenheit oft stellen lassen müssen. Dem Dänischen Rundfunk antwortet er im Mai: "Eine schöne Mischung von beidem. Das ist das einzige, was ich dazu sagen kann."

Mit DPA-Material

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