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1. Oktober 2009, 07:57 Uhr

Das Projekt Weltmacht China beginnt

Gleich nach der Gründung der Volksrepublik will Mao Tse Tung China zur Weltmacht umbauen. Doch erst 30 Jahre später legt sein Nachfolger die Grundlagen für den Erfolg des Riesenreichs. Rückblick auf 60 Jahre Volksrepublik. Von Adrian Geiges und Marc Goergen

China, Mao, Kulturrevolution

Mao übernahm direkt nach der Gründung der Volksrepublik die Führung des Landes© Picture-Alliance

Vier Monate lang erkundet Mao Tse Tung sein Land, vom Süden hinauf in die Steppen der Mandschurei, mit einem Dampfer den Jangtse hinab, es ist eine Reise kreuz und quer durchs Reich der Mitte im Jahre neun der roten Herrschaft. Er besucht Muster-Kommunen, begutachtet ausgesuchte Bewässerungsprojekte, und der 64-Jährige spürt wieder den revolutionären Elan seiner Jugend, ja, der passionierte Schwimmer wagt sich sogar zweimal ins winterkalte Wasser des Flusses Yong im Süden des Landes.

Im Mai 1958 verkündet Mao auf einer Konferenz das Ergebnis seiner Reflexionen in der Provinz. China könne durch die gemeinsame Arbeit von Hunderten Millionen "alle kapitalistischen Länder in kurzer Zeit überholen und zu einem der reichsten, fortschrittlichsten und mächtigsten Länder der Erde werden". Denn revolutionäre Romantik sei zwar gut, "sie hat aber keinen Sinn, wenn sie sich nicht in der Praxis bewährt".

Das Projekt Weltmacht beginnt. Bauern errichten Hochöfen im Miniaturformat, füllen sie mit Kochtöpfen, Türgriffen und Haarspangen, ganze Bergrücken werden für Brennmaterial abgeholzt, und schon bald ist die Landschaft gesprenkelt mit Schloten, sodass der vom Kommunismus begeisterte Journalist Sidney Rittenberg "jeden Hügel, jedes Feld erglühen sieht im Schein der selbst gemachten Öfen". 90 Millionen Menschen, fast ein Viertel aller Erwerbstätigen, arbeiten binnen Kurzem in solchen Hinterhofhütten. Es ist der Auftakt zum "Großen Sprung nach vorn". Und der größten Hungersnot aller Zeiten.

Bruch mit der Tradition

China in den 50er Jahren - das ist eine verschlossene Welt, kaum Ausländer im Land, Sittenwächter rügen auffallende Kleider und Frisuren; das ist der allgegenwärtige Bruch mit der Tradition, selbst die ehrwürdigen Stadtmauern Pekings werden abgetragen; und das ist vor allem der Wille, ein bitterarmes Land mit aller Gewalt in eine Weltmacht zu verwandeln.

Die radikale Umgestaltung hatte schon wenige Wochen nach Maos Sieg im Bürgerkrieg und der Gründung der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949 begonnen. Während sich die Nationalisten um Chiang Kai-shek auf die Insel Taiwan zurückzogen, legte sich die Herrschaft der kommunistischen Partei wie ein Netz über Kontore, Maschinenhallen und Äcker.

Parteikader schwärmen in die Dörfer aus, um Grundbesitzer zu enteignen und Kollektive zu gründen. Etwa 40 Prozent des Landes werden beschlagnahmt und neu verteilt. Immer geringer wird der Anteil des privat genutzten Landes, immer umfassender die Macht der Genossenschaften. Bald gibt es kaum mehr regionale Märkte.

Aburteilungen und Hinrichtungen

Die Landreform stellt generationenalte Strukturen auf den Kopf. Aus Gutsherren werden Landarbeiter - wenn sie mit dem Leben davonkommen. Von Funktionären aufgestachelt, wird mindestens eine Million Großbauern von ihren Pächtern ermordet. Vermeintlichen "Konterrevolutionären" ergeht es nicht besser. Allein in Peking gibt es in diesen ersten Jahren des neuen China 30.000 Massenveranstaltungen mit Aburteilungen und Hinrichtungen; zu Hunderten werden Menschen öffentlich per Kopfschuss getötet.

Schnell zeigt sich, dass Menschenleben für die neue Führung kaum mehr als Manövriermasse sind. Als China von 1950 an Nordkorea im Krieg gegen den Süden und die USA unterstützt, stirbt in drei Jahren knapp eine Million Chinesen - auch, weil die "Freiwilligen" bei Temperaturen von 30 Grad unter Null mit dünnen Baumwollschuhen kämpfen sollen. Um den Hunger zu lindern, rät das Hauptquartier, aus Kiefernnadeln Suppe zu kochen und Kaulquappen zu essen. Auch Maos ältester Sohn An-ying stirbt im Korea-Krieg. Als man dem Vater die Nachricht überbringt, schweigt er einige Minuten und murmelt schließlich: "Wie kann es einen Krieg ohne Tote geben?" An-yings Frau informiert man erst zweieinhalb Jahre später.

Wer aber ist diese Führung, die sogar eigene Kinder bedenkenlos der kommunistischen Sache opfert?

Mao hat kaum Kontakt zum Volk

Neben Mao besteht die Führungsriege nur aus einer Handvoll Mitstreiter aus den Tagen des Bürgerkriegs, einer der wichtigsten ist Ministerpräsident Zhou Enlai. Theoretisch ist die Macht aufgeteilt auf Staat, Partei und Armee, praktisch laufen alle Fäden bei Mao zusammen.

Kontakt zum Volk hat er kaum. Meist logiert er in einer ehemaligen Palastbibliothek innerhalb der Mauern der Verbotenen Stadt, aber durch künstliche Seen abgesondert vom Rest des Areals. Im Laufe der Jahre errichten Arbeiter für ihn über 50 weitere Häuser im ganzen Land. Hässliche Betonkästen, oft mit nur einem riesigen Stockwerk, unterkellert mit einem Atombunker. In manchen Villen kann man mit dem Auto direkt ins Wohnzimmer fahren, von anderen führt ein Tunnel zum nächsten Flugplatz, für wiederum andere werden ganze Gebirgszüge abgeriegelt. Einziger Luxus sind die Pools, die Mao fast in jeder Residenz anlegen lässt. Über Monate hinweg muss das Wasser warm gehalten werden - auch wenn der Hausherr das Anwesen nie betritt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 31/2009

stern-China-Serie als Buch

stern-China-Serie als Buch Dieses (leicht gekürzte) Stück ist der letzte Teil der erfolgreichen stern-Serie "China - Der lange Marsch zur Weltmacht" und im Juni 2008 erschienen
Die Serie gibt es auch als Buch:
"China - Die Geschichte der neuen Weltmacht" von Adrian Geiges, Marc Goergen und Bettina Sengling ist bei dtv erschienen, hat 208 Seiten und kostet 18,90 Euro

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Arbeitslager Fäden Feld Mao Maos Volksrepublik Weltmacht
KOMMENTARE (4 von 4)
 
jetrabbit (01.10.2009, 19:37 Uhr)
goldreserven
kaum eine währung hat so hohe goldreserven wie die chinesische. da werden euro und besonders der dollar sich die zähne abbeissen... es sei denn, wallstreet und EU holen einen hasen aus dem hut. vielleicht die völlige loslösung von gold zum geldwert. das schreit aber wieder nach noch mehr inflation. unsere währung ist jetzt schon im keller... der FED.
Oluja (01.10.2009, 11:17 Uhr)
@greilo, ihnen scheint entfallen zu sein das auf das konto der "musterdemokratie" und "pseudofreiheitsmacht" USA seit 1945 bis heute rd. 12-14 Mio Tote und 25-30 Mio Flüchtlinge gehen oder? und alleine im irak haben sie 1 mio. iraker auf dem gewissen durch einen erstunkenen und erlogenen krieg.
JimPanse (01.10.2009, 10:57 Uhr)
...
"A government that robs Peter to pay Paul can always depend on the support of Paul."

- George Bernard Shaw
Greilo (01.10.2009, 09:41 Uhr)
Zweierlei Maß
Es ist schon interessant zu sehen, wie differenziert Journalisten berichten können, wenn es um linke Massenmörder geht. Da wird nicht von millionenfachem Mord gesprochen, sondern höchstens von "Säuberung" und vielleicht habe ich es ja überlesen, aber ich glaube, auch das Wort "Verbrecher" kam nicht einmal vor! Man stelle sich vor, dieselben Schreiber hätten genauso unaufgeregt und sachlich über die Taten eines Adolf Hitlers berichtet. Was würde für eine Welle der Empörung losschlagen! Woran liegt das? Daß Mao keinen Krieg verloren hat? Oder eher daran, daß die Journalisten dieser Welt immer schon mehr Sympathie für linke Mörder hegten, als für rechte? Soweit ich weiß, war Mao der größte Massenmörder des letzten Jahrhunderts. Und es sollte dabei egal sein, ob man eine Rasse ermordet, oder eine Klasse. Mord bleibt Mord!
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