Er ist jung, smart und strahlt das Lachen eines Siegertypen. Er ist der heißeste Politiker, den Amerika zurzeit zu bieten hat. Jetzt hat Barack Obama seine Ambitionen auf das Präsidentenamt konkretisiert: Er will seine Bewerbung durch einen Ausschuss vorbereiten lassen. Von Katja Gloger

Der 45-jährige Demokrat und US-Senator von Illinois zieht die Leute an, wo immer er auftritt. Er hat an der Eliteuniversität Harvard Jura studiert und ist bekennender Christ© Scott Olson/Getty Images
Auf einmal ist er da, auf die Minute genau. Steht noch einen Moment am zugigen Eingang, hält den Kopf gesenkt. Als ob er noch kurz in sich hineinhorchen wollte, sich vergewissern, dass seine Zeit wirklich gekommen ist. Dann tritt er auf.
An diesem klaren, kühlen Sonntagmorgen ist US-Senator Barack Obama, 45, nach New Hampshire gereist. Eine Lesung aus seinem neuen Bestseller, heißt es offiziell, später die Teilnahme an einer Siegesfeier der Demokraten. Die hatten bei den Kongresswahlen 2006 zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder die Mehrheit in dem kleinen Bundesstaat an der Ostküste errungen. Wenn in einem Jahr die Parteien in den Vorwahlen ihren Präsidentschaftskandidaten ermitteln, wird die Nation erneut hierher blicken: New Hampshire gehört zu den ersten Bundesstaaten, in denen im Januar 2008 über das Schicksal von Politikern wie Barack Obama abgestimmt wird.
Das plüschige "Conference Center" in der Hafenstadt Portsmouth ist bis auf den letzten Platz besetzt, die 750 Eintrittskarten waren in wenigen Stunden weg. Und noch nie sind so viele Reporter gekommen. Allein an diesem Tag berichten 160 von ihnen über ein Phänomen, das bereits seinen eigenen Namen hat: Obamamania. Vor dem Eingang hält ein einsamer Demonstrant ein Plakat hoch: "Hillary 08" steht darauf. Niemand beachtet es.
Es ist Punkt zehn, als er auf die Bühne tritt. Hochgewachsen, schlank, beinahe schlaksig, jung. Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, der oberste Hemdknopf offen. In der Hand, wie meistens, ein Pappbecher mit Tee. Er strafft sich, lächelt. Ein Aufatmen geht durch den Saal, dann bricht jubelnder Beifall los, und er hat noch kein einziges Wort gesagt.
"Er hat es", werden die Besucher später schwärmen. "Es". Jenen Charme, jenen Optimismus, den das Land immer wieder sucht. Aus diesem "Es" werden Präsidenten gemacht. Ronald Reagan, Bill Clinton und ja, natürlich, J.F.K., John F. Kennedy. Im Moment scheint es, als könne auch Barack Obama all die Sehnsüchte nach dem besseren Amerika mühelos erfüllen.
Er spricht eine halbe Stunde lang, hält seine wohltemperierte Standardrede über die "nationale Erneuerung", den "kühnen Glauben, dass wir etwas schaffen können, was es noch nie zuvor gab". Er kritisiert die "Politik der verbrannten Erde" in Washington, fordert parteiübergreifende Lösungen für Amerikas wahre Herausforderungen: Gesundheit, Bildung, Energie, Klimawandel, nationale Sicherheit. "Amerika ist hungrig nach Hoffnung", sagt er, mehr Prediger als Politiker. "Eine neue Generation ist bereit, zu führen. Unsere Zeit ist gekommen."
Die Menschen im Saal stehen auf, sie klatschen, sie jubeln. Denn da verkündet ihnen jemand ein Ende der Ideologie. Jener dunklen Zeit der Spaltung, des Misstrauens, des Machtmissbrauchs. George W. Bush? Hillary Clinton? Die sind das Gestern. Er aber symbolisiert das Morgen. "Er ist das politische Äquivalent zu einem Regenbogen", schreibt das Magazin "Time".
Dann signiert der Linkshänder mit dickem Filzstift sein Buch mit dem symbolträchtigen Titel "Die Kühnheit der Hoffnung". Schüttelt Hände, hat für jeden sein Lächeln, zwei Stunden lang. So reist Barack Obama seit Monaten durchs Land. Überall, wo er hinkommt, drängen sich die Menschen. Zur bevorzugten Begrüßung für ihn wurde: "Ursprünglich hatten wir die Rolling Stones eingeladen. Doch dann kam seine Zusage ..."
Bei solchen Gelegenheiten entgegnet er hartnäckig, er habe seine "15 Minuten Ruhm" bereits genossen. Stehe so sehr im Rampenlicht, dass selbst "Paris Hilton wie eine Einsiedlerin erscheint". Behauptet, der "Hype" um ihn mache ihn misstrauisch.

Auf der Suche nach seinen Wurzeln: Obama 1995 mit seiner Stiefgroßmutter in einem Dorf im Westen Kenias© Polaris
Doch als ob er davon nicht genug bekommen könne, schaut er an diesem Sonntagmorgen in Portsmouth noch in der örtlichen Kaffeebude "Breaking New Grounds" vorbei. Verspricht zwei älteren Damen, die Soldaten aus dem Irak abzuziehen, schüttelt Hände, lässt sich fotografieren und philosophiert nebenbei mit einer Studentin über Kant und die "Kritik der reinen Vernunft". Lässt dabei die Augen spöttisch blitzen. Er, der Harvard-Absolvent, will zeigen, was er wirklich kann.
Das Land dürstet nach einem Neuanfang. Das spürt er. Es will endlich aufwachen aus dem Albtraum der Bush-Jahre, der lähmenden Angst vor dem Terror, dem verlorenen Krieg im Irak. Zum ersten Mal seit beinahe 80 Jahren ist das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur bei beiden Parteien weit offen. Eine Chance für Barack Obama, im November 2008 der erste schwarze Präsident der USA zu werden. Schon sein öffentlicher Flirt mit einer Kandidatur hat die politische Landkarte verändert.
Bei den Demokraten ist kaum noch von anderen Kandidaten die Rede, von Al Gore, John Edwards, John Kerry. Man geht vielmehr vom "Kampf der Titanen" aus, Hillary Clinton gegen Barack Obama. Hier Hillary, die als klug, erfahren, umsichtig gilt. Und als Machtmaschine, die sich die Unterstützung der Parteigranden zusammenkauft. Jetzt nimmt sie Sprechunterricht, heißt es, trainiert Freundlichkeit und Humor, soll lernen, ihren Sarkasmus zu unterdrücken.
Dort der umjubelte Newcomer, fünfter schwarzer Senator in der US-Geschichte, ein Darling der Medien mit Vorzeigefamilie, den Töchtern Malia, acht, Sa-sha, fünf, und mit Michelle, seiner klugen, schönen, zurückhaltenden Frau. Noch nie musste er einen handfesten politischen Skandal abwettern. Gerade allerdings erwischte es ihn mit einer Grundstücksgeschichte in Chicago, dort hatte er sich mit einem dubiosen Geschäftsmann zusammengetan. Er entschuldigte sich öffentlich für seine "Dummheit".
Übernommen aus ...
Ausgabe 03/2007