Seinem Land geht es schlecht. Ihm geht es glänzend. Der Mann, der am 9. April wiedergewählt werden will, ist nicht der Chef einer Bananenrepublik, sondern der Ministerpräsident Italiens: Silvio Berlusconi.

Ob im Zentrum von Mailand - so wie hier -, in Rom, Florenz oder Neapel: Im ganzen Land lächelt Silvio Berlusconi von gigantischen Wahlplakaten auf sein Volk herab© Alessandro Cosmelli/Contrasto
Der Personenkult erinnert an Zeiten, als das Land noch einen richtigen Diktator hatte. In Rom zum Beispiel. Man tritt in den Hauptbahnhof Stazione Termini und sieht nur ein Gesicht. Seins. Von Mega-Leinwänden herab bedrängt sein Konterfei mit der künstlichen Bräune und dem zähnebleckenden Panorama-Grinsen die Passagiere. Es beherrscht auch die Fassaden der schönsten Paläste und Plätze der Stadt, erschlägt die Eleganz der Piazza Navona mit knallig-himmelblauer Propaganda. Ob Mailand, Florenz, Palermo oder die Provinz in Friaul und Kalabrien: Kein Italiener kann Silvio Berlusconi derzeit entrinnen, nirgendwo. Seit Wochen lässt sich der Ministerpräsident auf sämtlichen öffentlichen und privaten TV-Kanälen, auf allen Radiostationen einschließlich des Verkehrsfunks über seine genialische Einmaligkeit aus - als Staatsmann, Politiker, Unternehmer und Frauenheld. Schwallartig, von keiner kritischen Frage gebremst.
"Ich bin der Fleisch gewordene italienische Traum", sagt der 69-Jährige mit dem selbst diagnostizierten "Höherwertigkeitskomplex" und ist von keinem Zweifel angekränkelt, dass er das Land während seiner fünfjährigen Amtszeit "auf höchstes internationales Niveau erhoben" hat und deshalb nach der Wahl am 9. April gefälligst weiter zu regieren habe. Außerhalb der Landesgrenze mag man Berlusconis Großmäuligkeit peinlich finden, den Mann als gelifteten Popanz belächeln, als Operetten-Imperator, der Goldpuder auf den Wangen trägt und transplantiertes Haar auf der Halbglatze. Doch für Italien ist er zwölf Jahre nach seinem Einstieg in die Politik zum Albtraum geworden: Mitten im Herzen des alten Europa hat "il berlusconismo", das System Berlusconi, einen Scherbenhaufen angerichtet.
"Schleichenden Staatsstreich" nennt das Italiens weltbekannter Autor Umberto Eco. Selbst Unternehmer wie Luca Cordero di Montezemolo, der Ferrari- und Fiat-Chef, oder Schuh-Magnat Diego della Valle ("Tod's") gehen auf Distanz zu dem Kollegen, den sie einst unterstützten: "Berlusconi und sein Bündnis versuchen die Leute mit Banalitäten und Lügen zu überzeugen: Da wird unnützes Medientheater betrieben, um die wahren Probleme des Landes zu verschleiern."

Vorgetäuschte Demut Scheinbar bescheiden verbeugt sich der Ministerpräsident vor den Parteifreunden beim Kongress der Forza Italia in Mailand© Alessandro Cosmelli/Contrasto
Doch von "unnütz" kann vorerst keine Rede sein. Noch im vergangenen Herbst klafften in den Meinungsumfragen satte sieben Prozent Differenz zwischen Berlusconis rechtem Regierungsbündnis und der Mitte-links-Opposition um den früheren EU-Präsidenten Romano Prodi. Nach dem medialen Overkill der vergangenen Monate robbte sich der Amtsverteidiger auf hauchdünnen Abstand an seinen Herausforderer heran. Berlusconi hat sich mit seinem Herrschaftssystem die längste ununterbrochene Regierungsdauer der Nachkriegsgeschichte beschert und sich zum "mächtigsten Mann Italiens seit Mussolini" gemacht, wie der italoamerikanische Autor Alexander Stille in seinem Bestseller "Citizen Berlusconi"× detailliert darlegt. Ähnlich wie Orson Welles' "Citizen Kane" kontrolliert Italiens reichster Mann sämtliche wichtigen Fernsehkanäle des Landes: Mit seinem Privat-TV-Imperium sicherte er sich erst den politischen Aufstieg und garantierte mit der Gleichschaltung auch der staatlichen Sender seinen Machterhalt.
Dass Italien zu einer Bananenrepublik verkommen würde, war absehbar, seit Berlusconis politischer Aufstieg 1994 begann. Es gab Warnungen im In- und Ausland. Sie verhallten, weil die Mehrheit der Italiener der Faszination ihres "großen Kommunikators" erlag und - anders als beim Aufstieg des Rechtspopulisten Jörg Haider in Österreich - ein internationaler Aufschrei ausblieb.
"Wenn ich nicht in die Politik gehe, dann gehe ich ins Gefängnis oder wegen meiner Schulden bankrott." Die Chuzpe, mit der Silvio Berlusconi damals ganz offen seine politischen Ambitionen begründete, ist so typisch für ihn wie seine Skrupellosigkeit und sein Sendungsbewusstsein. Er wusste von Anfang an, dass nur politische Macht ihn retten konnte, ist aber noch heute überzeugt, dass nur er, der Anti-Politiker und Wirtschaftsboss, sein Land vor Kommunismus und Niedergang zu bewahren vermag.
Schon vor Beginn seiner politischen Karriere waren Staatsanwälte in Mailand und Palermo sicher, dass Berlusconis Aufstieg vom kleinen Bauunternehmer zum Mediengiganten mit Mafia-Millionen gelungen war sowie der groß angelegten Bestechung von Politikern wie dem früheren Regierungschef Bettino Craxi, von Finanzpolizisten und Richtern. Erste Gerichtsverfahren standen an - gegen ihn und seine engsten Kumpane. Eine Truppe, gegen die sich die Panzerknackerbande wie ein Häufchen Konfirmanden ausnimmt: Marcello Dell' Utri etwa, sein rechter Arm im Familienunternehmen Fininvest, Gründer der auf Berlusconi zugeschnittenen Partei Forza Italia (FI) und für sie im römischen Senat, gilt als Verbindungsmann der Cosa Nostra zu Italiens mächtigstem Unternehmer: Im Dezember 2004 wurde er wegen Komplizenschaft mit der Mafia in erster Instanz zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, ist aber weiter auf freiem Fuß und organisiert den Wahlkampf seines Chefs - vorzugsweise in Sizilien.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 14/2006