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2. Mai 2011, 22:19 Uhr

"Bin Ladens Tod ist kein Endpunkt"

Wie geschwächt ist der internationale Terrorismus nach dem Tod von Osama bin Laden? Im stern.de-Interview erklärt Sicherheitsexperte Michael Bauer, was der Verlust für al Kaida bedeutet.

© C·A·P Michael Bauer Michael Bauer leitet das Nahostprojekt am Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) in München und arbeitet in der Forschungsgruppe Europa zu Fragen der deutschen, europäischen und internationalen Sicherheitspolitik, insbesondere im Bereich der Terrorismusbekämpfung.

Herr Bauer, welche Rolle hat bin Laden für den internationalen Terrorismus gespielt?

In den 90er Jahren hatte bin Laden eine zentrale Position, als das Al-Kaida-Netzwerk sich herausgebildet hat. Seine Rolle für die operative Führung ist nach dem 11. September immer weniger bedeutend gewesen. Was die strategische Ausrichtung betrifft, halte ich seinen Einfluss für schwer einschätzbar. Er war aber als Symbolfigur sehr bedeutend. Er steht für al Kaida.

Für welche Verbrechen ist er verantwortlich zu machen?

Das ist eine Besonderheit al Kaidas gewesen, dass sie sich bis zum 11. September zurückgehalten haben, für Terroranschläge die Verantwortung zu übernehmen. Auf die Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania von 1998 oder auf die USS Cole im Hafen von Aden 2000 folgten keine Bekennerschreiben. Da hat man das eigene Profil niedrig gehalten, um nicht so viel Angriffsfläche zu bieten. Es gibt eine Reihe von weiteren Anschlägen, die unter al Kaidas Ägide stattfanden. Nach dem 11. September können die Anschläge in London, Madrid und Bali al Kaida recht klar zugeordnet werden. Aber bin Laden rechtlich für diese Anschläge verantwortlich zu machen, wäre ein schwieriges Unterfangen geworden, wenn keine Geständnisse vorliegen.

Ist der internationale Terrorismus geschwächt?

Das ist schwer zu beurteilen. Operativ wird es keine großen Auswirkungen haben. Möglicherweise gilt er jetzt als Märtyrer und spielt weiter eine Rolle als Identifikationsfläche. Sein Tod ist ein Meilenstein in der Terrorismusbekämpfung, aber kein Endpunkt. Wichtig ist aber auch die psychologische Wirkung. In den USA war es immer ein Thema, dass Osama bin Laden nicht zu fassen war. In dem Sinne ist es ein wichtiger Erfolg, der sich innenpolitisch für US-Präsident Barack Obama positiv auswirken wird.

Müssen wir jetzt mit Vergeltungsschlägen rechnen?

Es gibt den Begriff der abstrakten Bedrohungslage, die jetzt verschärft worden ist. Wenn man nach Deutschland blickt, ist mein Eindruck, dass die Sicherheitsbehörden einen sehr guten Überblick über die gewaltbereiten radikalen Strukturen haben. Das hat man bei der Festnahme der Düsseldorfer Al-Kaida-Zelle vor einigen Tagen gesehen. Ich würde bezweifeln, dass wir es mit einer erhöhten konkreten Bedrohungslage zu tun haben.

Sind unsere Anti-Terror-Gesetze ausreichend, oder sollten sie weiter verschärft werden?

Der Tod bin Ladens hat keinen Einfluss auf die Anti-Terror-Gesetzgebung Deutschlands. Die Debatte muss davon losgelöst geführt werden.

Ist das Terrornetzwerk al Kaida weiterhin existent?

Es hat sich in seiner Struktur modifiziert. Eine Zeit lang hatte man den Eindruck, es sei komplett dezentral organisiert. Aber wir stellen fest, dass immer wieder Reisen aus europäischen Ländern ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet stattfinden. Hier existieren noch Strukturen und Verbindungen, allerdings mit anderen Knotenpunkten als früher.

Wer ist jetzt der starke Mann bei al Kaida?

Mein Eindruck ist, dass man Osama bin Laden nicht einfach ersetzen kann. Man hat auf regionaler Ebene entsprechende Führer, die dort eine Rolle spielen. Al Sawahiri als Bin-Laden-Vize wird weiterhin eine Rolle spielen. Aber er wird bin Laden vom Charisma her nicht ersetzen.

Welches Ansehen genoss bin Laden zuletzt in der arabischen Welt sowie in Afghanistan und Pakistan?

Bin Laden war zuletzt sehr weit entfernt von dem Popstar-Image, das ihm nach dem 11. September für eine kurze Zeit anhaftete. Al Kaida und die dazugehörigen Gruppierungen und Organisationen wurden sehr klar als das eingeordnet, was sie sind: terroristische und verbrecherische Organisationen.

Was bedeutet bin Ladens Tod für das Ansehen der USA in der Region?

Das hängt davon ab, wie der Erfolg in den USA verarbeitet wird. Mein Eindruck ist, dass in den letzten Jahren die Fehler von George W. Bush vermieden wurden, die die Rhetorik mit Wörtern wie "Evil", "War on islamo-fashism" religiös aufgeladen hatte. Dem setzte Obama eine vorsichtigere Rhetorik entgegen, um zu verhindern, dass der Konflikt als eine Konfrontation zwischen dem Westen und dem Islam interpretiert wird. Denn genau das würde den Terroristen in die Hände spielen. Es wird jetzt darum gehen, bei aller Freude und Stolz über bin Ladens Tod nicht wieder alte Fehler zu begehen. Ich glaube aber, dass Präsident Obama sich dieser Problematik bewusst ist.

Haben die USA jetzt ihr Ziel erfüllt oder wird der Krieg gegen den Terror weitergehen?

Terrorismus wird damit nicht beendet oder beseitigt sein. Denn die große Problematik der Terrorismus-Bekämpfung ist, dass man es mit einer ganzen Reihe von Akteuren zu tun hat, die in einer Grauzone sind. Die in ihrer Ideologie vielleicht radikal sind, aber nicht gewaltbereit. Welche Prozesse bringen solche Leute dazu, doch gewaltbereit zu werden? Oder wie kriegen Sie diese Leute weg von dem radikalen Gedankengut? Das sind die Fragen, die sich hier stellen.

Der Terrorismus wird uns also noch lange begleiten?

Das sicherlich. Man muss es schon in die richtige Perspektive setzen. Als offene, moderne, hochtechnologisierte Gesellschaft gehen Sie eine Unzahl an Risiken ein. Das ermöglicht aber auch die ganzen Freiheitsgrade, die für unseren Wohlstand essenziell sind. Terrorismus ist da wahrscheinlich sogar eines der kleineren Risiken, wenn man an das Reaktorunglück von Fukushima denkt. Jeder setzt sich täglich im Straßenverkehr allen möglichen Gefahren aus. Das Thema Terrorismus wird uns weiter verfolgen, es ist aber auch Aufgabe der Politik, das Ganze in eine vernünftige Perspektive zu bringen und die Thematik nicht unnötig aufzublasen.

Interview: Carsten Heidböhmer
 
 
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