And the winner is ... al Dschasira

2. Februar 2011, 14:44 Uhr

Osama-TV? Islamistensender? Mitnichten. Einer der großen Gewinner der Aufstände in Tunesien und Ägypten ist der Nachrichtensender al Dschasira. Ausgerechnet in den USA wird der Sender gefeiert. Von Florian Güßgen

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Mittendrin: Auf dem Tahrir Platz in Kairo verfolgen Demonstranten die Berichterstattung von al Dschasira auf einem TV-Gerät, das auf das Dach einer Telefonzelle gestellt wurde©

Der vergangene Freitag dürfte in die Geschichte des Senders eingehen. In der Nacht hatte das Regime das Internet ausgeschaltet, die Kommunikation über Handys und SMS schwer beeinträchtigt. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak attackierte Facebook und Twitter. Es war der Freitag, an dem der Protest in die Moscheen und von dort aus wieder auf die Straßen Kairos getragen wurde. Und es war der Freitag, an dem al Dschasira sendete. Und sendete. Und sendete. In die Cafés in Kairo, in Suez, in Alexandria, aber auch in die Cafés in Beirut, Amman und Sanaa, in Büros in Washington, Brüssel, Berlin. Es war der Tag, an dem al Dschasira den Westen erreichte.

Die Zugriffszahlen auf die Webseite des englischsprachigen Programm schossen von Freitag bis Montag um 2500 Prozent in die Höhe, berichtete die New York Times am Montag, seit Freitag sei auf den Livestream des Senders vier Millionen Mal zugegriffen worden, davon 1,6 Millionen Mal aus den USA. "Was der Golfkrieg für CNN bedeutete, bedeuten die Volksaufstände im Nahen Osten für das englischsprachige Programm von al Dschasira", schreibt der New Yorker Professor und Medientausendsassa Jeff Jarvis in seinem Blog Buzzmachine. Und an anderer Stelle: "Im Nahen Osten ereignen sich wichtige, weltverändernde Nachrichten und niemand kann uns Einsichten, Einschätzungen und Vor-Ort-Berichterstattung so liefern wie der englische Dienst von al Dschasira."

Thema Nummer eins, zwei, drei: Ägypten

Und in der Tat. Der Sender mit Sitz in Doha im Emirat Katar, den der dortige Emir 1996 für 140 Millionen Dollar von der britischen BBC übernommen hat, könnte zu einem der großen Gewinner der Umwälzungen in der arabischen Welt werden. Mit seinem arabischsprachigen Programm profiliert al Dschasira sich nicht nur als Sprachrohr des arabischen Volkes, sein englischsprachiger Dienst, 2006 eingeführt, bietet derzeit eine ernsthafte Alternative zu CNN. Aggressiv berichtete der Sender aus Tunesien, beharrlich reportiert er aus Mubaraks Ägypten - und erntet für die Berichterstattung viel Lob, auch von westlichen Beobachtern. Nach eigenen Angaben erreicht al Dschasira mit seinem Nachrichtenkanal 220 Millionen Haushalte in mehr als 100 Ländern.

Schon den tunesischen Aufstand machte al Dschasira, im Zusammenspiel mit Facebook und Twitter, zum internationalen Medienereignis, zu einer politischen Live-Show. Im Nachhinein erscheint das jedoch nur wie ein Warmlaufen für den ganz großen Coup, für Ägypten. "Ägypten ist für uns das Thema Nummer eins, das Thema Nummer zwei, das Thema Nummer drei", sagte Aktham Suliman, der Deutschland-Korrespondent des Senders, stern.de. "Es ist das wichtigste arabische Land. Was dort geschieht, wird alle anderen beeinflussen."

"Der Sender ist die Stimme der Information"

Dabei hatte der Sender am ersten Tag des ägyptischen Aufstands, am Dienstag vergangener Woche, noch reichlich lustlos gewirkt, hatte Dokumentationen gesendet, statt aus Kairo zu berichten. Erst als Kritik laut wurde, Mutmaßungen, man halte sich nach einem Doha-Besuch Hosni Mubaraks im Dezember aus politischer Rücksicht zurück, legte al Dschasira nach und vor. Unablässig berichten die Reporter des Kairoer Büros seither von den Demonstrationen, twittern, bloggen live. "Die Rolle von al Dschasira ist entscheidend", sagt Asiem El Difraoui, Ägypten-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. "Jeder ägyptische Mittelschichtshaushalt guckt den Sender. Er ist die Stimme der Information im arabischen Raum."

Am Sonntag wurde das Büro von der Regierung geschlossen. Sechs englischsprachige Reporter wurden festgenommen, dann wieder entlassen, Teile ihrer Ausrüstung allerdings beschlagnahmt. Das Satellitensignal des Senders wurde ebenfalls am Sonntag abgeschaltet. Dem Fluss der Berichterstattung tat das keinen Abbruch. Per Liveblog berichteten die Journalisten weiter, vor allem vom Tahrir-Platz, dem Epizentrum der Proteste. Dort stellten Demonstranten sogar Fernseher auf, die den Sender doch per Satellit empfangen konnten. Auch am Dienstag bei dem "Marsch der Millionen" waren al-Dschasira-Reporter vor Ort.

"Wir sind politisch unabhängig"

Journalistische Erfolge hatte der Sender in seiner Geschichte immer wieder vorzuweisen. So war er nach den Anschlägen des 11. September 2001 der erste, der Live-Bilder von den US-Luftangriffen in Afghanistan sendete. Zudem waren die Journalisten aus Katar die ersten, die eine Bandaufnahme von Osama bin Laden veröffentlichten, in der der sich auf eben diese Angriffe bezog. Aber nicht nur dadurch fielen sie auf. Sie interviewten den israelischen Ministerpräsidenten, was einem Tabubruch in der arabischen Welt gleichkam oder ließen Oppositionelle zu Wort kommen. Von dem in den arabischen Staaten sonst üblichen Propagandafernsehen hob sich al Dschasira wohltuend ab.

Aber es gab auch fast zu jedem Zeitpunkt Kritik an der Arbeit des Senders. Früher wurde den Journalisten vorgeworfen, sie stünden dem Terrornetzwerk Al Kaida nahe, viel zu nahe, oder sie sympathisierten mit der nationalistischen Baath-Partei des vormaligen irakischen Despoten Saddam Hussein. Heute heißt es, al Dschasira stehe der radikalislamischen Hisbollah im Libanon ebenso nahe wie der Hamas im Gazastreifen, mobilisiere mit seiner Berichterstattung gezielt gegen die libanesische Regierung und die palästinensische Autonomiebehörde. Erst vor kurzem veröffentlichte der Sender in bester Wikileaks-Manier geheime Dokumente, die Einblicke in die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern geben. Sie zeigen, dass die palästinensischen Unterhändler im Jahr 2008 weitreichendere Zugeständnisse an Israel gemacht haben als bislang bekannt.

Aber nicht nur im Westen war die Skepsis groß. Nach dem 11. September 2001 habe es eine regelrechte Hysterie im Umgang mit al Dschasira gegeben, berichtet Berlin-Korrespondent Suliman, noch am vergangenen Freitag bezeichnete Bill O'Reilly der hetzerische Moderator des rechten US-Fernsehsenders Fox News, al Dschasira als "anti-amerikanisch".

Natürlich, sagt Ägypten-Kenner El Difraoui, gebe es in der Redaktion nach wie vor viel Konfliktstoff, würden bisweilen islamistische auf arabisch-nationalistische Tendenzen treffen. Aber im Kern sei der Sender bei seiner Berichterstattung dennoch mittlerweile weitgehend unabhängig. "Die sind stolz darauf, sich bei allen unbeliebt zu machen, wenn es darauf ankommt", so der SWP-Experte. Die wiederholte Schließung von Büros in verschiedenen arabischen Hauptstädten würde gleichsam als Auszeichnung verstanden werden. Ähnlich sieht es Berlin-Korrespondent Suliman. "Wir sind politisch unabhängig", sagt er. Dass die Kritik aus allen politischen Lagern komme, nimmt er als Beleg.

Vollständig unabhängig ist die Berichterstattung dabei sicher nicht. Ein weißer Fleck, so El Difraoui, sei die politische Lage in Katar, dem Sitz des Unternehmens, der Heimat des Eigners. Darüber werden natürlich nicht kritisch berichtet. Im Gegenteil: Das politische Hauptinteresse des Senders, so der SWP-Mann, sei es, Katar auf die Weltkarte und die Karte des arabischen Raums zu setzen. "Al Dschasira ist das bekannteste Produkt Katars." Auch werden dem Sender Beißhemmungen gegenüber Saudi-Arabien vorgeworfen.

"Das weiß nur Gott"

Der Sender schafft trotz aller Vorbehalte derzeit offenbar den Spagat, sowohl arabische als auch westliche Konsumenten zu bedienen. Durch die Verwendung einer hocharabischen Sprache, durch die Berichte über Ereignisse, die für viele Araber interessant seien, habe der Sender ein "Wir-Gefühl" entstehen lassen, sagt Korrespondent Suliman. Er habe so zur Entstehung einer eher kulturellen, pan-arabischen Identität beigetragen.

Dass al Dschasira auch im Westen als Nachrichtenmedium ernst genommen wird, ist neu. Mittlerweile werde al Dschasira sogar im Pentagon und im US-Außenministerium geguckt, erzählt ein Journalist des US-Senders NPR. Aber nicht nur dort. al Dschasira scheint sich derzeit ein echtes amerikanisches Publikum zu erarbeiten. "al Dschasira hat auf einmal ein Image, das den amerikanischen Geschmack trifft", sagte der Berliner Korrespondent Suliman. "Die Demonstrationen in Tunesien und Ägypten erinnern das US-Publikum an die Revolutionen in Osteuropa." Es mutet fast wie ein Posse an, dass einige US-Medien Tipps geben, wie man al Dschasira in den USA auf den Bildschirm kriegt, denn nicht in allen Kabelnetzen ist der Sender verfügbar. Auch in Ägypten werden ja derzeit Tipps gegeben, über welche Kanäle der Sender zu sehen ist.

Bei so vielen Erfolgsmeldungen müsste eine Redaktion eigentlich in Feierlaune geraten, möchte man meinen. Suliman beschreibt die Stimmung bei al Dschasira dagegen eher als leidenschaftlich-angespannt. "Ein Nachrichtenjournalist handelt bei einem Aufstand wie in Ägypten wie der Säufer, der eine Flasche findet. Er kommt nicht mehr davon los", sagt Suliman. Zum Ausgang des Volksaufstands in Ägypten wolle er keine Prognose wagen. "Wir verfolgen nur journalistische Interessen", sagt der Korrespondent des arabischen Senders. "Wie die politische Entwicklung in Ägypten endet, das weiß wirklich nur Gott."

 
 
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