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30. September 2008, 08:57 Uhr

Auf dem Hügel der Ignoranz

Nach dem überraschenden Scheitern des 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets für die Finanzindustrie beginnen in den USA die Schuldzuweisungen. Tatsächlich steht das selbstmörderische "Nein" des Kongresses auch für den Niedergang der Vereinigten Staaten. Von Katja Gloger, Washington

Die demokratische Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, erklärt das Scheitern des US-Rettungspakets© Lawrence Jackson/AP

Der amerikanische Leitindex Dow Jones war schon im freien Fall, da begannen bereits die Schuldzuweisungen. Die Abgeordneten im US-Kongress überboten sich geradezu mit Erklärungen, Theorien und Begründungen dafür, warum sie das größte finanzielle Rettungspaket in der Geschichte der USA am Montag mehrheitlich abgelehnt hatten. Ein Ergebnis, das selbst Eingeweihte überrascht hatte. Schließlich hatten Vertreter der Republikaner und Demokraten tagelang zäh mit Finanzminister Henry "der Hammer" Paulson über das 700-Milliarden-Paket verhandelt. Sie hatten mehr Hilfen für bedrängte Hausbesitzer herausgeschlagen und die finanziellen Risiken für den Steuerzahler abgemindert.

In der Stunde der Not hatte man sich auf dem "Hill", dem kleinen Hügel, auf dem das schneeweiße Kongressgebäude strahlt, zunächst geeinigt. Doch die Übereinkunft hielt nicht lange.

Und während der Dow Jones minütlich weiter ins Bodenlose fiel, zankten sich die Herren auf dem Hügel, als ob es wirklich kein Morgen gäbe.

"Wir haben es mit einer Regierung zu tun, die in Zeiten einer tiefen Krise nicht funktionsfähig ist", notierte der Wirtschaftkommentator Paul Krugman ebenso traurig wie treffend. "Im Kongress agiert eine Gruppe Verrückter und dem Weißen Haus traut sowieso niemand mehr über den Weg. Wir sind eine Bananenrepublik mit Atomwaffen."

Vor allem die Republikaner gerieten in Erklärungsnot. Schließlich hatten zwei Drittel der Abgeordneten der Partei, zu der auch US-Präsident George W. Bush gehört, mit "Nay" (Nein) gestimmt. Kongressvorsteherin Nancy Pelosi von den Demokraten sei schuld, hieß es, sie habe eine "parteiische" Rede gehalten, zu viel Kritik an Bush geübt. Als ob auch nur ein einziger Republikaner noch einen Pfifferling auf Bush geben würde. Jetzt, wenige Wochen vor dem faktischen Ende seiner Amtszeit, ist er lahmer als eine lahme Ente.

In Wahrheit sei der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama schuld, griffen die Manipulatoren aus dem Lager seines Kontrahenten John McCain an. Schließlich habe Obama das Rettungspaket für die Wall Street anfangs nur zögerlich unterstützt, die Verhandlungen anderen überlassen. Für Kritik dieser Art hatten die PR-Profis des Demokraten nur ein müdes Lächeln übrig: Hatte sich nicht John McCain noch am Montagmorgen als Retter der US-Wirtschaft präsentiert und sich nach Telefonaten mit Abgeordneten ganz sicher gegeben, der Rettungsplan werde verabschiedet?

In normalen Zeiten würde eine Abstimmungsniederlage dieser Art zum politischen Ritual des Kongresses gehören. Man tut so, als ob man der Regierung (sprich: dem bösen Staat) eine Lektion erteilt, ereifert sich ordentlich, setzt ein paar Gesetzesänderungen durch und kann bei den Wählern ein paar Punkte machen.

Aber die Zeiten sind nicht normal. Gestern hielten die Damen und Herren auf dem Hügel der Ignoranz dem ganzen Land die Pistole an den Kopf.

Ja, der Rettungsplan der Regierung ist umstritten. "Bailout-Bill" nennt man ihn verächtlich, "Freikauf-Gesetz". Einer Umfrage zufolge stehen ihm die meisten Amerikaner skeptisch gegenüber. Denn die Wähler, die Millionen hart arbeitender Menschen hassen die Vorstellung, dass mit ihren Steuergeldern nun auch noch gierige Wall Street Banker "entschädigt" werden sollen. So wie es nun einmal zum Selbstverständnis dieser Nation gehört, dass man seines eigenen Glückes - und seiner eigenen Katastrophen - Schmied ist, so hat man sich auch nach einer Niederlage aus eigener Kraft wieder nach oben zu arbeiten.

Der Rettungsplan sei der erste Schritt auf dem "schleichenden Weg in den Sozialismus", schwadronierte ein republikanischer Abgeordneter aus Texas. "Und wieder einmal zeigt sich: Politik ist lokal", schrieb hingegen ein Kommentator der Washington Post. "Denn es geht um die Wiederwahl vieler Abgeordneter im November."

In Wahrheit war das trotzige, selbstmörderische "Nay" auf dem Hügel der Ignoranz auch ein Symbol für den Zustand Amerikas. Als ob man sich - ein letztes Mal - nicht eingestehen will, dass in diesen Tagen eine Ära zu Ende geht. Die Wall Street ist tot, der Kapitalismus in seiner derzeitigen Form auf der Intensivstation. Zurück bleibt ein geschwächtes, verunsichertes Amerika. Ein Land im Niedergang. Es muss sich rasch besinnen, damit es die Welt nicht weiter mit nach unten reißt.

Von Katja Gloger, Washington
 
 
KOMMENTARE (10 von 35)
 
rajabi (01.10.2008, 00:42 Uhr)
Amerika als Supermacht ist tot,.....
die Beerdigung wird aber wegen viele Kondolenzen etwas dauern. und wie immer in der Geschichte(Römer, Griechen, Perser, Ägypter...), waren nicht die Fremden, die eine Supermacht vernichtet haben, sondern allein, die eigene Arroganz und Ignoranz.
Ramazotti (30.09.2008, 22:47 Uhr)
Ueberrascht ?
Ohne Studium in Harvard und Kursen an der HBS sollte dem Beobachter mit Allgemeinverstand bereits vor Jahren aufgefallen sein, dass der Amerikanischen Seifenkiste bald die Raeder abfallen. Eine Wirtschaft die auf Pump lebt und immer weiter in die Zukunft borgt um gerade noch zu existieren erledigt sich von selbst.
Den Erfindern der Marktanarachy geht's an den Kragen.
starmax (30.09.2008, 20:59 Uhr)
Mit Speck fängt man Mäuse
und mit Zinsen dumme Anleger. Niemand macht sich bewußt, daß damit die Grundlage aller "Blasen" erst geschaffen wird. In der exonentiellen Endphase ist ein Zinssystem nicht mehr beherrschbar - das ist so, war so und wird immer so bleiben. Also wird es eine Hyperinflation geben (dank der injizierten "Rettungs-"gelder
jockel_us (30.09.2008, 16:09 Uhr)
@jeanclaude: Auslassungen
Ja, Blitzmerker. Außerdem habe ich Winnetou auf dem Gewissen. Und dann bin ich obendrein noch so ungebildet und unkultiviert, daß ich nicht einmal weiß, wer Dieter Bohlen ist. Oder daß der Führer immer weinen mußte, wenn er Beethoven hörte.
Kurz, ich bin eine Schande für mein Geburtsland ;-)
nightmare_online (30.09.2008, 14:48 Uhr)
@datenbaer
Ich schlage vor Sie sehen sich mal die Entwicklung zur Weltwirtschaftskrise im letzten Jahrhundert an. Da haben die Staaten - auf Empfehlung der Liberalen übrigens - zu spät eingegriffen. Das führte dann zu den bekannten Effekten, dem Ende des klassischen Liberalismus, und dem entstehen des Neoliberalismus.
Ich schlage vor wir ersparen uns das ganze Prozedere dieses Mal, und hören nicht auf die Marktradikalinskis.
datenbaer (30.09.2008, 14:31 Uhr)
Man kann es so oder so sehen.
man kann die Entscheidung des Kongresses so und so betrachten. nachdem die Verstaatlichungsbefürworter hierzulande wieder Oberwasser spüren, wird es in diesem Organ selbstredend so ausgeelgt, daß eine "Horde Verrückter" die schöne Staatshilfe kaputt macht, ohne die es, so Journalisten, gar nicht geht (zumal ich die Quelle dieser Aussage gerne mal wüßte - von wegen politische Orientierung). wenn Journalisten immer so viel wüßten, wie sie zu wissen meinen, dann wäre die Meinungsmache vielleicht etwas schwerer. Die Amerikaner haben zu solchen Krisen eben ein etwas anderes Verhältnis als wir. Bei denen gilt noch - auch wenns vielen weh tut - der Schuldige sollte schon büßen müssen und nicht durch Staatsknete weiter seinen Bentley fahren dürfen und sich einer fetten Pension sicher sein - das wäre eben die deutsche Lösung.
nightmare_online (30.09.2008, 14:17 Uhr)
ist schon putzig ...
das nach 8 Jahren Bush und konservativer Regierung es hier in D wahrscheinlicher ist, den "american dream" zu verwirklichen als in den USA. Ein peinlicheres Zeugnis des Komplettversagens können Konservative nicht abliefern ... obwohl ... in den USA haben sie ja - wie hier in D auch - bewiesen das Konservative nicht mit Geld umgehen können. Und noch peinlicher ist es, das eine Mehrheit der Abgeordneten der GOP offensichtlich ihre eigenen Karrieren für relevanter hält als das Schicksal des Landes. Hoffen wir mal der Wähler gibt dieser Versagern die Quittung am Wahltag. Man kann in den USA exemplarisch sehen was die Konservativen anrichten - wenn man sie lässt. Hier in Deutschland verhindert ja der Wähler eine solche Mehrheit aus CDU/FDP in den letzten Jahren. Als die letztes Mal dranwaren, ist es ihnen bekanntlich aber auch fast gelungen dieses Land komplett zu ruinieren. Scheint irgenwie eine feste Charaktereigenschaft der Konservativen zu sein.
vegefranz (30.09.2008, 14:06 Uhr)
Gesund Einstellung der US-Bürger
jeder kann sich durch eigene leistung nach oben arbeiten. das ist die richtige Einstellung. In Deutschland wird geheult, wenn der Staat den Sozialschmarotzern nich auch das Premiere Abo zahlt. Die Rolle des Staates muss sich - bei uns und den USA - darauf beschränken, den wirklich Hilfsbedürftigen zu helfen. Davon gibt es leider genügend. Banken und eingewanderte Araberclans etc darf kein Steuergeld geschenkt werden.
verdad (30.09.2008, 13:50 Uhr)
ohne grundlage
die Spekulanten durch seine gier machen nur scheiße und das Volk muss bezahlen das ist die ignoranz
Malt (30.09.2008, 13:43 Uhr)
@seppmeier
Im Grunde könnten Sie schon Recht haben... allerdings glaube ich, dass es dafür noch Zeit brauchen wird. Der Dollar ist noch nicht schwach genug - und der Amero wird erst dann eingeführt, wenn die Bevölkerung in den USA nach einer Währungsreform förmlich schreit. SO ist es nämlich schon immer gewesen: Derartige Veränderungen werden dem "Pöbel" in den Mund gelegt, als quasi ALlheilmittel, und letztlich verlangt der Bürger selbst nach den Handschellen, mit denen er gefesselt werden soll.... dieses Programm wurde exakt so auch schon im alten Griechenland gefahren - und bis jetzt hat sich daran nichts geändert... ausser vielleicht, dass die Menschen noch ein wneig dümmer sind als früher und die "Herrscher" noch dreister...
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