In Annapolis will US-Außenministerin Condoleezza Rice zeigen, dass sie das Nahost-Problem lösen kann. Irgendwie. Was als Konferenz geplant war, wurde zum Meeting herabgestuft. Kritiker befürchten: nette Fotos, keine Substanz - ein Musterbeispiel für Politik à la Rice. Von Katja Gloger, Washington

Condoleezza Rice lädt 49 Delegationen nach Annapolis. Wozu - keiner weiß es genau© Chip Somodevilla/Getty Images
Annapolis ist eine schöne Stadt. Häuschen im Kolonialstil, idyllisch an der Chesapeake Bay gelegen, gerade mal 60 Kilometer von Washington entfernt. Im Hafen dümpeln die Segelyachten, es gibt nette Restaurants, und am Wochenende marschieren fesch gekleidete Kadetten der traditionsreichen Marine-Akademie durch die Gassen.
Annapolis ist eine historische Stadt. Hier trafen sich vor 321 Jahren Delegierte der damaligen Bundesstaaten, um über die Zukunft Amerikas zu beraten. Damals scheiterte die Konferenz - mangels ausreichender Teilnehmerzahl.
Hier, in Annapolis, soll in der kommenden Woche so etwas wie Geschichte geschrieben werden. Denn am kommenden Dienstag soll hier der Weg für Nichts weniger als für den Frieden im Nahen Osten bereitet werden. Unter Anleitung der USA sollen Israelis und Palästinenser beraten. Und die Delegationen vieler, vieler Staaten aus aller Welt sollen ihnen dabei zuschauen.
Wenn diese Konferenz scheitert, dann liegt es sicher nicht an der mangelnden Teilnehmerzahl: die USA haben 48 Delegationen eingeladen. Auch Malaysia und der Senegal sind dabei.
Wenn es nach der Organsiatorin der Konferenz geht, dann soll Annapolis ein Meilenstein in der Geschichte der US-Außenpolitik werden. Endlich ein Erfolg für die bislang ziemlich glücklose Außenministerin Condoleezza Rice. Doch sie scheint schon selbst nicht mehr daran zu glauben.
Denn von wegen "Konferenz". Offiziell wurde Konferenz. zum "Meeting" herabgestuft. Ein Treffen, mehr nicht. Wenn das scheitert, klingt es wenigstens nicht so schlimm. Ursprünglich für drei Tage geplant, wird das Meeting von Annapolis jetzt nur noch 24 Stunden dauern.
Auch mit den Details der Tagesordnung ist das so eine Sache. Denn auch die war wenige Tage vor dem Beginn des historischen Meetings noch nicht bekannt. "Es scheint, dass niemand genau weiß, was eigentlich passieren soll", gestand ein arabischer Diplomat der Washington Post. "Ich bin vollkommen verwirrt." Zwar hatten Journalisten bereits früh ein "Briefing" erhalten, ein angeblich hochinformatives Hintergrundgespräch mit einem hochrangigen US-Diplomaten, der so hochrangig ist, dass man seinen Namen nicht nennen darf. Und was sagte der? "Es handelt sich nicht um eine Konferenz, sondern um ein Treffen."
Es soll jedenfalls um die Umsetzung der "Road Map" gehen, jener "Straßenkarte", die Präsident Bush vor vier Jahren ausgerollt hatte. In drei holprigen Phasen soll die möglichst rasch zu einem unabhängigen Palästinenserstaat führen. Aber wer wollte angesichts des Krieges im Irak schon über Straßenkarten diskutieren? Im Weißen Haus zeigte man bislang jedenfalls kein besonderes Interesse. Die Road Map staubt seit Jahren vor sich hin.
Doch nun Annapolis. Ein Tag, der in die Geschichte eingehen soll. Die Stars des Meetings in der Marineakademie sind die Premiers Olmert und Abbas, dazu möglichst viele Außenminister aus möglichst vielen Ländern. Auch Deutschlands Steinmeier ist dabei. Präsident Bush spricht, und insgesamt fünfmal will er den Israeli und den Palästinenser empfangen, auch im symbolträchtigen Oval Office. In Annapolis will Condoleezza Rice den Beweis antreten, dass sie eine echte, eine starke Außenministerin ist. Dass sie die Welt gestalten kann. Doch es ist gut möglich, dass Annapolis zum Musterbeispiel dafür wird, wie man es eben nicht machen soll. Schon lästert das sonst so Bush-freundliche "Wall Street Journal" über das "Fiasko von Annapolis". Warum dieses Meeting stattfindet? "Weil es die Außenministerin will."
Selbst die schärfsten Kritiker gestehen der wendigen Außenministerin zu: Sie versucht es wenigstens. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Gegen die Realitäten im Nahen Osten, die ihre eigene Politik mit verursacht hat. Sie war in den vergangenen Monaten acht Mal in die Region gereist, versuchte, die verfeindeten Parteien zu überzeugen.
Anfang dieses Jahres hatte sich Rice mit ihren engsten Vertrauten zusammengesetzt. Oben, im siebten Stock des Betongebäudes an der C Street in Washington. So, wie sie sich immer nur mit ihren Vertrauten bespricht, ohne Ideen oder Vorschläge aus dem Ministerium einzuholen. Es ging um das letzte Jahr ihrer Amtszeit. Darum, was man noch erreichen könne in der Welt. Etwas Positives für die eigene "Legacy", für das politische Vermächtnis. Sie nahm sich, so heißt es, drei Probleme vor: den Iran, Nordkorea - und den Nahost-Friedensprozess. Die wollte sie lösen. Das Chaos im Irak, den Diktator in Pakistan, solche "Kleinigkeiten" überließ sie ihrem Stellvertreter John Negroponte.
Katja Gloger Die US-Hauptstadt ist ein politisches Haifischbecken, in dem getuschelt, geschmiedet, verschworen und gestürzt wird. Mittdendrin: Katja Gloger. Die stern-Korrespondentin beobachtet in ihrer Kolumne "Washington Memo" den Präsidenten und beschreibt die, die es werden wollen. Dazu der neueste Klatsch aus dem Weißen Haus und von den Fluren des Kongresses.