Joschka Fischer und das große Schweigen

11. April 2013, 19:34 Uhr

Er war Revoluzzer, Aushängeschild der Grünen und Vize-Kanzler. Jetzt ist er Unternehmer. Ein Polizist, der bei einer Demo lebensgefährlich verbrannt wurde, sagt: "Fischer hat mein Leben zerstört". Von Arno Luik

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Joseph Martin, genannt Joschka, Fischer. Mit 65 Jahren ist er ganz oben. Über ein Kapitel seiner Vergangenheit aber schweigt der Ex-Revoluzzer und Jetzt-Unternehmer.©

Joschka Fischer wird 65, und der Ex-Außenminister ist wieder im Gespräch. Aber sicherlich nicht so, wie er es möchte. Seit der stern vergangene Woche ein kritisches Porträt über ihn veröffentlichte, wird über seine Vergangenheit diskutiert, die er so gerne verklären, vertuschen, entsorgen möchte: seine Jahre als überaus militanter Straßenkämpfer in Frankfurt. Als einer, der nur hauchdünn von der RAF oder den Revolutionären Zellen entfernt war. Als einer, der gerne zuschlug, der Anführer der "Putzgruppe" war, die bei den gewalttätigen, fast paramilitärischen organisierten Straßenkämpfen an vorderster Front mitmischte, oder, wie Alice Schwarzer es nun ausdrückte, "die in den 1970er Jahren das 'Schweinesystem' mit seinen 'Scheißbullen' und 'alten Nazibonzen' nicht nur mit Argumenten, sondern auch mit Steinen und Molotowcocktails bekämpfte". Und der über diese Jahre der rigorosen Militanz, wie der stern aufzeigte, wohl den Bundestag belogen hat.

Ende 2000, Joschka Fischer ist Außenminister der ersten rot-grünen Koalition, wird bundesweit bekannt, dass er bei Straßenkämpfen in Frankfurt einen Polizisten niedergeknüppelt hat, dass er am 9. Mai 1976 bei einer Versammlung war, auf der beschlossen wurde, bei einer Demonstration zum Tode von RAF-Mitglied Ulrike Meinhof Molotowcocktails einzusetzen. Tatsächlich wurde am Tag danach ein Polizeiauto massiv mit Molotowcocktails bombardiert, und der Polizist Jürgen Weber verbrannte fast.

Fischer rechtfertigt sich im feixend im Dreireiher

Anfang 2001 veröffentlicht der stern eine Bildstrecke, die Fischer zeigt, wie er 1973 - gemeinsam mit Hans-Joachim Klein, der 1975 in Wien zusammen mit dem Top-Terroristen "Carlos" die Opec-Konferenz überfiel und einen Polizisten niederprügelt. Joschka Fischers Karriere ist jetzt ernsthaft gefährdet. Als er sich am 17. Januar 2001 im Bundestag rechtfertigen muss, tut er das im grauen Dreireiher, feixend und überaus überheblich, er weiß, seine alten Kampfgenossen in Frankfurt halten dicht.

Gegenüber den Abgeordneten stellt Außenminister Fischer an jenem Tag fest: "Ich habe niemals Molotowcocktails geworfen, und ich habe auch nicht dazu aufgerufen, Molotowcocktails zu werfen."

Mollis gegen Polizeiketten

Dem stern liegt auf Film eine Aussage von Hans-Joachim Klein von 2007 vor, in der er über seine Zeit an der Seite von Fischer feststellt: "Wenn Sie in der Putzgruppe waren, haben Sie irgendwann auch Molotowcocktails geworfen." Und wenn "Molotowcocktails flogen, mussten wir das absprechen", im "Konsens", also einstimmig sei das geschehen. Ja, und Mollis seien auch "gegen Personen" eingesetzt worden, "gegen Polizeiketten". Das sei "ein Fakt".

Bei jener Sitzung im Bundestag stellte der Abgeordnete Martin Hohmann (CDU) die Frage: "Herr Minister, Sie haben soeben zugestanden, dass Sie Steine geworfen haben. Können Sie auschließen, dass Sie mit Ihren Steinwürfen Menschen getroffen und verletzt haben?"
Fischer: "Nach meinen Erkentnissen, ja."
Frage: "Sie können also ausschließen, dass Sie Menschen mit Steinwürfen getroffen und verletzt haben?"
Fischer: "Mir ist davon nichts bekannt. Es müsste mir bekannt sein, wenn ich es bejahen soll."
Frage: "Warum haben Sie dann die Steine geworfen? Haben Sie die einfach in die Luft geworfen?
Das Bundestagsprotokoll vermerkt an dieser Stelle: Heiterkeit bei der SPD und dem Bündnis 90/Die Grünen.
Fischer: "Ich habe die Steine in die Luft geworfen, ja." 'Beifall beim Bündnis 90/Die Grünen und bei der SPD sowie des Abg. Uwe Kisch (PDS)', vermerkt das Bundestagsprotokoll. In der Regierungsbank grinst Schröder, Fischer lacht.

"Wir haben draufgehauen wie die Kesselflicker"

Und auch Hans-Joachim Klein, der Ex-Terrorist, der bis zu seinem Abtauchen in den Untergrund 1975 ein sehr guter Kumpel von Fischer war, "mein engster Freund damals", muss sehr lachen.

Natürlich seien "diese Pflaster- und andere Geschosse, die Mollis" in die Luft geworfen worden, "da hat er natürlich recht", aber "die kamen ja auch mal wieder runter, also mussten sie erst mal in die Luft". Das schreibt Klein 2008 in einer dem stern vorliegenden E–Mail, in der er unter anderem "den Joschka-Bub" und sich als Gründungsmitglieder der "Frankfurter Putzgruppe" bezeichnet. Und: "Wir haben draufgehauen wie die Kesselflicker."

Aber kann man diesem Klein glauben? Der in Fischers Auto Waffen transportiert hat - ohne, wie Fischer, sagt, sein Wissen - darunter jene, die 1981 bei dem noch immer unaufgeklärten Mord am hessischen Wirtschaftsminister und FDP-Politiker eingesetzt worden sind? Diesem Ex-Terroristen, der fast 25 Jahre im Untergrund lebte und 2001 wegen dreifachen gemeinschaftlichen vollendeten Mordes, Mordversuchs und Geiselnahme in Sachen Opec-Überfall angeklagt war? Der Staat jedenfalls vertraute ihm, nutzte ihn (zuletzt Anfang des Jahres) in Terroristenprozessen als Kronzeugen, deshalb bekam er statt lebenslänglich nur neun Jahre und kam 2003 auf Bewährung frei.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Fischer, in der Regierungsbank stehend, dreht auf, kryptisch, geradezu wirr ist seine Antwort, komödiantisch fast

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