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Die Opferrolle von Clausnitz ist eine Schande für die Polizei

Ganz Deutschland ist schockiert über die ausländerfeindlichen Vorfälle von Clausnitz – und das rabiate Vorgehen der Polizei vor Ort. Umso bedenklicher: Die Erklärung des zuständigen Polizeipräsidenten ist eine Bankrotterklärung.

Ein Kommentar von Tim Sohr

Clausnitz und die Opferrolle der Polizei

Uwe Reißmann, Leiter der Polizeidirektion Chemnitz, auf der Pressekonferenz zu den ausländerfeindlichen Vorfällen von Clausnitz

Sehr geehrter Herr Uwe Reißmann, zuständiger Präsident der Chemnitzer Polizei, wir hätten da noch eine Frage zu Ihrer Pressekonferenz: Für wie dumm halten Sie uns eigentlich? Sie sollten nicht den Fehler machen, die gesamte deutsche Bevölkerung für so einfältig zu halten wie den tumben Angstmob, der sich den ankommenden Flüchtlingen in Clausnitz wie ein degeneriertes Begrüßungskommando präsentiert hat. Hören Sie also bitte dringend auf, das Vorgehen Ihrer Kollegen als "absolut notwendig" und "verhältnismäßig" zu bezeichnen. Wir haben die Videos doch gesehen. Wir wissen es doch besser.

Genau wie Sie es besser wissen müssten. Was wollen Sie also bezwecken mit Ihren Ausführungen? Sind sie bloß Ausdruck von Hilflosigkeit? Oder versuchen Sie mit voller Absicht, jegliche Schuld von sich zu weisen? Wollen Sie uns wirklich weismachen, dass die Flüchtlinge, die in Clausnitz ankamen, den weiten Weg aus ihren Heimatländern auf sich genommen haben, um hier erst einmal sächsische Demonstranten zu beleidigen? Dass von knapp 30 Menschen, die eine Flucht voller Strapazen hinter sich haben, eine größere Gefahr ausgeht als von 100 Ausländerhassern außer Rand und Band?


Hass in Clausnitz: Ist das Ihr Ernst, Herr Reißmann?

Es ist nicht bekannt, dass die grölenden Asylgegner von Clausnitz irgendwelche Konsequenzen zu erwarten hätten. So weit, so schlecht. Aber Sie, Herr Reißmann, setzen noch einen drauf und sagen: "Was wir sicherlich ausweiten werden, sind Ermittlungen gegen den ein oder anderen Insassen des Busses." Wir können uns nur wiederholen, auch wenn das Sprechen schwerfällt, weil uns ja der Mund offen steht: Ist das Ihr Ernst?

Ihre Ausreden und die Opferrolle, die Sie Ihren Beamten zuschreiben, sind eine Schande.

Verstehen Sie uns nicht falsch, Herr Reißmann: Vor den meisten Ihrer Kollegen haben wir den allergrößten Respekt, der Job des Polizisten gehört zu den anspruchsvollsten, verantwortungsvollsten und gefährlichsten. Nicht selten wird die Polizei nach kritischen Einsätzen zu Unrecht kritisiert – aber nicht dieses Mal. Nicht nach Clausnitz.

"Keinerlei Konsequenzen" gebe es Ihres Erachtens für das beschämende Verhalten der Polizisten vor Ort. Aber da liegen Sie falsch, Herr Reißmann. Die Konsequenz aus Ihrer Haltung ist, dass Sie den Polizisten im ganzen Land einen Freibrief ausstellen, rabiat und rücksichtslos zu handeln, sobald Ihnen aufgrund eigener Unfähigkeit die Situation über den Kopf wächst. Wenn Sie es rechtfertigen, dass einer Ihrer Beamter einen halbwüchsigen Jungen in den Klammergriff nimmt und durch die Gegend zieht, ist das ein fatales Signal mit nicht absehbaren Folgen.

"Nichts zu rütteln" gebe es am Einsatz von Clausnitz, sagen Sie, Herr Reißmann. Auch hier liegen Sie falsch: Wenn Sie Ihre Verklärung, äh, Erklärung wirklich ernst meinen, und wenn der deutschen Polizei das Vertrauen der Bürger etwas wert ist, gibt es sehr wohl etwas zu rütteln. Und zwar am Stuhl von Uwe Reißmann.

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