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Vier gute Gründe, warum die Grünen nicht mehr wählbar sind

Der jüngste Wahltrend des stern spricht eine ziemlich klare Sprache: Die Grünen stecken wenige Monate vor der Bundestagswahl knietief in der Krise. Doch warum eigentlich? Vier gute Gründe.

Anton Hofreiter, Katrin Göring-Eckardt, Claudia Roth - die Grünen wollen Mut zeigen

Drei von der Mutigen-Partei (v.l.): Anton Hofreiter, Katrin Göring-Eckardt, Claudia Roth

Sechs Prozent, mehr nicht. Laut dem jüngsten Wahltrend von stern und RTL schaffen die Grünen bei der Wahl im September nur mit Ach und Krach den Einzug in den Bundestag. Sechs Prozent! Das ist nur noch genauso viel wie die doch längst abgeschriebene und überwunden geglaubte FDP. Das sind schon drei Prozentpunkte Rückstand auf die doch so umstrittene Linke, und auch die rechtspopulistische AfD ist schon ein Stückchen weg. Vor allem sind sechs Prozent der Stimmen das schlechteste Umfrage-Ergebnis seit 15 Jahren. Was ist da los?

Grüne zu wählen, ist zur Zeit das Gegenteil von hip. Und dafür gibt es gute Gründe:

1. Das Personal: Kein Joschka, nirgends

Sicher, kein Schnappschuss ist fair. Trotzdem: Ist diese Aufnahme des Spitzenduos der Grünen für die nicht bezeichnend?

Keine Spur von Aufbruch: Das Spitzenduo der Grünen, Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt, feiert seinen Sieg bei der Ur-Wahl.

Keine Spur von Aufbruch: Das Spitzenduo der Grünen, Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt, feiert seinen Sieg bei der Ur-Wahl.


Das Bild entstand im Januar, kurz nachdem Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt von ihrer Partei zu Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl bestimmt worden waren. Die beiden lebten damals in dem Glauben, im Herbst vielleicht sogar Vize-Kanzler werden zu können. Mehr Aufbruch als ein "Uiuiui" drückt dieses Bild aber nicht aus. "Excuse me", möchte man zitieren, "I am not convinced"; ich bin nicht überzeugt. Eine Figur wie der Ex-Aktivist, Turnschuhminister und Vize-Kanzler ist den Grünen längst abhanden gekommen. Eine Petra Kelly? Ein junger Otto Schily (einst RAF-Anwalt, später SPD-Innenminister)? Ein Jürgen Trittin? Oder wenigstens eine Kerstin Müller? Solche Persönlichkeiten sucht man längst vergebens. Stattdessen regiert bürgerliche Betulichkeit à la Winfried Kretschmann (in Baden-Württemberg). Vielleicht hätte man es doch einmal mit Robert Habeck aus Kiel probieren sollen?

2. Zu Tode gesiegt: Grün kann heute jeder

Dass der Atomausstieg von einer CDU-Bundeskanzlerin realisiert werden würde, das hätte den Grünen Mitte der Achtziger mal jemand erzählen sollen. Damals trugen sie mit AKWs aus Mohrenköpfen, Waffel-Schornsteinen und angeklebten Watte-Wölkchen freundlichen Protest in die Parlamente - gegen jede Geschäftsordnung. Seit Fukushima ist das Atom-Aus Realität - und die Grünen sind mit ihrer ureigensten Sache zum Opfer des Systems Merkel geworden. Die Kanzlerin hat sich flugs ein Kernstück der Öko-Partei angeeignet; die ist damit ein Großteil ihrer politischen Legitimation los. Hinzu kommt: auf die Umwelt achten, wenn Auto fahren, dann mit Katalysator, vegetarische und vegane Ernährung, Müll trennen und vermeiden und, und, und - viele Aspekte des ökologischen Wandels sind längst Konsens. Deswegen muss man nicht unbedingt grün wählen.

3. Grüne Themen - "nicht der heiße Scheiß der Republik"

Immerhin: Den grünen Spitzen ist das durchaus klar. Wie sonst soll man die Äußerung von Katrin Göring-Eckardt bewerten, Öko-Themen seien gerade "nicht der heiße Scheiß der Republik"?! Abgesehen davon, dass dieser Satz kein Fall von geschicktem Wahlkampf ist (siehe Punkt 1. Personal), hat sie durchaus recht. Die Menschen treibt eher um, ob Donald Trump und Kim Jong-Un wirklich mit Atomraketen jonglieren werden, ob sich der Stellvertreterkrieg in Syrien gefährlich ausweiten kann oder was Recep Tayyip Erdogan aus der Türkei macht - inklusive Wegfall einer beliebten Urlaubsoption. Klingt alles nach früheren Themen für die Friedensbewegung. Doch was den Pazifismus angeht, haben die Grünen spätestens seit dem Kosovokrieg 1999  ja ihre Unschuld verloren - Joschka Fischer sei's geklagt.

4. Grün verblasst, fast schon gelb

"Zukunft wird aus Mut gemacht", lautet der Wahlkampf-Spruch. Stimmt wahrscheinlich. Aber zu den Grünen 2017 passt vielleicht noch die Achtziger-Attitüde dieses Spruchs, nicht aber die Aussage. Öko-Partei? Protest-Partei? Aufbruch? Gegen das Establishment? Das ist lange her, geblieben sind kaum mehr als die Etiketten. Grün - das ist längst weder revolutionär noch hip, das ist Establishment. Nur weil das so ist, gibt es überhaupt die Option Schwarz-Grün im Bund. Doch ohne "10 plus x" Prozent wird daraus nichts - und dieses Wahlziel ist im Moment illusorisch. Das Nicht-Erkennen des eigenen Stillstands, die Fehleinschätzung der eigenen Machtoptionen, das Überschätzen der eigenen Wählerbasis - klingt ein bisschen nach dem Lieblingsfeind der Grünen, der FDP. Kein gutes Vorbild. Die Liberalen sind bei der letzten Wahl nicht nur aus der Regierung, sondern gleich direkt aus dem Bundestag gefallen. Die ebenso spöttische wie wahre Kritik, die Grünen seien die neue FDP, klingt so gesehen richtig bedrohlich.


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