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17. Februar 2010, 10:23 Uhr

Arroganz - Westerwelles Tarnanzug

Berauscht vom Wahlsieg, geknickt von Umfragen: Guido Westerwelle versteht die Welt nicht mehr. Dass er zu Hartz IV poltert, hat nichts mit Strategie zu tun - sondern mit seiner Persönlichkeit. Ein Gastbeitrag von Fritz Goergen

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Dampft und segelt: Außenminister Guido Westerwelle© Axel Schmidt/DDP

Seit Tagen bietet sich dem Beobachter ein ungewohntes Schauspiel. Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle, Vizekanzler und Außenminister, polemisiert - sein Generalsekretär Christian Lindner argumentiert. Westerwelle hetzt gegen Hartz-IV-Empfänger, Lindner erklärt, warum der Sozialstaat auf neue Füße gestellt werden muss. Der Vorsitzende spaltet, der Generalsekretär verbindet. Eine neue, abgesprochene Rollenteilung? Nein, Westerwelle explodiert, weil er einfach nicht anders kann. Junggeneral Lindner sieht die strategische Lücke und füllt sie.

Beim Dreikönigstreffen der FDP Anfang des Jahres gewährte die Kamera ein paar Blicke ins Gesicht des Wahlsiegers Guido Westerwelle, während Christian Lindner seine erste Rede als Generalsekretär hielt. Was da in Westerwelles Gesicht aufblitzte, waren Angst und Zweifel: Hatte er da einen in seine Nähe gelassen, der ihm - anders als alle anderen - gefährlich werden könnte?

Er versteht die Welt nicht mehr

Guido Westerwelle, bei der Vorstellung des schwarz-gelben Regierungsprogrammes, eingerahmt von Angela Merkel und Horst Seehofer, strahlte wie ein Honigkuchenpferd. An Kreide hatte er sich in den Tagen nach der Wahl geradezu überfressen. Milde und verbindlich schien er geworden zu sein. Die Umfrageergebnisse stiegen über das Wahlergebnis hinaus. Der überwältigende Sieg machte die ganze FDP besoffen, allen voran den Vorsitzenden. Dieser Rausch hält an. Der große Kater kommt erst, wenn Westerwelle die Macht verliert, die er jetzt im Übermaß zu haben glaubt. Dass "Mutti" mit ihm und seiner Partei machen kann, was sie will, ist eine Lektion, die er noch vor sich hat. Eine FDP, der mehr als die Hälfte ihrer Wähler von der CDU auf Zeit zugelaufen sind, steckt hoffnungsloser in der babylonischen Gefangenschaft der CDU als zu Kohls und Kinkels Zeiten.

Wenige Wochen später fing das Gezänk innerhalb der "christlich-liberalen" Koalition an und verstummte nicht mehr. Die Umfragen für die FDP im Bund halbierten sich, in Nordrhein-Westfalen rutschten sie bedrohlich nahe an die fünf Prozent. Jürgen Rüttgers machte die Tür zu den Grünen auf. In der FDP regt sich Kritik am großen Vorsitzenden. Statt in der Beliebtheitsskala den üblichen Bonus des Außenministers einzustreichen, sinken seine Werte. Guido Westerwelle versteht die Welt nicht mehr.

Hier schreie ich, ich kann nicht anders

Hat er nicht das beste Wahlergebnis in der Geschichte der FDP eingefahren? Hat er nicht in wichtigen Ländern der Welt als neuer deutscher Außenminister ohne Patzer debütiert - selbst in Israel und Polen? Ist er nicht der eigentlich Mächtige in Staat und Partei? Und nun das? Wer auf seine Mimik und Körpersprache achtete, konnte es nicht übersehen. Sein Hals schwoll von Woche zu Woche, sein Gemütspegel überstieg die rote Marke, der Gefühlskessel geriet unter Überdruck. Welches Ventil sich jetzt bot, war egal, Hauptsache Luft machen, rausschreien. Dass das Verfassungsgerichtsurteil zu Hartz-IV als Ventil für seinen Wutausbruch herhielt, war purer Zufall. So war es immer schon mit Guido Westerwelle, dem Einsamen an der Spitze. Wenn es nicht geht, wie er will, brüllte er schon immer seine Mitarbeiter an, nun eben eine ganze Minderheit des deutschen Volkes, eine Minderheit, die ebenso wächst wie ihr stiller Zorn.

An nichts arbeitet Westerwelle schon so lange und so hart und so unaufhörlich wie an sich selbst. Natürlich ist er viel zu intelligent, um nicht zu wissen, was er mit seiner Polemik gegen Hartz-IV-Empfänger anrichtet. Natürlich weiß er, dass er hier schlicht hetzt. Aber wenn er sich Luft verschaffen muss, tut er es. Koste es, was es wolle. Hier schreie ich, ich kann nicht anders. Langt er daneben, legt er noch nach. Denn er ist uneinsichtig bis zum geht nicht mehr. Alle, die näher mit ihm zusammen gearbeitet haben, können davon endlose Klagelieder singen. Natürlich bleibt Westerwelle immer genug Verstand, um zu wissen, welche tumben Spießer-Klischees er bedient, bei Kernwählern seiner Partei und den Zeitparkern, die von der CDU enttäuscht sind. Doch zu glauben, der FDP-Vorsitzende provoziere und polemisiere strategisch kalkuliert, verkennt die Person Westerwelle.

Fritz Goergen, 69

Fritz Goergen, 69 ... kennt das Innenleben der FDP seit über 40 Jahren. Er arbeitete für Walter Scheel, Hans Friedrichs, Karl Moersch, war Hans-Dietrich Genschers Bundesgeschäftsführer und führte mehr als 13 Jahre lang die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Goergen gilt als Erfinder der "Strategie 18", er beriet Jürgen Möllemann im Wahlkampf. 2002 trat er aus der FDP aus und arbeitet heute als freier Berater, Publizist und Kritiker. Sein Buch "Skandal FDP" (Bruno Media, 2004) ist eine Abrechnung mit der Partei - und ihrem Vorsitzenden Guido Westerwelle.

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KOMMENTARE (10 von 122)
 
Administrator (17.02.2010, 14:50 Uhr)
Liebe User,

vielen Dank für Ihre Kommentare. Wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
nightmare_online (17.02.2010, 14:50 Uhr)
@Epedemic
Wenn jemand überall nur Linke, Kommunisten und Sozialisten sieht (inklusive der CDU; ROTFL), WO steht so jemand dann? Und das gilt ja nicht nur für manchen User der hier Kommentare abgibt. Das gilt auch für den Westerwilli himself.
Man muss sich schlicht schnellstens von der Vorstellung verabschieden, sie FDP stünde inder Mitte. Dort steht sie nämlich ganz und gar nicht.
iosono (17.02.2010, 14:49 Uhr)
ganze FDP
lebt von Steuergeldern.Wie sieht es denn mit der sozialen Absicherung eines FDP Abgeordneten aus?
Ich nehme an genauso wie eines Linken-Abgeordneten.
Mein Bekannter hat seit Jahren ein Doktortitel-ok,in Forstwirtschaft.Fährt ne Harley und macht gerade in Kanada irgendetwas-natürlichauf Steuerkosten.
Jedenfalls hat er noch nie gearbeiteter,er weiss eben wie man Fördertöpfe anzapft.
Er gründete eine private Arbeitsvermittlung-hat nie jemanden vermittelt,aber die Förderung hat er kassiert.usw
Wenn man weiss wie es geht,dann kann man auch ohne Hartz4 ganz gut vom Steuergeld leben.
warum geht ein Intensivstraftäter nicht gleich in den Knast?Weil 30-40 mal ein Jurist einen guten Job hat der von unseren Steuern bezahlt wird.
Juristen?auch ne FDP Klientel
Laramie (17.02.2010, 14:46 Uhr)
Marktwirtschaft
Wenn die sogenannten Hartz 4 Aufstocker marktwirtschaftlich denken wuerden duerfte keiner von ihnen fuer Hungerloehne arbeiten. Die Aufwand - Ertragsrechnung lohnt sich nicht .....
Laramie (17.02.2010, 14:44 Uhr)
Sozialismus
laut Westerwelles Auesserungen will er in der augenblicklich neoliberalen Marktwirtschaft den Sozialismus erkannt haben. Wenn das Sozialismus ist dann waren Kohl und Gentscher die groessten Kommunisten die es in der BRD je gegeben hat. Damals war naemlich die Steuerlast der FDP Klientel erheblich hoeher (53%) und die unteren Einkommen haben noch ein Auskommen ermoeglicht......
ganzbaf (17.02.2010, 14:37 Uhr)
Theoretisch nur die Linkspartei...;-)

Aber noch effektiver wäre eine Volksdemokratie nach schweizer Art.

Lasst uns eine VA darüber fordern....!!!!!!!!!!!!!!!!!! ;-))
Lazarus09 (17.02.2010, 14:32 Uhr)
Die Frage muss lauten..
nach all den Skandalen Entgleisungen von dem Blasierten Unvermoegen erst gar nicht zu sprechen : WER AUS DEM ARROGANTEN UND IGNORANTEN POOL DER ABKASSIERER IST UEBERHAUPT NOCH VERTRETBAR ?
Profielierungssucht und Eigennutz ... Volksvertreter ..Keine Spur
kunoo (17.02.2010, 14:24 Uhr)
Liberal = Freiheit?
'Freiheit ist immer (auch) die Freiheit der Andersdenkenden' - diesen Satz von Rosa Luxemburg sollte sich die FDP einmal in ihr Stammbuch schreiben.

Bei den sog. 'Liberalen' wird der Freiheitsgedanke eingedampft und instrumentalisiert, ausschließlich zum Wohle der eigene Klientel.

Die angeblichen 'Leistungsträger' dieser Gesellschaft (so ab 100.000 Euro/Jahr aufwärts - was dafür 'geleistet' wird ist zweitrangig) sollen möglichst freiheitlich leben und agieren können - und die 'Underdogs' dabei möglichst unbehelligt und 'freiheitlich' nach Strich und Faden ausnehmen können. Das ist das Konzept der FDP.

Auf diese Art der 'Freiheit' kann getrost gesch... werden.
nightmare_online (17.02.2010, 14:23 Uhr)
@Celebrator
Sie haben völlig recht, die "anderen" können es auch nicht besser. Und genau deshalb bleibe ich üblicherweise mit meinem Hintern bei Wahlen zuhause.
Die Wahlen hier bei mir in NRW sind - natürlich - eine Ausnahme. Die Bürger dieses Bundeslandes haben es einfach nicht verdient, von Leuten wie dem Pinky und dem Brain regiert zu werden. Und ich werde die Partei wählen, die eine Koalition mit diesen Leuten ausschliesst. Wer auch immer das sein wird.
iosono (17.02.2010, 14:22 Uhr)
PS-Sozialistisch?
im Sozialismus gab es keine Leute die zu Hause sitzen durfen und dafür Geld bekommen haben.Es gab paar A-soziale die 5mark ost pro Tag bekommen haben aber das waren weniger und die meisten Alkoholkrank.
Dieser Sozialismus war nicht produktiv-aber arbeiten musten alle unter den SED-Opas mit 2 Weltkriegstrauma.
Hätte die DDR mehr wie China agiert,und würde es Technologie und Arbeitsplätze in den Hintern geschoben bekommen wie es China heute bekommt,wäre Sie wohl kaum Pleite gegangen-oder?
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