Tja, so kann's gehen: Der Parteichef verkündete den verunsicherten Liberalen ein neues Leitwort. Die Stimmung war gar nicht mal schlecht. Dann kam die Nachricht aus dem Saarland. Von Hans Peter Schütz, Stuttgart

Glückloser FDP-Vorsitzender: Philipp Rösler kommt nicht aus dem Umfragetief heraus© DPA
Wer nicht mitbekommen wollte, wie die neue FDP unter dem Vorsitzenden Rösler firmiert, hätte sich am Dreikönigstag im Stuttgarter Staatstheater dicke Wattepfropfen in die Ohren stopfen müssen. Die liberale Partei operiert künftig propagandistisch unter dem Kennzeichen "Wachstum". Etwa 305 gefühlte Mal tauchte das Wort in der Grundsatzrede Röslers auf. Mindestens. Die FDP-Uraltforderung "Steuersenkung" war hingegen nicht ein einziges Mal zu hören.
Ob es daran lag, dass die Besucher der FDP-Galaveranstaltung das Staatstheater am Ende mit eher freudlosen Gesichtern verließen? Hermann Otto Solms, von stern.de um einen Kommentar gebeten, winkte nur mürrisch ab und murmelte etwas Unverständliches. Auch der Ex-Parteichef Wolfgang Gerhardt wich einer Kommentierung konsequent aus.
Dabei hatte Rösler doch nur Sätze formuliert, die jedes liberale Herz im Prinzip zu einer höheren Schlagzahl hätten treiben müssen. "Es ist das Wachstum, das die Marktwirtschaft möglich macht." Oder: "Wenn alle anderen Parteien sich vom Wachstum distanzieren, dann braucht Deutschland eine Partei, die sich klar dazu bekennt. Und diese Partei ist die FDP." Und auf dieses "Wachstum" nagelte Rösler seine Partei mit dicken programmatischen Nägeln fest: "Wachstum hat einen Auftrag: Ein Leben in Würde und Wohlstand für möglichst alle Menschen." Er grenzte den neuen FDP-Schlüsselbegriff sogar vorsorglich wieder ein. "Wachstum ist für Liberale wertgebunden. Nicht jedes Wachstum, das wir an den Finanzmärkten erlebt haben, trägt diesem Wachstumsbegriff Rechnung."
Einigen Zuhörern schien es geradezu symbolisch zu sein, dass bei der schärfsten Attacke Röslers auf den Koalitionspartner CDU, in der er Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble "unverantwortliche" Politik vorwarf, die Internetmeldung vom Zusammenbruch der CDU-FDP-Grüne-Koalition im Saarland durchs Staatstheater geflüstert wurde.
Dennoch war es für Rösler ein rundum gelungener Auftritt. Seine Zuhörer sprangen am Ende seiner Rede begeistert auf. Er reckte stolz sein Kinn hinauf in die bis unters Dach gefüllten Ränge des Theaters und strahlte, als sei er soeben zum ersten Mal zum FDP-Chef gekürt worden. Dann befahl er den neuen FDP-Generalsekretär an seine Seite, um die neue FDP-Tugend "Geschlossenheit" für die Fotografen und das Publikum vorzuführen. Zu besichtigen war ein überaus kampfeslustiger Rösler. "Wen Gegenwind noch nie gebremst, sondern beflügelt hat, der wird sich in unserer liberalen Partei wohl fühlen", sagte er zum Redeschluss und fügte hinzu: "Genau deshalb sind wir in dieser großartigen Freien Demokratischen Partei." Mit begeistertem Applaus befreiten sich seine Zuhörer von ihren politischen Zunftsängsten, seit sie einer Zwei-Prozent-Partei angehören.