Während die CDU in Bremen auf einer Klausurtagung heftig die eigenen Probleme debattiert, steht Franz Müntefering der Sinn mehr nach Taten. Er würde die Koalition am liebsten zu Klappe halten und arbeiten verdonnern. Sein eigener Vorsatz: Mindestlöhne erkämpfen. Von Andreas Hoidn-Borchers

"Kanzlerin gut, Koalition gut. Glück auf": Vizekanzler Franz Müntefering© Benno Kraehahn
Er läuft fast schon wieder richtig rund. Die Krücken stehen hinten in der Ecke des Ministerbüros. Die Bänder im rechten Fuß halten wieder; sie waren gerissen, als er im Sommer beim Joggen ausholte, gegen einen Apfel kickte und dabei dummerweise auch einen Bordstein traf. Ab und zu muss Franz Müntefering noch zur Bewegungstherapie, aber die Schmerzen klingen allmählich ab. "Eines Morgens werden Sie aufwachen und nicht mal merken, dass es gar nicht mehr wehtut", hat sein Krankengymnast prophezeit. Ein schöner Satz; man könnte ihn problemlos auf die Große Koalition münzen.
Auch seiner Frau Ankepetra, die lange krank war, geht es besser. Er hat sich intensiv um sie gekümmert und saß ein bisschen seltener in Hinterzimmerveranstaltungen. Unwichtiges Zeug, trotzdem haben Genossen, die es besser wussten, gegrummelt: Der Franz vernachlässigt die Partei, der macht nur noch auf Vizekanzler, die SPD ist ihm schnurz. Und Journalisten, die es ebenfalls besser wussten, haben das Gegrummel transportiert. Er hat sich nicht dagegen gewehrt. Das knappe Leben jenseits der Politik, die Familie, ist ihm ein fast heiliges Gut. Das schützt er, schärfer als viele andere. Er redet selten darüber, und am liebsten wäre ihm, dass gar nicht darüber geschrieben würde.
Das alles hat ihn Kraft gekostet, mehr als jeder Streit um Gesundheitssoli und HartzIV. Wer genauer hinguckte, konnte beobachten, wie er seine Finger manchmal unter dem Tisch durchwalkte, während oben routiniert Münte-Sprech aus dem Mund strömte. Zuweilen sah er ziemlich fahl aus und wirkte so alt, wie er ist: in ein paar Tagen 67. Aber das waren Ausnahmen. Franz Müntefering hat sich im Griff. Er ist Profi. Einer vom alten Schlag.
Politisch ist er nahezu schmerzunempfindlich. Wer sieben Jahre Rot-Grün durchgestanden hat, kommt sich vermutlich eh vor wie ein Überlebender zweier Flugzeugabstürze: unkaputtbar. Ihm sei "eigentlich egal", in welche Schublade er aktuell gepresst wird. Der "Spiegel" prügelte ihn als "Gewesenen", dessen Gestaltungswille "zusammengefallen ist wie ein erkaltetes Soufflé", und pries ihn dann als "letzten Reformer". Dazwischen lagen 14 Tage.
Irgendwo dazwischen, zwischen Tradition und Moderne, liegt auch die Wahrheit. Franz Müntefering, der Minister für Arbeit und Soziales, sieht sich als Testamentsvollstrecker der Agenda-Politik Schröders und als deren Fortentwickler; hinter der Rente mit 67 stehe "ein gesellschaftliches Konzept", bei dem es ihm darum geht, die Lasten zwischen Alt und Jung gerechter zu verteilen - zugunsten der Jüngeren und der Familien. Zugleich ist er der Lordsiegelbewahrer der letzten anscheinend ewig gültigen sozialdemokratischen Güter wie des Kündigungsschutzes; und Franz dem Kapitalismuskritiker hat Günter Grass zum Dank sogar ein Heuschreckenbild gewidmet.
Nicht zuletzt ist Müntefering die gute Seele der Regierung, der Sozi des Vertrauens für die Union, der ideelle Großkoalitionär. Ein "lauterer Vizekanzler" sei er, sagt einer aus Merkels Tross; die Kanzlerin vertraue ihm auch deshalb so vorbehaltlos, weil er keine Ambitionen mehr hege. Das allerdings haben schon ganz andere angenommen.
Ende November hatte Angela Merkel abends zur Feier des Einjährigen der Regierung ins Kanzleramt geladen. Es gab Bier und Buletten, Käse und Kartoffelsalat und zwei kurze Selbstlobreden. Die eine hielt die Hausherrin, die zweite ihr roter Stellvertreter. Sie gipfelte in den Schlussphrasen: "Kanzlerin gut, Koalition gut. Glück auf." Die Runde aus Ministern und Fraktionschefs hat gelacht. In der zweiten SPD-Reihe finden sie solche Sätze eher zum Heulen. Für Müntefering gehe Regieren inzwischen über alles, klagt ein Landesfürst; da sei er richtiggehend "manisch".
Ist das so falsch, Herr Vizekanzler? "Ich habe jetzt eine andere Funktion", erwidert der Kritisierte kühl. "Es mag dem einen oder anderen schwerfallen, das zu akzeptieren."
Vielleicht hat sich auch gar nicht Franz Müntefering so sehr gewandelt, vielleicht war ja das Bild geschönt, das andere sich von ihm gemacht hatten. Er war ja immer eher ein Mann der Exekutive, der lieber recht bekommt als recht hat und Opposition deshalb schiete findet. Er hat, schon als Generalsekretär, dann als Vorsitzender die Partei hinter Schröder hergeschleift und die Kollateralschäden in Kauf genommen; der erbarmungswürdige Zustand der SPD in den Ländern ist auch Ergebnis seines Mitwirkens.
Und trotzdem sitzt Franz Müntefering dieser Tage in seinem Büro und wirkt sehr mit sich im Reinen - soweit Außenstehende das beurteilen können. Der Mann hat eine blickdichte Psyche. Auf dem Boden steht, in Luftpolsterfolie verpackt, eine Warhol-Grafik, sie zeigt Willy Brandt - den einzigen längerfristigen SPD-Vizekanzler vor Müntefering. Den Platz an der Wand dafür hat er schon ausgeguckt, schräg rechts vorm Schreibtisch, gut zu sehen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 02/2007