Er wollte zuhören, sich informieren. Das Thema: Demografie. Und dann musste er reden und kommentieren. Zum Thema Sarrazin und die Demografie. Eine Sommerreise mit dem SPD-Parteivorsitzenden. Von Lutz Kinkel

Sigmar Gabriel, der Bundesvorsitzende der SPD bei seiner Sommerreise durch Sachsen-Anhalt
Mehr will er nicht sagen zu Sarrazin. Sigmar Gabriel wirft den TV-Journalisten einen strengen Blick zu. Schulterzucken. Ende des Interviews. Um den SPD-Chef herum sirren Stechmücken durch die Luft, er steht im Vorgarten der Kita "Bummi" in Aken, Sachsen-Anhalt. Schon am Montag hatten die Insekten Gabriel und seinen Tross zerstochen. Klatsch! Eine tot. Klatsch, klatsch! Wieder eine erwischt. Es nimmt kein Ende. Wie mit den Fragen zu Thilo Sarrazin.
Geplant war: Eine Sommerreise zum Thema Demografie durch Sachsen-Anhalt. Es wurde: Eine Sommerreise zu den Themen Sarrazin und Demografie durch Sachsen-Anhalt. Am Montag war die Lage eskaliert, nachdem Sarrazin in der "Welt am Sonntag" über die genetische Vererbbarkeit von Intelligenz und Kultur fabuliert hatte. Gabriel kündigte an, Sarrazin aus der Partei zu werfen. "Er hat ja jede Chance, sich zu entschuldigen und zu sagen, dass er sich verrannt hat", sagt Gabriel vor der Kita "Bummi". Darauf hoffen tut er nicht. Tausende Mails sind im Willy-Brandt-Haus aufgelaufen, der Berliner SPD-Parteizentrale. Sie signalisieren, das räumt Gabriel an anderer Stelle ein, zu 90 Prozent Zustimmung - für Sarrazin. Die Debatte hat gerade erst begonnen.
Es ist nicht so, als würde Gabriel die Contenance verlieren. Er hat eine persönliche Katastrophe erlebt, seine Abwahl als Ministerpräsident Niedersachsens 2002. Er hat die Katastrophe seiner Partei erlebt, die Bundestagswahl 2009. Nur deshalb wurde er Vorsitzender. Gabriel ist ein Produkt der Krise, ein Trümmermann, ein Katastrophenmanager, und er ist mittlerweile ziemlich abgekocht. 30 Minuten nach dem TV-Interview sitzt er in großer Runde im Vereinshaus der Köthener Karnevalsgesellschaft. Kaffee, Kuchen, holzgetäfelte Decke, Uralt-Lampen vom Baumarkt, es nicht zum Lachen, sondern ausnehmend trist. Doch keiner soll glauben, der große Vorsitzende fühle sich hier unwohl, er käme nur aus Pflichtgefühl vorbei. Bei der Vorstellungsrunde erzählt Gabriel von seiner Magdeburger Freundin: "Wenn ich mal schnell Streit haben will, so ohne Übergang von Frieden zu Atomkrieg, dann fahr ich mit ihr durch Magdeburg und sage: Guck mal, das haben wir auch alles bezahlt. Dann kann ich hören, wie sie neben mir durchlädt." Und schon hat er die Ossis auf seiner Seite.
Thema ist: die Überalterung der Freiwilligen Feuerwehr in Köthen. Thema in der Kita war: Vorschulische Bildung. Am Vormittag, im Berufsschulzentrum "Hugo Junkers" in Dessau-Roßlau ging es um Schülermangel, am Mittwoch fachsimpelte Gabriel in Halle über die Renaissance der Raumordnung und die Verteilung von Lasten zwischen Bund, Land und Kommune. Bei den Debatten intoniert Gabriel immer mal wieder sein neues, bundespolitisches Megathema: eine Steuerreform sozialdemokratischen Zuschnitts. Um 5 Milliarden Euro will er die Kommunen entlasten. Dazu 20 Milliarden Euro in die Bildung stecken, hälftig finanziert von Bund und Ländern, und zwar nicht in die Spitzenforschung, sondern in Kitas und Schulen. Woher das Geld kommen soll? Gabriel kann sehr spitzzüngig über geländefähige Dienstwagen schimpfen, die Deutschlands Städte verstopfen. Dass deren Besitzer den Sprit von der Steuer absetzen können - für ihn ein Unding. Dass das unterhaltsam ist, aber kein Konzept, weiß Gabriel auch. Es ist noch ein langer Weg.
Wohin? Im stern hatte Gabriel gesagt, er wolle den Kanzlerkandidaten der SPD in einer Art Vorwahl zu küren. Der "Spiegel" kommentierte, damit deute der SPD-Chef seinen Verzicht an, er sei zu sensibel und körperlich nicht fit genug für das Amt. Der Kandidat, auf den alles zulaufe, heiße Peer Steinbrück. Auch diese Frage - so kurios es ist, im Jahr 0 der SPD-Katastrophe über die Kanzlerschaft zu diskutieren - verfolgt Gabriel. Wer ihn und seine Entourage damit konfrontiert, erhält allenfalls spöttische Antworten - "Sensibelchen?" Gabriel steht voll im Saft, er ist braun gebrannt, mehr als wohlgenährt, die Schulterpolster seiner Anzüge stehen etwas zu weit über. Es bereitet ihm Mühe, zuzuhören. Er ist eher Typ Oberlehrer, der frontal doziert und Fragen so stellt, als wolle er Faktenwissen abprüfen. Würde er seine Ausführungen nicht laufend mit Humor und Selbstkritik garnieren - "Ja, die SPD hat Fehler gemacht" - die Luft wäre schnell dick.
Im Gespräch mit den Schülern des Berufschulzentrums "Hugo Junkers" dreht Gabriel richtig auf, er setzt sich auf einen Schreibtisch, lässt die Beine baumeln, zeigt den Stinkefinger, um die Protesthaltung von Jugendlichen zu illustrieren, sagt "Scheiß" und "Schwachsinn" und knöpft sich einen jungen Anhänger der Linkspartei persönlich vor: "Ich will wissen, mit welcher Partei ich es zu tun habe", röhrt Gabriel. "Die Partei von Gregor Gysi und Dietmar Bartsch? Go for it. Die Partei von Sahra Wagenknecht? Never." Angela Merkel würde sich mit diesem Jargon lächerlich machen. Bei Gabriel, auch schon etwas grauhaarig um die Ohren, geht noch was. Er war Berufsschullehrer, Jugendgruppenleiter. "Wenn Sie noch Fragen haben …", sagt Gabriel zu den Schülern und holt die Tafel raus. Darauf schreibt er in großen Buchstaben seine persönliche Mailadresse. Sein Sprecher hält den Atem an. Schüler schreiben Gabriel, direkt ans Blackberry?