Bekannt wurde sie, weil sie an Jogi Löws Lippen hing. Jetzt hat die Bloggerin Julia Probst Chancen, als Piratin in den Bundestag einzuziehen. Sie wäre die erste gehörlose Abgeordnete dort. Von Florian Güßgen

Den Bundestag vor Augen: die Piratin Julia Probst© Tobias M. Eckrich
In der Pressestelle des Bundestags sind sie sehr gewissenhaft. Nein, heißt es auf meine Anfrage, es habe noch keinen gehörlosen Abgeordneten gegeben im höchsten deutschen Parlament. Aber ich solle mich ein wenig gedulden. Man wolle das noch einmal überprüfen. Vielleicht habe es ja in den 50ern ... Aber auch die Archivrecherche bleibt ergebnislos. Es gab keinen tauben und auch keinen blinden Abgeordneten. Somit gilt: Würde die Piratin Julia Probst 2013 den Sprung in den Bundestag schaffen, wäre sie die erste gehörlose Abgeordnete. Und sie hat eine echte Chance. Am vergangenen Wochenende wählten Probsts baden-württembergische Parteifreunde sie auf Platz 3 ihrer Landesliste für die Bundestagswahl. Überwinden die Politik-Nerds bundesweit die Fünf-Prozent-Hürde, erringt die 30-Jährige wahrscheinlich ein Mandat.
Im Netz und auch ein bisschen darüber hinaus ist Probst längst so etwas wie eine Prominente. Unter dem Titel "Mein Augenschmaus" schreibt sie seit 2009 in einem Blog über ihr "taubes Leben", über Interessen und Probleme von Gehörlosen. Eine "Baufehler" nennt die Tochter einer Deutschen und eines Algeriers ihre Behinderung, einen "Baufehler, der zu meiner Stärke werden sollte." 2010 machte Probst als Lippenleserin auf sich aufmerksam, als sie der Welt verriet, was die Fußballer Löw, Schweinsteiger & Co. bei der WM in Südafrika auf dem Platz murmelten, fluchten und schimpften. Auch bei der EM 2012 twitterte sie fußballerische Wortfetzen. 2011 trat Probst bei der Internetkonferenz "Re Publica" auf. Seither ist sie ständiger Gast im Konferenz- und Kommunikationszyklus von Netzaktivisten und digital Natives. Auf Twitter hat sie mittlerweile über 22.000 Follower. Über diesen Kanal mischt sie kräftig mit, auch ohne Gehör.
Mit Beharrlichkeit und viel Mut hat Probst es so geschafft, ein "Hub" zu werden, eine Multiplikatorin im Netz. Wenn sie sich über fehlende Untertitel oder fehlende Gebärdensprachdolmetscher beschwert, wird sie beachtet, gehört, mitunter sogar von Angela Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert. Als sie etwa Anfang des Jahres bei der illustren Internet-Konferenz DLD des Burda-Verlags in München fehlende Untertitel monierte, dauerte es nicht lange, und sie wurde in die erste Stuhlreihe vor dem Podium gebeten, um die Mundbewegungen der Panelisten besser sehen zu können. Im Nu saß sie neben dem Verlagspatriarchen Hubert Burda höchstpersönlich - und tauschte mit ihm Zettelchen aus. Twitter-Chef Jack Dorsey, ein Konferenzgast, lud sie sogar zum Dinner ins schicke Restaurant "Seehaus" im Englischen Garten, weil sie in einer weltweiten Twitter-Rangliste weit oben platziert war.
Das Interesse der Medien an ihr nutzt Probst geschickt, um für die Interessen von Behinderten und vor allem Gehörlosen zu werben. Auch wir haben ein Video-Interview mit ihr geführt, über ihre Hauptthemen, Barrierefreiheit und Inklusion, also die Integration von Behinderten in die Gesellschaft. Beruflich arbeitet Probst inzwischen häufiger als Lippenlesern, etwa für den Bezahlsender "Sky". Seit August dieses Jahres ist sie zudem hauptamtlich Social-Medial-Beraterin einer Münchner Firma, die mobile Dolmetscherdienste für gehörlose und schwerhörige Menschen anbietet.
Am vergangenen Wochenende hat Probst nun eine neue Phase ihrer Karriere eingeläutet. Das Ziel heißt Berlin. "Vor vier Jahren hieß es in den USA noch, ein Schwarzer könne nicht Präsident werden", sagte Probst in ihrer Bewerbungsrede auf dem Nominierungsparteitag der baden-württembergischen Piraten in Wernau bei Stuttgart. Dennoch sei Barack Obama gewählt worden. "Hier ist es genau so. Auch ein Gehörloser kann in den Bundestag gehen." Die Rede hielt sie in Gebärdensprache, die von einer Dolmetscherin übersetzt wurde. Das Video dazu können Sie hier sehen.