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28. April 2008, 20:15 Uhr

Bahn trifft Mitschuld

Obwohl kurz zuvor bereits ein Zug auf dem Gegengleis ein Schaf überfahren hatte, ließ die Bahn den Streckenabschnitt nicht sperren. Mehdorn spricht von "verrücktem Vorfall" und das Verkehrsministerium hält Rufe nach Zäunen an ICE-Trassen für wenig sinnvoll.

Bergungsteams der Deutschen Bahn beginnen am Montag (28.04.2008) im Landrückentunnel bei Kalbach in Hessen mit der Bergung des Triebkopfes des verunglückten ICE© Boris Roessler, DPA

Der Zusammenstoß eines ICE mit einer Schafherde in einem Eisenbahntunnel bei Fulda war möglicherweise vermeidbar. Bundespolizei und Deutsche Bahn AG bestätigten am Montag Medienberichte, wonach einige Minuten vor dem Unfall ein anderer ICE in Gegenrichtung bereits ein Schaf überfahren und der Zugführer am Ende des Tunnels gestoppt hatte. Diese Information sei auch in die Betriebszentrale in Frankfurt gelangt, erklärte am Abend ein Bahnsprecher.

Wieso wurde Gegengleis nicht gesperrt?

Warum in der Folge das Gegengleis für den Unglückszug offenbar nicht wie vorgeschrieben gesperrt wurde, ist Gegenstand von Ermittlungen in der Netzleitzentrale der Bahn. "Wir befragen intensiv die Lokführer, die Fahrdienstleiter und werten die Dokumentation aus", erklärte Bundespolizeisprecher Reza Ahmari. Details könne er aber noch nicht nennen.

Augenzeuge Michael Apel, 45, aus Lauterbach, der in dem Zug nach Norden saß, berichtete der "Fuldaer Zeitung", dass der Lokführer den ICE nach Hamburg gegen 21.00 Uhr am Ende des Tunnels mit einer Notbremsung anhielt. Nach drei bis fünf Minuten sei der Zug langsam weiter gefahren. Eine Durchsage habe darauf hingewiesen, dass der Zug wegen einer Tierkollision keine Höchstgeschwindigkeit mehr fahren könne.

Ministerium: Einzäunung "nicht sinnvoll"

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Halter der Schafe. Er stehe im Verdacht des fahrlässigen Eingriffs in den Bahnverkehr, sagte ein Sprecher der Behörde in Fulda. Bei dem Unglück waren 19 Menschen verletzt worden. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf die Frage, wie die Schafherde auf die Gleise kommen konnte. Bahnchef Hartmut Mehdorn kündigte unterdessen an, die "an sich sicheren" Tunneleingangssicherungen noch einmal zu überprüfen. Nach Einschätzung des Bundesverkehrsministeriums wäre eine allgemeine Einzäunung der Zuggleise zur Verhinderung von Bahnunfällen "nicht sinnvoll".

Schafzüchter nehmen Schäfer in Schutz

Der Landwirt hat sich nach Ansicht des Schafzüchterverbands Hessen nichts vorzuwerfen. "Irgendjemand muss die Tiere von der Weide hoch zur Bahnlinie getrieben haben", sagte Landeschef Reinhard Heintz. Die Schafweide, aus der die Tiere ausgebrochen sind, liegt etwa 500 Meter unterhalb der Bahnlinie und wird von Elektrozäunen und einen Bach eingegrenzt. Heintz appellierte an die Bahn, mit Zäunen für mehr Sicherheit an dem fast elf Kilometer langen Landrückentunnel zu sorgen. Der Schäfer, von dessen Herde bei dem Unfall mindestens 20 Tiere getötet wurden, habe dies schon vor zehn Jahren beantragt. Dies sei aber aus Kostengründen abgelehnt worden.

Bahn-Chef Mehdorn sagte in Berlin: "Es darf nie wieder passieren, und dafür werden wir sorgen." Das Unfall-Management am Ort habe funktioniert, auch wenn ein "verrückter" Vorfall wie eine Schafherde im Tunnel eigentlich kaum zu erwarten gewesen sei.

Zäune wären bei Evakuierungen im Weg

"Es hat immer wieder Überlegungen gegeben, Hochgeschwindigkeitsstrecken einzuzäunen", sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums. Davon habe man aber abgesehen - "nicht nur weil dann mehr als 10 000 Kilometer Strecke für IC- und ICE-Züge abgeriegelt werden müssten", sagte der Sprecher. Vielmehr könnten sich solche Zäune im Falle eines Unglücks als sehr hinderlich erweisen, wenn zum Beispiel nach einem Zugunfall auf der freien Strecke die Rettungskräfte vor einer etwaigen Evakuierung von Fahrgästen zunächst erst die Zäune beseitigen müssten.

Der Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel forderte eine bessere Sicherung von Eisenbahntunneln. Der Ingenieur und Professor aus Kassel betonte in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa: "Genauso wie Weichen oder Brückenpfeiler sind Tunnel neuralgische Punkte. Und entsprechend muss man sie auch sichern, besser als bisher."

Bei den Ermittlungen, an denen auch das Eisenbahnbundesamt beteiligt ist, werde auch routinemäßig untersucht, ob die Weiche im Tunnel oder ein Signal Einfluss auf den Unfallhergang hatten, berichtete die Bundespolizei.

Retter war möglicherweise betrunken

Am Unfallort waren unterdessen Arbeiter der Bahn damit beschäftigt, mit Kranwagen die demolierten Waggons zu bergen. Am Abend sollte damit begonnen werden, den hinteren Triebkopf aus der Röhre zu ziehen. Der Sachschaden betrage "viele Millionen Euro". Die Strecke bleibt auch in den nächsten Tagen für die Bergungs- und Reparaturarbeiten gesperrt. Vier der 19 Verletzten befanden sich am Montag noch zur Behandlung in Krankenhäusern, wie das Landratsamt mitteilte.

Einer der beiden Lokführer des Würzburger Tunnel-Rettungszuges soll während des Einsatzes bei dem ICE-Unglück nahe Fulda betrunken gewesen sein. Die Bundespolizei ermittelt gegen den Mann wegen einer Trunkenheitsfahrt.

DPA
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
klaushoffmann (30.04.2008, 18:57 Uhr)
Es schmerzt langsam
- den technischen Unfug zu lesen und zu hören der über den Unfall verbreitet wird. 20 Tiere tot, davon hat bestenfalls ein drittel im Gleis gestanden, die anderen wurden vom umherfliegenden Schrott erschlagen. Eine "Schafherde" ?? bestenfalls eine kleine Gruppe.
Deutlich auf den Fotos zu erkennen, der Triebkopf ist nicht durch die Schafe, sondern durch den Schrott unter der viel zu schlapp konstruierten Pappnase entgleist. Einen, übrigens gesetzlich vorgeschriebenen, Bahnräumer sieht man auch nicht mehr, das technische Feigenblatt ist wohl bei dem Unfall "unter die Räder" gekommen.
Wann kommt das zweite Eschede ?
Bin übrigens Maschinenbauingenieur und schäme mich für meine Berufskollegen.
Loki-Asgard (29.04.2008, 13:19 Uhr)
.
Warum hat eigentlich der jetzt überbezahlte Lokführer nicht reagiert? Es gab doch eine Warnung. Wo hat er denn seine Verantwortung gelassen.
ganzbaf (29.04.2008, 08:26 Uhr)
Guckt einfach...
nach Frankreich.
Die TGV-Strecken sind dort größtenteils (oder sogar komplett) eingezäunt.
Aber am Sinnvollsten und Preiswertesten wäre sicherlich ein 120er Tempolimit aud Autobahnen und Bahnstrecken... ;-)
starmax (29.04.2008, 04:03 Uhr)
Zaunkönig
...wird keiner von Ihnen beiden, das ist klar ;-).
Klar ist auch, daß man Weidetiere mit einfachen Mitteln von der Strecke an "neuralgischen Punkten" fernhalten kann. Und in Zäune lassen sich - vierkantschlüsselgesicherte - Gatter oder Türen einbauen. Trotzdem bin ich verwundert, daß angesichts der hohen Geschwindigkeit Tunnels nicht mit Bewegungsmeldern o.ä. gesichert sind. Gegen Verrückte und Besoffene wirs sich wohl damit aber wie bei den Autobahnbrücken nichts ausrichten lassen.
Insgesamt aber ein weiteres Indiz, daß meine Forderung für Transitdeutschland nach unterirdischem Last- und Fernverkehr in Vakuumröhren (Prinzip Rohrpost) per Induktions/Magnetantrieb energie- und umweltfreundlich durchgeführt werden muß. Motto: oberhalb langsam und mit guter Aussicht, unteirdisch - auch für Eilige - pfeilschnell ohne Luftwiderstand. Vorteil: sinnvolle Investition und Infrastrukturmaßnahme auf Jahre, Tausende von Arbeitsplätzen im Bau (Schildvortrieb),Technologieschub, LKW-befreite Autobahnen und überwiegend schwerlastbefreite Gleisstrecken. Also auch erheblich weniger Gefährdung
STR_EDDS (29.04.2008, 01:01 Uhr)
@ganzbaf
Lieber Ganzbaf. Machen Sie sich doch zuerst einmal schlau, bzgl. der aktuellen Vorschriftslage. Und unterlassen Sie Beledidigungen und Difamierungen eine ganzen Gruppe. THWler sind keine "kleinen Feuerwahrleute". Ekelhaft, sowas. Lernen Sie doch einfach mal Argumentieren. Dann klappt es auch mit dem Nachbarn. Schönen Tag noch.
STR_EDDS (28.04.2008, 23:52 Uhr)
Zäune
Komplett einzäunen? So ein Schwachsinn. Drahtzäune sind schon aus Gründen der Haltbarkeit, Optik oder Überwindbarkeit nicht einzusetzen. Verzinkte Va-Zweidrahtzäune (also die klassischen Gitter mit vertikalen 3mm Drähten) sind schwer, teuer und von den Rettungskräften ohne Hydraulik nicht zu überwinden (10 Jahre THW, lieber ganzbaf. Nicht nur Theorie).
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Was funktionieren könnte wären Sensoren auf IR-Basis. Da krankts aber an der Datendichte und Verlässlichkeit.
.
Also nicht immer auf die böse Bahn schimpfen. Auch dort sitzen Leute die denken können.
ganzbaf (28.04.2008, 22:21 Uhr)
Bahn-Deppen.

Eine Einzäunung wäre natürlich überhaupt kein Problem für etwaige Bergungs- oder Rettungsmannschaften. Mit einer einfachen Kneifzange oder Drahtschere hat man so einen Zaun in 1 Minute locker durchtrennt.
.
Es geht natürlich wieder mal darum Geld zu sparen zum Schaden der Nutzer.
Soweitsoklar (28.04.2008, 20:50 Uhr)
...
schau Dir mal die Schafe in der Kneipp Werbung oberhalb an...
master_of_chaos (28.04.2008, 20:44 Uhr)
"verrückt"
verrückt ist nicht der "vorfall" sondern meiner Meinung nach derjenige, der solch ein Unglück, bei dem Tiere zu Tode kamen und Menschen verletzt wurden, alss "verrückten Vorfall" bezeichnet.
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