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22. Juli 2008, 18:55 Uhr
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Leipziger Völlerei

Nach der Wende bildete sich in der Messestadt ein Klüngel aus westdeutschen Politikern, Beamten und Geschäftsleuten - und räumte die besten Immobilien ab. Akten des Verfassungsschutzes erzählen nun von Korruption und Mordversuch. Von Holger Witzel

In diesem Altbau im Stadtteil Lindenau, im Westen Leipzigs, verkehrten bestimmte Herren Anfang der Neunziger im Bordell "Jasmin" - auch mit Minderjärhigen© Martin Jehnichen

Natürlich steckt auch Milbradt mittendrin. Seit Monaten hängt er hinter diesem Tresen, nach Aktenlage genau im Zentrum des sächsischen Sumpfes, und grinst, als wüsste er sowieso Bescheid. Neben dem Ministerpräsidenten klebt ein ahnungsloses Fernsehgesicht vom MDR, darunter andere Autogrammkarten und über allem ein Zeitungsausschnitt, der "Das Wohnzimmer der Promis" erklärt. Babis, der Wirt, hat damit die Wand hinter seiner Bar verziert. Er schmückt sein Lokal gern mit halbwegs bekannten Gästen - und sie sich mit ihm. In der "Trattoria No. 1" spielt die Leipziger Möchtegern-Society "Paris Bar". Die Stammgäste stammen zwar selten von hier, aber dafür wird jeder vom Wirt mit Handschlag und Vornamen begrüßt. Das freut kleine Baulöwen und großspurige Anwälte, Journalisten und Serienschauspieler. Denn dann gehört man dazu - nur wozu, das ist seit einigen Tagen nicht mehr ganz klar.

Der Laden ist trotzdem voll. Gerüchte schwirren. Doch den üblichen Tratsch über Mandate und Mätressen, selbst Michas Heimweh nach Bochum, will im Moment niemand hören. Alles ist auf einmal langweilig - außer diesen Fragen: Wer steht noch in den verdammten Akten? Was kommt als Nächstes raus? Und wer ist die Quelle mit dem Decknamen "Jaguar"? Laut inzwischen nicht mehr ganz geheimen Akten des Sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz (Lf V) soll es ausgerechnet in diesem schwatzhaften Lokal zu "rechtswidrigen Absprachen" zwischen Unternehmern und "hochrangigen Vertretern der Stadtverwaltung" gekommen sein. Vorwürfe dieser Art sorgen sei Wochen bundesweit für helle Aufregung.

"Schockierende Erkenntnisse"

Von "schockierenden Erkenntnissen" spricht Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo, Journalisten werden bedroht, und auf einmal scheinen alle möglichen Schweinereien im Zusammenhang mit korrupten Beamten und der Privatisierung von Immobilien ans Licht zu kommen, vor allem in Leipzig, vor allem aus den 90er Jahren. Aber weil das immer noch alles sehr vage ist und zumindest in der Trattoria sowieso jeder jeden beim Vornamen nennt, soll es auch in dieser Geschichte dabei bleiben.

"Der Burkhard, zum Beispiel", so verrät ein "guter Freund" über den Lehrer aus Siegen, der heute Oberbürgermeister ist, sei höchstens zehnmal hier gewesen, aber auf jeden Fall öfter als seine Dezernenten- Kollegen Peter und Holger aus dem Rathaus, die auch in den Akten stehen. "Doch keiner von denen", sagt der Wirt, "hat hier jemals länger zusammen- oder gar regelmäßig an einem Stammtisch gesessen." Das weiß er deshalb besser als die Akten, weil er "die Jungs" natürlich alle kennt und manche von denen bei Babis schon ewig keine Pasta mehr bekamen. Basta. Mehr möchte der Wirt dazu nicht sagen.

Als wäre es eine Mafia-Kantine

Schlimm genug, dass zumindest Politiker sein italienisches Restaurant auf einmal meiden, als wäre es eine Mafia-Kantine. Dass Olli und Burkhard plötzlich Anwälte bezahlen müssen, nur weil sie auch schon mal in der Waldstraße essen waren. Dabei werden die angeblichen "Tafelrunden", die sie seit entsprechenden Zeitungsberichten dementieren lassen, auf keiner der über 15 000 Aktenseiten so genannt. Babis wüsste zu gern, ob die Spitzel überhaupt da waren: Hat er ihnen womöglich auch die Hand gedrückt? Bezahlt er so was etwa mit seinen Steuern?

Nicht mal seinen Namen haben sie richtig geschrieben. Und im Grunde kann er froh sein, dass sie keinen Italiener aus ihm gemacht haben, sondern richtig notierten, er sei eigentlich Grieche. Immerhin soll vor allem die Mafia in Leipzig seit Jahren ganze Straßenzüge kaufen und so Milliarden waschen, wie die Agenten an anderer Stelle berichten. Das aber können sie genauso gut im stern gelesen haben - 1993, vor 14 Jahren.

Ermittlungen gegen organisierte Kriminalität verboten

Auch aus solchen Details schnürten die Verfassungsschützer 2006 den Leipziger "Komplex Abseits" und vier weitere Dossiers für andere Regionen zusammen. Ihre Informanten, sonst auf Nazis und Terroristen angesetzt, nahmen zwischen 2003 und 2005 auch mal die organisierte Kriminalität unter die Lupe, bis das ein sächsisches Verfassungsgerichtsurteil wieder verbot. Eher aus Versehen soll das Amt dabei auf mafiöse Strukturen der einheimischen Verwaltung gestoßen sein: auf Staatsanwälte und Richter, auf Korruption, Kungelei und Kinderpornos.

Der sächsische Datenschutzbeauftragte erkannte das Dilemma zuerst und wollte sofort alles schreddern. Neben vielen bekannten Namen muss er auch den eines ehemaligen Bürgerrechtskollegen gelesen haben - angeblich Nuttenbeschaffer und Bindeglied zwischen Leipziger Unterwelt und Rathaus. Nun streitet man in Sachsen: Ob das wirklich alles wahr sein darf? Wer was eher wusste? Was vertuscht wurde und nun womöglich "illegal" rauskam? Wie belastbar sind diese Informationen überhaupt?

Eher Tradition als Geheimnis

Zumindest in Leipzig arbeiteten die drei "von der Fallführung als glaubwürdig" bewerteten Quellen entweder extrem schlampig, verwechselten Namen und Parteien und flüsterten vieles ungefiltert weiter, was an Gerüchten seit Jahren aus der Pleiße wabert. Oder ihre Berichte wurden absichtlich mit allerlei schillernden Sumpfblüten garniert, um die wenigen handfesten Ermittlungsansätze zu kriminellen Strukturen in Amtsstuben und Gerichten später genauso lapidar vom Tisch zu wischen. Der Klassiker Desinformation. In Wirklichkeit ist der Leipziger Filz nie ein Geheimnis gewesen, eher Tradition.

Wegen unzähliger Amigo-Affären hielt der Freistaat Sachsen schon 2004 eine neuartige Waffe für nötig, die der damalige Justizminister Thomas de Maizière so vorstellte: "Mit INES verfügt Sachsen über eine schlagkräftige Ermittlungseinheit gegen Korruption, die in Deutschland ihresgleichen sucht." Vermutlich meinte er damit die 59 Sonderermittler, nicht die beispiellose Korruption. Und INES hat seitdem fast ausschließlich in Leipzig zu tun.

Kölner Klüngel wie Kinderfasching

"Gegen den Leipziger Sumpf ist der Kölner Klüngel wie Kinderfasching", sagt einer, der bisher nur ahnt, dass er auch in den Akten vorkommt, das beinahe wünscht, so sicher fühlt er sich: "Ist ja fast schick und eh alles verjährt." Er gehört zu einem Netzwerk aus Juristen und Geschäftsleuten, die sich über alle Parteigrenzen hinweg hier in wenigen Jahren zu einem Filz verwoben haben, für den westdeutsche Städte normalerweise Generationen brauchen - und die nur eins gemeinsam haben: Fast alle sind neu in der Stadt.

In den frühen 90er Jahren kommen sie als Spekulanten oder Aufbauhelfer, um das verlotterte Volkseigentum und alle wichtigen Posten unter sich aufzuteilen. Die einen bringen Gier mit, die andern Euphorie und Tatendrang, doch oft lässt sich das nicht trennen. Es ist die Zeit der kiloschweren Henkel-Handys, der Kräne und Boomtown-Prophezeiungen. Vor allem tobt der Kampf um die Grundstücke. Um den Aufbau von Justiz und Verwaltung kümmern sich unterdessen die fähigsten Juristen und Beamten, die man im Westen entbehren kann. Manche werden in Baden-Württemberg oder Bayern auch mit Kusshand abgeordnet oder hätten dort auf vergleichbare Posten ewig warten müssen. Es gehört aber auch Abenteuerlust zum Einsatz mit Buschzulage.

Kaum Berührungsängste untereinander

Sie arbeiten viel, teilen sich aus Mangel an freien oder bewohnbaren Wohnungen oft ein Dach überm Kopf und sitzen abends in den wenigen Kneipen, die ihren Ansprüchen schon genügen. Der Landgasthof "Podelwitz" im Norden der Stadt gilt lange als Freizeitasyl, man entdeckt die "Gosenschenke" und schließlich Babis für sich, der damals noch ein echter Grieche ist. Untereinander gibt es - anders als tagsüber zu den Ureinwohnern - kaum Berührungsängste.

Alle rücken in der Fremde zusammen: Polizeipräsident und Bankdirektor, Immobilienleute und Justizbeamte, Anwälte und offen kriminelle Glücksritter. Die Wirte schwitzen oft wegen dieser Mischung und putzen ständig die Koksspuren von den Klos. Bald tauchen die einsamen Männer mit Schlips auch immer öfter in Diskotheken auf, erst im "Schauhaus", später im "Markt 1", eine Altherrendisco voller Friseusen aus dem Umland.

Geschäfte! Und die Weiber erst!

"Wer dort nicht hinging, wusste gar nicht, was los ist", erinnert sich Micha aus Bochum, der zunächst Amtsleiter bei der Stadt ist, bevor auch er in Immobilien macht. Die Veteranen schwärmen noch heute gern davon, welchem Studienfreund sie Jobs verschafft haben, mit wem sie im Puff waren, wie sie dieses und jenes Ding gedreht haben. Ach, wilde Zeiten waren das! Geschäfte! Und die Weiber erst!

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Ausgabe 26/2007

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