. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
15. Oktober 2007, 19:20 Uhr

"Heilfroh, dass ich weg bin"

Ende der Funkstille. Nach zwei Jahren meldet sich Joschka Fischer mit seinen Memoiren zurück. Im stern redet der Ex-Außenminister über die Qual mit seiner Partei, die reformmüden Deutschen, Leberwürste in New York und sein Image als Grobian.

2002 waren sie noch froh, dass sie ihn haben: Fischer mit seinen Kollegen von den Grünen© Stephanie Pilick/DPA

Herr Fischer, fehlen Ihnen die Grünen?

In meinem jetzigen Leben? (lacht) Nein.

Fehlen Sie den Grünen?

Auch nicht. Zumindest in der Spitze scheinen alle heilfroh zu sein, dass ich weg bin. Und das ist gut so.

In Ihrem Buch "Die rot-grünen Jahre" schreiben Sie, Sie seien nie "wirklich warm" mit der Bundespartei geworden, es seien "qualvolle Jahre" gewesen, sie hätten sich nie "persönlich wohl oder gar zu Hause gefühlt". Und: "Emotional sind mir die Bundesgrünen immer fremd geblieben, bis auf den heutigen Tag." Klingt nach chinesischer Wasserfolter.

Was ist das?

Sie kriegen alle zehn Sekunden einen Tropfen auf den Kopf und werden langsam verrückt.

Nein, so war das nicht. Ich verdanke meiner Partei sehr viel. Sie hat Großes geleistet, ich würde mir nur wünschen, dass sie dazu auch steht.

Aber Spaß und Freude hat's nicht gemacht?

Ich wollte keine Sekunde missen, aber es war ein immerwährender Kampf, der am Ende Wunden hinterlassen hat. Man wird müde und erschöpft sich.

Gerhard Schröder wird für die SPD im Wahlkampf auftreten. Was macht der "letzte Live-Rock‘n‘Roller" Fischer?

Keine Konzerte mehr.

Was treiben Sie eigentlich den ganzen lieben langen Tag mit Ihrer Energie?

Ich schreibe viel, Kolumnen, fange nun mit dem zweiten Band meiner Memoiren an.

Wollen Sie Genscher übertreffen? Der hat es auf 1086 Seiten Erinnerungen gebracht. Ihr erster Band hat schon 444.

Der zweite wird mindestens so umfangreich. Es waren bewegte und bewegende Zeiten. Ansonsten reise ich viel, halte Vorträge.

Wer ist Ihr Agent? Ihre Firma "Joschka Fischer Consulting"?

Ich bin mein eigener Agent.

Die Interessenten rufen bei Ihnen an und sagen: Kommen Sie doch mal bei uns vorbei für eine kleine Rede, wir zahlen gut?

Sorry, mit mehr Details kann ich nicht dienen.

In Berlin geistert das Gerücht herum, Sie könnten 2009 ein guter Kandidat bei der Bundespräsidentenwahl sein.

Das ist völlig abwegig. Es gibt wenige Ämter, für die ich ungeeigneter wäre.

Aber gebauchpinselt fühlen Sie sich schon.

Keineswegs. Schauen Sie, wenn ich etwas als Außenminister nicht gemocht habe, dann das Repräsentative, das Zeremonielle. Das bin ich einfach nicht. Absurd.

Sie haben gerade fast ein Jahr in den USA verbracht, als Gastdozent in Princeton. Haben Sie die Distanz gebraucht?

Ja, selbstverständlich. Ich wollte mich rausziehen aus der deutschen Öffentlichkeit.

Welches Deutschlandbild haben Sie in den USA vermittelt bekommen?

Politisch-strategisch spielen wir kaum noch eine Rolle. Der Gipfel in Heiligendamm zum Beispiel interessierte in den USA eigentlich niemanden. In Princeton hielt mein früherer indischer Kollege eine Rede, die er ganz selbstverständlich mit den Worten begann: Im 21. Jahrhundert gibt es drei Supermächte - China, Indien und die USA. Europa kam da nicht vor. Es gab auch keinen Widerspruch.

Wie hat sich der Privatmann Fischer in den USA gefühlt?

Dass Dinge einfach gemacht werden, finde ich sehr faszinierend. Es gibt eine andere Bereitschaft zum Handeln, zu mehr Risiko und weniger Skepsis. Europa ist dafür bunter und spannender. Die Geschäfte, die Cafés, die Urbanität. Europa hat mir gefehlt.

Es gab aber keine Care-Pakete?

So weit ging's nicht. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich mal bis zur 82. Straße in New York fahren würde, um Leberwurst zu kaufen.

Deutschland ist derzeit wenig risikobereit, sondern hat auf Reformpause gestellt.

Die Welt um uns herum wartet nicht auf uns. Das ist wie beim Marathon: Da dürfen Sie im Mittelteil nicht abreißen lassen, wenn sie vorne mit dabeibleiben wollen.

Sie sind gegen eine ruhige Hand?

Deutschland geht es gerade gut. Die Sonne scheint, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Wirtschaft brummt. Da will man sich zurücklehnen, aber wir sind noch nicht so weit.

Was fehlt?

Ich finde es gut, dass die Regierung den Mut zur Rente mit 67 hatte. Es war auch kein Fehler, die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Aber das war's schon. Die Gesundheitsreform gehört eingestampft, da haben SPD und Union exakt die negativen Teile ihrer jeweiligen Reformvorstellungen zusammengeschustert. Beim Arbeitsmarkt müsste man alle Energie daransetzen, dass die Förderung und Qualifizierung entscheidend verbessert wird, um so mehr Flexibilität zu ermöglichen und unsere Wettbewerbsposition zu verbessern. Und dann: Bildung, Bildung, Bildung. Abschied vom dreigliedrigen System, kleinere Klassen, bessere individuelle Förderung. All das kostet aber.

Juckt es Sie nicht, mal wieder Ihre Meinung zu sagen?

Politisch ist das nicht mehr meine Aufgabe. Ich bin Grüner, aber die parteipolitische Brille habe ich abgesetzt. Was ich eben gesagt habe, sind Betrachtungen des Bürgers Fischer.

Verfolgen Sie die Bundestagsdebatten?

Nein. Das ist vorbei.

Früher ...

... war früher und jetzt ist jetzt.

Auch keine Grünen-Parteitage mehr?

Gewiss nicht!

"Ich gehe gerne", haben Sie beim Abschied gesagt. Was hat es Ihnen so leicht gemacht?

Ich wollte noch mal was anderes machen. Sie werden im Laufe der Zeit nicht besser. Demokratie ist auf Wechsel ausgerichtet.

Jetzt spricht der Gemeinschaftskundelehrer!

Ich meine das sehr ernst. Der Druck ist gewaltig, 365 Tage im Jahr, Wenn Sie Schwäche zeigen, werden Sie zum Risiko.

Schröder sagte mal, acht Jahre sind genug.

Das war gar nicht so dumm. Ich habe ihm 2005 gesagt: Wenn wir durchhalten, wirst du noch einmal gewählt. Aber dann wird es Zeit zu gehen.

Er wollte gegen Ihren Rat Neuwahlen ...

Sein Argument war, die SPD hätte es nicht durchgehalten.

... und knapp verloren.

Tempi passati.

Waren Sie zu jeder Phase des Kosovo-Krieges überzeugt, das Richtige zu tun?

Unbedingt. Ich war nach den ersten Wochen nur nicht mehr überzeugt, dass die Nato die richtige politische Strategie hatte. Es gab keinen überzeugenden politischen Plan. Hier hat die deutsche Diplomatie angesetzt und geliefert.

Stand es im Kabinett jemals auf der Kippe?

Wir hatten einen Moment, da nahm der emotionale Druck gewaltig zu. Da ist Gerhard Schröder aber nicht gewankt und nicht gewichen. Da sieht man, wie sehr es auf den Kanzler ankommt.

Wenn die Grünen auf ihrem Sonderparteitag 1999 in Bielefeld gegen die Beteiligung am Kosovo-Krieg gestimmt hätten, wären Sie sofort aus der Partei ausgetreten ...

In der nächsten Sekunde.

… und in die SPD eingetreten!

Nein! Ich hätte dem Kanzler nur angeboten, als Außenminister weiter zu amtieren, bis ein Nachfolger gefunden worden wäre.

Wie sehr hat Sie Bielefeld den Grünen entfremdet? Sie haben dort einen Farbbeutel abgekriegt.

Es hat damals einen inneren Bruch gegeben. Ich habe nie darüber gesprochen, aber es hat mich der Partei sehr entfremdet. Zudem war ich unglaublich wütend, weil ich auf Aggression mit Gegenaggression reagiere.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 41/2007

  zurück
1 2 3
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Berlin vertraulich! Die Wahrheit des Kellners

"So ein arroganter Arsch" - Joschka Fischer polterte heftig nach einem Streitgespräch mit dem späteren Kanzler. Damals, 1997, als man noch keine Regierungsämter inne hatte. In diesem Duell hatte Schröder klar gemacht, wer bei Rot-Grün der Koch und wer der Kellner sein würde. Nun fiel Fischer eine Retourkutsche ein. mehr...

Fischers Memoiren Joschka verpetzt Gerd

Einst war er der schillernd-bissige Leitwolf der Grünen, dazu der oft verdrießt-bedeutungsschwangere Außenminister. Am Donnerstag hat Joschka Fischer seine Memoiren in Berlin vorgestellt - und dabei etwas über Gerhard Schröders Kochkünste verraten. mehr...

Joschka Fischer und die Grünen Die grüne Idee ist verschütt gegangen

Joschka Fischer war jahrelang die prägende Gestalt bei den Grünen. Nun zieht er in einem Buch die Bilanz seiner Politik als Grüner und Außenminister - eine Politik, deren Aufarbeitung seine Partei bis heute verweigert. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe