Ende der Funkstille. Nach zwei Jahren meldet sich Joschka Fischer mit seinen Memoiren zurück. Im stern redet der Ex-Außenminister über die Qual mit seiner Partei, die reformmüden Deutschen, Leberwürste in New York und sein Image als Grobian.

2002 waren sie noch froh, dass sie ihn haben: Fischer mit seinen Kollegen von den Grünen© Stephanie Pilick/DPA
In meinem jetzigen Leben? (lacht) Nein.
Auch nicht. Zumindest in der Spitze scheinen alle heilfroh zu sein, dass ich weg bin. Und das ist gut so.
Was ist das?
Nein, so war das nicht. Ich verdanke meiner Partei sehr viel. Sie hat Großes geleistet, ich würde mir nur wünschen, dass sie dazu auch steht.
Ich wollte keine Sekunde missen, aber es war ein immerwährender Kampf, der am Ende Wunden hinterlassen hat. Man wird müde und erschöpft sich.
Keine Konzerte mehr.
Ich schreibe viel, Kolumnen, fange nun mit dem zweiten Band meiner Memoiren an.
Der zweite wird mindestens so umfangreich. Es waren bewegte und bewegende Zeiten. Ansonsten reise ich viel, halte Vorträge.
Ich bin mein eigener Agent.
Sorry, mit mehr Details kann ich nicht dienen.
Das ist völlig abwegig. Es gibt wenige Ämter, für die ich ungeeigneter wäre.
Keineswegs. Schauen Sie, wenn ich etwas als Außenminister nicht gemocht habe, dann das Repräsentative, das Zeremonielle. Das bin ich einfach nicht. Absurd.
Ja, selbstverständlich. Ich wollte mich rausziehen aus der deutschen Öffentlichkeit.
Politisch-strategisch spielen wir kaum noch eine Rolle. Der Gipfel in Heiligendamm zum Beispiel interessierte in den USA eigentlich niemanden. In Princeton hielt mein früherer indischer Kollege eine Rede, die er ganz selbstverständlich mit den Worten begann: Im 21. Jahrhundert gibt es drei Supermächte - China, Indien und die USA. Europa kam da nicht vor. Es gab auch keinen Widerspruch.
Dass Dinge einfach gemacht werden, finde ich sehr faszinierend. Es gibt eine andere Bereitschaft zum Handeln, zu mehr Risiko und weniger Skepsis. Europa ist dafür bunter und spannender. Die Geschäfte, die Cafés, die Urbanität. Europa hat mir gefehlt.
So weit ging's nicht. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich mal bis zur 82. Straße in New York fahren würde, um Leberwurst zu kaufen.
Die Welt um uns herum wartet nicht auf uns. Das ist wie beim Marathon: Da dürfen Sie im Mittelteil nicht abreißen lassen, wenn sie vorne mit dabeibleiben wollen.
Deutschland geht es gerade gut. Die Sonne scheint, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Wirtschaft brummt. Da will man sich zurücklehnen, aber wir sind noch nicht so weit.
Ich finde es gut, dass die Regierung den Mut zur Rente mit 67 hatte. Es war auch kein Fehler, die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Aber das war's schon. Die Gesundheitsreform gehört eingestampft, da haben SPD und Union exakt die negativen Teile ihrer jeweiligen Reformvorstellungen zusammengeschustert. Beim Arbeitsmarkt müsste man alle Energie daransetzen, dass die Förderung und Qualifizierung entscheidend verbessert wird, um so mehr Flexibilität zu ermöglichen und unsere Wettbewerbsposition zu verbessern. Und dann: Bildung, Bildung, Bildung. Abschied vom dreigliedrigen System, kleinere Klassen, bessere individuelle Förderung. All das kostet aber.
Politisch ist das nicht mehr meine Aufgabe. Ich bin Grüner, aber die parteipolitische Brille habe ich abgesetzt. Was ich eben gesagt habe, sind Betrachtungen des Bürgers Fischer.
Nein. Das ist vorbei.
... war früher und jetzt ist jetzt.
Gewiss nicht!
Ich wollte noch mal was anderes machen. Sie werden im Laufe der Zeit nicht besser. Demokratie ist auf Wechsel ausgerichtet.
Ich meine das sehr ernst. Der Druck ist gewaltig, 365 Tage im Jahr, Wenn Sie Schwäche zeigen, werden Sie zum Risiko.
Das war gar nicht so dumm. Ich habe ihm 2005 gesagt: Wenn wir durchhalten, wirst du noch einmal gewählt. Aber dann wird es Zeit zu gehen.
Sein Argument war, die SPD hätte es nicht durchgehalten.
Tempi passati.
Unbedingt. Ich war nach den ersten Wochen nur nicht mehr überzeugt, dass die Nato die richtige politische Strategie hatte. Es gab keinen überzeugenden politischen Plan. Hier hat die deutsche Diplomatie angesetzt und geliefert.
Wir hatten einen Moment, da nahm der emotionale Druck gewaltig zu. Da ist Gerhard Schröder aber nicht gewankt und nicht gewichen. Da sieht man, wie sehr es auf den Kanzler ankommt.
In der nächsten Sekunde.
Nein! Ich hätte dem Kanzler nur angeboten, als Außenminister weiter zu amtieren, bis ein Nachfolger gefunden worden wäre.
Es hat damals einen inneren Bruch gegeben. Ich habe nie darüber gesprochen, aber es hat mich der Partei sehr entfremdet. Zudem war ich unglaublich wütend, weil ich auf Aggression mit Gegenaggression reagiere.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 41/2007