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8. Juni 2008, 17:35 Uhr

"Das ist mir jetzt zu blöd"

Am Samstag diskutierten die Jusos über die Einführung des Sozialismus, am Sonntag über Rot-Rot-Grün. Eine linke Politik braucht schließlich auch eine linke Mehrheit. Logisch. Was aber, wenn sich selbst die Nachwuchspolitiker der drei Parteien darüber blitzschnell in den Haaren liegen? Von Sebastian Christ

Die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel: "Für mich ist Rot-Rot-Grün keine Heilsperspektive"© Jochen Lübke/DPA

Es gibt momentan eine Konstellation in der Politik, die in den Köpfen der so genannten Parteistrategen die Synapsen zum Glühen bringt: Rot-Rot-Grün. Das Schöne: Rechnerisch ist der Dreierbund auf Bundesebene schon seit 2005 möglich. Das Schlechte: Menschlich, programmatisch und aus sonst welchen Gründen knirscht es noch ganz mächtig beim Zusammenfügen des so logisch scheinenden Puzzles. Ein Teil passt unter Garantie am Ende immer nicht. Und wer denkt, dass es unter jungen Menschen anders - sagen wir: unbefangener - zugeht, der irrt gewaltig.

Auf ihrem Kongress im Kreuzberger Umspannwerk hatten die Jusos am Sonntagmorgen einen rot-rot-grünen Versuchsaufbau in Form einer Podiumsdiskussion auf die Bühne gebracht. Mit dabei: Franziska Drohsel (Juso-Vorsitzende), Julia Seeliger (Mitglied im Parteirat der Grünen) und Jan Korte (Bundestagsmitglied der Linken).

Keine simple Koalition, sondern ein Projekt

"Für mich ist Rot-Rot-Grün keine Heilsperspektive", wagt sich Drohsel nach vorn. Aber: "Wir streiten für eine soziale Politik, und dafür muss man Mehrheiten finden." Drohsel macht keinen Hehl daraus, dass sie Rot-Grün nicht nur für eine simple Koalition, sondern für ein Projekt gehalten habe. Aber den Linken will sie sich nicht verschließen: "Es ist unsere Aufgabe, dass wir dafür kämpfen, dass linke Projekte in der Gesellschaft an Rückhalt gewinnen." Gestern noch hatten die Jusos ein Papier vorgestellt, in dem sie die Überwindung des Kapitalismus forderten.

Korte könnte sich geschmeichelt fühlen, will aber lieber beißen statt spielen. "Dadurch, dass wir so stark sind, zeigen wir den anderen Parteien eine Perspektive auf." Drohsel wird langsam sauer. "Ich würde das als ein bisschen vermessen ansehen." Der Streit eskaliert schließlich, als Korte der ehemaligen rot-grünen Koalition des Kosovo-Krieg vorhält. Julia Seeliger sagt: "Ich bin für UN-mandatierte Kriegseinsätze. Das wäre sicherlich ein Punkt, wo es in einer solchen Koalition zu Problemen kommen könnte." Drohsel sagt, dass sie zwar gegen den Kosovo-Krieg und gegen den Afghanistan-Einsatz gewesen sei, dass die Jusos aber trotzdem keine Pazifisten seien. "Zu Afghanistan: Es ist nun einmal so, dass die Bundeswehr schon einige Zeit in Afghanistan ist. Dann muss man sich Gedanken um eine Perspektive machen, statt zu sagen, dass die Bundeswehr schnellstmöglich aus dem Land abziehen soll."

Lob für die sowjetische Besatzung in Afghanistan

Jan Korte erwähnt lobend die Errungenschaften der sowjetischen Besatzungszeit in Afghanistan. Der linke Bundestagsabgeordnete sagt, dass es gewisse "Standards" gegeben habe, zum Beispiel "die Schulpflicht". Der Einsatz der Bundeswehr dagegen habe bis jetzt nichts gebracht. Zum ersten Mal schallen Buhrufe durch den Raum.

Auf die Frage, ob Personen wie Lafontaine nicht einem Bündnis im Wege stünden, antwortet Korte: "Diese ganzen persönlichen Animositäten interessieren mich wenig. Das ist doch Kindergarten." Zu Wahl von Gesine Schwan und ihren Äußerungen in Richtung der Linken fällt ihm ein: "Ich finde es ganz schön Panne, wenn man unsere Stimmen haben will und uns dann als Demagogen verunglimpft. Ich verstehe die Strategie dahinter nicht."

Franziska Drohsel sagt, dass es in Deutschland keine linke Politik ohne die SPD gäbe. Nun fühlt sich auch Julia Seeliger angestachelt, verbal auszuteilen: "Aus meiner Sicht ist die SPD schon noch eine Volkspartei. Aber vielleicht wird es ja auch irgendwann mal eine progressive Politik ohne die SPD geben, weil es die SPD irgendwann mal nicht mehr gibt."

Publikum bringt die Diskussion endgültig aus den Fugen

Die Veranstaltung droht vollends aus den Fugen zu geraten, als das Publikum Fragen stellen darf. Einer merkt an, dass es ihn schon wundere, warum die anwesenden Jusos immer dann klatschten, wenn es um Kritik gegen die eigene Mutterpartei geht. Ein anderer wirft Korte vor, seine Partei werde kommunistisch unterwandert. Der komplette hintere Teil des Saales hört nicht mehr zu und diskutiert im kleinen Kreis weiter. Korte giftet gegen die Grünen, Julia Seeliger platzt der Kragen: "Das ist mir jetzt zu blöd". Als dann noch ein offenbar eher konservativer Juso-Aktivist feststellt, dass Rot-Rot-Grün unmöglich ist, allein schon wegen der bisher angeblich nicht erfolgten Vergangenheitsbewältigung bei den Linken, schreitet Franziska Drohsel ein: "Ich bin dann auch genervt von so viel plattem Umgang mit der Linkspartei. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Großen nachzuspielen", so Drohsel. "Beschäftigt euch doch mal mit der eigenen Juso-Geschichte. Für viele Menschen bei den Jusos war der Fall der Mauer eine ganz kritische Sache." Ein paar Augenblicke später ist die Diskussionsrunde vorbei.

Wahrscheinlich ist es einfach das Schicksal von Strategen: Zwischen Papierform und Realität liegen nicht nur Welten. Sondern auch Menschen.

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
utospatz (09.06.2008, 12:28 Uhr)
Synapsen sollen angeblich
etwas mit Gehirn zu tun haben.
Jedoch ich sehe Keines!
Master_Of_Disaster (09.06.2008, 11:47 Uhr)
Einige hier sind entweder noch sehr jung, ...
... oder extrem vergesslich!
Leider ist das bei manchen "Sozi´s" mit dem Verstehen, Versprechen und Handeln eine verzwickte Sache:
Zitat: „Niemand hat vor eine Mauer zu bauen!“
Dann gab es plötzlich einen Schutzwall.
Das letzte Experiment "Sozialismus" hat 40 Jahre gedauert und eine Menge Menschen das Leben gekostet.
Der letzte "Sozial"-Kanzler wollte die Arbeitslosigkeit halbieren.
Ging leider daneben, er hat sie in Rekordhöhen getrieben. Dafür aber die Wirtschaft in den Keller (ausgleichende Gerechtigkeit muss sein). Damit auch keiner vergessen wird hat er die älteren Arbeitslosen und eine Menge Kinder, dank Hartz-4, in Armut geschickt.
Ich durfte es erleben, vielen Dank!
Ein Hoffnungsschimmer in der SPD ist m.E. Frau Metzger, aber bestimmt keine Nahles oder Drohsel.
Abgeordneten-Diäten sollten an Einkommens- und Rentenniveau, sowie ans Wirtschaftswachstum abzüglich Inflationsrate gekoppelt werden.
Und zuletzt: Stasi-Spitzel und Extremisten, egal ob Links oder Rechts, sollten, genau wie gewöhnliche Kriminelle, in einer Demokratie nicht regieren.
Europaer (09.06.2008, 06:23 Uhr)
Bla bla..
Wenn die Neue Linke jemals eine Regierung stellt dann bleibt wohl nur noch die Auswanderung..
Jaynay (09.06.2008, 00:03 Uhr)
@Mupfeline
Wenn sie die DDR für ein sozialistisches System halten, dann ist das ihre Sache.
Ich kann natürlich - in etwa- nachvollziehn, dass ihre Erfahrungen mit dem Wort weniger positiv besetzt sind.
Sind wir mal realistisch.
Die Jusos werden auch keinen Sozialismus etablieren können - alles was sie allenfalls erreichen können, ist den Kapitalismus menschlicher und somit sozialer zu gestalten.
Und das halte ich für eine gute Sache.
paloemm (09.06.2008, 00:01 Uhr)
@blacky007
was soll denn so ein lächerlicher satz wie sie sollte doch bitte ersteinmal paar jahre arbeiten? soll sie deiner meinung nach auf den bau geschickt werden und ihr gezeigt werden was körperliche arbeit sei?
ja klar, ich wette mit dir danach wird sie sofort ihre meinung ändern
SirExekutive (08.06.2008, 23:37 Uhr)
..
wir haben die "wahl".. entweder überwinden wir das alte system oder gehen zusammen mit ihm unter
leider sitzt die "systemtreue" umerziehung bei vielen deutschen bis in die knochen, so das eine überwindung des alten kaum noch möglich ist
Optimist60 (08.06.2008, 22:48 Uhr)
Ohne Zustimmung
Kapitalismus wird irgendwann zu Grunde gehen. Dafür braucht man, Got sei Dank, keine Zustimmung des deutschen Bundestages.
Rumtrauben (08.06.2008, 21:44 Uhr)
Kapitalimus
Nunja,
vielleicht fehlen ja einige Jahre Erfahrung mit dem Kapitalismus....
babylon (08.06.2008, 20:24 Uhr)
lieber
TOT ALS ROT!
mupfeline (08.06.2008, 19:56 Uhr)
@Jaynay
Ich brauche mir nicht zuzuhören - meine Meinung kenne ich nach 30 Jahren DDR-Erfahrung. Aber ich höre sehr genau zu wenn die Jusos den Sozialismus wieder einführen wollen. Oder heißt Sozialismus bei Ihnen etwas anderes als bei mir? Können Sie mir einen konkreten Grund nennen warum ich mich überhaupt mit diesem Thema noch einmal auseinander setzen sollte? Dieses Thema ist vorbei. Basta. Nix mehr - Sie verstehn!? Aber wahrscheinlich fehlen Ihnen einige Jahrzehnte DDR-Erfahrung ...
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